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Jüdische Rundschau · 1904-09-23 · Heft 38-39 (23.9.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 38-39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite *IOS. wissend, dass cs kein besseres Mittel gegen eine Hewegung gibt, als wenn man sie als jüdische bezeichnen kann. So kommt cs denn, dass der jüdische Arbeiterbund, der den Juden gegenüber sich als jiidischnational, der Krossen sozialdemokratischen Partei gegenüber sich mit derselben Wahrhaftigkeit als international bezeichnet, einen nicht unbedeutenden Anhang unter den Arbeitern*mehrerer Industriestädte gefunden hat. So bedauerlich im Interesse dieser Juden selbst diese Ent- Wicklung ist. so muss doch unumwunden zugegeben werden, dass sich hierin ein Stück jüdischer Volkskraft läussert, und dass sich gerade darin die ethnische Moral des Judcnvolkes in Russland klar zeigt, nenn wer sich nicht wehrt, ist wert, geschlagen zu werden. Der russiche Jude hat aber begonnen, sich gegen sein Oeschick, das ihm der Hass und die orthodoxe Staatsniaxime aufzwingen wollen, zu wehren, sei cs als Zionist, indem er sein Geschick als Volk in seine eigene Hand nehmen will, sei es als Hundist, indem er dabei ohne Vertrauen au! die eigene Vclkskraft und ohne Liebe zum eigenen Wesen auf den grossen ״Krach“ wartet, den Hebel auf das Jahr 1S9S für Deutschland und etwa auch für den ganzen Westen in sichere Aussicht gestellt hat. Mit der Lösung der Judenfrage, die der Zionismus in eiserner Konsequenz anstrebt, die aber nicht in wenigen Jahren erreicht werden kann, sind die politisch weniger geschulten Elemente nicht einverstanden, die in kurzsichtiger Verblendung glauben, dass ihnen durch eine Umwälzung in Russland geholfen werden kann. Sie vergessen, dass der Zarismus seine unmenschlichen Judengesetze auf dem Hasse aufbaut, dem das russische Volk .in seinen Gestalten von Ilia Muramets und Jiidowin die mythische Horm verliehen hat, und der im Merzen jedes Russen schlummert. Sie vergessen auch, dass zum vollen und ehrenvollen Leben die nationale eigene Kltre gehört. Der Jüdische Arbeiterbund wird deshalb wohl Augenblickserfolge bei den Juden erreichen können, weil er aber nicht die Charaktere der Völker ändern kann, weil er nicht der Geschichte den Weg verschreiben kann, wie er will und w ie er sich zutraut, so wird er dauernd kein Nebenbuhler der Zionistischen Partei sein können. Es ist ein sehr fataler Irrtum der ״Leipziger Volks- Zeitung“ des ehemaligen getauften Juden Schönlank, wenn sic in einem Artikel über die jüdische Arbeiterbewegtmg in Russland ihre Leser und sich täuscht, als wäre der Zionismus im Rückgänge begriffen. ״Der einzige mehr oder minder bedeutende Gegner des Bundes ist jetzt noch der Zarismus. Indem der Bund in seiner miindlichen Agitation, Propaganda und Literatur den Klassen- und reaktionären Charakter des Zionismus auidcckte, gelang cs Ihm, den Zionismus zu verhindern, einigermassen bedeutenden Einfluss auf die Arbeiterschaft auszuiibcn. Die Kischinewcr und Homclcr Greuel gaben dem Zionismus neue Kraft. Aller die Tatsachen, dass die Regierung und ihre Agenten an der Organisation und Ausführung der Judeukrawalle tcilnahmen, dass die Behörden in vielen Städten Gerüchte über beabsichtigte Exzesse verbreiteten, um durch die entstandene Beunruhigung den Kampf der Revolutionäre zu verhindern, und die scharfe Kritik, mit der der Hund den politischen Indifferentisnuis und die Willfährigkeit der Zionisten gegenüber der absolutistischen Regicrung gcisselte. veranlassten sogar einige unter ihnen die sogenannten Arbeiter-Zionisten, den politischen Kampf in ihr Programm aufzunehmen. Aber sie blieben noch immer im Sumpf der bürgerlichen Denkweise stecken. Gegen diese neuen Freunde des Arbeiters führt jetzt der Hund einen heftigen und erfolgreichen Kampf, indem er die mehr bewussten Elemente an sich zieht und die andern immer mehr auf den Wieg des politischen und sozialen Radikalismus treibt. Die Gewalttaten in Kischinew und Hornel dienten auch dem Bunde als Ausgangspunkt für eine weitgehende politische Agitation, und die Ercignissc, welche gleich darauf folgten, die Demonstrationen in Bcrditschcw, Lodz und Warschau, waren die Früchte dieser Agitation und lieferten einen unzweifelhaften Beweis dafür, dass die revolutionäre Energie des jüdischen Proletariats . nicht schwächer wurde.