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Jüdische Rundschau · 1904-09-02 · Heft 35 (2.9.1904) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 35 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 35. JÜDISCHE RUNDSCHAU Selto 385. heit, Dreistigkeit, Unerhörtheit, ia für einen Skandal" erklären darf?! Wohin soll es führen, wenn ein jüdisches Repröscntanten-Kolleg, also eine offizielle jüdische Körperschaft, daran Anstoss nimmt und es missbüligt, dass jüdische junge Leute sich zu einem jüdischen Turnverein Zusammenschlüssen?! Müsste nicht — gerade in unseren Tagen — jeder echte Jude es mit aufrichtiger Freude begrüssen. dass unsere Jugend steh ihrer jüdischen Abstammung erinnert, den tausendfach geschmähten und geschändeten jüdischen Namen in Ehren hält und ihn frei und offen bekennt? Noch gibt es stolze und aufrechte Juden, die ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volksstamm nie und nirgends verbergen. An diese Juden wenden wir uns mit der Aufforderung, sich mit uns zu scharfem Protest zu vereinigen gegen den Unglimpf, der jüdischen Turnern von der jüdischen Repräsentanz in Hannover angetan worden ist. An die jüdische Presse richten wir den Appell, tatkräftig einzutreten für die ohne Grund schroff angegriffene schwächere Partei, und den jüdischen Repräsentanten in Hannover klar zu machen, dass es nicht ihre Aufgabe ist, der jüdischen Jugend einen Weg zu versperren, der zum Tempel der Liebe und Begeisterung für unser jüdisches Volkstum führen kann. Dr. Hermann Jalow’icz, Schriftführer der ״Jüdischen Turnerschaft“. —I Aus der Bewegung. ן— Damen und Herren in Berlin und Vororten, die Schekelblocks zum Einsammeln der Schekel wünschen, werden hiermit gebeten, sich umgehend an Herrn J. H. Wagner, B e r 1 i n N, Prenzlauerallee 9 zu wenden. Berliner Zionistische Vereinigung. Die Lesehalle der Zionistischen Vereinigung im Restaurant Baumann, Friedrichstr. 5811 wird am Sonnabend, den 3. September, abends 9 Uhr offiziell eröffnet. Wir fordern unsere Gesinnungsgenossen auf, die Lesehalle recht fleissig zu besuchen, insbesondere am Eröffnungsabend zahlreich zu erscheinen. Gäste sind stets herzlich willkommen. Hastnoaaea. Die Kneipe der ״Freien Verbindung Hasmonaea" befindet sich m'cht Leipzigerstrassc, sondern F riedrichstrasse 58 II. Rundschau. יי- Die jüdischen Feiertage stehen unmittelbar bevor und werfen ihre Schatten.voraus. In Berlin werden am nächsten Sonntag zwei neue Synagogen eingeweiht. •Die eine orthodoxe der Austrittsgemeindc Adass-Jisrael, die für das Gros der Juden eben des Austritts aus der Gemeinde wegen gar keine Bedeutung hat, und die andere, die den Tausenden am alten Volkstum treu hängenden jüdischen Bürgern des Nordostens einen moderneu Gottesdienst in den althergebrachten Formen geben soll. In der Rykestrasse wird voraussichtlich ein reges jüdisches Gemeindeleben sich entwickelt. Aber für unsere Brüder im Osten Ist die Feiertagszeit diesmal kerne Zeit der Sammlung, sondern eine solche der Zerstreuung über alle Länder der bewohnten Erde mehr noch als in den früheren Jahren. Die schwere Kriegsnot drückt auf die Juden in vielfacher Gestalt. Und bei aller wirtschaftlichen Not werden die jüdischen Famitienvätcr mit Vorliebe aus dem Familienkreise gerissen, um im fernen Osten für das Vaterland zu kämpfen, das sie stets nur als Feinde behandelt hat. Infolge dessen hat die Auswanderung aus dem rechtgläubigen, christlichen Lande noch nie so grosse Dimensionen angenommen, wie heuer. Aber wie es diesen Unglücklichen auf der Reise ergeht, darüber lässt sich die Erfurter Tribüne folgendes mcüden: : . ״Auf dem Etappenweg — durch Deutschland. Aut dem Ruhlebener Bahnhof bei Berlin kann man seltsame Szenen beobachten. Den Zügen, die aus dem Osten kommen, entsteigt ein sorgfältig eskortierter Menschenhaufen, Männer, Frauen und Kinder. Die Leute, die wie Gefangene bewacht werden, werden in einen abgeschlossenen Raum gebracht, zu dem kein Unbefugter Zutritt erhält. Nach einiger Zeit werde ז die Menschen — scheinbar