Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 38-39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651380--01663-2658531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 1× ep/1047833
OCR text
Seite 416. No. 3S/39. ■5׳׳*׳זי.׳.?וייי &*׳.>**•**,*«.% i •I JÜDISCHE RUNDSCHAU. Verbrecher” vorzugehen versteht, verhält sich diesem gemeingefährlichen Treiben gegenüber teilnahmslos. Der treffliche Polizeimeister der Stadt hat weder für solche Ausschreitungen ein scharfes Auge, noch für die Vorstellungen der Juden ein williges Ohr. Um sich den Gefahren, durch Steinwürfe ver« letzt zu werden, nicht auszusetzen, sind cs in den letzten Jahren der Juden immer weniger geworden, die an diesem Tage auf gewohnter Stelle mit ihrem Gotte Zwiesprache hielten. So war cs auch am Sonntag. Nur einige Fromme hatten sich eingefunden. Und wiederum hub das Stein-Kardätschen der römisch-katholischen Jugend von Sosnowicc an. Es war um 3 Uhr nachmittags. Unaufhörlich flogen die gefährlichen Geschosse, die ie nach der Armkraft des Schleudcrns Dirnensionen von beträchtlicher Stärke.hatten, an die Przcmsa hinab. Und dennoch beteten die Juden weiter. Da wurde einer von ihnen, ein Mann, schwer von einem faustdicken Stein getroffen. Ergrimmt über die Ungezogenheit der Christen und von Schmerzgefühl erregt, warf er denselben Stein, mit dem man ihm Weh bereitet hatte, in den feindlich gesinnten Haufen an der Strasse zurück. Unglücklicherweise traf er dabei das kleine Mädchen eines Werkmeisters aus einer Spinnerei. Das Kind trug im Gesicht eine blutende Wunde davon. Nun war das Geschrei und die Entrüstung unter den erwachsenen und halbwüchsigen Anhängern der Religion der Liebe gross. Ein wahrer Hagel von Steingeschossen sauste auf die Juden herab, die ihr Heil in schleuniger Flucht suchten. Als die Angreifer sahen, dass ihre unschuldigen Opfer ihnen entkommen waren, wurden sie von namenloser Wut gepackt. Bei der Verfolgung sticss plötzlich einer den Ruf aus: ״Schlagt die Juden tot, sie haben ein Chrlstcnmadchen ermordet!” Tatsächlich war, wie der behandelnde Arzt selbst erklärt hat, die Verletzung des Kindes nur unbedeutend. Ein wildes Gejohle entstand. Die auf niedriger Kulturstufe stehende Arbeiterbevölkerung glaubte blindlings, ballte sich zu grösseren Trupps zusammen (meist waren cs halbwüchsige Burschen und betrunkene Fraucnzimmer) und geriet, von den Anführern systematisch aufgewicgclt, hi eine furchterliche Berserkerwut. Das Hauptkoutingent der E.xzedenten stellte eine Glasfabrik, deren Arbeiter z. Z. aus Mangel an Aufträgen feiern. Zunächst stürzte sich die Meute auf die. Wohnhäuser der Jüdischen Krämer Felzmann, Kliwkiewice, W. Fischer und Grünzeuger. Dann drang man in die Läden, misshandelte, was ihnen begegnete, gleichviel ob Mann, Weib oder Kind, raubte, was nicht nlct- und nagellest war, begoss die vorrätigen Waren (Zucker, Mehl etc.) mit Petroleum! verunreinigte das sonstige Material und zertrümmerte die Utensilien. Mit blankem Messer stach man auf die armen Juden ein, die sich vor der rasenden Wut des Janhagels in die oberen Räume und auf die Böden verkrochen. Christliehe Bewohner, die in den benachbarten Häusern wohnen, versichern, dass das Geschrei der misshandelten Frauen und Kinder, sowie der um Schonung bittenden Männer herzzcrrcissend war. Und dazu das wilde Wutgeheul des zum teil unflätig betrunkenen Mobs. Nicht nur das Messer spielte eine grosse Rolle. Revolverschüsse wurden auf die Juden abgegeben. Das B1 u t floss teilweise in Strömen. Nachdem die Exzcdentcn ihre :Wjut in den Häusern gestillt und die Läden ausgeraubt hatten, zogen sie zu weiteren Heldentaten wieder auf die Strassen, wo inzwischen jüdische Passanten aufs schwerste gcmissliaiidclt worden waren. Dann zog man von Gasse zu Gasse. Ueberall wurden bei den Israeliten die Feilster ciiigcworfcn. In die Katifinarmsläden drang man ein, pliiudertc und vernichtete nach Herzenslust, was ihnen unter die Finger kam, Hess die gefüllten Fässer auslaufen, zerstreute die Waren, zerschlug Möbel und Invcntnrstiieke — kurzum hauste wie die Vandalen. Soweit sich die Inwohner nicht auf die Böden retten und sich liier verbarrikadieren konnten, wurden sie aufs niederträchtigste mit Messern, Knüppeln und Eisenstiickcn bearbeitet, die Frauen in liier nicht wicdcrzugchendcr Weise behandelt. Die Möbelstücke wurden zum teil zertrümmert, die Betten auigcsclmitten. Ganz arg wurde eine I־'rau Golenzer mitgenommen, eine