“ Doch es wäre töricht, den Arbeiterbund mit derselben Unehrliclikeit zu bekämpfen, wie er es beliebt, den Zionisten gegenüber zu tun. Deshalb vergeben wir uns nichts, wenn wir mit Entrüstung den Artikel zurückweisen, der kürzlich von vielleicht beteiligter Seite in No. 38/39. die Zeilen der hiesigen orthodoxen ״Jüdischen Presse“ eingeschmuggelt worden ist. Der Artikel, der eine Organisation der russischen Juden zur Abwehr sozialistischcr Propaganda Vorschlag und in höchstem Masse denunziatoriseh die Sozialisten mit ihren absoluten Gegnern, den Anarchisten, identifizierte, war in der Ferienzeit in die Zeitung gelangt, darum freilich nicht weniger angeberisch. Jetzt erst, wo die ״Jüdische Presse“ selbst in einer aus Berlin datierten Korrespondenz auf das Gefährliche des Artikels hinweist, halten wir cs für angebracht, auch unsererseits festzustellen, dass der Artikel nicht in den Spalten einer jüdischen Zeitung hätte stehen dürfen. Der Schreiber hatte sich selbst am besten gezeichnet, als er schrieb, dass der aufgehört habe. Jude zu sein, der sich einer ״Umsturzpartei“ anschlösse, und wenn er sich lumdcrtmal Jude oder auch Nationaljude nenne. Nun. die Makkabäer waren gewiss eine Um- Sturzpartei und Pharao hat gewiss auch nicht Moses und die Juden anders denn als eine Utnsturzpartei betrachtet. — Aber der Artikel vertritt krass die einseitigen Interessen des russischen reichen Juden, des Grosskapitalisteil und Fabrikbesitzers gegenüber dem ausgebenteten 1 jiidischeji Arbeiter. Er vertritt die Interessen jener Geldl'geber. die durch Unterstützung russischer Anleihen dem russischen Staat noch mehr die Möglichkeit geben, den jüdischen Proletarier zu unterdrücken. Denn wenn der Kredit der Massstab des Anseh .ns ist. in dem ein Staat stellt, so erhöhen die jüdischen Kapitalisten das Ansehen der Regierung, in deren Lande H 0 in e I und Kisch!- new , Parczow und Ost rowictz, Snamia und S o s 11 o witze, Rowno und das ganze Syst e 111 der d a ne r 11 d e n U 111 e r d r ii c k 1111 g der j ii d i s e I! e 11 Arbeiter an der *1' a g e s - Ordnung sind, in demselben Masse. als sie die russischen Papiere kaufen und russische Werte, erwerben. In demselben Grade, wie sie an den russischen Werten Geld verdienen, heilen sie. ihre Brüder in Russ-!and zu unterdrücken, und diese haben in ihnen denselben Feind zu erblicken, der ihnen der Zarismus ist. Die ״Jüdische Presse“ schreibt mit Recht in ihrer Erwidermig auf den Artikel, der ihr von iibelmeiiiendcr Seite als Kuckucksci ins Nest gelegt war: ..Wer cs nicht gewusst hat. den könnte der Bericht des Dr. Mutschmk über die Abrechnung des Kiscliincwer Komitees genügend belehren, und, um ins Grosse zu gehen, gegenüber einer Million Mark, die bei ausserordentlicher Veranlassung wie Kischinew als Almosen gesammelt wird, tun auf die Wunde ein Pilaster zti legen, welche russische Barbarei den armen Juden geschlagen hat, stellen Hunderte von Millionen, welche jüdische Hochfinanz und jüdische Kapitalisten dem russischen Reiche zur Verfügung stellen, um damit seine Unterdriickungspolitik fortsetzen zu können. Es ist doch auch in hollem Masse bezeichnend, dass der neueste die Juden betreffende Ukas die Wohltaten russischer Menschliehkeit vor allem den Kommerzial- und Mamifakturräten zuteil werden lässt. So lange diese Zustände andauern. wird man den jüdischen Arbeiter nicht überzeugen können, dass seine Interessen den Interessen der jüdischen Kapitalisten liomogcner sind, als denen Christlieber Arbeiter. Zeigt sich der reiche Jude aber als wirklieber Bruder seines armen Glaubensgenossen, so wird es keiner besentderett Orgamsaticm bedürfen, um das dem jüdischen Arbeiter klar zu machen, sondern er wird das von alleine wissen."-— Wir wollen uns nicht dazu verleiten lassen, in derselben unehrlichen Weise, wie der ״B u n d“ uns entgegentritt, auch ihn zu bekämpfen; er ist in Russland unser Gegner, gegen den wir weiter mit allen anständigen Mitteln kämpfen wollen, aber wir werden ihn nicht besser bekämpfen können, als wenn es uns gelingt, den jüdischen Kapitalisten auf Grund der Nationalität zu geineinsaihcr Arbeit mit uns zu organisieren, um der Not und dem Elend und der weiteren Verelendung wirksam entgegeuzutreten, die von der russischen Regierung künstlich gezüchtet und gefördert werden. Der ״Bund“ hat einen einzigen berechtigten Gedanken und das ist die JÜDISCHE RUNDSCHAU - ־ -* ׳״־ ־־ *-1,yyv?

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