Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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i Seite 338. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 31. zur Herzlfcier war natürlich nicht zu denken, der Gemeindeadel hielt sich auch peinlich fern. - * Was verlangt man denn auch -־- einen toten Gegner zu ehren! Von Dessau,.der niedlichen Klcinrcsidenz, ist auch ein hübsches Stückchen bekannt geworden. Der Herr Gemeindekantor, der übrigens dem Zionismus recht nahe stand, hatte in zuvorkommender Weise seine Mitwirkung für die Herzl- Gedenkfeier zugesagt. Allein am Morgen vor der Feier musste der Liebenswürdige urplötzlich verreisen, und eine nackte Absage ohne jede Angabe des Grundes blieb von ihm zurück. — Nach dem Grunde sollte mau vielleicht den Dessauer Gemeindeparncss fragen? Aus Tcplltz.• Ich würde nicht der hier stattgehabten Herzl- Feier erwülmen, wenn ich nicht eine Manifestation zu verzeichnen hätte, die von einer gegnerischen Kleinseite ausging und zu ihrer Erfolglosigkeit ungeteilte Indignation bei allen ruhig denkenden und rechtfühlenden Menschen hervorrief. Als der Wunsch laut wurde, dass dem Andenken des Zionistenfiihrers Theodor Herzl eine Trauerandacht gewidmet werde, beschlossen einige Herren, die das grosse Wort führen und sich gerne reden hören wollen, beim Tcmpelvorstand vorstellig zu werden, das Gotteshaus zu dem beabsichtigten Zweck zu verweigern. Der Vorstand hatte die Besonnenheit und die Pietät, aui diese engherzige Zumutung nicht einzugeheu und die Trauerfeier fand unter sehr lebhafter Beteiligung am 12. d. Mts. in sehr würdiger Weise statt. Den Rekord unter allen Taten Mauscheis haben bisher die Eideshelfer der ,.Frankfurter Zeitung" geschlagen. Wir h äugen hier vorläufig nur die Personen auf. Mit den ״Werken” der Hugo Ganz und Maximilian Paul Schiif werden wir uns gelegentlich etwas näher beschäftigen. Der Mainzer ״Jesuit” einzig und allein hat mit seiner licschäftsfrörnmigkeit dem Geschäits-Plülo-antisemitismus seiner Nachbarin von Frankfurt die Stange gehalten. Irgend ein dunkler Ehrniami. oder dessen Schüler, der beim Zionismus nicht genug auf die Kosten kommen konnte, hat hier offenbar seinen Befähigungsnachweis im Jesuitismus erbringen wollen. Wir reproduzieren eine kleine Blütenlcse, die wir viel lieber in unsere Extrazelle für den ״Jesuit", in unsere ״Lustige Ecke" gesperrt hätten, wenn sich nicht die uns geheiligten Lettern des Namens Herzl darin befänden. ״Jawohl,״ Herzl war ein überzeugter Zionist — v i c 1leicht der einzige." ״-sein Zionismus, das Schmerzenskind, das doch nichts war, als die spukhafte Ausgeburt seines weichen, weichen Herzens und seiner grossen, grossen Phantasie, wo sein Herz die Mutter, seine Phantasie der Vater war, aber der Verstand nicht einmal Patendienste leisten dürfte.” ״Wir sind die letzten, die Herzls Andenken beschimpfen wollen (nebbich!). Wir werden seine elegante Feder stets zu schätzen wissen. Wir werden ihm niemals vergessen, dass das Leid seines Volkes auf seinem Herzen gebrannt hat -- — werden auch stets gedenken, dass all seine Absichten lauter, dass er das Beste gewollt, w enn auch das Schlimmste g e t a n.” ״Aber, aber! Er hatte das Unglück, Jude zu sein. Hatte kraft seiner Geburt die nimmer zu veräussernde Aufgabe als Jude cihalteu. — - - — Ware. 1 11 c 0d o r Herzl in einem fremden Bekenntniskreise geboren worden,, wir hätten ihn huidigend an die Spitze aller Chasdc’ Unrmoth Haojam gestellt, hätten Gott gesegnet, der auf frernden Nährboden so edles Reis erspriessen liess, und hätten in ihm einen Vorläufer gesehen der einstigen Verbrüderung der Allmeuschheit. Aber, aber! Theodor Herzl war Jude! Jude aber ist, wer das Gotteswort hält. Und so erklären wir so laut als möglich, unbekümmert, was zionistische Heisssporne dazu sagen mögen: Der letzte Jude au f dem letzten Dorfe, wenn er das Gott es wort treu und ehrlich hält, ist eher einer der grössten und besten Söhne unseres Volkes seit Jahrhunderten, als es der Jude Theodor Herzl g e w c s c!1." (Die Sperrung stammt vom ״Jesuit".) ״.Denn