Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 35. Seite 387. JÜDISCHE RUNDSCHAU.! xä stehen. Die •einzigen Juden, die schon genug der Freiheit genossen haben und deren Rückgrat deshalb aufrecht und fest steht, sind die Bürger des freien Amerika. Sie haben darchgesetzt, was der deutsche Jude für sich nicht einmal erträumt. Einem Kongressbeschiusse gcmUss ist der amerikanische Botschafter beauftragt, bei Russland eine andere Behandlung der amerikanischen Bürger jüdischer Nation durchzusetzen, als Russland sie den jüdischen Bürgern anderer Nationen zu teil werden lässt. Die Bundesregierung besteht auf einer radikalen Aenderung der bisherigen russischen Praxis gegenüber amerikanischen Juden. An den amerikanischen Juden sollten die europäischen Stammesgenossen lernen, wie freie Männer zu handeln haben. Gelegentlich der Naturforscher-Versammlung In Breslau findet ein Diskussionsabend für Zionisten am D i e n s t a g, d e m 29. September, Abends 8?4 Uhr im oberen Saale des Cal6 Fahrig, Zwingerstrasse, statt, bei welchem D r. me d. Theodor Zlocisti -Berlin über .,die äuge nblickljchc Situation in der zionistischen Bewegung" sprechen wird. Am Montag, dem 19. September sind von 9 Uhr ab Gesinnungsgenossen im Cafe Residenz, Tauenzicnplatz zu treffen. Am Mittwoch, dem 21 .September Abends öffentliche Volksversammlung. Näheres durch Zahnarzt Schachtel- Brcslbu I Ohlatierstrassc 64. Sprechsaa!. Für die Mitteilungeh an dicscr.Stelle übernimmt die Redaktion nur die prcssgcseiziiche Verantwortlichkeit. ־ Sehr geehrter Herr Redakteur! In N0. 1 eines ui London erscheinenden Blättchens ״Jüdische Zukunft" wird behauptet, es seien von mir in der Sitzung des Grossen Aktions-Komitees vom April d. Js. Äusserungen beleldigcnder Art gegen das Jargonjudcntum gefallen. Der Ton der daran geknüpften Ausführungen ist so ungezogen, dass nur eine Erklärung bleibt: Der Veriässcr hat seine Gesinnungstüchtigkeit durch öde Schimpfereien beweisen zu müssen geglaubt. Die mir in den' Mund gelegten Äusr.crtmgen sind selbstverständlich von Anfang bis zu Ende freie Erfindung. Wiesbaden, den 28. August 1904. Dr. iuris Friede mann. ' 3־ Gojusblüten. Bad Nauheim, 25. Aug. Gestern früh fand mit Gcnchmigu.ng des Vorstandes auf Veranlassung der Kurgäste Nachmann Grünberg aus Groden, Simon Salschupin aus Warschau, Scliafa Berlin aus Riga und Moisei Wajnstein aus Samarrn anlässlich der glücklichen Geburt des langersehnten russischen Thronfolgers in der Synagoge eiii •Fcstgöttesdicnst mit Predigt statt. Die russischen Kurgäste hatten sich zahlreich c!]gefunden und verlicssen erst nach beendigtem ■Gottesdienste, der etwa eine Stunde dauerte, sichtbar befriedigt das Gotteshaus. Nach bccr.Jigter Andacht wurde ein längeres Glückwunschtelegramm, den Gefühlen innigster Liehe und Treue zum herrscherhause und dem Erflehen der Segnungen ־des Himmels für das Fortbestehen und we tere Gedeihen des russischen Kaiserhauses Ausdruck gebend, an den Minister in Petersburg zur Ueberrctchung an das Zarenpaar abgesandt. (Bad Nauh. Anz.) Allerlei. Auf dem Internationalen Sozlallstenkongress Hessen sich die eifrigsten Antmationalen am meisten durch ihren imbewussten Nationalismus und durch ihr Staudcsgefühl leiten. Bewussler tritt dieser nationale Gedanke bei Eduard Bernstein auf, dem einzigen Sozialisten von führender Stellung, der sich seines .Judentums nicht entäussert hat. Er hat klar gezeigt, dass er den nationalen Gedanken neben dem sozialen zu schätzc’n weiss. Bei Gelegenheit der Lassallegedenktage holt er auch wieder aus dem Vermächtnis dieses bedeutenden Koimationalen Splitter, die wie nationales Rüstzeug aus dem waffengewaPtigen Arsenal Lassalles aussehen: Wir geben aus diesem intcressanten Zitatenlcitartikei einiges wieder. Das Recht der Nationalitäten und die Demokratie. ״Das Prinzip der ireien, unabhängigen Nationaltäten ist die Basis und Quelle, die Mutter und die Wurzel der Demokratie überhaupt. Die Demokratie kann nicht das Prinzip der Nationalitäten mit Füssen treten, ohne selbstmörderisch die Hand an ihre eigene Existenz zu legen, ohne sich jeden Boden