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Jüdische Rundschau · 1904-09-23 · Heft 38-39 (23.9.1904) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 38-39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 38/39. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 417. Strasse musste alsbald das Material hergeben zu dem Stein- Bombardement, das die unholden Gesellen auf die Fenster der Synagoge eröffneten. Keine Scheibe blieb ganz. Haufenweise fand man am nächsten Tage die Steine im Bcthausc vor. Den Unterdiener und Wächter der Synagoge, Scherer mit Namen, , fasste die Mordgesellschaft auf der Strasse: fürchterlich wurde \ der Mann von den Messern seiner Angreifer zugerichtet. Nicht viel besser soll cs dem Schächter Federmann gegangen sein, dem man mit seinem eigenen Handwerkszeug das Lebenslicht auszublascn suchte. Immer blindlings schlugen die entmenschten Kerle drauflos. Dabei ist es auch vorgekommen, dass selbst Christen verprügelt und verwundet wurden. Hunderte von Familien wurden teils schwerverletzt, fast durchweg misshandelt, ihre Wohnungen bombardiert und ausgeplündert und sämtliche Scheiben eingehauen. Wenn man (Montag) nach dem grausigen Aufruhr durch die betrofienen Strassen wanderte, so konnte man glauben: rechts und links befänden sich Ruinen, da in. keinem Hause die Fensterscheiben heil geblieben waren. Man versichert dem ״Obcrschl. Tageblatt", dass mindestens SO Personen mehr oder weniger schwer verletzt worden sind. .Meistens sind es Geschäftsinhaber, kleine Kolonialwaren- und Kleinhändler und deren Angehörige. Wo ist denn aber die Polizei während des ganzen Auftritts gewesen, fragt das zitierte Blatt? Weshalb ist denn die nicht eingeschritten? Sosnowice und Polizei! 15 ganze Manu und ein paar Nachtwächter bilden das Sichcrlie'tspcrsonal.*) Und wie erfüllen die prompt ihre Aufgaben! Als der Krawall bcgann, sandte ein Hausbesitzer zum Polizeimnmi. der wunderbarerweisc die Nummer 19-1 trägt, mit der Bitte, Hilfe zu leisten? Was licss er sagen? ״Wer was von mir will, muss selbst kommen." Sprachs und ging nach entgegengesetzter Seite der Stadt. Schliesslich waren auch die paar Polizisten, die herbeigekommen waren, gnrnicht imstande, sich dem Ansturm der nach Hunderten, ja nach Tausenden zählenden Menge zu begegnen. Den Männern der öffentlichen Ordnung blieb somit weiter nichts übrig, als ruhig zuschauen; nur einige wenige suchten den Mob zur Raison zu bringen. Reizend ist die Antwort, die der Polizeimeister Kronenberg*’5‘) zur Antwort gegeben haben soll, als man hilfesuchend sich an ihn wandte: ״Da müssen Sie Anzeige beim Gericht _ . ׳־'•—, ־!,▼Tr *)In Wahrheit sind es 75 Manu. **)Er ist Stammes- und Glaubensgenosse des Berliner W a 11 f i s c h machen!” Schliesslich liess sich der gestrenge Herr aber doch bewegen, an den Krcischcf von Bcndzin um Zusendung von Militär zu telegraphieren. Ob die Kosaken gekommen sind, stellt nicht genau fest. Die einen sagen: ein Piquet von 25 Mann sei nachts um 2 Uhr, als eben alles vorüber gewesen sei, angekommen, die anderen bezweifeln das und behaupten: das Gouvernement habe Anweisung gegeben, erst dann, wenn sich in Sosnowice der Krawall erneuere, sollte das Militär entsandt werden. Jedenfalls hat man von dem sagenhaften Piquet am nächsten Abend in den Strassen der Stadt nichts gesehen, wenngleich das Gerücht ziemlich bestimmt auftrat: die Aus« schreituugen werden sich an diesem Tage wiederholen. Auch für den nächsten Sonntag, an dem die Israeliten wieder Festtag haben, befürchtet mau eine Wiederholung der .,Ktschincw”- Vorgänge. Endlich sei noch bemerkt, dass die Polizei auch Verhaftungen vorgenommen hat. Die Hauptkrakehlcr und Rädelsführer sind aber natürlich nicht dingfest gemacht worden. Gestern Morgen wurden die Inhaiticrtcn, etwa 10, sämtlich wieder frei gegeben. Nach so einem bischen Menscliciiblut, zumal es ja nur das von Juden ist, kräht eben in Russland kein Halm." C. L. Die Juden dürfen sich bekanntlich nur in dem Umkreise ansässig machen, der in den westlichen Provinzen hierfür bczeichnet worden ist. Noch schwerer als die allgemeine Be- Schränkung empfinden sic es, dass ein sogenanntes zeitweiliges Gesetz ihren Aufenthalt in den ländlichen Bezirken untersagt, mit der alleinigen Ausnahme, dass in besonderen Fällen einzelne Juden die Erlaubnis erhalten, in den ländlichen Sommerwohimngcu