Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mi 681. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 35. An die Arbeit, Oesinnungsgenossen, an die Arbeit für die Erlösung unseres Volkes, unse res Landes! . Das Grosse Aktionskomitee. / ' - Wassermann über die Juden. Wir Zionisten haben seit langem gelernt, unbekümmert um Zustimmung oder Anfeindung unsern Weg zu gehen. Wir haben die vielen Aeusserungen des letzten Lustrums zur Judenfrage registriert als einen der Erfolge unserer Bewegung. Die Nachdenklichkeit schon diinkt uns ein Fortschritt. Jetzt hatJakobWassermann״) das Wort genommen. Die Juden, die es sind, haben Orund zur Freude. Doppelten Orund, dass in dem Lande der Harden und Alberti unter den schreibenden Juden auch ausserhalb des bekannten Kreises noch nicht aller Scelenadel erloschen ist. Hört man jene, sollte man meinen, nur Idiotismus oder Unbildung könne heute noch von gewolltem Judentume faseln. Und wir kennen die Vielzuvielen, die an die Botschaft glauben; denn sie wissen es nicht anders. Wahrhaft erfrischend wirken darum Be- Kenntnisse wie die vorliegenden, Bekenntnisse eines freien Geistes zum Judenstolz. Das ist ja das Betrübende an all den Vorschlägen einer Assimilation oder wenigstens an ihrer grossen Mehrzahl: keine Würde, kein Gefühl für das Eigene; weder Verständnis für die geschiehtliehe Bedeutung des Judenvolkcs, noch der leiseste Gedanke an eine Zukunftsmöglichkeit. Hier tritt ein Kenner von Vergangenheit und Gegenwart der Judenheit für ihre Zukunft ein. Hier spricht einer, dem der innigste Zusammenhang mit der heimatlichen Bildung das Bewusstsein und den Willen der Besonderheit nicht geraubt hat. Was mich am Aufsatz Wassermanns mit in erster Linie freut, ist die Unbefangenheit in der Würdigung der Juden von heute. Wir haben seit langem den Vorzug, von ur.sem jüdischen Gegnern als Antisemiten angeredet zu werden. Nicht allein wegen unseres Bekenntnisses zum jüdischen Volkstum, sondern vor allem wegen der furchtlosen Enthüllung mancher Schwären und Eiterbeulen am Leibe unserer Stammesgenossen. Sie dürfen einen neuen und keinen schlechten den Judenfeinden zuzählen. Unsere Gegner beredter Sorte sind nicht zu belehren; wir wissen es. Aber mit Genugtuung dürfen wir feststellen: hier schwingt wieder einmal glühende Liebe eine eiserne Zuchtrute. Es kommt eben alles auf das Motiv an, werte Herren. ״In einem Teil der Juden“, schreibt Wassermann, ״herrscht noch der Geist des entlaufenen Sklaven .... Ein Dämon scheint ihr Wesen verwundet und vergiftet zu haben; derselbe Dämon zwingt sie zu tun, was sie nicht sollten. Sie wollen etwas scheinen, was sie nicht, sind, und was zu sein sie sich gar nicht bemühen, nämlich freie Menschen; dadurch wirken sie teils läch~rlieh, teils aufreizend. Sie sind entweder antnassend und überhebend oder demütig und zur Selbstgcisselung geneigt, oder beides .... Der echte Jude ist feinfühlig und zurückhaltend, sie sind frech und amdringlich; der echte Jude Ist stolz und schamhaft, sie sind knechtisch und schamlos .... Es sind diejenigen Juden, die vor jedem Bild eines ״Germanen“ in augenverdrehender Hochachtung erstarren. Unter ihnen trifft man die unversöhnlichsten Hasser des Judentums .... Durch sie leidet der Wahre Jude unendlich, so wie man an einem Bruder leidet, der die öffentliche Verachtung hcrausfordert. . . . Sie sind der Abfall . . .