Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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!»"»•ויויייייט Seite 352. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 33. Die Rückkehr ins Judentum. Ein stolzes Wort u׳ar cs, das uns unser Herzl in der ersten Rede auf Jenem Kongresse zurief, der noch der Zionisten־, kongress war: ״Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland!’* Das stolze Wort leuchtete weithin wie ein Blitz und traf wie ein Donnerschlag. Die Reihen der Kämpfer für das Judentum hatten ihr Losungswort. Viele, die noch eben fern vom Judentum geschwankt hatten zwischen völliger Trennung vom alten Stamme und pietätvollem Festhalten an einem Glauben, der den Eltern ode! Grosseltern vielleicht teuer gewesen war, und für die lebende Generation so dünn, so fadenscheinig geworden war, erkannten im Zionismus den Heimweg zum Judentum, zu jüdischer Le* bensanschauung, ohne ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung untreu werden zu müssen. Sie fanden mit Recht im National* Judentum den festen historischen Zusammenhang mit ihren Altvordern und der Kultur der jüdischen Nation, ohne sich mit den Errungenschaften naturwissenschaftlicher Forschung oder den Ergebnissen historischer Wissenschaft in Gegensatz setzen zu müssen. Was ihnen der alte Glaube nicht mehr gewesen w׳ar, das wurde ihnen das auferstellende altneue Volk. Die Hoffnung, dass der jüdischen Nation, die eben noch abzusterben, und die ein ganzes Jahrhundert lang nur noch für die kulturellrückständigen Elemente Platz gehabt zu haben schien, plötzlieh zu neuern Leben und neuem Lebensmut erwachte, führte die begabtesten und charaktervollsten jüdischen Jünglinge, die eine Generation früher dem Judcntume den Rücken gekehrt hätten, dem neuerwachenden Volke zurück. Der Zionismus wurde für Tausende, die durch die einseitige Betonung eines Glaubens, an den man nicht glaubte, dem Judentum er.tfrem* det waren, der Weg zur Heimkehr in das Judentum. Die Duldsamkeit und die Gewissensfreiheit, ohne die der Zionismus eine Lüge wäre, machten es allein möglich, dass immer mehr Fernstehende sich dem Banner des alten Volkes wieder an* schlossen, und dass gerade sie die Rufer im Streit waren gegen die Gleichgiltigkeit, die in allen Kreisen gegenüber dem Judenturne herrschte, ohne Rücksicht auf die ״religiöse” Stellung. Diese Toleranz musste sich von selbst aus dem historischen Werdegang der neuen Bewegung ergeben. Denn gerade die Kreise, die das Judentum in Erbpacht genommen zu haben glaubten, standen der neuen Lebensbewegung des Judentums mit der Feindseligkeit dessen entgegen, der sich nicht gern aus seiner Bequemlichkeit und Gedankenträgheit stören lassen möchte. Und wenn schon einige von ihnen der Meinung waren, dass die neuerwachte Schaffensfreude der Jungen mit Vorteil aasgenützt werden könnte, um erbeigenem Privatjudentum sogar strengster Observanz Vorspann zu leisten, so wurden aus diesen falschen Freunden der Bewegung glücklicherweise noch rechtzeitig ebenso erbitterte Gegner, als sie verstanden, dass der Vorspann seine eigenen Wege ging. Sie hatten das Experiment des Bauern mit dem Pegasus, den Hippogryphen mit dem Ochsen vor einen Pflug zu spannen, auf politischem Gebiete wiederholt, mit nicht besserem Erfolge als Schillers Hans. Die zionistische Partei hat darum unbekümmert sich keinen Augenblick in einen Gegensatz gegen altüberliefertes Judentum drängen lassen und hat es verstanden, die ehrlichen Elemente, die für das Judentum kämpfen wollen, aus allen sozialen Schichten *und aus allen religiösen und unreligiösen Kreisen zu sammeln. Am bezeichnendsten aber fiir den neuen Geist ist es doch, dass gerade die jungen aus scheinbarer Assimilation hervorgegangenen Familien doch die ersten sind, die das Hebräisehe wieder als Familiensprache für sich und als Muttersprache für ihre Kinder einführen. Sie haben mehr als andere den Kampf um die jüdische Kultur und Lebensanschauung aufgcnonimen, was sie ja