Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 38-39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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•־***/ ׳-ס C ףח /«1 g_y v סח 1ז Abonnementspreis (Zusendung inbegriffen) Vierteljährlich! I. durch dlo Expedition: a) in Berlin M. b) nach auswärts M 1,— c) für das Ausland M. IÄ t. im Postabonuomont M 1,25 3. bol Snnmiolbozuy durch dio Ortsgruppe .M —fiO. Insorato d e viergcspaltenc Pctiueilc 25 PI. Inseratonbollngen 15 M § § I!! 1'! ל 1 1: 1 '׳. I \\ Organ der ל O -vT» ii für t> Co bei; ■JO pg ^fc.ז׳ T^r^aegss?!^{» c* »f־ No. 38/39. . - i.v*» fc»*5ks.3״* s t^sssSHeatssrrt.uje׳a&«jH£*«jC.vGnx1£X/!aX—«&^aRMS&etfkansBMAawaar. '■i. ־.*.. . s&8 Y Ü w ) Ly 00 Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Pcrlcy 3üdisd1e Rundschau, E. O n». b. H. Berlin [154, Buguststrasse fh. 49 a* Sprechstunden: v. 4—5 Uhr nachmittags. Redaktion: Dr. Heinrich üoewe, Berlin BW. 40! Lehr!er5!rc5s2 14/15. Unwr:;.na!4 daru!skr!pte vcrü\*n ca bei ß; Icgiina ecnüGonden KCckpcrto zurö&scsandl. Berlin, 23. September 1004. 14. Tlschri 5335. IX. Jahrgang. Gnadenerlass und Volksnot. Wenn man jener!,resse Glauben sehenken würde, die vergibt, deutseluunionnl zu sein, in Wahrheit aber nur die Sc.mierinteressen eines reaktionären Standes aui Kröten des nationa!deutsd11!.־ Wesens pflegt, so wären die russischen Zustände vorbildlich für Kuropa. Wenn man diesem nimkelmännertuni, das in der ״Deutschen Tageszeitung“ ihren reinsten Ausdruck findet, glauben würde, sc hatte der Juden-, Polen- und Russenschläcluer, der kürzlich auf den Strassen Petersburgs einen plötzliehen Ted fand, die Absicht gehabt, den Juden durch eine liberale Verfassung, die darum noch keine Vcriassung zu sein brauchte, eine Reihe von Erleichterungen zugedacht, durch die ihre entsetzliche Lage einigermassen gemildert werden sollte. Auf diese Absichten Plehwcs werden die neuen Verfügungen zurückgeführt, die unter dem Namen.eines Gnadenerlasses Europa genau so unterrichten seilen. wie es durch die Russische'Telegraphenagentnr darüber dauernd Nachricht erhält, dass die Russen auf dem ostasiatisclien Kriegsschauplatz dauernd unter Verlust eines Kosaekeu rückwärtssiegen. Kin ..Ci n a d e n e r lass soll cs sein, der den russischen Juden allerlei sogenannte Krleichterungcn bringen soll. Ein Gnadenerlass, wo wir keine Gnade und keine Liehe verlangen, sondern nur Recht! Oder besteht in einem christlichen Staat nicht auch für die Juden das Recht, mir zu leln.11. zu arbeiten, die Luit einzuatmen tmd nicht ungestraft zu 'lode gemartert zu werden?..Was aber gibt man den Juden in diesem Gnadenerlass? Man erlaubt einigen reichen Juden erster Gilde, soweit die Gilden natürlich überhaupt Juden aufneluneii. den Umkreis ihrer, geschäftlichen Tätigkeit zu erweitern. Man erlässt die zu Unrecht erpressten Strafgelder iiir erlogenc ,MilitärfÜiclitlingc. um den lügenhaften Schein zu erw ecken, als ob w er weiss wie viele Juden desertieren, während es die orthodoxen frommen Russen sind, die sich in angeborener Tapferkeit zu vielen tausenden über die Grenzen schleichen, um in Asien die Verteidigung des Vaterlandes den Juden. Polen und allenfalls noch den Kinnen und Deutschen'zu überlassen. Man verfährt nach dem russischen Grundsatz: ..Wer hat, dem wird gegeben, und w er nicht hat. dem wird noch das wenige genommen, was er etwa haben könnte!