Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-10-07 · Heft 40 (7.10.1904) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 40 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651381--01683-2658552
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Abonnementspreis (Zusendung Inbegriffen) Vierteljährlich! 1. durch dlo Expodltfoc«: a) in Berlin M. —,90. b) nach auswärts M I,— c) für das Ausland M. 1,50.!. Im Postnbonnomont M 1,25 I. bei Snmmolborug durch dio Ortsgruppe AL —JUX Insorato die viergespaltcne PctitzcÜe 25 PI. lasoratonboilagon 15 M No. 40. Organ der I ו 1 rar מי־'׳ C-j ü i# 0 X' f I f"\ DOüÜ^X JQ Adresse für Geldsendung«) und Bestellungen: Verlag?üdisdie Rundschau/ E. a m. b. H. Berlin 1154, Huguslsfrasse Rr. 49 a. Sprechstunden: v. 4—5 Uhr nachmittags. Redaktion:? ___ _____ ... . . _____ .. HÜ0 Berlin, 7. Oktober 1SQ4. 28. Tischri 5835. 7 Cr. Helmidi Iicewc, Berlin HW. 52, IHe'andilhonsfrasss 4. 06יי Redde vorbcfccitsn. ßbdrudt cus der »südssdien Runch^cr» nur bei rciier Ouellcncnjcbe gesfattet IX. Jahrgang. Vom Nationalen und vom Staat. Keine theoretische Kathederweisheit über den schon halb zu Tode gepressten Begriff des Nationalen, keine petroleumdnftenden Definitionen, Ja nicht einmal eigene Gedanken sollen die folgenden Zeilen bringen. Es sind nur ein paar Ausschnitte aus deutschen Zeitschriften, die dein Zionisten nicht verloren gehen sollten. Da die ״Neue Deutsche Rundschau“ noch wenig verbreitet ist, und viele unserer Gesinnungsgenossen aut die Lektüre des Lcibblatts des prcussischcn Junkers Isidor Witkowsky, das sich stolz ״Die Zukunft“ nennt, verzichten werden, so dürften die folgenden Sätze so manchem unbekannt geblieben sein. In No. 49 der ״Zukunft“ schreibt Dr. Samuel Sänger über nationale Kunst. Die kleinlichen Eifersüchteleien zwischen den belgischen und französischen Imprcssionisten geben ihm Anlass, vor nationaler Engherzigkeit in der Kunst zu warnen; er zeigt die Bedeutung fremden Einflusses in der deutschen Kunstgeschichte. Aber er warnt nicht weniger eindringlich vor einer kosmopolitischen Veräussernng der Kunstanschauungen. Es verdient tcstgehalteu zu werden, wie er die psychologischen Tatsache״ gegen das ״Ideal“ der cntnationalisierten Allmenschheit zu Zeugen aufruft. ״Dass sich im sittlichen und ästhetischen Empfinden auch' die Nationen unterscheiden, die man zum selben Kulturkreis zählt, muss jeder nicht ganz Blinde erkennen; und ich weiss nicht, ob diese Gefiihlsdiffercnzen nicht noch grösser, weil feiner, versteckter, innerlicher» geworden sind, seit die Zahl der sich überall aufdrängen־ den uniformierten Kulturbestandstücke sich mehrt. Jeder, dessen Völkerpsychologie aus eigenen Erlebnissen und Anschauungen sich aufbaut, wird zugeben, dass er Väglieh, stündlich im Wesen des ihm vertrautesten Völkertypus auf Acusscrungcn stösst, deren Gefühlston ihm fremd, manchmal abstossend fremd klingt und die ihm rätselhaft, wie aus unbekannten Gegenden der Menschenseele hergeholt, dünken. Und diese Differenzen bleiben bestehen, obwohl Erziehung und Bildung, oft gegen den Willen der Bildner und Erzieher, unzweifelhaft dazu beitragen, das Nationale unserer Seelenausstattung zu schwächen, zu verwischen. Bildung heisst: nationale und individuelle Verschiedenheiten verstehen können, setzt also die Fähigkeit voraus, fremde Seelenregungcn in sich nachzuerzeuger,. An diesem Ideal wird auch heute noch, trotzdem selbst Pädagogen die gute Gesel!־ schuft der Humanisten meiden, festgehalten. Wenn trotzdem, bis jetzt wenigstens, seiner Verwirklichung unüberschreitbare Grenzen gesetzt sind, wenn der Universalistnus selbst auf dem interesselosen, ganz ideellen Gebiete der Kunst und Literatur nicht die Fortschritte macht, die Aufklärer und Humanisten von ihm erhofften, so werden vorurteilslose Betrachter den Schluss gelten lassen, dass der Nationalismus in elementaren Völkerpsjcholcgischen Verhältnissen seinen tiefsten Ankergrund hat. Sonst wäre es nicht begreiflich, dass er immer wieder mit der Macht einer Naturkraft hervorbricht, trotz den energischsten Bemühungen, ihm mit Gründen das Lebenslicht auszublasen.“ Ob der Verfasser nicht an der Pforte seines jiidisehen Herzens gelauscht hat?- Die ״Revue“ veröffentlicht Driefc von Ibsen an Björnson, die ״Neue Deutsche Rundschau“ solche an Georg Brandes. In dem Briefe an Björn son aus Rom vom 25. Januar 1S65 findet sich eine Stelle, aus der wir erfahren, was nach Ibsens Meinung eine Gesamtheit zu einem Volke stempelt, zu einem Volksindividuum, das, wenn die notwendigen Voraussetzungen für den Volkshegriff erfüllt sind, unzerstörbar ist. .Ein Staat kann zerstört werden, ein Volk nicht. Polen ist im richtigen Sinne kein Volk; es ist ein Staat, in dem Adel, Bürgerschaft und Landbevölkerung ihre eigenen Interessen verfolgen, Interessen, die einander fremd bleiben und oft sogar sich widersprechen. Weder die Dichtung, noch die Kunst, noch die Wissen- Schaft dieses Landes hat etwas, was spezifisch polnisch ist und eine Mission für den Fortschritt der Menschheit bedeuten könnte. Wenn Polen eine russische Provinz wird, gibt es kein polnisches Volk mehr . . . Wenn diese Stigmata das Jüdische Volk als ein Volk im Sinne Ibsens charakterisieren, so gilt auch von ihm der Satz: ״Ein Staat kann zerstört werden, ein Volk nicht." Aber hierbei bleibt Ibsen nicht stehen, sondern er konstruiert eine kiilmc Version dieses Gedankens mit Beziehung auf das Jüdische Volk, so fein und originell und so ideell und frei von der Fessel herkömmlicher Geschichtsbetrachtung und zugleich so radikal und so ins Grosse und Ewige strebend, dass man unschwer Ibsen als den Vater dieser Idee erraten kann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.