junge Frau von 26 Jahren, Mutter mehrerer Kinder. Das arme Weib erhielt 7 Messerstiche in den Leib־ und brach ohnmächtig zusammen. Erst nachdem sich der Krawall gelegt, wurde sie nach dem Hospital der benacliharten Kreisstadt Bcndzin transportiert, wo sie nach wenigen Stunden ihren qualvollen Leiden erlag. Ein Messerstich hatte ihr den ganzen Oberschenkel des rechten Beins aufgerissen. Auch ihr Mann und die unschuldigen Kinder waren stark misshandelt worden. In Alt-Sosnowicc spielte man am ärgsten dem Kaufmann Liepner mit, der fürchterlich zugedeckt wurde. Hier war hauptsächlich der gefährliche Bcrgmaunsstock mit dem spitzen Hammer in Aktion getreten. Nachdem man in den Vor- Städten genug gehaust, zog sich der aller Menschlichkeit bare Volkshaufen, der nach vielen Hunderten zählte, nach detn Zentrum der ca. 25 000 Einwohner zählenden Stadt. Ein Trupp stürzte unter dem Rufe ״Schlagt die Synagoge ein" nach dem Gotteshaus, das sich auf der Polizinastrasse befindet. Zum Glück fand man cs gut verschlossen. Die elend gepflasterte zur Illustration Jenen Teil des Buches erwähnen, in welchem er seinen Ausflug zu den Pyramiden schildort, wobei er deren Verwandtschaft mit der Ewigkeit in kurzem hervorhebt, um dann länger bei den! Augenblicke zu verweilen, wo er in das,vergilbte Mumienantlitz Ramses II. schaute, er, der freie Nachkomme Jener Sklaven, die Pithom und Ramses bauten und die alle Pharaos der Welt trotz aller Ohnmacht um Jahrtausende überleben. Nicht als ob dem Verfasser die Gabe eingehender Beobachtung fehlte; wo es interessant ist. zieht er auch das Geringste zur Schilderung herbei und baut aus zwanzig kleinen Sätzen vollQr Kleinigkeiten ein gewaltiges Bild voll Bewegung und wirbelndem Lehen. Lehen — das ist der grosse Wert des Buches; üi welchem sich Handlung an Handlung reiht, und wclchcs vorn Vcriasser so voll Begeisterung und Humor geschricben ist, wie ihm sein echt jüdisches Herz und seine echt Dreussisch flotten Sprechw׳erkzcuge gewachsen sind. Er unterbricht sich nicht mit fachmännischen Gutachten und philosophischon Meditationen, kaleidoskopartig ziehen Küsten, Menschen und Hügel an Leser vorbei, eine lange Reihe von Besuchen beim Tagewerk der Leute und den ewigen Werken der Natur: und nur .zuweilen, an den Schauplätzen unserer Geschichte, entrollt er das Trintvchon des jüdischen Lebens: Die Zeitalter seiner mutigen Helden, seines heldenhaften Leides und seines gegenwärtigen Sklaventums zum malmenden Vergleich. Man ist erstaunt, wenn man das Datum des ersten und des letzten Tagcbuchblattes vergleicht — in dieser form ist das Buch gehalten — .dass Verfasser nur knann zwei M״״afe auf der Reise war; so gross ist die Fülle des Gesehenen. Die Reise geht über Aegypten, dessen Reize und Eigentümlichkeiten uns wie mit Schlagwortcn in einem Gedränge klemcrcr und grosserer Begebenheiten geboten werden: Schin. Hafenstadt. Haupt- Stadt, die Wüste und die Bauten darin sehen wir wie im Sprunge, die Landschaft mit breiten Strichen geschildert, die Menschen mit feinen Zügen. Und schon sind wir wieder ausser Landes, zu Schiit an der syrischen Küste w׳erfen wir einen Blick ins Ghetto von Beirut, in!!:־chtschinfcner Zeit gleitet der Dampfer an den Stätten des einstigen Sidon und Tyrus vorüber, und als die Sonne des 13. April sich strahlend erhebt, beleuchtet sic — Ein Wort des Gedenkens an Hcrzl ist!11 dem Buche enthalten. Er war mit auf dem Schiffe, das nach ,Alexandrien fuhr. ״Und drüben wandert auf eifrigem Morgeng.angc Theodor Herz! über das Deck, der einzige, der selbst liier arbeitet.*’ so der Verfasser. Ueberall und immer Arbeit, das war so recht die Signatur des Lebens unseres Führers, der nach dem Spruche lebte, dass Genie Arbeit ist. der für die Zionisten das Wort prägte: ,.Makkabäer der Arbeit" und in Arbeit seinen Makkabäcrtod fand. Schlicht, kurz und ernst spricht Ericdcniann vom ersten Eindrücke, den die Heimat auf ihn machte. Man hat nie weniger feingcgiättetc Worte, als wenn man die Geliebte sieht. Aber im Hotel hält er tmd Struck, die sicli zur eemcinschaftliehen Reise in der Ouaraiitänestation z11samn1eneefundcn haben, kaum einige Minuten aus. und schon sind sic auf unermüdlicher Streifung durch unser Land. Der weite Meierlmi von Mikwch Israel steht an den Toren Palästinas wie eine glückliche Verhcissung. dass es die erste einer unendlichen Reihe von ZulluclilsstäUen der Juden vom Grimme der Völker zum Frieden des Heimatbodens sein w׳erde.