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Jüdische Rundschau · 1904-10-07 · Heft 40 (7.10.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 40 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 326, JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 40. Er schreibt in seinem Brief vom 20. Dezember 1870 ן an Georg Brandes, das einzige, was er an der Freiheit i liebe, sei der Kampf um sie; ans ihrem Besitz mache I er sich nichts. Und er führt diesen Gedanken in seinem 1 Brief vof 17. Februar 1871 weiter aus: I ״Was ich den Kampf um die Freiheit nenne, ist doch nichts anderes, als die ständige, lebendige Aneig- 1 nung der Freiheitsidee ... Ja, allerdings kann es etwas Gutes sein, Wahlfreiheit, Steuerfreiheit usw. zu besitzen; aber für wen ist das gut? Für den Bürger, nicht für das Individuum. Es liegt ater für das Individuuin absolut keine Vernunftnotwendigkeit vor. Bürger j zu sein. Im Gegenteil. Der Staat ist der Fluch des individuutns. Womit ist Preussens Stärke als Staat er- kauft? Mit dem Aufgehen der Individuen in dem politischen und geographischen Begriff. Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite das Volk der Juden, der Adel des Menschengeschlechts. Wodurch hat es sich in Absonderung, in Poesie erhalten, j trotz aller Roheit von ausseii? Dadurch, dass cs sich j nicht mit einem Staat herumzusehleppcn brauchte. Wäre es in Palästina geblieben, so wäre es schon längst in seiner Konstruktion untergegangen wie die anderen Völkcr. Der Staat muss weg! Bei der Revolution tue Ich auch mit! Untergrabt den Staatsbegriff, stellt die Freiwilligkeit und das geistig Verwandte als das für ein Bündnis einzig Entscheidende auf --- das ist der Anfang einer Freiheit, die etwas wert ist! ... Ja, lieber Freund, es gilt bloss, sich von der Ehrwürdigkeit des Besitzes nicht schrecken zu lassen. Der Staat hat seine Wurzel in der Zeit; er wird seinen Gipfel in der Zeit haben. Es werden grössere Dinge fallen, als er; alle Religion w ird fallen. Weder die Moralbegriffc, noch die Kunstformen haben eine .Ewigkeit vor sich. Wie vielem gegenüber haben wir im Grunde die Verpflichtung, es zu konservieren? Wer birgt mir dafür, dass zwei plus zwei nicht fünf sind auf dem Jupiter oben? . . Nach Ibsen bietet die Situation, in der sich das Jüdische Volk seit 2 Jahrtausenden beiindet, in der sein an steil unzerstörbarer Volksbegriff durch ״die Frei- Willigkeit und das Geistig-Verwandte“, aber nicht in einem staatlichen Gemeinwesen zum Ausdruck und zur Betätigung gelangt — nach Ibsen bietet diese Situation, dieses Paradigma der Erlösung vom Staate, eine sichere Gewähr für den Fortbestand des Volkes als der Staat. Es lässt sich manches darüber sagen - aber die Ibsensehe Idee scheint mir der klügste und feinste aller bisher gehörten Einwätide gegen die Grundlagen der zionistisehen Bestrebungen zu sein. Ein Thema für eine stille Stunde. Breslau. D r. Sandler. Misrachi. In der ״Weh” (Nr. 39) stand ein sehr bemerkenswerter Artikel über die ״klerikale" Richtung innerhalb unserer Bewegung.*) Der ungenannte Verfasser hat die Angelegenheit Misrachi von der taktischen Seite beleuchtet, er sieht in der Gründung von Sondergruppen im allgemeinen eine Zersplitterung der Kräfte und infolge dessen eine Schädigung der zionistischen Oesamtorganisatioii. Von diesem Standpunkte aus bekämpft er den Zusammenschluss der orthodoxen Zionisten und ruft den kemVgeu Kougressdelegiertcu ein CaveatU consules zu. Damit aber ist meines Erachtens der Kern der Sache noch nicht getroffen; cs muss vielmehr in erster Linie hervorgehoben werden, dass in der Existenz des Misrachi ein Verstoss gegen das überlieferte Gesetz des Kongresses zu erblicken ist. Ls