Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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I No. 35. Seite 386.' JÜDISCHE RUNDSCHAU. ״Gesetzmässigkeit In der Erläuterung der Judengesetze. | Petersburg, 18. Aug. Am 12. August traten die Minister und Ressortchefs unter dem Vorsitz Wittes zu einer Komitee- Sitzung zusammen. Es handelte sich, wie wir aus sicherer Ouelie wissen, um die Abschaffung einer ganzen Anzahl von irrtümlichen Auslegungen der Judengesetze durch die Gouvernements- und Polizeibehörden, die durch Schiedsspruch des Senats oder Reichsrats Gesetzeskraft bekommen hatten. In neun Punkten zusammengefasst ist die neue Verfügung durch Witte dem Zaren zur Genehmigung vorgelcgt worden. Wie wir hören, sollen sie den Beifall des Zaren gefunden habci und voraussichtlich in fünf bis sechs Wochen veröffentlicht werden. Der Inhalt des neuen Gesetzes bezieht sich in erster Linie auf die schon bisher privilegierten Israeliten. So erhalten die Frauen und Kinder Von studierten Leuten, Kaufleuten erster Gilde und Handwerkern das Rech{ ausdrücklich «;gesprochen, bei Abwesenheit des Familienoberhauptes an ihrem bisherigen Wohnorte verbleiben zu dürfen. Die genannten privilegierten Juden dürfen auch in Dörfern wohnen | u::d erhalten ausdrücklich das Recht, daselbst Wohnung, Laden ' urd Werkstatt zu mieten. Bisher wurde ihnen das Recht zum Mieten von Wohnungen usw. streitig gemacht, da im Gesetz nur stand: ״Die Israeliten haben das Recht, in den Dörfern zu wohnen; nicht aber stand da, sie haben das Recht. Wohnung zu mieten.” Ferner sind einige kleine Erleichternngen für die Haltung jüdischer Dienstboten durch .; Israeliten vorgesehen. Auch die Reiseerlaubnis fiir israel ische; Kaufleute erster und zwc'ttr Gilde ist erweitert worden. Bisher . dürfen diese Leute nicht öfter als zweimal in einen Ort kammen, wo se keine W'ohnbercchtigmig haben. Nach dem neuen Vorschlag dürfen sie nach Belieben oft ausserhalb der Zone reisen; jedoch darf die Gesamtzahl der ausserhalb der Zone verbrachten Tage im Jahre ISO nicht übersteigen. In eilige- ׳ weihten Kre scn, in denen der dein Kaiser vorgelegte Wort- ־ laut des Ministcrhlbcschtusscs bekannt ist, urteilt man itn hochj s:ea Masse skeptisch über die Wirkungen der sogenannten Er■ : Icichterungcn. Es wird behauptet das Gesetz enthielt eine ’ ganze Zahl von Ungciiauigkcitcn, die der Willkür der Provin-; zialbehördcn Tor und Tür öffneten. Wir körnten einstweilen rieht beurteilen, ob diese Auffassung berechtigt .!st. Tatsache ist d2ss die am meisten unter der Ausnahmcgesetzgcbung leidenden Kreise nämlich die niedere Arbe tcrbcvölkerung an den Wohltaten des neuen Ministcrialbeschlusses gar keinen An• teil hat.” Aber der Spiritus-Rektor dieser Zarengnadc ist der Finanzmann Witte und dem Geldc der Juden gelten diese Gnadenbeweise und nicht den Juden. Darum sind sic für die wenigen reichen russischen Juden sorgsam abgezirkelt, die m't diesem j Köder gefangen werden sollen. Die Anleihe des innerlich durch j die Misswirtschaft und den misslungenen Eroberungskrieg in : Ostasien bankerotten Staates soll noch einmal durchgedrückt werden, che der Staatskonkurs m Kraft tritt. Darum muss j sogar die ״Nowoje Wrcinja", die Krenzzeitmig Russlands. ' freundliche Sirenentöne anstimmen: 1 ״In den Persoiialverhültnissen der russischen Res'denzpresse st ein interessanter Vorgang zu verzeichnen. Herr A. Stolyp'n, der bisherige Chefredakteur der ״Peterburgsj kja Wjcdoniosti", ist seit einigen Tagen zur ,.Nowoje Wremja" übergegangen und zwar allem Anschein nach ohne damit von den Prinzipien abzugehen, d e er bisher in den Peterburgskija Wjedomosti" vertrat. Zu d'csen Prinzipien gehört bekanntlich eine erfreuliche Duldsamkeit gegen de nicht nationalrussischen Bevölsi\cruugselemente des russischen Rei- > ches, insbesondere auch gegen die Juden, während die ,.Nowoje AU'cmja" bisher auf dem Standpunkt des engherzigsten und | verranntesten Antisemitismus bcliarrte. So kam! man denn seit . einigen Tagen die interessante und beachtenswerte Erscheinung | beobachten, dass dieses Blatt, das bisher unverfroren für die 1 Unterdrückung der Juden eiutrat, neuerdings Artikel bringt, in denen euer humaneren Behandlung der Juden, eher Er- Weiterung ihrer Rechte usw. das Wort, geredet wird. Bei der Disziplinlosigkeit der russ'sclicn Presse, d e cs mit sich bringt, dass ein und dasselbe Blatt gelegentt ch ganz entgegengesetzte Auffassungen vertritt, bedeutet