Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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f % JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 354. 6־» Berlin gibt es bekanntlich noch Richter. Ein Berliner Justizrat nun. der auf tragische Weise ums Leben kam, hinter- Hess zwei Söhne, die beide Juristen sind und die Richtcrlaufbahn eingeschlagen haben. Aber während der ältere etwa 10% Jahre auf seine Anstellung warten musste, ist der iüugcrc nach 1% Jahren oder — unter Hinzurechnung seiner Militärdienstzeit — nach 2% Jahren als Richter angcstetlt worden. Und welches ist der Grund dieser so verschiedenartigen Echandlung zweier übrigens gleichbegabter Brüder? Der ältere Bruder ist noch ehrlicher Jude, während der jüngere getauft ist. Aus Berlin werden nach wie vor Juden ausgewiesen. wv!l sie als lästige Ausländer, d. h. als Juden empfunden werden. Dass es an der Ostgrenze russischer zugeht, wird niemanden wundern. Ueber die etwa 40 russischen Auswanderer, die am 25. Juli durch die Polizei vom Dampfer ״Adoli Andersen“ heruntergeholt und dann über Insterburg*, nach Tilsit gebracht wurden, berichtet die ״Tils, Ailgem. Ztg.“: ״Den Mitgliedern dvs in Tilsit neu gegründeten Lokalkomitees der Alliance Israöiitc Universelle gelang es, von der Polizei die Erlaubnis zu erwirken, die Emigranten nach Amerika ordnuiigsmässig weiterzubefördern, um sie vor dem traurigen GescnicK ci::cr zwangsweisen Zurücksendung nach ihrer unwirtlichen russischen Heimat zu bewahren. Um dieses menschenfreundliche Werk zu vollbringen, w׳aren erhebliche Geldmittel erforderlich. So wurden durch Sammlungen in Tilsit, Königsberg, Insterburg ca. 3000 Mk. aufgebracht.״ Hiernach stimmt es also, dass die Absicht bestand, die Leute, trotzdem sic die Fahrt nach Kopenhagen schon bezahlt hatten, nach Russland auszuliefern! In Ungarn gibt cs dagegen keine Vorurteile gegen die Juden. Wenigstens wollen die Magyaren mosaischer Konicssion das sich und uns einreden. Aus Csacza in dem Trenschiner Komitat wird gemeldet: Gestern durchschritt ein Verwandter des früheren Kultusministers Wlassics, der einen Ausflug machte, nichts ahnend das Dorf. Bauern, die ihm begegneten, Hefen ins Dorf, läuteten die Kirchenglocke und schrieen :״Der Brandicger und Jude ist da!" Mit Stöcken und Haken überfielen r^un die Bauern den Unglücklichen, schleiften ihn durch das Dorf und erschlugen ihn, obwohl er Immeriort wiederholte, er sei kein Jude und habe keinen Brand verursacht. Und was in Ungarn im Kleinen geschieht, geht in Russland Im Grosses vor sich. Ist es doch der Träger eu-europäischcr Kultur im Osten. Einem Juden in der Nähe von Parczew, Gouvernement Siedlez, war ein kleines Töchterchen verschwunden. Nach Langem Suchen erfuhr man, dass sich das Kind beim Probst Klopotowski im ״Taufunterricht” befinde. Da es kein anderes Mittel“ gab, das Kind herauszubekommen. so entschloss sich der Vater auf Anraten des Bürgermeisters, sein eigenes Kind wegen Diebstahls zu verklagen und benutzte dabei als Vorwand die Tatsache, dass gleichzeitig mit diesem iitm auch einige Habseligkeiten abhanden gekommen waren: Das Kind würde dann vor Gericht erscheinen und das übrige sich von selbst ergeben. Das Kind erschien wirklich vor dem Richter in Parczew, aber nicht allein, sondern in Begleitung eines Rechtsanwalts von Seiten Kiopotowskis und Genossen. Der Diebstahl konnte dem unglücklichen Kinde nicht nachgewiesen werden und so wurde es freigesprochen. Als aber nun die Eltern das Kind aufforderten, mit ihnen nach Hause zu gehen, erklärte der Richter, er habe seine Schuldigkeit getan, die Sache gehe ihn weiter nichts an und verliess den Saal. So entstand im Gerichtssaale selbst ein Tumult, in welchem es den Eltern gelang, mit dem Kinde zu entkommen. Der Advokat raste und reizte die inzwischen angesammelte grosse Menschenmenge durch eine Brandrede auf, ״eine schon christliche Seele zu retten". Der Aufruhr war fertig. Die ..Rettung” begann mit der ,gänzlichen Demolierung des Hauses, in welchem die Eltern mit dem Kinde Unterkunft gefunden hatten, und entwickelte sich zu einem regelrechten Judcnkrawall mit Revolverschfissen. denen über 20 Juden an Toten und Verwundeten zum Opfer fielen. Damit nun aber das Satyrspiel nicht fehle, solle nach dem Muster von Hornel den Juden