Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 32. SeRe 349. seiner und zwar der wichtigsten Teile der zionistischen Arbeit — unter Leitung verstehe ich eben: selbständige Leitung. . Das in einen Organisationsausschuss umzuwandelnde ehemalige engere A.-K. mit dem sehr wichtigen Appendix der Kassenverwaltung soll nach dem Entwurf in Wien verbleiben, der politische Ausschuss dürfte wohl nach England und der Ausschuss für Kolonisation und Gegenwartsarbeit vielleicht nach Deutschland verlegt werden. Das Direktorium dagegen wird keinen festen Wohnsitz habe». Ich fürchte, dass unter diesen Umständen die zionistische Arbeit jede Einheitlichkeit wird vermissen lassen und die halte ich für notwendig. Am bedenklichsten erscheint mir die Trennung und Verselbständigung der ihrem ganzen Wesen noch zusammengehörigen politisch-diplomatischen und der Gegenwartsarbeit. Hier ist eine einheitliche Leitung unumgänglich, wenn diese wichtigsten Ressorts nicht anstatt mit und für einander häufig gegen einander arbeiten sollen. Dass der regulierende Einflass des an keinen festen Wohnsitz gebundenen, also verhältnismässig selten zusammentretenden Direktoriums ausreichen u'erde, die aus der Dezentralisation sich ergebenden Divergenzen auszugleichen, halte Ich nicht für w׳ahrscheinlich. Auch der Vorschlag für die Reorganisation des grossen A.-K. finde ich wenig zweckmässig, er scheint mir vielmehr geeignet, diese ohnehin bereits genügend schwerfällige Körperschaft noch unbeweglicher zu gestalten. Vollends vermag ich nicht einzusehen, welche Lücke die korrespondierenden Mitglieder auszuiüllen bestimmt sind. Wie bereits bemerkt, bin ich mit dem Grundgedanken des Bodenhcimcrschen Entwurfs, die Leitung der zionistischen Partei einem Direktorium zu übertragen, einverstanden. Wie könnte man auch anders die Lücke, die Herzl’s Tod hinterlassen hat, auch nur einlgermassen auszufüllen hoffen! Aber die Einheitlichkeit der Leitung muss nach wie vor bestehen bleiben. Von den Mitgliedern des engeren A.-K. oder des Direktoriums mag jeder ein seinen Fähigkeiten entsprechendes Arbeitsgebiet zur speziellen Bearbeitung übernehmen, die Leitung aber muss durch das gesamte Komitee erfolgen, in dem Sinne etwa, wie in einem konstitutionellen Staate fede wichtigere Regicrungsmassnahme nur mit Zustimmung des Gesamtministeriums erfolgt. Für die Funktion des grossen A.-K. finde Ich im europäischen Konstitutionalismus keine passende Analogie. Die Aufgabe dieser Körperschaft besteht darin, die Grundrichtung für die zionistische Politik zu bestimmen. Es wäre zweckmässig festzusetzen, dass diese Körperschaft regelmässig zweimal jährlich zusammentreten muss, um die wichtigeren akttfeilen Fragen zu beraten und dem engeren A.-K. Direktiven für die Geschäftsführung zu geben. Dem grossen A.-K. müsste selbstverständlich auch über alle vom engeren A.-K. gepflogenen diplomatischen Verhandlungen rückhaltlos be- I richtet w׳erden. | Damit das grosse A.-K. seine Aufgabe erfüllen kann, müsste es aber eine andere Zusammensetzung erhalten, als es sie zur Zeit hat und als Bodenheimer sie ihm za geben wünscht Die gegenwärtige Anzahl der Mitglieder ist viel zu gross. Wenn ausser den 5 Mitgliedern des engeren A.-K. noch 16 w׳eitere, insgesamt also 21 Mitglieder erj nannt werden, so ist das mehr als ausreichend. Sodann; müsste dis territorielle Prinzip bei der Ernennung der Mitj glieder fallen gelassen werden. Wenn das grosse A.-K. J nicht ledigüch eine dekorative Körperschaft sein soll, dann j ist es widersinnig, zo sagen: aus jedem Lande, in dem zioni-! stische Ortsgruppen bestehen, muss mindestens ein Mitglied | in das A.-K. gewühlt werden, gleichviel ob dort eine für dieses Amt geeignete Persönlichkeit verbanden Ist oder nicht! Auch die Bestimmung, dass einzelnen Ländern, wie beisplelsweise Russland eine bestimmte Anzahl Sitze Vorbehalten werden muss, entbehrt der sachlichen Begründung und kann unter Umständen ebenfalls zu einer unzweckmässigen Zusammen- Setzung des A.-K. führen. Territorielie Interessen gibt es Ja im Zionismus nicht zu vertreten. Wenn die russischen Gesinnungsgenossen über eine grössere Anzahl geeigneter Persönlichkeiten verfügen, dann können sie sie ja auch wählen, zumal sie auf den Kongressen hnmer die Majorität haben; sie sollen aber nicht darauf bestehen, dass unter allen Umständen so und so viel Russen gewühlt werden müssen, selbst wenn dadurch viel geeigneteren Elementen der Eintritt ln das A.