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Jüdische Rundschau · 1904-09-16 · Heft 37 (16.9.1904) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 37 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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\ No. 37._ ־ JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 403. westliche Europa. Hierzu liegen aus der Neujahrsfestwochc folgende ernste Meldungen vor: Ausschreitungen gegen Juden In Russland. In der russischpolnischen Kreisstadt Kowno fanden Exzesse gegen Juden statt, die von Soldaten ausgingen, welche auf dem Markt mit jüdischen Obsthändlern in Streit geraten waren. Die Soldaten rotteten sich zusammen, misshandelten die Juden und begannen die Häuser und Läden der Juden zu demolieren. Da sie den Offizieren den Gehorsam verweigerten, konnten sie erst mittels Feuerspritzen vertrieben werden. Weitere Ausschreitungen werden über Kattowitz gemeldet: Im benachbarten Sosnowlce kam cs am gestrigen jüdischen Ncujahrstage zu ernsten Judenkrawallcn. Bei der Zeremonie des Taschlich bei einem nahen Wasser bewarfen Burschen die Juden mit Steinen; bei der Eiwiderung wurde ein Kind leicht verletzt, was .das Gerücht hervorrief, Juden hätten ein Kind getötet. Arbeitertrupps durchzogen abends die Strassen, zertrümmerten die Scheiben jüdischer Wohn- und Bethäuser und der Synagoge sowie mehrerer Läden. Mehrere Juden, natürlich besonders Frauen, wurden vom Pöbel durch Steine und Messer verletzt. 10 Verh ftungen wurden vorgenommen. Diese Propaganda fiir den Übertritt der Juden hat im Kiewer Gouvernement noch ernstere Formen angenommen: Ueber Ruhestörungen, die am ■1. und 5. d. Mts. in Smjclna sich ereigneten, wird der ״Russ. Telegr.-Ag." aus Kiew ge* meldet: Ein jüdischer Ladenbesitzer hätte eine Bauersfrau misshandelt, weil er sic im Verdacht hatte, ihm ein Tuch ge^ stöhlen zu haben. Eine Volksmenge rottete sich zusammen und plünderte und verwüstete 100 Häuser und 150 Läden, die Juden gehörten. Am 4. September abends fing eine Gruppe von 60 Juden eine Schlägerei mit Christen au. Ais die Juden auf die Christen Schüsse abgaben, wurde Polizei herbeigerufen, die von den Revolvern Gebrauch machte und zwei Personen verwundete. Am 5. September morgens begaben sich mehrere hundert Eiscnbalmarbcitcr von der benachbarten Station Bobrinskaja trotz des Einschreitens der Behörden mit einem Eisen ba h n zu g e nach Smjclna, wo die Ruhe- Störungen sich alsbald erneuerten. Zur Unterdrückung der Ruhestörungen wurde Militär herbeigerufen, das von der Waffe Gebrauch machte, wobei vier Personen schwer und eine grössere Anzahl leicht verletzt wurden; eine Anzahl Personen wurde verhaftet. Die ״Russ. Tclcgr.-Ag.“, von der dieser Bericht stammt, fct ein halbamtliches Unternehmen, das noch viel weniger als die anderen publizistischen Organe in Russland unzensurierte Mitteilungen veröffentlichen kann. Obige Darstellung hat also die Genehmigung der russischen Behörden erhalten. Es ergibt sich aus ihr folgendes: Als die Volksmenge hundert Häuser und 150 Läden plünderte, schritt weder Polizei noch Militär ein, als aber am nächsten Tage die Juden sich selbst wehrten, fand die Polizei auf einmal, dass sic ihre Pflicht tun müsse. Das ist der altbekannte Vorgang, der sich auch in Kisclüncw, Hornel und vielen anderen Orten abgespielt hat. Am Tage nach der Plünderung begaben sich, ganz so wie seinerzeit in Kischincw dre Bauern der Umgebung, mehrere hundert Eisenbalmarbeiter aus der Nachbarschaft nach Smjclna, um Nachlese zu halten. Sie fuhren in fröhlicher Aussicht auf Raub und Totschlag sogar mit einem Eisenbahnzuge nach Smjclna. und die russischen Behörden, die doch sonst um Gewaltmittel nicht verlegen sind, zeigten sich ohnmächtig, den Eisenbahnzug aufzuhalten. Höchst merkwürdig in der Tat. Dass die Ruhestörungen in Smjclna sich daraufhin ״alsbald erneuerten,“ braucht unter solchen Umständen nicht Wunder zu nehmen. Ais dann alles abgegrast und kahlgcraubt war, fand sich schliesslich Militär auf dem Schauplatze ein. Wie viel Juden hi Smjclna abgcschlachtet worden sind, davon schweigt der Bericht wohlweislich. Und das alles geschieht unmittelbar nach jener ,.judenfreundlichen" Verordnung des Kaisers, von deren angeblich humanen Absichten die russischen Behörden so viel Aufhebens machen. Die Ausschreitungen währten nach einem Privatbrief fast den ganzen Sonntag, die ganze Nacht und Montag bis II Uhr morgens; bis das Militär aus Tschcrkassy, der Kreisstadt, (befindet sich zirka 25 .