Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 38-39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 38/39 Seite 418. JÜDISCHE RUNDSCHAU. soll, so wird damit allerdings einer sehr schweren Klage abgcholten, indem bisher häutig die Frau und die Kinder eines verstorbenen Juden gleich nach dessen Tode von dessen Wohnsitz fortgctr'ebcn wurden. Auch Kaufladen der ersten und zweiten Gilde wird der Aufenthalt auf dem Lande gestittet. wobei den Kommerzienräten und den Kauflcutcn, die der ersten Gilde fünfzehn Jahre lang angehört haben, dasselbe Recht auch zogestanden wird, nachdem sie sich von den Geschäften zurückgezogen haben. Diese Vergünstigung hat keine grosse Bcdcu״ tung, weil in manchen Städten Juden, die noch so erfolgreich als Ka\1flcute und Idustriellc dastcheu, von den Gilden nicht als Mitglieder aufgenommen werden. Die akademisch Gebildeten werden überhaupt wenig Nutzen aus der neuen Vertilgung haben, einmal weil solche sich nach Beruf und Neigung nicht wohl in den Dörfern niederlasseu werden, dann weil die Zahl der gebildeten Juden infolge der Bestimmung, wonach nur 3 pCt. der studierenden Juden sein dürfen und das Studium oft durch Schliessung der Unversitätcn unter־ und daun abgebrochen wird. Ebenso erscheinen die weitern Bestimmungen des Ukases als wcn'g wirksam, um die Juden in ihrem Aufcnthalsrccht zu erleichtern. Da wird den Kaufleuten, die zehn Jahre laug zur ersten Gilde gehört haken, zugemutet, dass sie sich mit ihren Angehörigen auch ausserhalb der Ansüssigkeitszone niederlassen dürfen und nicht wegzuziehen krauchen, wenn sie Ihr Geschäft aufgeben. Den Juden der ersten Kautmahnsgilde. die noch nicht ermächtigt sind, ausserhalb dieser Zone zu wohnen, dürfen sich dort während sechs Monaten des Jahres zur Betreibung ihrer Geschäfte am'halteu; für die jüdischen Mitglieder der zweiten Kauhnatmsgildc wird diese Erlaubnis auf drei Monate bcschränkt. Sodann wird denselben Kanfleuten gestattet, ihre Vertreter -in Ortschaften ausserhalb der Ansässigkcitszone zu senden. Jüdische Soldaten, die sch in dem gegenwärtigen Feldzug auszciclmcn und die Vorrechte der Veteranen erwerben, dürfen sieb überall niederlassen, sogar in Moskau, während die übrigen Juden, denen die Erleichterungen zugute kommen, von Moskau und den Kosakengebiclen ausgeschlossen bleiben. Keine Vergünstigungen sollen diejenigen gemessen, die in eine gerichtliche Untersuchung verwickelt sind. Das heisst wahrschcinlich, dass der blosse Verdacht der politischen Misslicbigkelt genügt, um einen Juden von den Wohltaten des Ukases auszuschlicssen. Ein Hintertürchen muss eben bleiben, und alles auf dem Verwaltungswege jederzeit wieder illusorisch zu machen. Amerikanische Auswanderungslnspcktfonen sollen in Deutschland errichtet werden, um den Vereinigten Staaten den unliebsanicii Zuzug minderwertiger lind mittelloser Elemente fernzuhalten. Diese Inspektionen, denen auch ein Arzt zur Unterstichung der Auswanderer beigegebeu werden soll, werden in den Hauptauswandcrungshäfcn stationiert werden und zwar zunächst in Hamburg, Bremen, Plymouth und Cherbourg. Mit der deutschen Rcichsreglcrung sind die Verhandlungen zurzeit im Gange. Nach der Königsberger Hartungschen Zeitung besteht auf deutscher Seite Geneigtheit, den amerikanischen Plan verwirklichen zu helfen. D/a Pelizeibehandlung der russischen Auswanderer ist von uns wiederholt zum Gegenstände öffentlicher Kritik gemacht worden. Au der Grenze schon werden, wie wir seinerzeit mitgeteilt haben, Auswanderer durch die Androhung, dass sie sonst nach Russland zurücktransportiert würden, veranlasst, Schiffs- 1 karten des Norddeutschen Lloyd oder der Hamburg-Amerika- Linie für die Ueberfahrt nach Amerika zu lösen. Dieselbe Praxis wird, wie wir weiter berichtet haben, denjenigen russischen Reisenden gegenüber, die der Grenzkontrolle entgangen sind, im Innern Deutschlands, z. B. in Leipzig und Berlin beobachtet. Um das Verfahren der Polizei einmal cinwandsfrei festzu- .stellen, hat der ״Vorwärts” ein artiges Mitte! angewandt. Erbeatmragte einen Berichterstatter, sielt als russischen Staatsangehörigen zu gerieren und als solcher von! hiesigen Lehrter Bahnhof eine Reise nach Hamburg anzutreten. Aut Voranlasstmg eines Agenten der Hamburg-Amerika-Linie wurde der