Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4b I "ג*«" *r n-ir'fci««»rr*־!■ No. 31.' 0 , , . JÜDISCHE RUNDSCHAU. -f----- Seite 335. lebens und Fragen sozialer und wirtschaftlicher Art Beginnen wir'mit den letzteren, so ist es klar, dass war Juden insgesamt, die wir uns. überall in schlechten wirtschädlichen Positionen befinden, an der bessere* Ciestaltung des Erwerbs- und Wirtschaftslebens das höchste eigene Interesse haben. Schon dieses eigene Interesse, dem wir durch die Wahlstinune Ausdruck verleihen können, muss uns zur Beschäftigung mit der. Wirtschaftspolitik und zur Betätigung in ihr führen. Der Wirtschaftspolitik gegenüber sind in den letzten Jahren Fragen des konstitutionellen Verfassungsrechts sehr in den Hintergrund getreten. Wo wir sie auftauchen sehen, handelt es sich zumeist um Ausnahmegesetze oder um ausnahmsweise' Handhabung der Gesetze oder der Verwaltung gegen einzelne Klassen der Bcvölkerung. zumal auch gegen die Juden. Wenn die Juden an Venassungskkämpfen dieser Art sich stets beteiligen, auch wo sie nicht einmal die direkt Betroffenen sind, so wird man die Zionisten nie in ihren Reihen vermissen. Wir legen besonderen Wert darauf, die Juden überall wach zu erhalten, um Unrecht von sich abzuwehren, sie zum Bewusstsein'ihrer Menschenwürde und Menschenrechte auch als Juden zu bringen, zum iiidisehen Selbstbewusstsein. Deshalb müssen wir doppelt auf der Mut sein, um Gelüste nicderzuhalteti, die dahin zielen, uns erworbene Rechte zu schmälern, oder uns am Erwerb weiterer Rechte zu hindern. Wir müssen Politik treiben ebenso wie alle anderen Menschen, weil wir ein Interesse an dem Wollte des Staates haben, dessen Politik wir treiben, sodann aber auch ,um das jüdische Volk zu schützen und um es zu erziehen für die grossen Aufgaben der Zukunft. _ Dr. Max Kollenscher, Rechtsanwalt. Kischinowski. Im Königsberger Hochverratsprozess drehte sich ein grosser Teil der Untersuchung um die Frage, ob die Angeschuldigtcn den Terrorismus propagiert hätten. Und freilich wurde über den Staat verhandelt, der den Terrorismus zum Staatsprinzip erhoben hat. So lange ein Russisches Reich existiert, hat es geglaubt, mit den Mitteln des Schreckens regiert werden zu müssen. Gewiss haben auch Zeiträume nicht gefehlt, in denen vernünftige und patriotische Herrscher zeitweise der Einschüchtcrungspolitik ihren Staatsangehörigen gegenüber entraten zu. können vermeinten, aber es waren das doch nur! Unteibrechungen der allgemeinen Regel. Und besonders;die Angehörigen des jüdischen Volksstammcs haben cs tief und schwer empfinden müssen, dass es ihnen gegenüber niemals weder Gerechtigkeit noch Rücksicht gegeben hat. Freilich־ mit so brutaler Gewalt, wie in den letzten zehn Jahren, mffc so zynischor Offenheit, wie man die Juden um die Wendendes neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts ruchlos unterdrückte, hat man selbst in dem Russland, das die christliche Kultur Europas den ostasiatischen Staaten gegenüber waffengfcwaltig zu vertreten meint, nur selten sogar die Juden unterdrückt und verfolgt. Mehr als je aber hat der offen ausgesprochene Terrarisnuis in Russland als einzige Instanz regiert, seitdem der Balte von Plehwc an der Spitze dessen stand, was man in Russland beschönigend den Staat nennt. Dieser Mann, der. wie cs einen Zabalkanski und einen Zadunajski gibt, ganz trefiend den Beinamen Homelski oder Kischinowski hätte führen können, ist dadurch am besten charakterisiert. dass: man sich seine dcutschcvangelische Abstammung und seinen••:frommen Eifer für die griechisch-orthodoxe