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Jüdische Rundschau · 1904-10-07 · Heft 40 (7.10.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 40 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 328. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 40. wir nicht schweigen und nicht ruhig Zusehen, wie der Zionismus in Bahnen gelenkt wird, die wir für falsch halten. Schweigen wiirc allerdings im Interesse des Friedens besser; vielleicht würden wir uns sogar zum Schweigen entschlossen, wenn cs sich lediglich um die Unterdrückung unserer eigenen persönlichen Ucberzciigungen handeln würde. Wenn wir aber glauben, dass aus dem Verhalten des Misrachi der zionistischen Bewegung ein Schaden erwachsen muss, so dürfen wir auf das Wort nicht verzichten, das wiirc ein zu hoher Preis für den Frieden. Im Interesse des Zionismus, im Interesse des Jiidisehen Volkes dürfen wir nicht dulden, dass Bestrebungen propagiert werden, wie sic Rabbiner Dr. Fink in Pressburg vorgeschlagen hat. Nachdem er das Ghetto in den Himmel gehoben und die Wissenschaften verdammt hatte, empfahl er die Rückkehr ins Chcdcr und in die Jeschiwoth und Fernhaltung der sich für den Gelehrten- oder Rabbinerberuf vorbereitenden Jünglinge von Gymnasien und Universitäten. Fs sollen bloss junge Leute aus den Jeschiwoth nach f\Yjen geschickt werden, wo sic an der Orientalischen A k a - d e m i c drc für ihren Beruf nötigen Sprachkcnntnisse sich aucigncn können, ohne dem schädlichen Finflussc der Hochschulen ausgesetzt zu sein." Sollen wir da schweigen, um des Friedens willen? Sollen wir etwa abwarten, bis von der Tribüne des Kongresses aus unter de;:ו Beiia’I der Majorität der Bann über d:e Hochschulen ausgesprochen wird, Diese Schmach möchten wir nicht erleben. Wenn das Jüdische Volk einmal s« weit kommt, Wissenschaft und B:!Jung als eine Gefahr für die Nation anzusehen, d;::1־׳ ade! — Sollen wir aus Friedensliebe Selbstmord begehen? Und wäre cs nicht ein nationaler Selbstmord, wenn wir das Chcdcr und die Jeschiwoth gegen die Gymnasien und Universitäten ins Feld führten? Man wende nicht ein, dass der Misrachi durch die Annahme der Resolution Landau auch der weltlichen Bildung ein Plätzchen an der Sonne zugestanden hat; ach, was man auf diesem Gebiete von den Misrachim erwarten darf, lassen die Worte des Herrn Dr. Fink ja ahnen, und der Antrag des Rabb. Landau bedeutet nicht viel, da er ».die Erteilung von profanem Unterricht” nur gcsetzcstrcucn Lehrern übertragen wissen will. Unter diesem Regime würde besonders das vorurteilsfreie Studium der Naturwissenschaften ein eigenartiges Aussehen gewinnen. Der Misrachi will programmgemäß ״für die Erhaltung der Jüdischen Nation im Geiste des geschriebenen und überlieferten Gesetzes wirken“, wir aber wollen die Jüdische Nation erhalten und fördern im Geiste der rastlos sich weiter entwickelnden Kultur. Was uns demnach trennt, sind die Allerlei. Berlins zurzeit älteste Synagoge ist durch den Abbruch des davor bclcgcnen jüdischen Schulhauses und des alten jüdischen Gemeindehauses für längere Zeit sichtbar geworden. Vor der letzten grossen Judenverfolgung (1509/10) befand sich bekanntlich die Synagoge in der noch heute Jiidenhof genannten Örtlichkeit. Erst 1703 unter König Friderich Wilhelm I. wurde den Juden wieder der Bau eines Gotteshauses in der Hauptstadt erlaubt. Es ist das Haus in der Heidereutergasse, das nach jahrhuudertlanger Verborgenheit nebst den griinbelaubten Bäumen senes Hofes jetzt 1»r kurze Zeit der Welt da druussen sichtbar wird. ״Der Synagoge in der Heidereutergasse". sagt Julius Rodenberg in seinen Bildern aus dem Berliner Leben, ״sieht man ihr Alter nicht an; nichts Spinnenwebenartiges. Finsteres und Staubiges ist in ihr. Neuerdings (18S7) restauriert, glänzen ihre Wände von Weiss, der Sonnen* schein dringt durch bunte Scheiben, und schön getäfelt ist die Decke. Doch der Gottesdienst bewegt sich in den alten strengen Formen; hinter kostbaren Vorhängen, wie Heine sie geschildert, birgt sich das A’lerheiligste. darüber die Gesetzes* tafeln mit zwei vergoldeten Löwen als SchilJiiaUern und die siebeiiarmigtci Leuchter davor, gleich den Leuchtern des Tempels von Jerusalem auf dem Triumphbogen des Titus über dem Forum von Rom, und Gesänge hört