lauter gefährliche Verbrecher, wieder herausgeholt, in einen vorfahrenden Zug gepfropft; die Waggons werden abgesperrt und der Zug fährt ab. Es geh. über den Lehrter Bahnhof hinaus nach den Auswanderungshäfen Hamburg und Bremen. Das ganze aber macht weniger den Eindruck einer freiwilligen Fahrt nach dem freien Amerika, als einer zwangsweisen Verschickung auf dem Etappenwege nach Sibirien. Was geht da vor? Aus jedem Zug — etwa die Luxtis-Expresszüge ausgenommen, — der von Russland nach Deutschland kommt, wird ein Haufen von Personen herausgehoüt. Es sind meist Leute, die wirklich nach Amerika wollen, cs finden sich aber auch viele darunter, die eines der westlichen Länder Europas als Reise« ziel gewählt haben. An d'csc alle wird die Frage gestellt, ob sie eine Fahrkarte der Hamburg-Amerika-Linie” oder des .,Norddeutschen Lloyd” nach Amerika nehmen wollen. Weigern sie sich, so werden sie unfehlbar über die russische Grenze zurückgeschickt. Die anderen werden in gesperrte Wagen gepackt und über die Ruhfcbener Etappe nach dem Hafen gebracht. Nur wer in der glücklichen Lage ist, Herrn Ballin einen Kajütenplatz bezahlen zu können, erhält die Erlaubnis, sich frei zu bewegen. Von den anderen aber kann man die Meinung aussprechen hören, dass man in Russland eigentlich doch viel treier sei als in Deutschland. Russen, die auf der Fahrt durch Deutschland mit Landsleuten oder Verwandten Zusammenkommen wollen, finden weder mit List noch mit Gewalt die Möglichkeit dazu. Andere, die bestimmte Gründe haben, die zwangsweise Rückbeförderung nach dem russischen Vaterlande zu vermeiden, kaufe! Herrn Ballin einen Kajütenplatz ab, um ihn möglichst rasch wieder zu verkaufen und ihren Kurs nach London oder nach Paris oder nach der Schweiz zu nehmen. Auswanderer, die sich bererits mit Fahrkarten nach Amerika bei englischen oder holländischen Gesellschaften versehen haben, sehen sich in die schlimmste Verlegenheit versetzt; man sucht sie zu veranlassen, die bereits gelösten Bidets wieder loszuschlagen und sich dem allein seligmachcnden deutschen Seetransport anzuvertrauen. Diese behördliche Zwangsagentur für private Dampferge- Seilschaften und diese Einschränkung der persönlichen Freiheit, die mit ihr verbunden ist, gründen sich auf eine preussische Polizeiverordnung, die das russische Auswanderungswesen aus angeblich hygienischen Rücksichten regelt. So setzten sich die armen russischen Reisenden (wer zweiter Klasse fährt, dem passiert dergleichen nicht) auf deutschem Boden scht’mmerer Bevormundung aus, ais sie es in Russland selbst gewohnt sind. Freilich — es sind ja nur arme Russen und zum Teil rus• sische Juden noch dazu. Kein anderer Staat — höchstens etwa das Deutsche Reich ausgenommen — würde sich eine solch russische Behandlung seiner Angehörigen gefallen lassen!" Leider können wir aus eigener Erfahrung nur bestätigen, was hier über die Behandlung der russisch-jüdischen Ausw^nderer gesagt wird. Es wäre wünschenswert, wenn jüdische Gemeindebeamte mit dem dauernden Fürsorgedlenst auf dem Lehrter Bahnhof und In Ruhteben betraut würden, Leute, die in den vertriebenen russischen Juden nicht bloss die Billettnummer vierter Klasse sehen. Hier sollte vielleicht der Deutsch- Israelitische Gemeindebund einsetzen. Und trotzdem sind diese Auswanderer glücklich, unendlich glücklich gegenüber denen, die drinnen bleiben müssen י im Lande Mizrajim im Hause der Knechtschaft. Doch wir wollen nicht ungerecht sein. Es hiesse wirklich dem Pharao der Unterdrückung Unrecht tun, ihm zuzumuten, dass er den Juden eine ähnliche Behandlung zu teil werden liess, wie es heute den Juden in Russland zuteil wird. Aber er war ja bei aller Kultur, d'o in Russland freilich nicht zu Hause ist, — ein blinder Heide. Da klingt es wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht, dass man für die russischen Juden Erleichterung schaffen will. Die Gnade des Herrn Witte beginnt ihnen zu leuchten und die Kölnische Zeitung lässt sich darüber melden:

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