Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 404. No. 37. JÜDISCHE RUNDSCHAU. * « sind meistens junge Leute beiderlei Geschlechts, denen es an jeglichen Existenzmittcln fehlt. Einige Dörfer sind bereits vollständig verödet. In der Stadt Moh'.lcw selbst gibt cs weder Fabriken noch industrielle Betriebe irgend welcher Art, und die ganze Stadt besteht aus jüdischen Läden, die fast gar keine Einnahme mehr' zu verzeichnen haben. Nach einem Telegramm des ״Daily Chronicle“ aus Newyork seltenen viele dieser Juden den Weg dorthin zu finden. Aber auch Russen benutzen die billige Gelegenheit, nach Amerika zu kommen, diese freilieh nicht aus Hunger und Not, sondern aus der angeborenen Tapferkeit der Superioren Rasse. So hatte die ״\Vcstcrn!and'\ die die ersten 30 Shilling-Passagiere überbrachte, viele Christliehe Russen an Bord, die sich dem Kriegsdienst entzogen. Inzwischen müssen viele zehntausende Juden and PoRn In Ostaslcn für das ״heilige Russland“ bluten, das ihrer Nation und.ihren Glauben unterdrückt. Denn die scheinbaren Erleichterungen, die d'c Regierung für einige sehr reiche Juden getrofien hat, sind nur das Zeichen dafür, dass Russland Geld von den Juden haben will. Denn seine Finanzen sind völlig bankerott. Trotzdem behandelt es die ausländischen Juden, nicht wie die Bürger befreundeter Staaten, sondern wie eigene Sklaven. Den Wert, den die Juden bei ihren jeweiligen Regicrungcu haben, kann man daran ermessen, wie sie das Interesse ihrer jüdischen Staatsbürger gegen diese dauernden Vergewaltigungcn und Beschimpfungen warnelunen. Präsident Roosevelt will, wie der ״Tcmps schreibt, die liberalen Neigungen, die der Zar gegenwärtig gegenüber seinen jüdischen Untertanen au den Tag legt — schöne liberale Ncigungen, das— benutzen und hat den amerikanischen Botschafter in Petersburg beauftragt, der russischen Regierung zu eröfinen, dass die In Amerika naturalisierten Juden freie amerikanische Bürger geworden seien und des Schutzes der Vereinigten Staaten nicht mehr verlustig gehen könnten. Bekanntlich erkennt bisher die russische Regierung diese Naturalisationen nicht au und behandelt allfällig nach Russland Zurückgekehrte weiter als russische Juden, d. h. als rechtlos. Und dabei wird cs auch bleiben. Denn Russland ist der Träger der europäischen Kultur zu den Ostasiatischen Heiden. *) Fremdvölker, ״inorodzy“ ist der russische gesetzestechnische Ausdruck für alfc nichtchristlichen Volksstämmc des Reiches. Er umfasst also nicht nur alle heidnischen Völker, sondern auch Muhammedaner und Juden. Diese haben nicht allein alle staatlichen Lasten gleich den Christen, sondern auch noch besondere, den Juden speziell auferlcgte Lasten zu tragen — sind aber gleichwohl rechtlich den ״inorodzy“ beigezählt. Karäer dürfen nicht zum ״Judentum" übertreten. Kleine Chronik. Der Verein zur Bekleidung armer indischer Kinder ist in den letzten Monaten so stark in Anspruch genommen worden, dass cs ihm nur unter grössten Schwierigkeiten möglich war. die allernotweudigsteu Gesuche zu berücksichtigen. Während sonst im Sommer ertahrungsgemäss ein gewisser Rückgang in der Zahl der Petenten zu beobachten ist, war in diesem Jahre gerade das Gegenteil der Fall. Allein im Juli und August mussten 74 Kinder vollständig neu eingekleidet und ausgerüstet werden. Und doch ist der grösste Ansturm erst für den Winter zu erwarten. Es ergeht deshalb die herzliche Bitte an alle Menschenfreunde, den \*״-rcin zu unterstützen, sei es durch Beitritt als Mitglied (jährlich 3 Mark) oder durch Überweisung neuer oder gut erhaltener Kindergarderobe; denn nur dam» wird es möglich sein, wenigstens den Acrmstcn unter den Armen zu helfen. Die Geschäftsstelle des Vereins hdindet sieh W.30, Eiscnaehcrstr. 81, bei Siegbert Wiirzburg (6a 13670). Das Jüdische Mädchcustilt in Berlin, zur unentgeltlichen Ausbildung unbemittelter Mädchen tiir den Dienstbotenberuf, nimmt für die zum I. Oktober freiwerdenden Stellen schon jetzt Anmeldungen, die au den Vorsitzenden. Dr. Strclitz. Schönhauser Allee 162, zu richten sind, entgegen. Die seelsorgerlsche Tätigkeit der Rabbiner In Ehesachen. Bekanntlich hat der preussischc Justizminister den Amtsgerichten empfohlen, von den ln Ehesachen evangelischer und katholischer Partei.n anberaumten Sühnetermmen die zuständigen Geistlichen tinverzligrich zu benachrichtigen. Nachdem neuerdings von dem geschäftsführenden Vorstande des Rabbinerverbandes in Deutschland dem Justizminister der Wunsch ausgesprochen worden ist. dass