\Mcrst von Smjclna, mit der sic durch eine Eisenbahnlinie verbunden ist) augekommeu war, dauerte cs anderthalb Tage. Ganz Smjclna Ist ffjsgeplündert; es sind übrig geblieben vier Läden, die von den Russen selbst losgebeten wurden, die Kowalewka (so wird ein Stadtviertel genannt, in dem etwa un Zehntel der gesamten jüdischen Bevölkerung lebt) und unsere Strasse von der Feuerwehr ab; das haben die hiesigen jüdischen jungen Leute mit noch 60 aus Tschcrkassy, die mit Revolvern bewaffnet waren, gerettet Die Plünderung ist um so bemerkenswerter, als der Metropolit beim Beginn der Verheerung hier durchreiste. Als er über den Markt fuhr, Ir elten ihn die Juden aui und baten ihn, zu der Menge hinauszugehen (cs war bloss eine Bande von etwa 50 Burschen.) Er antwortete nichts und fuhr weiter. Man kann eigentlich sagen, dass dank ihm die Verwüstung so gross wurde; denn die gesamte Polizei war neben ihm, und niemand störte die Plünderer in ihrer Arbeit. Als man de Polizei um Hilfe bat, antwortete mau, dass sic den ״Wladyka" (Wladyka Herrscher; so wird der Metropolit gewöhnlich genannt) nicht verlassen dürfe, sie blieben denn auch bei ihm, während die Geschälte und Häuser geplündert wurden. (Smjclna zählt etwa 10 000 Juden. Gestern ist der Gouverueuer augekommeu. Er fuhr durch die Stadt und sehne den Juden zu: ״Fort, nach Hause!" Darin bestand seine ganze Tätigkeit und Hilf c. Einer jüdischen Deputation hat er versprochen, am andern Tag die nötigen Anordnungen zu trefien, er ist jedoch während der Nacht nach Kiew ausgerissen. Die Polizei schro:- tet sehr ungern ein; die Haussuchungen werden nicht mit der erforderlichen Energie ausgeführt, diejenigen, bei welchen Waren gefunden werden, bleiben in Freiheit; auch die Führer der Menge sind nicht verhaltet. Kurz, diese Verheerung wird noch ungestrafter als alle bisherigen bleibcn. Wir hatten an die Redaktionen der ״Nowosti“ und andrer Zeitungen telegraphiert, dass sic d'ese Greuel bekannt machen möchten, bekamen aber die Antwoit, dass die Zensur cs nicht erlaube. Die jüngst mit so viel Tamtam in die Welt hinausposauntc Gnadenerlassgeschichte des Friedenszaren läuft in Wahrheit aui eine neue Mache se'ncr nächsten Umgebung hinaus, um dem halbwegs zivilisierten Europa Sand ln die Augen zu streuen, damit die reichen Juden noch ungenierter die russisehen bankerotten Papiere durch die neue geplante Anleihe für o'nigc Zeit über Wasser halten. Sie sollen in den erlogenen Begünstigungen der russischen Juden einen Vorwand fimJen, um sich über etwaige Bedenken hinwegzutäuschen, dass das bei den Juden geliehene ־ - in Russland selbst erpresste — Geld nur dazu dienen soll, die russischen Juden mit noch mehr Nachdruck zu unterdrücken und zum ״Untertaueben“ zu zwingen. Welche Gesinnungslumperei gehört für einen aus Russland gebürtigen Juden dazu, unter solchen Umständen den Rat zur Fahnenflucht zu geben, *־־׳ fern vom Schuss. Der Metropolit kann sich nicht beklagen, dass in Snjamja die religiöse Propaganda zur Bekehrung der Juden zu rücksichtsvoll betrieben würde. Wenn man freilich Achciis und andere Lehrbiieber christlicher Theologie Vcst, so erfährt man dort, dass der Isläm cs war, der sich im Gegensatz zum Christentum durch Gcwaltpropaganda ausgebreitet habe. Doch diese Verfolgungen sind nur das äussere Zeichen für die entsetzliche Not im inneren Leben der russischen Juden. So gross wie in diesem Jahre war die Auswanderung seit langen Jahren nicht mehr. Der Hunger grassiert zu sehr in dem durch Ausnahmegesetze und russische Beamtenkorruption ausgehungerten Ghetto. Russische Zeitungen melden aus Mohilcw, dass die jüdische Auswanderung aus dieser Provinz einen immer grösseren Umfang anuimm(. Die Auswanderer י i

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