Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-09-23 · Heft 38-39 (23.9.1904) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 38-39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651380--01662-2658530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 38/39. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 415. worden sei. Gegenüber einer Bemerkung der sozialdcmokratischen ״Münchener Post", man verlange mit dem Anträge die, Schaffung eines Ausnahmegesetzes für galizische Juden, ״die Ärmsten der Armen", in demselben Augenblicke, wo man die Jesuiten wieder ins Land herein haben wolle, meinte das ultramontane Blatt, von einem Ausnahmegesetz sei keine Rede, vielmehr böten die geltenden Gesetze Handhaben genug, um die Stadt vor unliebsamer Bevölkerungszunahme zu schützen. Die'י Christlich-Sozialen beriefen min darauf eine Protest-Ver• Sammlung ins Kreuzbrau. In ihr sollte gegen die Abweisung des Gesuchs, und, weil es in einem hingeht, gleich auch gegen die städtische Verwaltung überhaupt wegen der in ihr bestehenden ״sonstigen schreienden Missstäiulc" Stellung genommen werden. Die Versammlung war so stark besucht, dass bereits um 8 Uhr wegen drohender Überfiilhmg der Saal abgesperrt wurde. Der erste Redner, der bekannte. Herr NVcnng, warf einen Blick auf die bisherige antisemitische Bewegung in Bayern, deren Erfolg er sehr gering einschätzte. Wenng sprach von der Verj!:d!mg Bayerns nnd der Stadt München und glaubte versichern zu können, man denke bei der wirtschaftlichen Schädigung, welche die Christen durch die Juden erleiden, nicht an den Konkurrenzkampf, der sich auf solider, anständiger Basis entwickelt habe; aber es sei das gute Recht der Einheimischen, gegen die Beherrschung des Geschäflslcbens durch die Juden Front zu machen. Da sei der Witz wohl erklärlich, der hier kursiere, am hiesigen Ostbahnhof trieben sich Agenten der ״G0Id-..'.e!1 19־־ herum, um den ankommenden polnischen Juden die Kaftane abzukaufen, aus denen dann Talare fiir die Geistlichen gemacht würden. Seit dem russisch-japanischen Kriege hat nach Wenng die Invasion Bayerns durch fremde Juden arg zugenonnnen. Es handle sich hier um vollständig mittellose Leute, die durch Komitees in der Heimat bis hierher geschuht, von hiesigen Komiteees notdürftig ausgestattet, dann Geschäften zugewiesen und nach kurzer Information auf die Bevölkerung Münchens und des Landes als Agenten etc. losgelassen wurden. Wenng will zuerst gegen diese fremden Juden kein Ausnahmegesetz geschaffen wissen, er will nur, dass die .einschüigigen Bestimmungen des Gesetzes über Heimat. Verehelichung und Aufenthalt gegenüber diesen Einwandcrerr in Anwendung gebracht werden. Nachträglich gab er aber doch zu, dass es sich, da die Regierung auch an den Bundesrat gehen solle, ״in gewisser Beziehung" doch um ein Ausnalimegesetz handle, aber stur um ein solches gegen ״Auslänschenkt? Sind Erlebnisse der Vorfahren nicht weissagende Vorzeichen den Nachkommen? Väter und Mütter haben allerdings in Treue fiir ihre» Glauben die reine Seele unter Hcnkershand ausgehaucht; der Samen durfte nicht untergehen! Eine ungleich geringere, dem Wesen nach aber durch nichts verschiedenere Vernichtung drohte dem Judentum der neueren Zeit. Die Gefaiir kam nicht von aussen her, als vielmehr wieder einmal von innen heraus. Ein Bestreben machte sich in Israel breit, das in dem Aufgehen des Judentums in den Massen zirkelte. Was also Feuer und Schwert nicht vermochten, wollten Israels eigene Söhne, ihr kennt sie ja, die Assim'Jantcn — bewerkstelligen. ״Weg mit dem Judentum;! Los von Zion! Los von Jcruschalajim!" So hat cs aber die fromme Hannah nicht gemeint. ״Sichst du. Ewiger, auf mein Eiend, so sieh' auch auf das Eiend Zions. Ich bin kinderlos. Zion ist es ebenfalls. Oe• denkst du mein, so vergiss, 0 Allmächtiger, auch Zion nicht!" (Jalkut II § 78). So betete die fromme Mutter in Israel und fand Erhörung, und sic wurde bedacht und auch Zion wurde bedacht, beide an .