Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 327» an der Stelle durchrisscn werde, wo die Fäden am lockersten gewirkt sind. Denn der Zionismus ist eine rein nationale Bewegung mit politischen und sozialen Nebentendenzen, aber religiöse Anschauungen haben mit ihm nicht das geringste zu schaffen, ihre Erörterung ist vielmehr das geeignetste Mittel, um die ruhige Arbeit und den muhevoll errungenen Frieden in der Partei zu stören. Die freigeistig gesinnten Zionisten haben sich bis auf eine verschwindende Minorität dem Willen des Kongresses widerspruchslos gefügt. Ja sic haben sich mit aller Energie zur Wehr gesetzt, wenn irgend dinmal von einer Anzahl Widerspenstiger verbotene Bestrebungen dieser Art inszeniert wurden. Die ewig nach Duldsamkeit schreienden Orthodoxen hüpfen dagegen ohne Hindernis über alle Schwierigkeiten hinweg, organisieren sich ungestört zu einer gewaltigen Partei, und heute stehen sie da, als eine Macht, die der Kongress bei seiner bekannten Zusammen- Setzung kaum noch wird brechen können. Das Videant consules hätte etwas früher erschallen sollen, man hätte die Ent- Stellung des Misrachl nicht unterstützen, sondern verhindern I mü5se11, nicht mir aus taktischen Gründen, sondern auch aus Gründen der Gerechtigkeit. Wenn man die Herren fragt, warum sie denn diesen Keil in die Bewegung hincintreiben, so erhalt man nicht selten die Antwort, cs handle sich um ein Gegengewicht gegen xdie sogenannte demokratische ״Fraktion". Diese Antwort sollte eigentlich genügen, um Misstrauen hervorzurufen; denn die orthodoxen Herren haben etwas zu verheimlichen, wenn sie die Wahrheit verbergen, und cs Ist nicht die reine Wahrheit, dass die Furcht, vor der .,Fraktion“ das Motiv Ihres Handclns war. Die Fraktion, die von vornherein als lebensunfähig galt, ist in der Tat längst gestorben und begraben, sic konnte nicht in die Höhe fliegen, weil ihr die Fittiche 'sehr schnell und gründlich beschnitten wurden, und zwar nicht von den strenggläubigen, sondern gerade von den religiös indifferenten und freisinnigen Zionisten Darin hätten die Orthodoxen eine Gewähr für die Zukunft erblicken können, sic hätten mindestens abwarten müssen, ob in der Partei wieder einmal eine Attacke aut ihre Geiühle unternommen würde. Das haben sie natürlich nient getan, weil sie eben den Misrachi nicht um der ״Fraktion“ willen ins Leben gerufen haben. Anderseits aber verbreitet der Misrachi den Qlaube«, es handle sich bei der Sammlung seiner Anhänger um ein Mittel zur wirksameren Agitation unter seinen religiösen Gcsinnungsgenossen. Kann sein. Ich habe sogar die Ucbcrzeugung, dass sich einige sehr schätzenswerte Mitglieder dieser Gruppe lediglich aus propagandistischen Gründen der Organisation angeschlossen haben. Ich habe aber anderseits den Eindruck gc- Wonnen, dass dagegen der Majorität die Orthodoxie das Primäre, der Zionismus das ,Sekundäre bedeutet, und aus den Beschlüssen der Misrachi-Konfcrenz geht zur Evidenz hervor, dass den Herren die Wahrung ihrer religiösen Formen und Interessen näher liegt als der politische Zionismus. Ucbrigcns möge ausser acht gelassen sein, was. die Misrachim denken und wollen, halten wir uns an ihre Worte und Taten. Im Pressburger ״Programm" heisst cs wörtlich: ״Der Misrachi sucht die Aufgabe und LebensmögUchkeit der Jüdisehen Nation im Festhalten au der Thora, au der Tradition, an der Ucbung der Gebote und in seinem Bestreben, das Land der Väter als rechtlich-gesicherte Heimstätte erreichen.” Das sind Leitsätze, die nicht von orthodoxen Zionisten, sondern von zionistischen Orthodoxen aufgestelit wurden, d. h. von