Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 35. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 383. der M'srachi nichts anderes als die berechtigter! Wünsche des I orthodoxen Judentums innerhalb der zionistischen Bewegung zur Geltung bringen wolle. Der Zionismus, der doch mit der Rückkehr zum Judentum gleichbedeutend «st, würde von der grossen Masse der Orthodoxen missverstanden; diese müsse man aufklüren und belehren. Diese Aufgabe falle dem Misrachi zu, der allein bei der Millionenmasse gesetzestreuer Juden Gehör finden könne. Jene ungarischen Juden, die sich dem Zionismus fernhalten, mögen bedenken, welche Gefahr der Judenhcit droht: die des Verfalles im Westen, der Not und des Jammers im Osten. Sie mögen bedenken, dass inmitten der Drangsale van fast zwei Jahrtausenden nur der zionistisehe Gedanke das Judentum zusammengchalten und vor Unter-, gang bewahrt habe. (Stürmischer Beifall.) Hierauf ergriff Rabb. Dr. Nobel das Wort und sprach über das Verhältnis des Misrachi zum Zionismus. Das Wort ״Zion" wollen manche unserer Gegner als längst vergangen betrachten, andere wieder als Utopie in die ferne Zukunft verlegen. Für uns aber ist Zion der Inbegriff aller Existenz. Es ist der Idealismus der alten Heimat. Zion ist nicht allein die Lösung einer politischen und wirtschaftlichen Frage, es bedeutet vielmehr die Rückkehr zum Judentum. Die Einheit aller zerstreuten Brüder aufrecht zu erhalten, dazu ist unsere Gcsamtoi ganisation berufen, der auch der Misrachi treu anhängt; im politischen Zionismus sieht er das einigende Ziel, er gehe nur in Dingen der kulturellen Erziehung seine eigenen Wege, die des traditionellen, gesetzestreueu Judentums. Das Leben im Galuth birgt in sich die grösste Geiahr für den Bestand des Judentums. Wer diese Gefahr rechtzotig erkennt und an deren Beseitigung tätig mitwirkt, wird sich einst glücklich preisen, an der Wiege einer neuen Glanzcpoche in der jüdischen Geschichte gestanden zu haben. In der Nachmittagssitzung wird nach der Verrichtung des Minchagcbetes die Wahl von Kommissionen vorgenommen, je einer Kommission für Organisations- und Programmabfassuug, für Presse und Literatur und für Jugenderz'ehung. Ueber Erziehung erstattete Rabbiner Dr. Fink ein anderthalbstiindigcs Referat. Er bedauert, dass t^je Träger der Thora.aufgehört haben, Führer des Volkes zu sein. Die modernen Rabbiner seien nichts mehr als ■ins Jüdische übersetzte Pastoren, während aber hinter dem deutschen Pastor noch de staatliche Macht steht, mache sich der jüdische einfach lächerlieh. Im Ghetto gab es wahre Juden, mit de.1 Errungenschaften der Wissenschaften entfernten s'cli aber die westlichen Juden immer mehr vom Judentum. Dies sei dei Reformbestrebungen Mcndelsohns und dessen Nachahmern zu verdanken, die d e jüdische Erziehung geschädigt haben. Ei seien drei Erziehungsstufen’ notwendig: Jüdische Volksbildung, Heranbildung von Lehrern und Stätten für jüdische Gelehrsamkeit. Er empfiehlt die R ü c k k e 11 r ins C h e d c r und die J e s c h i b o t h und Fernhaltung der sich für den Gelehrten oder Rabbinerberuf vorbereitenden Jünglingc von Gymnasien und Universitäten. Es sollen bloss junge Leute aus den Jeschiboth nach Wien geschickt werden, wo sie an der orientalischen Akademie die für ihren .Beruf nötigen Sprach Kenntnisse sich aneignen können, ohne dem schädlichen Einflüsse der Hochschulen ausgesetzt zu sein. Montag, den 22. ds. wurde die Sitzung mit'der Verlesung eines Telcgrammes aus der Kabinettskanzlei eröffnet. Dasselbe lautete.: .,Se. kaiserliche und königliche apostolische Majestät haben geruht, dem Kongresse allerhöchst seinen Dank für die Begrüssung auszusprechen.“ Das Telegramm rief stürmische Begeisterung hervor. Nach dessen Verlesung wurde die magyarische (!) Hymne gesungen. Der erste Punkt der Tagesordnung war der Entwurf zu einem Programme des Misrachi in hebrä'scher und deutscher Sprache. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Stilisierung desselhen, die auch nachmittags fortgesetzt wurde. Spät, gegen Abend, wurde das Programm angenommen, das folg-iidcn deutschen Wortlaut hat: ״Der Msrachi ist eine Organ'sation gesetzestreucr Zionisten, die. auf Basis des Baseler Programmes stehend, das Bestreben haben, für die Erhaltung der jüdischen Nation im Geiste des geschriebeuen und mündlich überlieferten Gesetzes zu wirken. Der Misrachi sucht die Aufgabe und Lebensmüglichket der jüdischen Nation im Festhalten an derThora.anderTradition, an der Übung der Gebote und in seinem Bestreben, das Land der Väter als rechtlich gesicherte Heimstätte zu erreichen. Der Misrachi wahrt in der Gesamtorganisation der Zionisten seine Ideen und Gesichtspunkte, Ist aber in seinem Wirken zur Erreichung seiner strengreligiösen Zieie un ־ abhängig. Aufgabe des Misrachi ist, mit allen legalen Mitteln die Erreichung seines Zieles duichzusetzen. Zu diesem Zwecke muss er seine Ideen erklären und vertreten, damit s‘e ht der Masse Wurzel fassen und bei allen Parteien Anklang Enden. Das sucht er zu erreichen durch intensives Wirken in Verbreitung einer guten, echt jüdisch-religiösen Literatur und durch die Jugenderziehung in seinem Geiste.