zu nehmen: für diese Vergünstigung gab cs keine festen Regeln. Es wird nun den jüdischen Handwerkern gestaltet s'cli in den Dörfern des Gebietes, wo Juden überhaupt wohnen dtirfen, nicdcrzulassen, aber nur so lauge, als sic ihreiii Beruf auch wirklich nachgehen. Es wird darauf!angewiesen, dass nach den bisherigen Erfahrungen d:e OrtsbehörJen ähnliche Be- ׳ Stimmungen durchaus willkürlich auslegen, dass u. a. jüdische Arbeiter als unbeschäftigt gemeldet wurden, auch wenn sic nur vorübergehend in keinem Lohnvcrhältnis standen, und sich dann auf die Wanderschaft machen mussten. Was d e Erlaubnis für akademisch gebildete Juden und deren Familien mit Einschluss der Söhne bis zum 25. Lebensjalire und der unverheirateten Töchter angeht, sich ebenfalls in Kindlichen Bezirken anzusicdcln, wobei auch den Angehörigen dieses Recht nach dem Tode des Familienoberhauptes bleiben Durch lachende Felder, an Bittir vorbei, wo Bar Kocliba den letzten verzweifelten Widerstand leistete, führt die B ihn nach Jerusalem, wo die Nachkommen der unglücklichen Helden sich scheu als Fremdlinge durch die Gässchen drücken müssen. Tief wie die Wehmut beim Anblicke der Stadt ist aber die Hoffnung beim Anblicke des Landes, dos sich vor den Mauern endlos dahinzicht. in Erwartung seines liebenden Dieners und Herrn . .,. Reiche Schilderungen aus der Stadt, um deren Besitz aus den reinsten Gründen des menschlichen Gemütes so viel Blut vergossen wurde, schb'esscii in dem Buche an. Bald aber macht s׳ch der Verfasser von dieser Stätte jüdischer Sehnsucht in das Gebiet schöner •Wirklichkeit auf. in welchem das zionist'schc Vordertreffen mit Pflug und Hacke dem 1111ersättlicli scheinenden jüdischen Unglücke trotzig an den Leib rückt. Der Jordan und sein Meer, jüdische Gemeinden, englische Ausgrabungen, das Lehen der Beduinen, der Strc׳t der Sekten und ihre Feste haken Ws jetzt den breiten Rahmen der Beobachtungen ausgcfiillt. Nun aber folgt der Hauptteil des Buches um dessentwillen er offensichtlich geschrieben wurde. Das fciiillctonistische Beiwerk tritt zurück und eine minutiöse Genauigkeit wird entwickelt. Leben. Stand und Treiben der jüdischen Kolonien werden so genau wiedergegeben, als sie in der karg bcmesscneu Zeit des Besuches beobachtet werden konnten. Dr. Friedemann lässt sich bei der Schilderung durchaus nicht von dem Bestreben leiten, zu Agitationszwcckeu die Kolonien wie Potcmkinsche Dörfer lierziirichten, sondern׳ hält mit Bedauern oder ׳ladet in keinem Falle auf Kosten der Wahrheit zurück. Glücklicherweise ist cs nicht viel des Ucbcln. und die Berichte über das geistige Lehen und die Tatkraft unserer Pioliiere dort unten sind nur geeignet, sie als Edelreis am jildischeu Stamme mit Stolz zu bezeichnen. Es ist unmöglich, im Rahmen einer Kritik dem Verfasser, auf all den Kreuz- und Oucrfalirten. die er in die rein jüdischen Ansiedlungen und ן durch das ganze übrige Palästina machte, überallhin im ein- I zeluen zu folgen. Mit rührenden Worten snricht er endlich vom Ende seiner Brautiahrt. die seine Liebe ins Unendliche gehoben hat. Poetische Schilderungen aus der Szenerie des ägäischcu'Meeres, das auf der Heimreise durclimcssen wird, scliliessen das Buch ab. Mit aufrichtiger Freude kann dem Werke, sowohl seiner Wc'Sc als seinem Texte, vollstes Lob gespendet werden. Wahrheit und Belehrung nach den strengsten realistischen Grund- Sätzen vereinigen sich mit romantischen Schilderungen voll 5 Schönheit zu einem harmonischen Ganzen. Trotzdem Dr. ' Friedemami nur als Weltkind auf die Reise gegangen ist und durchaus nicht die Absicht haben konnte. r1־ fachmännisch erschöpfendes Referat zu schreiben, ist sein Buch eine reiche Fundgrube von Wissenswertem für jeden, dessen Interesse im Gebiete der Streifungen des Verfassers stvelt. Auf der Höhe stellt auch der schöngeistige Wert der dankenswerten Arbeit. Sic wird sicher, wie jedes gute Buch durch EntnfeMuueen von Mann zu Mann Verbreitung finden und die Kritik jedes Lesers, der den Verfasser im Geiste geleitet, wird ein geändertes Wort aus der Faust sein: ..Mit Fuch. Herr Doktor, zu .spazieren Bringt Geist und Herz Lohn und Gewinn.'’ Nun noch Struck! Er hat reiche Schätze seiner eigenartigen grossen Kunst über das Werk liingestrciit. die den Kunstfreund entzücken. Eine Serie Skizzen von lebenden und toten

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