ראש השנה Möge cs dem göttlichen Ratschlüsse gefallen, einen Flecken auf diesem Erdenrunde am ר׳ה zu bestimmen, den die zerstreuten Söhne ihr eigen nennen dürfen, Zion und nur Zion ist und bleibt ihr Endziel für und für. D r. L. G r ü n h u t (Jerusalem). der”. Die Ausführungen des Redners fanden sehr starken Beifall. Es wurde sodann folgende Resolution nach stattgehabter Diskussion fast einstimmig angenommen: ״Die heutige überaus stark besuchte Versammlung erklärt ihre Zustimmung zu den Aus• führungen des Referenten und protestiert mit ihm auf das Entschicdcnste gegen die Zurückweisung des Gesuches der Christlich-sozkden Vereinigung um Massnahmen zur Beschränkung der Judcncinwandcrung in Bayern durch die städtischen Kollegien. Die Anwesenden sprechen der städtischen Verwai* tung wegen ihrer Finanzwa'rtschaft die schärfste Missbilligung aus und geloben, alles aufzubieten, damit bei den nächsten Gcmeindewahlcn zur wahrhaft bürgerfreundliche und im christlich, sozialen Sinne tätige Gemeindevertrctcr gewählt wurden." , Jecdnfalls ist es für die Münchener Juden wenig ehrenvoll, wenn sich die Antisemiten ihres Geldbeutels annchmcn. Sic sollten sich des Wortes erinnern: ״Timco Damnos et dona ferentes!" Uebrigens ist cs bezeichnend in der Sprechweise des ultramontancn Herrmann ״Einwanderung fremder Juden" und ״Münchener Israeliten". Wir nennen uns schon deshalb ״Juden,*, weil ihnen das als Schimpfwort gilt. Ucber den Jiidcnkravvali ln Sosnowlcc erhält der ״Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums" von christlicher Seite folgenden Bericht eines Augenzeugen: Emen! uralten Brauch (Taschlicli) gemäss pflegen die! Juden von Sosnowice an ihrem Ncujahrstagc an den Ufern; der Przcmsa. die hier vorüberflicsst, zu beten. Sic bekennen ihrem Gotte die Sünden; diese werden gewissermassen von den Mjissern des Flusses aufgenomtnen und schleunigst davongctragen. Das ist die Symbolik bei diesen Gebeten an der Przcmsa. Da der erste Tag des neuen Jahres heuer auf den Sabbath fiel, so wurde die Verrichtung der Gebete auf den folgenden Sonntag verschoben. In jedem Jahre wurden die harmlos ihre Gebete murmelnden Israeliten beiderlei Geschied!ts und jeden Alters von christlichen Kindern und kalbwüchsigen Burschen, unter den Augen der Erwachsenen, die, heimtückisch und befriedigend lächelnd, aus 'der Ferne dem Treiben der Exzedenten untätig zuschauen, gestört: Wahre Steinsalven rasseln auf die am Ufer Weilenden nieder. Nicht selten ist es vorgekommen, dass man diesen oder jenen mit schweren Verletzungen hat davon tragen müssen. Die russische Polizei, die w’0111 Energie und Schnelligkeit gegen ״politische Literaturbericht. Böcher der einschlägigen Literatur. welche der Rcd:»KUon zugesandt werden, finden eingehende Besprechung. Friedemanns Buch ״Palästina”.*! Eine Reiscbcschreibting; aber keine Meerfahrt auf den unendlichen Wogen der Langeweile, worauf gewöhnlich diese Gattung literarischer Arbeiten hinausläuft. Die Gefahr der Oedc war hier besonders gross, wuil der Reisende Friedemann tief ausgetretene Pfade unzähliger Ausflügler verfolgte, die uns alljährlich um die iWanderzeit mit ihren gedruckten Bcrichten aus dem Levantegebiet erdrücken. Der Schriftsteller Ericdcmaim aber fand seinen eigenen, neuen Weg. auf dem ihm unser Interesse dankbar und ohne Ermüdung folgt. Zu einem Vergleiche mit seiner Art zu schreiben, taugt die Manier der modernen, malenden Impressionisten. Diese verzichtcn in ihren Bildern auf die genaue Wiedergabe des alltäglichen Details; aber die verschwommenen Zyklopengestalten z. B., die im Feuerschein einer Schmiede auf den Ambos härn• mern, die unklaren Umrisse von Knaben, die fm Abenddümnier verwegen über einen Balken balanziercn, genügen weitaus, um in unserer Seele bewegte Gedanken Über Mannesarbeit und über Jugend ihrer Bilder fertig, der auf unser Gefühl wirkt. Diese Wirkung allein suchte Dr. Friedemann, und auch er ging alltäglichen Details weit a׳־s dem Wege. Wir wollen B . II - - --‘- ן . * t י ־־*) Palästina. Rciscbildcr von Adolf Friedemarin und Hermann Struck. Verlag Bruno Cassierer, Borlin 1904.;׳

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.