Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651373--01512-2658373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 336, No. 31״. der russischen Nation nicht minder als in den unterdrückten Stämmen eine gewaltige Summe von Zündstoff an, die über kurz'oder lang das Gebäude sprengen musste, das e r untcrminiert hat’ Der Mann, der die befreiende Bombe gegen ihn schleuderte, weil er keine andere Rettung für seine Nation mehr sah, der sich selbst dabei zum Opfer brachte, hat nichts anderes getan, als nur das Gesetz beobachtet, das der Tcrrorist von Plchwe dem russischen Volke als das allein gütige vorgezeichnet hat. Er Ist kein Mörder, wie Plchwe; — denn er war nicht Terrorist um des Schreckens willen, — sondern ein Mörder wie Teil oder wie Harmodius und Aristogelton. Wir, die wir einem Volke angehören, das schon zu lange im Schrecken leben muss, um Irgendwie den Schrecken als Prlnzip in Irgend welcher Form und in irgend welcher Absicht als berechtigt anerkennen zu können, können es doch verstehen, wenn das Gesetz, das von Plchwe zum Urheber hat. sich auch gegen ihn selber kehrte. Für uns Juden hat freilich die Tötung von Plchwcs eine andere Bedeutung als für andere Völker im russischen Reiche. Ueber kurz oder lang werden die. falschen Diener des Moskowitertums in dem Blute ertrinken, das sie fortgesetzt vcrgicsscn und cs wird vielleicht dann manchen geben, der den getöteten Plchwe um seinen schnellen Tod beneidet, aber den Juden wird solche Staatsumwälzung, welcher Art sic auch sein mag, keine Hilfe bringen. Man wird ihnen von beiden Seiten die Verantwortung zuwälzen für alles, was durch eigene Schuld verdorben wird. Die Gewalthaber werden sic unterdrücken, weil sie Revolutionäre seien, und die Freiheitsparteien werden die Juden verfolgen, weil sic der Regierung treu bleiben. Wie cs auch immer kommt und wer auch immer in Russland die Herrschaft in Händen haben wird, cs hilft alles nichts, die Juden wird man verbrennen uhd wird sie weiter als die Prügelknaben behalten, bis sic sich selbst die Lösung der Judenfrage erkumnfen durch Gründüng einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Plchwe hat das Zarenreich und den Zarenthron aufs tiefste erschüttert. Wir Juden aber wollen nur das eine wiederum betonen, dass der Zustand der Juden in Russland zwar unerträglich ist, dass aber eine Aenderung noch keine Besserung für uns bedeuten wird. Unsere Zukunft ist nicht im terroristischen Russland, sondern im freien Palästina. E11 ä f t m. eineinhalb Kapitel. Ein nur wenig später entstandenes sogenanntes viertes Makkabäerbuch verdankt bereits lediglich ihrer Glorifizierung seine Existenz und feiert sie in stoischphilosophischer Predigt. So stieg bei den Juden der Ruhm des Martyriums, je mehr die Zeiten verfielen. Gegenwärtiges Leiden stärkte sich und erbaute sich an dem der Vergangenheit. Viel mehr aber noch tat das Christentum. Mit seiner ganzen Welt im Leiden wurzelnd, musste es das Leiden vergöttern, und die makkabäischen Märtyrer wurden tatsächlich zu Heiligen und Gestalten religiöser Anbetung. Köln errichtete ihren Reliquien sogar eigens einen Tempel, der noch bis in die Reformationszeit hinein 'das Wahrzeichen und Zentrum des Makkabäer-Kultus bildete. Indem sie die Helden des Duldens neben die des Kampfes setzte, verband die Nachwelt, insbesondere die christliche, die Vorstellung beider Heroentypen unter einem Namen. Auch die Gemarterten hiessen nun Makkabäer, die Mutter der Sieben die Makkabäer-Mutter oder kurzweg die Makkabäerin. Und so segeln in den zahlreichen Dichtungen, die sie verewigen, unter der Fahne der Makkabäer ——ן Aus der Bewegung. ן— N Sitzung des deutschen Zentralkomitees. Am Sonntag, den 31. Juli, fand In Köln im Bureau des Zentralkomitees eine Sitzung des Z.