Männern, denen die Orthodoxie das Hauptwort,' der Zionismus das Attribut bedeutet. Voran stellen sic das Festhalten au der Thora, au der Tradition, au der Ucbung der Gebote, mul am Schluss folgt das Bestreben nach Er* langung einer rechtlich-gesicherten Heimstätte. Natürlich kann jeder Zionist als Einzelperson seine religiösen Neigungen den nationalen überordnen, aber eine geschlossene zionistische Organisation darf das nicht tun; denn was alle Zionisten vereinigt und aneinander kettet, ist nicht die Religion, noch viel weniger eine bestimmte Glaubens r i c h t u n g , sondern einzig und allein die Blutsverwandtschaft und der nationale Wille; darum gehört das allen Gemeinsame in den Vordergrund. Ausserdem aber ist es eine Ungehörigkeit und eine Verletzung des religiösen Friedens in der Partei, wenn man den Aufgaben der Jüdischen Nation eine Begriiiserklärung gibt, die im Widerspruch zum Basler Programm steht und die zionistische Gesinnung nach der Intensität des Glaubens bewertet. Ja, meinen die Herren, dass wir uns das werden bieten lassen? Glauben sie, dass wir unsere Ueberzcugungen ihnen zuliebe verleugnen werden? 0 nein, denn unsere Ueberzeugung ist uns ebenso heilig und unverletzlich, wie den Strenggläubigen die ihrige. Und wenn die orthodoxen Gcsinnungsgenossen wider alles Recht und Gesetz den Versuch machen sollten, unsere politische Bewegung nach ihren besonderen religiösen Anschauungen zu gestalten, dann werden genügend ״gesicherten Heimstätte“. York-Steiner hat sich einmal darüber gewundert, dass die Juden verstehen, aus dem ״Brote des Elends“ wohlschmeckende Leckerbissen zu backen. So ist die Sukkah uns heute ein Sinnbild unserer Lage . . . und wir hängen bunte Flitter von goldenem und silbernem Glanzpapier hinein und freuen uns, wie wohnlich nun gleich das Ganze aussicht. Wohnlich? Wird es wohnlich durch den glitzernden Schmuck? Und es soll ja auch nicht wohnlich sein, das leichte Gebäude. Auf der Wanderung schlug man die Sukkah auf, auf dem weiten Wege von Egypten nach Zion. Man brauchte keinen festeren Bau, man zog ja in die Heimat!- Die Nacht ist hcrcingcbrochen. Hie und da blinkt ein Stern durch das Laub. Denn so soll die Hütte bedeckt sein, dass sie hindurchsehen können durch die griinen Zweige. Dieselben Sterne haben vor Jahrtausenden hinuntergeleuchtet, als unsere Väter in der Wüste Brett an Brett gefügt haben in ihrem Lager. So weckt uns die Sukkah zweierlei Gefühle. Denkt daran, dass es noch kein festes Haus ist, das ist bewohnt. Aber seid euch auch bewusst, dass die Hütte euch beherbergt auf der Wanderung nach dem Lande eurer Zukunft. Von Sukköt brachen einst eure Ahnen auf und zogen weiter, eine Station nach der andern, bis sie die wetterfeste Heimat fanden im Lande Israels. Stellt Sukkot auf und deckt sie mit grünem Laube. Aber ein Stückchen Himmel lasst hindurch schimmern und Sterne lasst uns hindtirchschen. Sieben Sterne zeichnete uns Herzl einst auf unsere Fahnen, die wir vor uns hertragen sollen auf dem Heimwege. « * * Noch ein Wort an diejenigen, die diese Zeilen nicht lesen. Sind sie zu spät gekommen? Weil das Fest schon vorüber ist und man wieder Werktagsgedanken Raum gewähren muss? Nein. Nicht nur in dieser Woche sollen die Empfindungen und Hoffnungen in uns leben. Wäre cs das, wären diese Worte nur für die vergangenen sieben Tage geschrieben worden, sic wären nicht wert gewesen, überhaupt gesell rieben zu werden. Ob die Sukkah uns daran erinnert oder nicht, wir sollen wissen, wo wir sind und wohin wir ziehen. Zu spät kommen diese Zeilen nicht. Wollte Gott, dass sie nicht zu früh gekommen sind.