Kirche nebst seinem alle nichtriissisclien Nationalitäten unterdrückenden terroristischen Moskowiterpatriotismus neben einander vergegenwärtigt. Rcnegatenfamilien sind ja immer die gehässigsten und' gewaittätigsten Feinde aller, die nicht die gleiche KarriOre eingeschlagen haben. Und so ist es bezeichnend, dass die meisten lind berüchtigslen Gesinnungsgenossen des Herrn von Plehwc; wie der sattsam bekannte Herr von Wahl, deutsche Namen tragen für ihr russisches Herz. ׳ Mit brutaler Oiienheit bat Plehwc cs durchblicken lassen, dass er den Kischinewer und Homeler JudenkrawalL-gern gesehen und gebilligt hat. Auf seinen Befehl ״suppediticrlen" die russischen Gerichtshöfe, die eben im Zeichen des Plphweschen Terrorismus ihre Sprüche genau nach Instruktion .fällten, die Rcchtsfordcrungcn zu Rechtsbrüchen um. Selbst ..das völlig verrottete Russland ist niemals so bestechlich und zugleich so gewalttätig und blutrünstig gewesen, als eben.unter dem Minister, der den blutigen Schrecken zum Staatsprinzip erhob. Aber indem er die Gewalttat zur legitimen Herrscherin des Reiches machte, indem er die Finnische Verfassung brach und seine Hand nach den armenischen Kirchengütern ausstreckte, indem er alles, was nicht kariörclüstern seine Ue^erzeugunj: verkaufte, zerkauten und zu Tode martern Iiess, häufte er ln dieses alttestamentarisclien Volkes, um in prachtvoller Flamme gen Himmel zu lodern/) . . Aber nicht das jüdische Volk allein bewies den Makkabäern Verehrung, auch die Nationen der Christenheit feierten ihr Gedächtnis. Sie wussten, was für sie die Errettung der jüdischen Kultur bedeutete. Sie wussten, dass mit dem Ueberfluten des Hellenismus in der jüdischen Mutter auch ihre Leibesfrucht, im hebräischen Monotheismus auch der Keim der christlichen Idee mit ertrunken wäre. So vereinigten sich die Träger beider Religionen zur Verehrung der Makkabäer. Die Juden verewigten sie in historischen Berichten, in Psalmen, Predigten und allegorischen Visionen. Doch nur, so lange sie ihre Errungenschaften genossen; seit der endgiltigen Vertreibung aus ihrem Lande sind ihre makkabäischen Siegeshymnen mehr und mehr verstummt. Nur in religiösen Formen, in festlichen Gedenktagen und Geboten, lebte die Erinnerung an ihre Helden unauslöslich fort, bis in den jüngsten Tagen, geweckt von neuer Hoffnung, auf neuer Leier die alten Weisen wieder zu tönen *) S. Lüblinski, ״Jüdische Charaktere bei Grillparzer* Hebbel und Otto Ludwig." p. 63. beginnen. Unter den christlichen Völkern haU'von den ältesten Zeiten bis in unsere Tage die Dichtkunst die Makkabäer nicht unbesungen gelassen. ' ״ Aber neben diesen Lichtgestalten der gezeichneten Epoche wurden noch andere Gegenstand der Verehrung der Nachwelt: neben den Helden der Tat auch noch die Helden des Leidens. Das waren die Märtyrer der Makkabäer-Zeit, die sich in den Tagen der gewaltsamen Erniedrigung für Volkstum und Gesetz hatten hinschlachten lassen, und durch ihr Beispiel der Treue bis in den Tod nicht wenig zur Hebung des gelähmten Volksbewustseins beigetragen hatten. Die Ueberlieferung nennt unter ihnen einen Priester Eleazar und eine Mutter mit ihren sieben Söhnen. Es ist merkwürdig, wie der Kultus dieser Märtyrer sich mit den Zeiten hob. Das erste Buch der Makkabäer, das etwa zwei Geschlechter nach den Ereignissen' abgefasst wurde, erwähnt sie kaum, mit Namen überhaupt nicht 1). Das zweite Buch der Makkabäer, das noch drei oder vier Generationen später zu datieren ist, widmet ihnen schon . ״. .; ׳ ■ . . ־■;i!> . 1). I. Buch der Makkabäer Kap. 1, 62—64.!! v I