-K. unmöglich gemacht wird. In Konsequenz meiner vorstehenden Ausführungen stelle ich hiermit folgende Abänderungsvorschläge zum zionistischen Organfsationsstatut zur Diskussion: A. Das Grosse Aktionskomitee besteht aus 21 Mitgliedern (einschliesslich der 5 Mitglieder des engem A.-K.), von denen mindestens 18 in Europa wohnen müssen. Ander- Aber es wäre verfehlt, eine so verdienstliche Arbeit, wie die vorliegende durch Aussetzung kleiner Schönheitsfehler herabzusetzen, während es sogar diesmal Grünhut gelungen ist, den ärgsten Fehler Jerusalemer Drucke siegreich zu überwinden, indem er die Druckfehler auf ein solches Minimum reduziert hat• dass das Buch diesmal lesbar ist. Die beiden beigefügten Karten erleichtern das Verständnis ausserordentlieh. Mit Ungeduld sehen wir dem Druck der in Aussicht gestellten emendierten hebräischen Ausgabe entgegen. Wir wünschen dem fleissigen Arbeiter für die jüdische Wissenschaft in Jerusalem weiter die besten Erfolge. Das vorliegende Buch wird sich seinen Weg selbst bahnen. H. L. Hermann, Hans: Das Sanatorium der freien Liebe. Pläne und Hoffnungen für die Zukunft Berlin-Steglitz: Hans Priebe & Co. 1904. Wer in der ״Rundschau" etwas über freie Liebe finden will, wird eben so vergeblich suchen, wie der, welcher so etwas in dem uns vorliegenden Buche von Hermann erwartet. Das Buch, das aus Anlass des Frankfurter Kongresses (9.—10. März 1903) zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten entstanden zu sein scheint, ist ein Sammelsyrium von allerlei Nachweisen über den verderblichen Einfluss, den dse luden heit auf die unverdorbene und unverderbbehe JrgciK» dar Germanen ausüben soll. Man nimmt Im allgemeinen an, dass Papier geduldig ist. Die Weltgeschichte ist aber noch unendlieh viel geduldiger. Der kann man andichten, was nicht gestogen und nicht geflogen ist. Bezeichnend für die wunderbare historische Methode, die Hermann anwendet — immerhin Ist cs ein mildernder Umstand, dass er den Unsinn kritiklos nachschwatzt den andere ״grössere" Hi-Hi-Hi-Historiker vor ihm erdacht haben, ist es, dass er Metanchthon und Goethe zu Juden, bezw. Judenstämmlingen macht dagegen den von Chamberlain aas Virtzelbarg entlehn len Kohl wieder aufwürmt dass Jesus kein Jude, sondern ein Germane gewesen sei. Das ist nämlich die modernste historische Wahrheit des von Gott auserwähiten deutschen Volkes, dessen Land so weit reicht als Gott im Himmel Lieder singt Dass er dabei die Maria Eichhorn, die ihre übrigens echtdeutschen Poesien unter dem Pscudonvm Dolorosa dichtet zur Jüdin macht ist ebenso selbstverständlich und entsoricht dem Geiste der Wahrheit mit dem in Russland ״suppeditiert“ wird. Das ist nicht böser Wille. Alles, was dem Autor zuwider ist hält er eben für jüdisch, und alles, was ihm in seinen Kram passt für deutsch. Darum hält er das heidnische Germanentum mit seinen Kebsen für den Urtmel! aller Sittlichkeit und im Judentum, das die Obergrosse Sittenstrenge geschaffen hat findet er den Grand zur Fäulnis, der die germanische Sittenstrenge unterlegen wäre. Deutsche Ratstöchter, Herr Hermann, nicht Judenmädchen waren es. gegen deren;•!lautere Konkurrenz die Meretrices von Nürnberg an den Ra' ־stitionierten. Die Steilung der Jüdinnen. des Weibes im Judentum soll ja eine so niedrige sein. .Darüber haben wir aber schon an anderer Stelle mit Delitzsch abrechnen müssen and Hermann muss sich mit dem begnügen, was seinem Gesinnungsgenossen dort erwidert wnirde. Aber für die erhabene Stellung des germanischen Weibes wollen wir doch auch nicht vergessen, dass der durch das Judentum unverdorbene Germane wotanischen Bekenntnisses nicht sich beim Soiel aufooferte. sondern zuerst sein Weib ..versnWte". und dann erst sich selbst auf den Wurf setzte. Die Stellung des Judenweibes ist bezeichnet durch die Prouhethi Miriam am Beginne unserer Nationalgeschichte, durch Dtborah und Huldah, durch Salome Alexandra und Beruriah. Aber es wäre töricht mit Hermann über historische Dinge zu rechten, denn er Ist ein Historiker wie Chamberiain. Nur Ist es bezeichnend, dass, man früher gern christlich und germanisch •Indcntißzlerte ^1. '־? \ V