die Amtsgerichte in Ehesachen jüdischer Parteien in gleicher Weise dem zustän» digen Rabbiner von der Anberaumung eines Sühnctcrmins alsbald Mitteilung machen möchte, hat jetzt der Justizministcr den Amtsgerichten empfohlen, diesem Wunsche nach Möglichkeit nachzukommen. Darüber, welches Rabbinat zur Entgegennähme der Mitteilung örtlich zuständig ist, soll den einzelnen Amtsgerichten besondere Verfügung zugehen; diejenigen Amtsgerichtefür deren Bezirke die Zuständigkeit eines bcstimmten Rabbinats snicht begründet ist. dürfte nach Ansicht des Justizministcrs die Mitteilung am einfachsten dem Vorstände der;nächsten Synagogengemcinde zugehen lassen, der für die Weitergabe an den im Einzelfalle zuständigen Rabbiner seinerseits Sorge tragen dürfte. Zwischen dem Synagogcn-Vereln Westen und der Stadt Berlin wurde seit Jahren über die Entschädigungsansprüche prozessiert, die int Zusammenhang mit dem Neubau der Potsdamer Brücke standen. Durch die hohe Anrampung der Brücke war die Passage vor dem Hekliause Potsdamer Strasse 2-1 wodeutlich erschwert worden. Der Strasscndamni war bedeutend höher gelegt worden, sodass beide 1 lausfronten stelleaweis bis zu einem Meter unter dem Strassennivcau lagen. Für den Zugang zu dem tiefer liegenden Trottoir waren Holztrcppen angelegt worden, ausserdem hatte man zur Verhütung von Unglücksfällen die Vertiefung durch ein hölzernes Geländer geschützt. Die in dem Hause wohnenden Geschäftsinhaber fühlten sich durch diesen Zustand geschädigt, ebenso machte der Hauseigentümer geltend, dass eine Entwertung des Grundstücks durch die Hoherlegung des Strassendummes cingetreten sei Er prozessierte gegen die Stadtverwaltung mit dem Erfolge, dass ihm schliesslich im Vcrglcichswegc eine Abstandssumme von 5" 000 Mark zugestanden wurde, und dass sich die Stadt ausserdem verpflichtete, die Vertiefung vor dem Hause bis zur Strasscuhöhe auf eigene Kosten ausfiilicii zu lassen. Diese Arbeit ist nun jetzt in Angriff genommen worden. Eine blosse Aufschüttung ist aber deshalb nicht durchführbar, weil die Keller des Hauses fast zehn Meter in die Strasse hineinragen. Es hängt das mit den früher vorhandenen Vorgärten zusammen, die unterkellert waren und bei der Verbreiterung der Potsdamerstrasse kassiert wurden. Die Pfeiler dieser Keller müssen nun entsprechend erhöht und die Kelierdccken neu gewölbt werden, bevor die Aufschüttung bezw. Pilastcrung des erhöhten Trottoirs erfolgen ka־׳r.. Die Reparaturarbeiten werden sich auf mindestens zwei Monate erstrecken, während welcher Zeit das Maus mit einem Bretterzaun umzogen werden wird. Heinrich Heine und das Kölner Zentrum. Die Rheinländer sind im allgemeinen nicht nur sehr dichterisch veranlagt, denn es werden wohl kaum irgendwo anders so viele Verse gemacht wie an den Ufern des Rheins, sondern sie sind auch überaus willig, den kleinsten Lokalpoeten üppige Lorbccrkränzc zu reichen. Aber nur ihrem weitaus grössten Dichter, der wie kein anderer den Ruhm des Rheins in die Welt gesungen hat, wil’J cs immer noch nicht gelingen, so recht bei seinen Landsleuten in Elircn zu kommen, obwohl er schon längst im Grabe ruht, was menschlich schwach an ihm war, niemanden mehr ärgert und der grosse künstlerische und kulturgeschichtliche Wert seiner Erscheinung von Tag zu Tag in glänzenderes Licht tritt. Wir meinen Heinrich Meine, den Vielgepriesenen und Vielverfolgtcn. Hut da die Stadt Köln irgendwo in der Neustadt ein Viertel zu einer Art Dichterwinkcl eingerichtet, in dem man Geliert, Uliland, Eichendorff, Frciligrath. Kinkel und andern deutschen Poeten durch Strasseiibencnmmgeii eine kleine Ehrung erweisen will. Da war nun eine neue Querstrassc zu benennen, und die Stadtverwaltung kam auf den Gedanken, cs wäre nicht vom Übel, wenn man sich bei dieser Gelegenheit auch einmal mit Heinrich Heine abfände. Ein Zcntrumsmitglicd machte dagegen in der Sitzung den Vorschlag, angesichts des Umstandes, dass gerade in dieser Strasse ein israelitisches Krankenhaus errichtet werden solle, die Strasse nach dem berühmten Professor Röntgen zu benennen. Auf eine Anfrage, ob man etwa an dem Namen Heines, der doch besser in das Dichtcrviertel passe als der Röntgens, Anstoss nehme, antwortete der Zentrumsredner. er habe Heines Name überhaupt nicht genannt, er übe nur das Recht jedes Stadtverordneten aus. eigene Vorschlüge machen zu dürfen. Darauf stimmten die Zcntrumsmitglieder der Stadtverordnetenversammlung geschlossen für die Benennung Röntgcustrasse. Bisher war cs im allgemeinen