-K. der Zionistischcn Vereinigung für Deutschland statt. Zu derselben waren die Herren: Dr. Boden heim er-Köln. Dr. A d 1 e r י Lübeck, \V o 1 f f s o h n -Köln, Dr. Friedem a n n ־ Wiesbaden, Dr. Klee-Berlin, Rechtsanwalt Dr. H a n tk e- Berlin, Rechtsanwalt Grone mann- Hannover, W 01 f f י Köln und Dr. H a 1 p e r n - München erschienen. Von dem reichhaltigen Inhalt der Tagesordnung wollen wir heute nur folgendes hervorheben: Dr. Bodenheim er eröffnete die Sitzung mit einem warm empfundenen Nachrufe auf unseren verstorbenen Führer; die Anwesenden hatten sich bereits bei Beginn seiner Ansprache zu Ehren des Verschiedenen von ihren Sitzen erhoben. Nach einem eingehenden Bericht des Rechtsanwaltes Dr. Hantke über die Einrichtung und die bisherige Tätigkeit des neu gegründeten Zcntralbiiros, Berlin \V.. Friedriehstr. 58 II, wurden in Ausführung der Beschlüsse des Hamburger Delcgicrtentagcs folgende Gruppen verbände an Stelle der bisher bestellenden 5 Distriktsbüros gekündet: 1. Ostprcusscn und Regierungsbezirk D a n z I g. 2. Posen und Regierungsbezirk Marienwerder. 3. 0 b c r s c 111 e s i e!1. 4. Mittel- und N i e d c r sc!11 e s i c n. 5. Berlin, Brandenbürg und Königreich Sachsen. 6. Hansestädte, Schleswig-Hol st ein und Mecklenburg. 7. Hannover, Provinz Sachsen, Thüringen, Oldenburg, Braun schweig und Anhalt. 8. Rh ein provinz und Westfalen. 9. Nordbaden (Mannheim), Rheinpfalz, Württemberg, Hessen-Nass au und Grossherzogtum Hessen. 10. Süd-Baden (Freiburg). 11. Eisass- Lothringen. 12. Bayern. Herr Wolnsohn erstattete sodann einen eingehenden Bericht über das Nationalgeschcnk für die Kinder Hcrzls. Nach längerer Debatte wurden folgende Beschlüsse einstimmig angenommen: zwei Wesenheiten, so verschieden wie zwei Welten: Menschen, die ihr Blut teuer verkaufen, das Leben lieben und erstreiten, — und Menschen, die, in heiligen Schauern lächelnd, ihr Blut fliessen lassen und den Tod anschmachten. Erst der Poesie des neunzehnten Jahrhunderts aber blieb es Vorbehalten (eine alte Tradition dafür freilich fehlte nicht), zwischen solchen Antipodenseelen sogar eine Personalunion zu stiften. Die Heroen des Lebens und die Heroen des Todes, beide sollten sie ein Blut, einen Stamm, eine einzige Familienseele haben. Die Leidensmutter der Sieben und der Tatmensch Juda wurden Blutsverwandte. Wir sind hier auf dem Wege zu Otto Ludwig. Literarisches.' Soeben ist die Hcrzl-Nummcr des ״Sclilemior erschienen. Diese Ausgabe, die unserer nationalen Trauer entsprechend natürlich durchweg ernst gehalten ist, zeichnet sich durch einen gediegenen Inhalt aus. Da die Auflage voraussichtlich bald vergriffen sein wird, raten wir unseren Lesern, mögliehst schnell ein Exemplar von 25 Pi. vom Verlag des ״S chicm i e 1", Berlin C., An d c r S p a n d a u c r b r ü c k c 6, zu beziehen. . <7 1