Religion ist Privatsachc. \:s war der grosse verhängnisvolle Lebensirrtum Theodor Herzls, der aus dem Zwiespalt seines innersten■ Wesens erstanden ist und uitsäg• liehe Verwirrung unter Tausenden seines Volkes gestiftet hat. Der Z i o 11 Ismus, dieses Lebenswerk Herzls, das auf diesen Irrtum begründet ist, wird nicht besteben. Wir aber wollen am frischen Grabe des ersten Zionistcnführers in Wehmut sein gedenken. Ein edles, echt jüdisches Herz (ach, wirklich?) hat zu schlagen aufgehört. Welch‘ grosser Jude hätte er sein können!" Wer dir. Jesuit, von deinen frommen Tränchcii doch — eins runtcrwisclieu könnte! Mausehel, nimm dich in acht! Cerberus. Nachrichten aus Palästina. I i». ״*,il 1» — Die Nationalfond-Marke -- obligatorische Postwertzeichen In Palästina. Es wird uns aus Palästina! lieh besitzen mehrere Grossmächtc. dariinu Ungarn in der Türkei eigene Postämter der Unzuverlässigkeit der türkischen P< sächlich weil eigene Postämter im Orient i Staaten ein politisches Machtmittel darstcllcn einzelnen Postämtern herrscht daher eine gross So hat Russland, um die jüdischen Interessenten richtet: Bekanntaucli Oesterreichteils infolge und hauptbetreffenden Unter den Konkurrenz, zu gewinnen. zwar teils die einen Juden als seinen Postmeister in Jerusalem angestellt, dasselbe Russland, das zu Hause unter keiner Bedingung Juden zu Staatsämtcrn zulässt. Die türkischen Behörden hingegen haben, um die Juden zur Benützung ihrer Post zu veranlassen, sogar Poststempel mit hebräischen Buchstaben herstellen lassen. Die österreichische Postverwaltung hat mm den jüdischen Kolonisten vorgesclilagen, die österreichische Post zu benützen und zu diesem Zwecke in jeder Kolon*,e einen Vertrauensmann zu ernennen, bei dem die Postsendungen hinterlegt werden sollen. Als Aequivalent hierfür erbot sich die österreichische Post, die Korrespondenz der Kolonien untcreinander gratis zu befördern. Die jüdischen Kolonisten gingen auf die österreichischen Vorschläge ein. nur stellten sic die Bedingung, dass auf jeder Sendung aus einer Kolonie eine Nationalfond-Marke seitens des Absenders aufgeklebt werde, was von der österreichischen Post akzeptiert wurde. Auf diese Weise gilt in den jüdischen Kolonien in Palästina die N.-F.-Marke als vollwertiges österreichisches Postwertzeichen! --- Bei dieser Gelegenheit mag auch an dieser Stelle einer anderen symptomatischen Erscheinung Erwähnung geschehen. Ein hervorragendes Londoner Industrieblatt machte unlängst die englischen Industriellen auf die zu gewärtigende Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina aufmerksam und ermahnte dieselben, den deutschen Fabrikanten bei Einführung von landwirtschaftlichen Maschinen etc. nicht den Vortritt zu lassen . . . Wie viel könnten unsere ״praktischen" Juden, die sich von der ״Utopie des Zionismus" nicht imponieren lassen, aus dem MitgctciUeu lernen - * wenn sic wollten. Ein Stückeiten Macht, das aus der Konzentrierung ur.d der produktiven agrarischen Arbeit weniger Tausend Juden erwächst, lässt dieselben bereits als einen Faktor erscheinen, der etwas zu gehen und darum auch zu nehmen das Recht hat. Wie unter dem Einfluss des Zionismus selbst die durch furchtbarste Not niedergedrückten Volksgenossen sielt zu einer höheren ethischen Lebensauffassung aufzuschwingen vermögen, beweisen die Bestrebungen der heranwachscndcn Generation in Jerusalem. Die Söhne jener Clialukaiudeii, welche das Nichtstun sozusagen zu einem Berufe ausgcbiidct haben, haben einen zionistischen Verein begründet, dessen Bestrebungen darauf gerichtet sind, den armen jungen Leuten in den jüdischen Kolonien Arbeit zu verschaffen. Eine ganze Anzahl derselben ist bereits als Taglöhner untergebraclit. Aber auch in geistiger Hinsicht ist diese Jugend bemüht, ihr Wissen nicht mehr allein aus dem Talmud zu schöpfen, sondern sich nach Möglichkcit moderne Bildung anzueigneii. Hiezu bieten ihnen eiiiigermassen die Jüdische Nationalbibliotliek und die von dem wackeren Vorkämpfer und hebräischen Schriftsteller Ben- Jchuda redigierte Wochenschrift ״Haschkafah" Gelegenheit. #