** *)״Die neue Rundschau’׳, August 19UL S. 9*10 ff: Das Los der Jude!. Welches ist nun seine Stellung zur Judenfrage? Unter diesem Gesichtswinkel gesehen, ist sein Stand- Punkt — das muss leider gesagt werden — unklar, verschwömmen. Er ist religiös genug zu sehen, dass es heute keine Religion gibt. Eine jüdische Nationalität will ־ er nicht gelten lassen, sie ist ihm ״ein Treibhausgedankc“. Auf die notwendigen Fragen, die er selbst am Eingänge stellt: Was ist ein Jude? was ist jüdisch? was ist Judentum? findet er keine Antwort. Oder höchstens die: ״Den jüdischen Menschen als Spezialität, den gibt es .. .“ Was sollen wir also tun? Von der zwiefachen Vergangenheit, die hinter uns liegt, die europäische vergtssen, die asiatische uns zu eigen machen: ist seine Antwort. ״Jene bedeutet Schande, Elend, Niedrigkeit, Finsternis, diese aber Macht, Ehre, Ruhm und grosse Taten .... Er (der moderne Jude) muss die Wundmale nicht verleugnen, die nun einmal untrennbar sind von seinem Namen, aber er soll auch die Krone nicht vergessen, die nicht auf seinem Haupte leuchtete. Inwieweit ihm dies gelingt und ob cs ihn zu harmonischem Menschentum führt, hängt von seiner Persönlichkeit ab, von der Intensität seines Willens zur Zukunft, und bcstimmt zugleich seine Rolle im Staat und in der Gesellschaft. Ich meine also, die sogenannte Judenfrage ist für den heutigen Juden nichts anderes als ein Problem des Selbstbewusstseins und der Erweckung grosser Traditionen.“ Dass die Judenfrage mehr als das ist, lehren uns die kulturellen, sozialen, politischen Verhältnisse, in denen wir leben, lehrt uns unser inneres Verhältnis zum Deutschtum mit all seinen Konflikten, lehrt uns das grosse Sehnen der menschlichen Seele nach Einheit, In welchem Sinne und zu welchem Ende, muss man doch fragen, soll der jüdische Mensch als Spezialität, ausgestattet mit der Erinnerung an eine grosse Vergangenheit, erhalten werden? Darüber macht Wassermann nur dunkle Andeutungen, gibt er uns keine Aufschlüsse. Es scheint, als ob eine eschatologische Idee ihn leitet, der sittlichreligiöse Messiasgedankc. Wäre dein so, dann hätte er kein Recht, die jüdische Religion zu negieren; aber wie dem auch sei, das Leben des modernen Juden stellt Probleme, die mit dem Warten auf den Messias — in welcher Form auch immer — nicht gelöst werden. Kann der selbstbewusste Jude, sagt Wassermann, in seinen! Vaterlande kein Vollbürger werden, so werde er dafür um so mehr Mensch. Aber das Menschentum, dürfen wir wohl einwenden, bedarf zu seiner Entwicklung der Ellenbogenfreiheit, braucht Luft und Licht. Die dauernde Absonderung von den Völkern ohne eine reale Zukunftshoffnung ist ein Unding; sie bedeutet in gleicherweise eine soziale und politische Unmöglichkeit und die Erhaltung seelischer Zerrissenheit in uns selber. In demselben Masse, in dem unser inneres Judentum w ächst, wächst die Absonderung von dem Milieu, in dem wii leben. Der Wille zur Absonderung kann aber auf die Dauer in den Massen wie in den Spitzen nur erhalten werden, wenn ein grosses und klares Ziel sichtbar ist, dem diese Absonderung dient. Wassermann schliesst mit einer Vision oder richtiger einer fernen Hoffnung. Der, dass einst der Menschheit aus den Juden ein beglückender Genius geboren werde. Sollten die Bedingungen dafür nicht reicher und sicherer in einem Boden liegen, auf dem sich alle Kräfte einer Gesamtheit frei entfalten, alle Triebe dein Lichte zustreben können? Eine jüdische Nationalität lehnt Wassermann ab. Den Geist der Vergangenheit will er in uns lebendig werden lassen, für die Juden als Gesamtheit hat er eine Zukunftshoffnung. Wer so denkt, hat schon eine wesentliches Stück nationaler Gesinnung sich zu eigen gemacht. Halb- und Viertelnationalitäten gibt es aber nicht.