wurde mehr als einmal unter allgemeiner Zustimmung ausdrücklich betont, dass alle religiösen Ucber- Zeugungen in der Partei in gleicher Weise respektiert, aber unter keinen Umständen diskutiert werden. Man wollte durch dieses Toleranz«:Jikt erreichen, dass das alle Juden umschlingende, natinale Band unverletzt bleibe und auch nicht *) Die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau" hat keinen llclil aus ihrer Stellungnahme gegenüber den Eraktioncn innerhalb des Zionismus gemacht. Sie lehnt prinzipiell iede b'raktioniertmg innerhalb der Partei ab, indem sie innerhalb der durch das Basler Programm gezogenen Schranken volle Gewissensireiheit für alle Gruppen verlangt und stets offen und ehrlich betont hat. dass wir keines Fraktionsgeistes bedürfen, um den religiösen und uureligiösen Grundsätzen getreu zu leben. Die grösste Tat des Zionismus war, dass er schon bei seiner Geburt die Schranken durchbrach, die frühere weniger glückliehe Zeiten zwischen den Juden verschiedener Lebensanschauengen errichtet hatten. ״Wir dürfen daher keineswegs die Hand dazu reichen, dass die Einheitspartei des Judentums ihre Einheit cinbüsst. In diesem Sinne stehen wir der Diskussion über den ״Misrachi” in unserm Blatte gegenüber. Sukköt-Gedanken. Von L a z a r ti s Bart 11. Ich sitze in der Sukkali. Ein würziger Tanncndnft steigt von der Decke herab, und ein munterer Herbstwind hisst den papierenen Schmuck dort oben hin- und!(erschwingen. Die letzten Strahlen der Abendsonne ruhen auf dem luftigen Dache der Hütte, hier und dort gelingt es dem einen von ihnen noch, durch das Laub lilnüurcliztispäheii in die Sukkali... Immer seltener kommen sie, die Dämmerung schleicht über die Erde und zieht alles in sich hinein, die Dämmerung kommt, die unsere Augen verdunkelt, aber die anderen Sinne schürit, so dass wir seltsame Geschichten hören. Der Wind trägt sie uns zu, oder die Bautmvipfc! rauschen sie herab, oder die Vögel pfeifen sie uns in das Ohr, oder . . . wirklich . . . oder sic klingen aus der. Brettern der Sukkali. Wem» ich jetzt ausser au diese Geschichte noch an etwas anderes denken könnte, dann würde ich sicher viele höhnisch lächelnde Gesichter vor mir sehen, höh-!lisch lächelnde, ungläubige Gesichter, Gesichter von Menschen, die meiner feierlichen Versicherung keinen Glauben schenken. ״Haha!" sagen sie, ״die Sukkali erzählt ihm Geschichten.” Sic legen ihr Ohr an die Wand und lauschen. ..Haha, warum hören wir denn nichts?“ Nein. — Das ganze Judentum hat euch nie etwas ge• sagt, wie sollte es die Sukkali tun? Haha, sie ist euch so nichtssagend wie alles Jüdische. — Mir hat sie von der Zeit erzählt, da die ersten SukkOt in Israel gestanden haben. Und vor meinen Augen stellt das grosse, unübersehbare Lager in der Wiiste. Eine Hätte reihte sich an die andere; kriegsstarke Männer, Greise, Kinder. Frauen wohnten darinnen, ein junges Volk, das die Kneclitcsbande gesprengt hatte und doch noch die Freiheit nicht kannte, ein Volk auf dem Wege zur Heimat. Unsere Vorfahren waren es, unsere Väter, die gen Zion zogen. Damals zimmerten sie sich zum ersten Male den leichten Bau, und Sukköt nannten sie den ersten Ort der Rast auf der Wanderung nach Osten. Seitdem haben w ir die Sukkali in Andenken gehalten, damit sie uns die Bilder der Vergangenheit wachrufe . . . nein, nicht nur Bilder der Vergangenheit, auch für die Gegenwart ist sie uns mehr als Zeichen. Aus dem festen Hause ziehen u ir hinaus in die Bretterhütte, erinnern uns w ährend der Feiertagswoche, dass das Jüdische Volk kein festes Heim hat. dass es preisgegeben ist den Stürmen und Unwettern der Welt, die uns nichts schaden in der

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