“ Ein zweites Referat über Erziehung hielt Rabbiner Landau, der besonders für den Osten Verbesserung der Chedarim, Beaufsichtigung der Jeschiboth u. dergl. empfahl. Zum Punkte Presse und Literatur sprach Schriftsteiler J a w e t z. Bezeichnenderweise kehrte sich dieser Vortrag gegen die neuhebräische und jüdisch-deutsche Literatur, indem er einzelne Fehler, wie sie allen Literaturen aiihaften, generalisierte. Das Referat, bei dem nur wenige Delegierte anwesend waren, rief bei denen, die die hebräische Literatur kennen, Überraschung. hervor und wird noch zu Richtig- Stellungen und Erörterungen In der hebräischen Presse führen. ln einer Nachtsitzung wurde dann das Organisationsstatut durchberaten, zu dem noch Dienstag in der Vormittagssitzung Ergänzungen gemacht wurden. Das Statut wird Ihut Beschluss in Druck gelegt werden. Dienstag, den 23. August wurde in der Vormittagssitzung ausschliesslich über das Organisationsstatut debattiert. Es handelte sich vor allem um die nähere Bestimmung der religiösen Qualifikation derjenigen, die der Organisation des ״Misrachi" angehören können. Car verschieden lauteten die diesbezüglichen Ansprüchen an die Frömmigkeit der M srachiangeliörigen und es bedurfte erst der Ermahnung Dr. Kahns, dass der Misrachi als zionistische Organisation auch auf das z onistische Bekenntnis seiner Zugehörigkeit und deren Zugehörigkeit zur Gesamtorganisation innerhalb ihrer Landsmaiinschaftcii zu achten hat. sofern, er das Basler Programm und dessen Organisationsstatut anerkenne. Während alle übrigen Referate ren religiöse Fragen, sei es solche der Erziehung oder der Organisation behandelten, bcfasste sich Rabb. Grün haus (Troki) auch mit zionist'schen Fragen, indem er den Gebrauch von P a 1 ä s t i n a ־ E 111 r 0 - g i m empfahl, sow ie auch die Förderung der Kolonisatlonsge- Seilschaft ״G c u l a h“ und die Sammlungen für den jüdischen Nationalfond anregte. Am Schlüsse der Sitzung gab Herr J a w c tz eine Erklärung ab, dass er mit seinen Ausfällen gegen die hebräische Presse und Literatur niemand persönlich treffen wollte (die Entschuldigung Dr. B e r n f e 1 d als Bibelkritiker), dass er ferr.u seine Ausführungen aufrechthalte: dieselben habe er im eigenen Namen, nicht im Aufträge der Leitung des Misrachi gemacht. Er trage allein die Verantwortung und sc* bereit, wenn dies der Misrachi- Sache schaden sollte, sich ganz zurückzuziehen. Von Seiten des Präsidiums erklärte Dr. Nobel, dass Herr J a w c t z allein die Verantwortung für sein Referat trage. In der Nachmittagssitzung, die um 1 Uhr begann, wurden d e Wahlen vorgenommen und die Zentralleitung bestimmt. Als Sitz derselben wurde Frankfurt a. M. gewählt und ein fünfgliedriges Aktionskomitee, bestehend aus den Herren Dr. Nobel! (Leipzig). Dr. Adler (Lübeck), Dr. Frank (Altona), Rothschild und Posen (Frankiurt a. M.). mit der Leitung betraut. Das eigentlche Präsidium des ״Misrachi" bildet Rah. Reines (Lida) mit den Mitgliedern der russischen Landmannschaft. Rabb. Grünhaus (Troki). Fischmann (Markkulest). J a w e t z (Wilna), Farbstein (M arschau) und deren Ersatzmänner Rab. K o w a I s k y (Wlozlawek), G u r l a nd (Wilna). Za Vertretern der Landsmannschaften wurden gewählt: Ungarn: Rab. Roth (Papa). Rab. G I a s 1» c r (Koloszvar). Rosner (Mlawa); Oesterreich: Rab. Dr.' Finke (Wien): Galizien: Rab. Schmelkes (Koiömea). Rab. Gelernter (Kutty). Ersatzmänner: S. M e l z e r (Rohotya). L. Koretz (Ropczvce); Holland: Rab. Dr. Dünner (Amsterdam): Rumänien: Rab. L a n dau.. (Botosani). Fa Ick (daselbst): Deutschland: Ausser den obigen noch die Ersatzmänner: Red. Sa ly Geis, Dr. F e u c 111wanger und Dr. Meier (Frankfurt a. M.); England: James H. Locw« (London); Amerika: Dr. Klein (New-York). Rab. Guttmann (New-Jersey). Während und nach der Vornahme der Wahlen wurden verschiedene Resolutionen besprochen und Anfragen gestellt. Del. A 11 m a 11 n richtet o'ne Anfrage an das Präsidium, w׳ie sich die Misrachisten zu der von den Protestrabbinern in Aussicht gestellten Gründung eines Kolonisationsvcreines zu verhalten haben.