Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 38-39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 419. "״ י*־'*״;;* :־־"*י.<״״■** ׳״;־״־“־־־־ ׳ ■ך- **יr.|l,öff‘,״«r9r1״ vT5®יי,^׳״»־־י-״“״?-מ3 ״»> *RrsT^tT': * JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 38/39. i•״' ■ 1CI 1 •" Ä "’ יג׳.........1 Q ~1—1־ Sprechsaal. rr för die MlttcUUngch an dieser Sti'.l? übernimmt die v Redaktion nur die pressgcs'ctzüche Vcrontwqul chkcH. . .... Aufruf. Nachdem auf der letzten Dclegterfen-Versammlung die Gründung von Bibliotheken zur Vertiefung des zionistischen Oedankens empfohlen, und nachdem auf der letzten Generalversanimlung die Schaffung einer solchen für Berlin beschlossen wurde, und die Vorbereitungen letzt so wfeit gediehen, dass mit Beginn des nächsten Monats die erste zionistische Lesehalle in Deutschland eröffnet werden kann. Sie befindet sich Friedrlchstr. 5811, Ecke der Lclpzigcrstr. und :wird den ganzen Tag über geöffnet sein. * Die eminente Wichtigkeit einer Lesehalle für unsere Zwecke bedarf kaum der Erörterung. .Wäre der Zionismus eine abstraktc Hypothese, eine fJtopie, wie unsere Gegner ihn so gerne bestellen belieben, so würde mit seiner Definition, resp. detail- Herten Darstellung sein Inhalt erschöpft sein. Aber der Zicnismus ist eine Bewegung, eine logische Theorie, die Schlag auf Schlag zu praktischen Konsequenzen führt; und so bedarf er der ständigen Fühlung mit der Aussenwelt. Die politische K011stcliation, wirtschaftliche Ereignisse in der ganzen Welt, wissenschaftlichc Forschungen, die Lage der Juden in den vcrschicdenen Ländern, Ereignisse, die auf die Erlangung des Charters von Einfluss sein können, die Machinationen unserer Gegner und tausend andere Faktoren bedürfen dauernder aufmerksamster Beobachtung, um unser heiliges Ideal zum Ziele der Vollendung zu führen. Zwar wissen wir das Steuer in guten Händen; wir vertrauen mit Recht auf die Wachsamkeit und Geschicklichkeit unserer Herren Führer, aber für jeden von uns ist Platz auf dem Schiff als Mitarbeiter. Nicht träge, als Passagiere, dürfen wir die uitheure Arbeit, den Kampf mit dem Sturm und dem brandenden Meere, auf die Schultern weniger abwidzcii — unser Aller ist cs, mitzuhelfen: wachsam auf dem Ausguck zu stehen, neue Segel zu spannen, die die Fahrt beschleunigen helfen, und die Flagge, unter der wir kämpfen, das Banner Zions, zu schützen. Da genügt es nicht, sich ein für alle Male über den Kurs im Allgemeinen zu unterrichten oder durch den Schekel als Passagepreis von weiteren Pflichten sich freizukaufen. Wenn de ermattete Hand des Kapitäns das Steuer sinken lässt und schwere Uefahrcn dem Schiffe drohen, muss jeder wissen, was er zu tun hat. Deshalb muss jeder auf's Genaueste unterrichtet sein, wo im Augenblick das Schiff sich befindet, muss seinen Bau in jedem Detail kennen, muss das Fahrwasser und die Windrichtung und alle diejenigen Faktoren kennen, die den Gang des Schiffes beeinflussen. Um dieser Forderung ganz gerecht zu werden, haben wir es nicht bloss die zionistische Zeitschriften aus aller Herren Länder besorgt, sondern auch d'c gegnerischen aus dem jüdischen und dem anfijüdischen Lager,- die offenen und die versteckten. Auch das Ziel unserer Sehnsucht sehen wir unseren Blicken sich entschleiern in Zeitschriften verschiedener Tendenzen. — Es ist unsere feste Zuversicht, dass diejenigen, denen es ernst ist um unsere geheiligte Sache, von der gebotenen Gelegenheit reichlich Gebrauch machen werden. — Mancher pflegt abends in ein Kaffee oder ein Bierlokal zu gehen, um sich aus Zeitungen verschiedener Richtung cm seil)- ständiges Urteil bilden zu können. Unsere Lesehalle bietet ihm Gelegenheit dazu, ohne ihn zu einer überflüssigen Qeldausgabc zu zwingen. Wer den Abend in gleichgesinntem Kreise verbringen will, der findet hier Freunde und die Gelegenheit 'zum Gedankenaustausch an der Hand des Materials. Falls unsere Lesehalle, woran ich nicht zweifele, genügenden Besuch aufweist, beabsichtigen wir, regelmässige Diskussionsabend.: in derselben über die wichtigsten neuen Ereignisse ehzurichten, -um die Meinungen zu klären und das Interesse wachzubehaiten. Es ist eine bewegte Zeit, in die die Eröffnung unserer I-eschalle fällt. Der Tod hat unserem starken Führer das Szepter entwunden, der furchtbare Krieg im fernen Osten rafft täglich viele unserer unglücklichen Bruder dahin, in allen Ländern gührt es und drängt es zur raschen Lösung der Judenfrage — da bedürfen wir mehr denn je aller Waffen, deren wir habhaft werden können, uns für den schweren Kampf zu stählen. Greift in das Arsenal! Nehmet Euch das!Rüstzeug: Speer und Schild! Alle Mann an Deck! Dr. H. Mühsam, Berlin, Katzlerstr. 1. Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Unter der Aufschrift ״Einlassung eines jüdischen Gemeindebeamten" wird sämtlichen Berliner Tageszeitungen von ein und derselben Seite ein Waschzettel zugeschickt, in der den Der• lincr Juden angezeigt wird, dass die Repräseiitantenversammlung einstimmig - - auf diese Einstimmigkeit wird plötzlich so grosser Wert gelegt — die Amtsentlassung des ehemaligen Gemeindebibliothekars Dr. Eroincr verfügt habe. Der Waschmit der Viktoria zu Berlin, Allgemeine Versicherungs-Aktien- Gesellschaft, zufliessenden Mittel konnte dieselbe bis Ende 1903 1100 Versicherungen von Kuhusbeamten, die ein versichertes Gesamtkapital von •1803 20 Mk. darstcllen, subventionieren. Da die Stiftung etwa ein Viertel der zu zahlenden Gesamtprämie trägt, so bedeutet das ein Ocsamtgcschenk an die jüdische Beamtenschaft im Werte von 1 200 000 Mk. Zu dieser bcachtcnsw׳ertcn materiellen Leistung kommt die moralsche Unterstützung, die der Bund den Bestrebungen des Verbandes der jüdischen Lchrcrvercinc, an dessen Be• griindung er einen wichtigen Anteil hat. des Rabbincrverbandes, des Komitees der Kultusbcamten, die auf Hebung des An- Sehens und der wirtschaftlichen Sicherstellung aller dieser Beamtenkafcgorlcn gerichtet sind, leiht. Sehr umfangreich sind auch die Arbeiten des D. J. G. B. auf sozialem Gebiete. Er bildet Handwcrkslehrlingc und Studierende technischer Be- , rufsarten aus (bis Ende 1903 waren c$ 270 Handw’crkslchrlingc und 76 studierende Techniker), gewährt würdigen jiklisehen Handwerksmeistern Darlehen aus seiner Kristeller-Stiftung, .während die In Lcipz.'g domizilierende ״Deutsch-Israc- 1 litischc Darlehenskasse für Frauen und Jungfrauen" die Aus- | bildung des weiblichen Ocschlechtes für selbständigen Beruf sich zum Ziele setzt. An der Schaffung der alle cinschlä-! glgcn Bestrebungen zusammenfassenden Zentrale des ״Verbaudes der Vereine für Handw׳erk und Bodenkultur" hat der D. J. G. B. einen wichtigen Anteil. Eine besondere Abteilung beschäftigt sicli mit der Fürsorge-Erziehung der verwahrlosten Kinder. Der Bund be• j sitzt je eine Anstalt für Knaben (in Repzin bei Schlevclbci» in Pommern, Eugen und Amalie Roscnsticl-Stiftung) und für Mädchen (in Plötzensec bei Berlin), in denen die durch Riehtcr&pruch zur Fürsorge-Erziehung bestimmten jüdischen Minderjährigen, die von den Staatsbehörden aus ganz Deutschland den Anstalten zugewiesen werden, erzogen werden sollen. Auch der jüdischen Strafgefangenen nimmt sich der Bund an, indem er Schritte tut, durch die deren rituellen und rcligiösen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Von grösster praktischer Bedeutung sind die von dem Bunde entworfenen Massnahmen zur Beschränkung des schweren Missstandes der Wandcrbettclei. Bis jetzt finden sie leider seitens der nächstbeteiligten Armenkassen zu wenig Unterstützung. Der einzige ausgenihrte Teil des umfassenden Programms ist vom Bunde selbst realisiert worden: Die jüdische Arbeiterkolonie in Weissenscc bei Berlin. Die Leitungen dieses Institutes, das sich während eines 2jährigen Bestehens bereits eine ungemeine Popularität erworben hat, finden in den Jahresberichten erschöpfende Darstellung. Als Gegengewichte gegen diese mehr materiellen Arbeiten des Bundes sind seine der Wissenschaft des Judentums gewidmeten Leistungen anzuselien. Hierher gehören: Die materielle Unterstützung literarischer Leistungen, die Editionen der ״Historischen Kommission”, die vom Bureau herausgegebenen ״Grundsätze der jüdischen Sittenlehrc" und besonders das von ihm bearbeitete ״Statistische Jahrbuch der jüdischen Gemeinden", das ein für die deutsche Judenheit ehrenvolles Gesamtbild aller von ihnen in Angriff genommenen organisatorischen, humanitären und wissenschaftlichen Leistungen bietet. In diesem Zusammenhänge ist auch der Bibliothek des D. J. G. B. und des geplanten Gesamtarchivs der deutschen Juden zu gedenken.