vermeintliche Russe, obgleich er eine Fahrkarte nach Hamburg und 50 Mark hesass und unter scharfen Protest erklärte, dass er nicht nach Amerika wolle, zum Atisv andererbahnhof in Ruhleien geschafft. Hier wurde er ärztlich untersucht und dann erklärte ihm ein Polizeibeamter, dass er nach Russland zurücktransportiert werden würde. Als dann am nächsten Tage die ן Androhung ausgcfiihrt werden sollte, legitimierte sich als dcutsehen Staatsangehörigen und!misste natürlich freigelassen werden. Der Versuch hatte also ergeben, dass Russen, die keinen Pass haben und als Militärpflichtige gelten (als solchen hatte j sich der Agent ausgegeben), an Russand wieder ausgeliefert 1 werden, wenn sie keine deutsche Schafskarte nach Amerika j kaufen. Die Angelegenheit wird im Reichstage jedenfalls griind- ן lieh erörtert werden. Objekten sind dem Texte zngcfiigt. und wenn wir beides einander gleichstellen, wollen wir damit den stärksten Beifall ausdrücken. Unbeschadet der Treue der ■Darstellung liegt in seinen Zeichnungen eine innige, starke St;/!mung, ein stummes, aber doch beredtes Glaubensbekenntnis eines echten Sprossen unseres Heimatlandes. Durch all die Einiürbigkeit des Stiftes schimmert durch Strucks Kunst die mannigfache Pracht des Orients, und wo er Menschen gemalt hat, legte er ilmyn Schicksal und Charakter über Stirne und Augen. Seine spezifisch jüdischen Sujets tragen den Stempel der Schwermut. Hoffentlieh gibt der Zionismus dem Meister Gelegenheit, in späteren Werken die frohe Urständ von Land und Leuten der Juden in seiner Weise atiszudriicken, wenn er mit Friedemann und uns in Palästina nicht mehr Reisen macht, sondern Ausflüge. U p r z i nt n y. (Aus der ״AYblt”.) Was Ist, will und leistet der Deutsch-Israelltisehc Gemeindebund? — 1869 - - Berlin 1901־: R. 13011. (20 S.) 8. Das Schriilchen versucht unter Uebergehung der (Jeschichte des Bundes, die bei einer späteren Gelegenheit geschrieben werden soll, ein Gesamtbild der vielvcrzwcigtcn Wirksamkeit des D. J. G. B., wie sie sich auf der Grundin ge der von den Statuten vorgeschriebenen Aufgaben im Verlaute eines 35jährigen Bestehens ausgestnltet hat. zu geben. Wir lernen zuerst den Bund ais Organisator kennen. Es ist ihm gelungen, 2 staatliche Behörden fiir jüdische Augelegenheit, sämtliche 11 auf der Grundlage der Freiwilligkeit aufgebauten Verbände von Gemeinden, von denen die grossere Zahl seiner Initiative ihre Konstituierung verdanken, und 850 Gemeinden, darunter alle grossen und fast alle mittleren. sowR zahlreiche kleine, In sich verein!**-״. Die wichtigste ideelle Leistung ist die Fürsorge für' den Religionsunterricht in kleinen Gemeinden,■ denen cs ohne die Mitwirkung der ״Geincmde-Untcrstützungskommission" nicht möglich wäre, einen fachmässig ausgebildeten Religionslehrer anzustcllcn. [tu letzten Jahre wurden ISO Gemeinden unterstützt und 2200 Kindern ist die Wohltat eines guten, gewissenhat't inspizierten Unterrichtes zuteil geworden. Zu den Kosten der Ausbildung jüdischer Seminaristen trägt die Herxiieimer- Stiftung des Bundes bei, während für die Ausbildung akadcmisch gebildeter Lehrer, die besonders an höheren Schulen gebraucht werden, eigene V0r’esungs־Kurse abgehalten werden. ebenso wie auch Fortbildungs-Kurse für Kantoren. Auch fiir Bauzwecke, (Sehiilliäuser, Lrhrcrwohnnngcn) ist ein Etatstitel vorhanden. Auf allen diesen Gebieten Hesse sieb mit Hilfe der dem Bunde zur Verfügung stehenden sachvcrständigen Hiliskrätte noch viel grösseres leisten. Mit der Inspektioit des Rergionsuntcrrichts hängt die Schaffung freiwilliger Bczirksrabbinatc zusammen, eine Aufgabe, die der Leitung des Bundes durch den letzten Gemeindetag gestellt worden ist. N’aturganäss schliesst s;ch hieran eine Darstellung der Leistungen des Bundes zu Gunsten der materiellen Lage der Gemeindebeamten an. Der Bund besitzt in seiner Phiiippson- Stiftung einen Fond für Fälle unverschuldeter Not der Kuitusbeanitcu. die ihm nahes teilende Nachod-Stifttmg mit dem Sitz in Leipzig kleidet ihre Beihilfen 111 der Form von Ehrengaben. Die unvergleichlich wichtigste Leistung aber wird von der Friedrich-Wiihelm-Viktoria-Stk'mr.g, Zentral ־ Vcrsichcrungs- und Pensiomskasse für Jüdische Gciuuladebeamle. dargesreiii. Durch die dieser Stiftung auf Grünet eines Vertrages