Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU - ־*— — Seite 361. kleinen :Kreise aber, in dem er beruflich tätig war, wsr er eitrigst bemüht, in Jeder Weise für unsere Idee zu wirken und ihm verdanken wir manchen heute eifrig für uns arbeitenden Genossen. Streng gesetzestreu bewies er durch seine Person, dass dies dem Zionismus nicht entgegen sei. , Allzufrüh — nur 33 Jahre alt — verliess er uns. Mit seinen gramgebeugten Angehörigen betrauern ihn die Breslauer Zionisten. Sein. Andenken werden sie . in Treue wahren. Berlin. Am 1. August beendete die ״Freie Verb indungHasmonaea” durch einen Schlusskonvent ihre Tätigkeit im Sommersemester. Diese bestand hauptsächlich in eifrigem Studium der jüdisehen Geschichte und des Zionismus. Cs wurde von den Bundesbrüdern eine Anzahl von Geschichtsvorträgen in chronologischer Reihenfolge gehalten, welche die Zeit vom babylonischen Exil bis zur zweiten Zerstörung von Jerusalem behandelten. Ausserdem war A.-H. Dr. Klee auch in diesem Semester wieder so liebenswürdig, in unserm Kreise ein zionistisches Seminar abzuhaiten. in dem die bedeutendsten Probleme des Zionismus in ausführlicher Weise erörtert wurden. Im Anschluss an den im Seminar behandelten Stoff fanden noch zahlreiche Diskussionsabende im engsten Kreise der Bundesbrüder statt. Ferner wurden wöchentlich Fuxcnstuuden abgehalten, welche hauptsächlich den Zweck veriolgcn, die jüngeren Mitglieder in die grundlegenden Werke des Zionismus einzufü'nren. Nach ernster Arbeit blieb aber auch Zeit für studentische Angelegenheiten und zwanglose Geselligkeit. Ein Dampferausflug nach der Woltcrsdorfer Schleuse wurde veranstaltet und Kneipen wurden ziemlich regelmässig abgehalten. Infolge des schmerzlichen Verlustes, den unser Volk erlitt, wurden alle derartigen Veranstaltungen bis zum Schlüsse des Semesters eingestellt und ein Trauerkonvent abgehalten, in welchem Herr Dr. H a n t k e einen Vortrag hielt über Hcrzl und sein Ende. Wenn auch tief erschüttert durch das schwere Unglück, so sehen wir doch mit ungebrochenem Mute in die Zukunft. Wir sollen und wollen nicht stehen bleiben auf dem Wege, den unser.Führer uns gewiesen, und wer gewillt ist, uns in unserm grossen Kampfe zu unterstützen, wird uns stets willkommen sein.*) — Rundschau. יי■ Es gibt ein Mosersches Lustspiel, dass vor anderthalb Jahrzehnten volle Häuser hatte. Das Stück heisst ״Der Bib- •)Alle Gesinnungsgenossen werden ersucht, uns Adressen von Studenten mitzuteilen, die in Berlin sind oder die Absicht haben, hier zu studieren, und zwar an: Freie Verbindung ״Hasmonaea”, Berlin, Lelpzigerstr. SS II. Uothekar.” In Wahrheit sind es ganz andere Leute, von denen die durchtriebenen Kunststückchen herrühren, die das Entzücken einer leicht‘ zu befriedigenden Zuschauerschar bildeten. Der Bibliothekar ist in dem Stücke eigentlich doch nur der dumme Kerl. Auch in Berlin wird augenblicklich ein Stück aufgeführt, in dem der Bibliothekar der Jüdischen Gemeinde, ein gewisser Dr. Fromer, die Titelrolle spielt. Er soll der Verfasser eines Artikels sein, der in der Hardcn-Witkowskyschen ״Zukunft“ die dem jüdischen Liberalismus zu Grunde liegenden Empfindungen in einer sogar für die Liberalen zu nackten Weise aussprach und damit zu arg blossstellte. Er predigt darin die Notwendigkeit, dass die Juden als Juden in den Umwohnern untertauchen und als Juden verschwinden sollten. Dass ein Beamter der jüdischen Gemeinde gezwungen ist, sich' zu der Autorschaft des Artikels zu bekennen, der, so weit er nicht von Harden ins Posensche Neuhochdeutsch übersetzt ist, doch allzusehr noch den andern Dialekt der jüdischdeutschen Sprache ehemals polnischer Provinzen verrät, ist vielleicht merkwürdig. Aber diese Merkwürdigkeit mindert sich in dem