der Prozess gemacht werden und zwar wegen Erstürmung des Gerichtsgebäudes. Ein anderer Vorgang hat nicht in demselben Masse einen religiösen Hintergrund. Schauplatz ist der Fabrikort Ostrowletz, Gouvernement Radom. Donnerstag, den 21. Juli, erschien in diesem Orte ein Vagabund. Betrunken, wie er war, oder sich stellte, bekam er gleich Händel mit einigen jüdischen Strasscnkindern, fiel hin und begann, sich konvulsivisch wälzen. Dies gab Anlass zu dem Gerücht, die Juden hätten am hellen Tage einen Christen auf der Strasse ermordet. Die Menge wollte den JKtord” sogleich rächen, es gelang aber der Polizei ohne besondere Mühe, die Haufen zu zerstreuen und den vielleicht fallsüchtigen Trunkenbold hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Aufregung hatte sich scheinbar gelegt Aber am nächsten Tage erhielten einige Juden die Nachricht dass die Fabrikarbeiter (Eisenfabriken, Hochöfen) für den Abend einen Ucberfali planten. Auch der Polizeivorstchcr wurde davon benachrichtigt, mass aber angeblich diesen Oerüchten keinen Glauben bei und hinderte auch die Jude:!, iiKcud weiche niassregcln zu ergreifen. Tatsächlich erschienen nach Fabrikschiuss die Arbeiter in geschlossenen Reihen. Sie gaben erst politische Lieder zum besten, dann Hurrahrufe und schrien: Nieder mit den Juden! Im Laufe einer Stunde waren alle Fenster und die ärmeren jüdischen Läden zertrümmert und geplündert: dann hicss cs: Auf die Sjuagoge! Aber dort bcgegneten ihnen schon die Juden mit Aexten, Eisenstäben, Stöcken und dergleichen. In der Schlägerei, die bis 3 Uhr Nachts währte, wurden 20 Juden leicht und 2 schwur verwundet Von letzteren ist einer, Jakob Robinstein. inzwischen seineu Wunden erlegen, der andere, Aron Subjekt, befindet sich in Todesgefahr. Lieiu telegraphischen Ersuchen des Polizei- Vorstehers um Hilfe konnte der Gouverneur von Radom nicht Genüge leisten, weil gerade am Tage des Kraw׳alls das dort postierte Militär nach Ostasien transportiert wurde. Während dessen kämpfen auf den ostasiatischen Feldern iür Russland Firnen, Deutsche, Polen und vor allem Juden. Es ist also nicht verwunderlich, wenn das bayerische Vateriand die Juden zu Anstiftern der finnischen Nationalbcwegimg macht und wenn alle die Germanen ex sanguinc Teuti einmutig den Mann, der srh bei der Tötung Pichwes selbst geopfert hat, zu einem Juden machen wollen. Haben sie doch schon den Hauptmann von Capernaum im Evangelium zu einem ״Niederdeutschen” gemacht. Warum also nicht weiter auf diesem Wege? Diese ganzen Nachrichten sind eben so wahrhaitig, wie wenn der kluge Witte jetzt den börsenbeteiligten Berliner Judcnblättcrn folgende Pumpnotiz zuteilt werden lässt: ..Eine unter Wittes Vorsitz stattgefundene Ministerrats- Sitzung beschloss, den Zaren eine weitgehende Reform der Judengesetzgebung, insbesondere die Abschaffung der Ansiedelungsbcscliränkungcn. sowie die Beseitigung der den Handel und Verkehr der Juden beschränkenden Ausnahmestellung zu unterbreiten.” Das heisst auf gut Deutsch: Und abermals hatte Russland Geld nötig und abermals gaben cs ihm die Berliner Finanzleute und abermals machten viele getaufte und einige noch ungetauftc Berliner Juden ein gutes Geschärt und die russisehen Juden werden weiter unterdrückt. Wolf Fenrls. י Allerlei. Ein alles zionistisches Flugblatt. Durch die Liebenswürdigkeit unseres Gesinnungsgenossen, Dr. Haus Gideon Heymann- München wird uns aus dem Nachlass des verstorbenen Geheimrats von WÜrnersdö rff c r-München ein Flugblatt zur Verfügung gestellt, das unsere Leser gewiss sehr interessieren wird, da es von keiner geringeren Seite als von kabbi Zwi Hirsch Kalischer in T h o r n und seinem Streitgenossen RabbiEliasGuttmacher in (! rätz unterzeichnet ist.*־ Es ist besonders bemerkenswert, dass das Flugblatt, das von der konservativsten Seite im Judentum ausging, in erster Linie und an erster Stelle die א a t i 0 n a 1 i t U t, dann erst die Humanität und die Gesetzestreue in grossem und fettem Drucke hervorhebt Für diejelügen, die glauben, dass der Zionismus erst von gestern und ehegestern geboren ist und die von einer langen und interessanten Vorgeschichte der national-jüdischen Bewegung keine Ahnung haben, bemerken wir. dass der Auruf*) aus dem Jahre 1866 (שגת ירושלים) stammt *J Gedruckt bei C. Dombrowski-Thom.