die in Rede stellende Erseheirung allerdings noch nicht, dass mm die ,Nowoje Wremja" auch als solche sich auf einen anderen Standpunkt in der Judenfragc stellt; aber immerhin ist es erfreulich, dass sie jetzt in diesem Fall das bekannte Rennomniee der ״Nowoje Wremja” bestätigt, dass sic nämlich eine vorzügliche Spürnase daiür hat, aus welcher Gegend jeweils der Wind in den mussgebenden Krc'sen wellt, so darf man diese Tatsache vielleicht als eine Bestätigung der in der letzten Zeit zahlreich umherschwirrenden Gerüchte anschen, wonach in der Tat eine Revision der Judengesetzgebung ln fortschrittlichem Sinn im M erk sein soll." . , .. Weil! man Geld braucht, muss der russische Nattonabsmus des deutschen Balten Nikolaus Engclmann einige Zeit hinter der milderen Tonart des Russen Stolypln zurücktreten. Denn dass die eigentlichen Russen cs den baltischen Russomancn ln der Judenfeindlichkeit nicht nachtun können, ist eine allbckannte Tatsache. . Sic sind eben noch zu roh und unkultiviert, die Juden anders als mit der rohen Paust zu bearbeiten. Die Balten benutzen dazu das Gesetz, wozu Russen und andere Slavcn die Faust und das Bell gebrauchen. Die Ableugnung der Vorgänge In Parczew durch deoi offiziösen russischen Telegraphen ist eine plumpe Lüge. Es haudclt sich zunächst nicht um einen getauften Juden, sondern um eine Jüdin und nicht um eine Erwachsene, sondern um cm I3jährigcs Mädchen Hanne Korn aus Czcstochow, Gouverncment Lublin, und niemand wollte sie ״verbergen", sondern ihre Eltern wollten sic am he'.lcrliclitcn Tage vor Gericht aus den Klauen der Jesuiten reissen. Dies verursachte wohl einen ,.Auflauf־' von Christen sowohl wie von Juden, aber die einen und die anderen sahen anscheinend teilnahmslos dem stillen Kampfe von Eltern und wildfremden Leuten um ein Kind zu. Erst als der Vertreter des Jesuiten Klopotowski den Christliehen Hänfen harnnguierte und der Polizcigcwaltlgc des Ortes, M a x i m T okarski, drein rief: ״N «11 los, Jungen s, nach K i s c h i n c w c r A r t!" w ä h r e 11 d sein Gehilfe O s in a I s k i fünf R c v o 1 v e r s c!1 iis sc a b g a b , dann erst warfen sich die Christen, allerdings mit Herrn Tokarski und den Gendarmen Melnikow, Zizkin und Qolod an der Spitze, auf die Juden. Dass kein enziger Christ zur Verantwortung gezogen wird, nicht einmal der famose Maxim Tokarski׳, dem übrigens eine der Zeug'iincn vor dem Staatsanwalt Nicolai Domocliowskl und dem Untersuchungsrichter Alexander Karpiuski den Versuch einer Nolzfichtigung auf de:! Kopf zusagte . darüber schweigt sich der offiziöse Telegraph natürlieh aus. Dagegen sollten sechzig Juden eingekerkert werden ־- wenn sie nicht bei Zeiten geflohen wären; nur neun befinden s;ch vorläufig im Gefängnis zu Sicdlcz, nämlch D. Adler, M. Licbermann, A. Roppnport. J. Pankicwitz, M. Feigenbaum. J. Fe'gcnbaum, M. Oesbaum, J. Weinberg, B. WiMbaiim. Weleben Vergehens sie eigentlich angeklagt werden, weiss kein Mensch. Man wird cs aber schon ausfindig machen. Ucbcrhaupt sind gewaltsame Ausschreitungen nicht *bgckommen und ebenso wie bisher an der Tagesordnung, wenn sie auch nach Möglichkeit vertuscht werden müssen, weil sic hei den Geldgeschäften der Herren Witte und Genossen unbequem werden könnten. Nachrichten aus verlässlicher, privater Quelle besagen, dass In Bcssarab'eu in den letzten H Tagen blutige antlsemltische Ausschreitungen vorgekotnnien sind, bei denen mehrere Juden getötet und etwa SO verwundet wurden. Die Haupt« lietzer smd die Geistichen, die von der Kanzel herab blutriinstige Reden gegen die Juden halten, indem sie sic unter anderen! beschuldigen, den Krieg mit Japan angestiftet zu haben. Zudem wird von berufsmässigen' Agitatoren unter den unteren BcvöSkerungskl'issen die Ansicht verbreitet, dass die russische Regierung den Juden volle Bürgerrechte gewähren wolle und dass ü e Judu» dann die Herrschaft über das rechtgläubige Volk an sich reissen würden. Die Bewegung Ist diesmal uui die Dörfer und kleinen Städte des flachen Landes beschränkt. Da die antisemitischen Unruhen aber diesmal der russischen Regierung offenbar nicht erwünscht sind, wurden weitgehende mil tärischc Massnahmen getroffen, um die Ruhe wieder herstellen. -»5׳9י*;•»׳ י ו Aber Russland überschätzt die Juden. Sie haben leider nicht das poiit^che Verständnis und nicht das Selbst- und Ehrgefühl, um ade russischen Licbeswcrbungen, die nicht ihnen, sondern ihrem Geldc gelten, kühl bis e.ns Herz hinan gegenüber