konnten, als die jüdische Lebensauffassung und Kultur sich nicht in die spanischen Stiefel einer geradlintgen Einförmigkeit einschnüren lässt. Das war aber nur aus dem Grunde möglich, weil die Zionistische Partei es verstand, über allen Gegensätzen im Judentum das einigende nationale Band zu finden und weil sie mit _ eiserner Konsequenz die Einheit im Innern beruhend auf gleichmassiger Achtung aller Ueberzeugungcn fcsthiclt. Darum aber ist es eine Lebensfrage des Zionismus, dass jede innere Spaltung aufs genaueste vermieden w i r d. Nur dann vermag der Zionismus seinen Beruf zu erfüllen, schon vor dem Rückkehr ins Judcnland die Rückkehr zum Judentum zu bedeuten. Denn das sollten sich alle Kenner der Verhältnisse gesagt sein lassen, dass jede Teilgruppe der Partei, die, infolge allein ihrer Existenz, an Stelle des einigenden Bandes das Trennende hervorheben wird, die an Stelle des nationalen Gedankens etwa die Form und den Glauben in den Vordergrund treten lassen wird, keinen einzigen dem Judentumc erhalten wird, dessen religiöse Anschauungen durch philosophische Spekulationen oder naturwissenschaftliche Kenntnisse andere geworden sind, als sie ihm in der Schule gelehrt wurden. Die Wunder, die der Zionismus hierin getan hat und täglich tut. wurden durch keinen Wunderglauben getan werden können. So sehr wir daher uns freuen, dass jetzt auch die gesetzestreuen Brüder sich uns anschlicssen, so müssen wir uns doch entschieden dagegen verwahren, wenn ein einziger Standpunkt im Zionismus unü damit Im Judentum zum alleinherrschenden gemacht werde״ soll. Hier gehen wiederum Gewissensfreiheit und der Fortschritt des Zionismus durchaus Hand in Hand. Und die Toleranz hat noch den gar nicht hoch genug zu bewertenden weiteren Vorteil, dass auch unerwünschte Elemente, wie eine gewisse Richtung mainzisch-orthodoxcr Observanz, von uns fern gehalten werden. — — — In wenigen Tagen tritt in Pressburg uumitieibar nach der Tagung der Zionistischen Jahreskonferenz die gesetzestreue Gruppe der Zionistischen Gesamtpartei, Misrachi, zu einem Sonderparteitage zusammen. Wir wünschen ihren Beratungen den besten Fortgang zum Heile des Judentums. Das Wohl des Judentums kann aber durch diese Tagung nur dann gefördert werden, wenn sich unsere misrachistischen Gesinnungsfreunde vor. ailem vor Augen halten, dass sic nicht die einzigen Vertreter eines jüdischen Standpunktes Im Zionismus sind, dass der Zionismus allein es ist, der uns vereinigen kann, und dass wir alles Trennende in den Hintergrund treten lassen müsen. Sic müssen sich stets vor Augen halten, dass sie die Gewissensfreiheit aller andern'unantastbar heilig halten müssen, wen״ sie wollen, dass ihnen wie bisher auch unsererseits, die wir einen andern Standpunkt einnehmen, jene Hochachtung zu teil wird, die wir vor jeder ehrlichen Ucberzeugung haben. Wir deutschen Zionisten werden freilich, wie wir immer betonten, es für unsere besondere Pflicht erachten, uns von allen Sonderstrebungen Im Zionismus fernzuhalten, in der festen Ueberzeugung, dass nur absolute Einheit und Einmütigkeit bei voller Duldsamkeit und Gewissensfreiheit das jüdische Volk zur Freiheit führen kann. Die jüdischen Freiheitsgedanken, aber ebenso das jüdische Schrifttum, die hebräisehe Sprache, die jüdische Geschichte und Wissenschaft, das ganze weite jüdische Kulturgebiet sind nicht das Feld einer einzigen Partei und einer gesonderten Gruppe, sondern des ganzen jüdischen Volkes. Aber auch jene, die da glauben, kraft eines Trägheitsgesetzes immer im Judentum verharrt zu haben, bedürien dringend der Rückkehr ins Judentum, auch wenn cs ihnen natürlich leichter fällt, im Auge des andern einen Splitter zu vermuten, als den Balken im eigenen Auge zu bemerken. Und der Zionismus ist nicht der Privatbesitz einer kleinen Gruppe, die eine bestimmte Richtung im Judentum vertritt, sondern die Rückkehr des ganzen Judenvolks zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Heinrich Sachse. * 1 ׳ * ..״» . ‘ — J