“ Mau gibt den Kommerziellraten und den Mamuakturräten eine Reihe von Vergiinstigungen den anderen Juden gegenüber und engt dauernd und systematisch die Millionen jüdischer Proletarier immer mehr und mehr ein. um sie allmählich den! Hungertode zu überweisen. Und wenn das mit dem Verhungern nicht schnell genug geht — Juden, arme Juden haben ein zähes Leben ־ so w ird von < ben her eine Heize geduldet und gehätschelt, auch inszeniert, tun dem Juden־ volle schneller den Garaus zu• mache!;. Aber bei Leibe nicht den Herren Kommerzienräten und Manufakturräten oder den Katnlcuteu erster Gilde. Ks gibt ja!!eben diesen einigen Tausenden — von oberen Zeliirausenc kann mau hei den russischen Juden nicht reden - Milli:;!1en hilfloser und Armer, bei denen man keine Erpressung für den Krieg und für die Beamtenschaft machen kann, und diesen'־ Millicuen gegenüber kennt der russische Christliehe Staat kein Erbarmen. Mil mnnensclilicher Grausamkeit werden sic auf gesetzlichem Wege unterdrückt, werden sie zur Auswanderung gezwungen, so weit sie noch auswandern können, und werden zum stillschwcigenden Jede verurteilt von Gesetzes wegen. Um' nur jeden Zw eile! daran zu benehmen. als handele cs sieh bei dem Gnadenerlass um etwas anderes, als um eine sehr weit angelegte und sehr wob! berechnete Veranstaltung, eine neue russische Anleihe unter die Leute, soll heissen unter die reichen Juden zu bringen, hat man gleichzeitig in den verschiedensten Teilen des weiten Reiches ״Pogroms“ befohlen und exakt ausgefiihrt. Mit jener selben präzisen Arbeit, mit der der Gendarmerieoberst Sjudekin ׳Jen zum Oberspitzel ernannten Revo- Intionär Pegajev aus dem Schnellzuge in der Eahrt befreien lässt, gehen die russischen Pclizeibcamten bei der Unterdrückung der Judcukrawalle vor. Ob in Smjela oder in S o s s n o w i t z e oder in dem wolhyiiischen Rowuo. überall ist dasselbe Bild: Die Polizei weigert sieh, den Juden ihre Hilfe gegenüber den christlichen Räubern angedeihen zu lassen und lässt morden und plündern. Am zweiten Tage, wenn nach Ansicht der Beiiörden genug geraubt und gemordet ist. w ird zum Einhalten anigefordert, und dieser Befehl wirkt ebenso schnell und präzis wie der erste zum Beginn der Krawalle gegebene Wink. Es ist kein Zweifel, dass die örtlichen Polizeibehörden überall nach denselben Grund- Sätzen handeln, als ob sic sieh noch nach einer gemeinsamen Instruktion richteten. Vielleicht ist es ihnen noch nicht bekannt, dass Väterchen einen Gnadenerlass hat ergehen lassen. Angesichts solcher Lage, die durch Gnadenerlasse um nichts besser geworden ist und sich um nichts bessern wird, ist es begreiflich, wenn die hungernde jüdische Arbeiterbevölkerung, wie es ja die Absicht der Regierung zu sein scheint, immer mehr in ein rein radikales Fahrwasscr gedrängt wird. So sehr wir cs bedauern, im Interesse der russischen Juden, bedauern, treibt die Gewältregiertmg die Juden immer mehr mit wohlbercchncter Absicht dem Sozialismus in die Arme, wohl