Masse, als man in Erwägung zieht, dass es der Bibliothcksbeamte ist, der das schreibt und der offenbar in detn Takte iortfahren wollte, in dem er über sich geigen zu hören vermeint.e Diese aus dem Takt fallenden Geigertöne haben den Mann verwirrt und ihn zu der Taktlosigkeit veranlasst, um die sogar wohl selbst der liberale Gemeindevorstand nicht wird herumkommen können. Eine zweite ebenso wie der Artikelschreiber bedeutungslose Frage wird es sein, ob der jetzige Gemeindebeamte früher oder später den Weg zur1׳ Untertauchbecken finden wird, in dem schon so mancher sich seiner Judenphysiegnomie entledigen zu können glaubte. Gerade jetzt kommt auch die Mitteilung, dass der Schriitsteiler Robert Jaffö, der eben infolgedessen sofort zum ״bekannten Berliner Schriftsteller“ avanziert ist, sich in Dresden habe taufen lassen. Dabei hat der junge Mann ein grosses religiöscs Talent bewiesen, das man ihm gar nicht hätte Zutrauen sollen. Während er nämlich in seinem ״Werke״ Ahasver kein Ende finden konnte, fand er hier das Ziel sehr schnell. Es gefang ihm in der überraschend kurzen Zeit von nur 14 Tagen die Lehren des ihm aus seiner östlichen Heimat gänzlich unbekannten evangelischen Christentums so in sich aufzunehmen, dass er als reumütiger Sünder von der perfid ia Judaeorutn zur fides christiana übergehen konnte. Da vielleicht der Pfarrer, der ihn getauft hat, in der kurzen Zeit der Vorbereitung nicht genügend Zeit gefunden haben mag, ihn in die Einzelheiten des Glaubens einzuvveihen, so hoffen wir, dass Jaffß das bald nachist müde, sein Heer ist von der Todesverachtung entsetzt, die die Juden beweisen, und in abergläubischer Furcht vor der gewaltigen Lea, der Märtyrermutter. Und so zieht Antiochus ab, den Frieden anbietend, den die sterbende Lea auch ihrem Judah anbefiehlt. Die Entstehungsgeschichte der ״Makkabäer*4. Ein Kunstwerk ist weder etwas fertig vom Himmel Gefallenes, wie eine missverstandene Inspirationslehre glauben machen möchte, noch eine nach mathematisch-physikalischen Gesetzen wohlkombinierte Maschine. Vielmehr ist sein Werden wie das alles Organischen: Das Resultat eines Kampfes ums Dasein durch Ueberleben des Passendsten, reguliert durch eine der organischen Vollendung zustrebende innere Teleologie. Im Gemüt des Dichters ist alles vorbereitet, wie in der Ackerkrume die Elemente des Lebens. Vorstellungen und Ahnungen, Empfindungen und Einsichten, Träume und Ideen, die die Aussenwelt in ihn hineinträgt, oder die sie aus schlafenden, als weiche sie die Vererbung mitführte, zum Leben aufweckt, wachsen im Geiste des Dichters in jedem Augenblicke zu Ansätzen und Gebilden um, die je nach der Stärke oder Schwäche ihrer Assoziationsanziehung zu Kristallen zusammenschiessen oder auch einander vernichten. Millionen mikroskopischer Kunstbildungen liegen so in seinem Hirne, bis die eine grosse glückliche Kombination zustande kommt, die die gewesenen mit übermächtiger Gewalt an sich reist und verschlingt oder ins Unterbewusstsein hinabstösst als unfruchtbare Trümmer. Und so gleichen die ins Leben getretenen fertigen Werke unseren auf Erden wandelnden lebenden Arten der Tiere, während in der Seele des Künstlers, wie von immer Neuem und Besserem verschüttet, die abgestorbenen Reste lebensunfähiger Wesen, alle die Torsen und Fragmente bis hinunter zum Gedankensplitter versteinert ruhen. Für eine Entstehungsgeschichte der Dichtwerke ist diese psychische Paleontologie von unschätzbarem Wert, weil sie uns für das Wie und Warum des Gewordenen erleuchtende Aufschlüsse gibt Darum sind Aufschürfungen im Nachlasse der Dichter, die den Ausgrabungen der Erdschichte gleichen, falls sie viele paleontologische Reste ans Tageslicht fördern, ein ausserordentlicher Glücksfall für uns. In