theoretischer Berechtigung zu entziehen, ohne sich g r u n ds ä t z l i c h u n d von Grund a u s zu verraten."' (Der italienische Krieg und die Aufgabe Frcussens,!859.) Ueber die Grenzen des National-tätenrechts. ״Dieses Prinzip (der freien Nationalitäten) erleidet eine einzige Einschränkung, welche deshalb nur eine Einschränkung und keine Ausnahme ist, weil) sie aus dem Begriff selbst flicsst, aus welchem das Prinzip der Nationalität seine Berechtigung tigung hcrleitet. Das Prinzip;der Nationalitäten wurzelt in dem Recht des Volksge'-stcs auf seine eigene geschichtliche Entwicklung und Selbstverwirklichung. — Wie nun das Recht der Geschichte und ihrer Gcsamtentwickclung das grössere ist gegen das ihrer einzelnen Adern — der besonderen Völker —, wie das Recht jeder dieser Adern im geschichtlichen Organismus auf eigene Funktion, auf eigene Entwicklung eben an die tatsächliche Bedingung gebunden ist, dass sie funktionicrcn, dass sie sich entwickeln, so bleibt das Recht der Voiksgeistcr auf eigene Existenz daran gebunden, dass ein in eigener Weise sich entwickelnder und mit dem Kulturprozesse des Ganzen Schritt haltenden Volksgc'st da sei. Andernfalls wird die Eroberung ein Recht. Mit dieser einzigen Einschränkung also, oder vielmehr mit dieser genauen Bestimmung, muss das Prinzip der freien Na* tionalitätea begriffen werden; sonst hört cs auf, ein Prinzip zu sein und treibt sich zun! Unsinn." (Der italienische Krieg usw., 1859.) Bernstein schliesst mit folgender Bemerkung, wo wir ausdrücküch betonen, dass die Hervorhebung des Wortes N ationalitäte 11 recht im Druck aus seinem ״Neuen M o n t a g s b l a 11” stammt. . ״NVir brechen hier ab. Weitere Stücke werden wir an anderer Stelle zum Abdruck bringen. Aber schon das hier Gegebene reicht aus, fruchtbares Nachdenken heryorzurufen. Insbesondere machen wir auf die Sätze über das N a t i o n al! t ä t e u r e c h t aufmerksam. Sie sind geeignet, uns einen Massstab für eine ganze Reijic von Fragen zu liefern, d(p heute noch ungelöst sind — einen Massstab, der gleich entfernt ist von verschwommener Sentimentalität, wie von brutaler Proklamierung des Rechts des Stärkeren. Es verrät sich in diesen Sätzen eine der grössten Eigenschaften des Denkers Lassalle, eine wahrhafte und tief empfundene Geschichlsplrlosophie, und wir heben sie heute um so lieber hervor, als grade Lassalles gcschichtsphilosophische Auffassung unsres Erachtens noch bei weitem nicht die rechte Würdigung gefunden hat." E. B. Kleine Chronik. Neue Palästina-Ansichtspostkarten. Der Jüdische Verlag (Berlin. Grossbecrenstr. 75) gibt soeben eine Serie von Palastirui-Ausichtspostkarten heraus. Die Karten sind in Schwär z. Weiss- Zeichnung mit zwei t a r b i g e n 1 o 11 p l a 11 en hergestellt und zum Preise von 1,29 Mark (franco) für die Serie von 25 Stück zu haben. Die Karten eignen sich vorziig-!ich für Gl ii ck wunschkarte 11 für die bevorstehenden Festtage. . . Einen Aufruf für Finnland und gegen Russland veroffentlicht der ״dänische" Literaturhistoriker und Kritiker Georg Bran. des in ״Politiken•‘. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit den Gewaltmassrcgcln gegen die drei Helsingforser Universitätslehrer Baron Wiede, Proiessor Homen und Dr. Estländer, die eine Eingabe an das Kanzleramt der kaiserlichen Alexander- Universität, zu Händen v. Plehwes, gerichtet hatten, worin sic gegen die schändliche Behandlung protestierten, der diejenigen iiusi'schen Studenten ausgesetzt waren, welche der verfassungswidrigen Heerordnung von 1901 nicht Folge leisteten. Die Eingabe hatte zur Folge, dass die drei Universitatsiehrcr gewaltsatn mach dem Innern Russlands geführt wurden. Brandes schreibt nun: ״Die studierende Jugend der drei nordischen Länder und die Universitätslehrer dieser Länder sollten ihr Mitgefühl mit den Studenten und Lehrern der Universität Helsingfors aussprechen und Protest cinlegen gegen die Gewalt und Misshandlung, die gegen sic verübt wird. Dann darf man hoffen, dass die Bewegung sich weiter fortpflanzt, so dass die Universitäten anderer Länder, zuerst und vor allem die Englands und %