man hier, uralte, vor Mittel, was uns verbindet, ist der Zweck; dem Misrachi stehen aber im Gegensatz zu uns die Mittel höher als der Zweck, und darin liegt die Ursache des Konflikts. Beachten wir die Gefahr! Unsere Orthodoxie ist im grossen Ganzen nicht viel anders gebaut als die Orthodoxie der christlichen Konfessionen. Die eine ist so kulturfeindlich wie die andere; wo der Klcrikalismus zur Macht gelangt, ist ein Fortschritt der Menschheit undenkbar, da werden der geistigen Regsamkeit und dem Bildungsdrangc der Völker Fesseln angelegt. So wird’s allerwegen gehalten von! protestaiitischcn Muckertum, vom katholischen Zentrum und von den sogenannten Gcsctzestreucn jüdischer Konfession.*) Wir wissen, dass bei unseren Orthodoxen reinster Observanz die Beschäftigung mit profanen Wissenschaften, die Lektüre profancr Schriften als der Beginn religiöser Entartung angesehen wird und die Konsequenz dieser Anschauung wäre die Vcr* nichtung jeglichen Geisteslebens im Judentum. Der Zionismus würde unter der Flagge des Misrachi aufhören, eine Bevegung zu sein, und der Kongress würde allmähbch ein Basler Konzil werden. Solange Dr. Hcrzl lebte, konnten wir den Misrachi und ähnliche Unternehmungen ruhig gewähren bissen, wir wussten, dass eine Autorität vorhanden war, deren Wille jegliche Abweielumg vom geraden Wege zu verhindern vermochte. Jetzt aber haben wir keinen Hcrzl mehr und keine Autorität, jetzt liegt das Schicksal des Judentums in den Händen der Mehrlicit. Dem Misrachi aber wird cs ein Leichtes sein, die grössere Stimmenzahl auizutrcTen, und dann werden Glieder und Jeschiwoth über Gymnasien und Universitäten herrschen. Vidcant consulcs! Der Friede in der Bewegung ist gefährdet, aber die Verantwortung fällt auf die zurück, die ihn aufs Spiel gesetzt haben. Er kann nur dann erhalten bleiben, wenn der Misrachi, der als religiöse Partei im Zionismus zu Unrecht besteht, sich wieder auflöst. Damit wäre aller Streit aus der Welt geschafft. Sollte man sich dazu nicht entschlossen, so werden wir gezwungen sein, den Fehdehandschuh aufzunehmen und zu kämpfen — aus Sorge um Zion und um die Zukunft des Jüdischen Volkes. Dr. Max Jungmnim. *) Der Verfasser hat leider nicht beachtet, dass das Judentum anders ist als die Bekenntnisse anderer Nationen. Man kann ein gesetzestreuer Jude und zugleich im vollen Masse Freidenker sein, da es sich bei uns um ein altes Volksgesetz und um keine Dogmen irgend welcher Art handelt. Und die gesetzestreuen Freidenker sind im Judentum viel zahlreicher als man glaubt. Freilich sind sic gesetzestreue Juden aber nicht ,.Gesetzestreue jüdischer Konfession. tausend Jahren gedichtet an den Ufern des Ebro, Melodien meist in Moll, jener Tonart der Sehnsucht und Klage, mir selten durchblitzt von einem Aufschrei der Lust, aber immer kraus und phantastisch durclulochten von den Reminiszenzen der Länder, welche dies;MhuJervolk auf seinem Fluge gestreift . . Anlässlich der hohen jüdischen Feiertage ist auch der kleine aber schone Tempel der jüdischen Reformgemeinde erneuert worden. Diese auf der Joliaunisstrasse (an der Südseite der Oranienburger Strasse) belogene Synagoge kann übrigens im nächsten Jahre auch schon das Fest ihres?Ojiihrigen Bestehens feiern. Die benachbarte grosse Synagoge, deren hohe vergoldete Kuppel weithin die Gegend beherrscht, hat als Nachbarin in der nahen Artiilericstrassc 32 jetzt die Synagoge der Gemeinde Adass Jisroil (bisher Gipsstrasse) erhalten, deren Baumeister die Architekten Hocuiger <Sc Sedlmayr sind. Dieses neue Gotteshaus, das kurz vor den hohen jüdischen ii'eiertugen seine Weihe erhalten hat, ist im Hofe belegen, somit nach aussen nicht sichtbar. Ausser ihm enthält das 2001) qm grosse Gelände noch Baulichkeiten für die Büro- und Amtsräumc der Gemeinde, sowie ein Gebäude für das Rabbiiiersemiiiar. Der Umbau der Synagoge auf der Kaiscrstrassc ist inzwischen auch beendet worden. Ferner hat die neue in romanischem Stil erbaute Synagoge auf der Rykcstrasse (in der Nähe des städtischen Wasserwerkes) ihre Weihe erhalten. Solange liier die Westseite der Rykcstrasse noch nicht behaut ist, kann sieh ein ieder noch des Anblickes des auch durch seine Grösse bemerkenswerten Gotteshauses

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