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Jüdische Rundschau · 1904-07-29 · Heft 30 (29.7.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 30 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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* .. .. i 1 »f \;». ׳ 1 י * ׳; L Seite 322. Mit Trünen in den Augen treten wir wieder in Reih und Olied. Es werden noch viele fallen, bis wir am Ziele sind - aber sie können nicht besser und ruhmvoller sterben als für ihr Volk und seine Freiheit. Das hast Du uns noch im Sterben gelehrt, Theodor Herzl! Es ist eine Bombe unter uns gefallen. Aber die Sitzung dauert fort. 4 Adolf Friede mann. -—ן Trauerkundgebungen. .— Telegramm. Auswärtiges Amt. Juli H. 190-1. Mein Her/, Ich bin! vom Marquis of Landsdownc beauftragt, Sic zu bitten, der Executive der zionistischen Bewegung sein tiefes Bedauern über Dr. Hcrzls Tod. der ihm in Ihrem Schreiben vom 7. d. Mts. angezcigt wurde, auszudrücken. Ich, bin, Mein Herr, Ihr ganz ergebener Diener Clement Milt. Mr. Greenberg Bureau des Ziouistcn-Kougresscs IX. Türkenstrasse 9, Wien. Mr. L. J. Greenberg erhielt von dem berühmten englischen Politiker, gew esenen Koloniahniuister, Mr. J. Chamberlaln foigendes Schreiben: *10 Prince’s Gardens S. \V. London 12. Juli 1901־. Lieber Mr. Greenberg! . Ich habe mit grösstem Bedauern vom Tode I)r. Hcrzls vernommen, vor dessen Charakter und Persönlichkeit ich die giösstc Hochachtung hatte. Ich hege die aufrichtigste Sympathie für seine Freunde und Anhänger, die einen so edlen und selbstlosen Führer verloren haben. Ich bin Ihr ergebenster gcz.: J. Chamberlaln. Max Nordau über Hcrzls Tod. Die allgemeine russische Zeitung ״Nowosti“, ein sehr angescheues und zuverlässiges Blatt, veröffentlicht ein Interview ihres Pariser Berichterstatters vom 6. Juli bei Max Nordau. Wir geben — unter Vorbehalt — folgenden Passus wieder: No. 30. ״Freilich Ist der Zionismus chic zu tief nationale, eine zu lebendige Bewegung, um fetzt aufhören zu können. Ich zweifle da!an keinen Augenblick, dass unser Volk noch viele, viele ihm unentbehrliche Männer, die an seiner Spitze stehen könnten, hervorbringen wird. Die Funktion erzeugt das Organ. Aber fetzt vorläufig . . . Wer denn? leb sehe keinen : » » Etwa in England? Wir wollen da von den Persönlichkeiten völlig abschcn, aber sollte sieb doch in England ein geeigneter Mann finden, so würde die Unkenntnis der den russischen Juden verständlichen Sprache ein ernstes Hindernis bilden. Die Macht des Zionismus, insbesondere die moralische, besteht in den Juden Russlands. Wir dürfen freilich weder die amerikanische, noch die englische, noch die österreichisch-deutsche Judcnhcit ignorieren, aber die wichtigste bleibt doch die russische Judenheit; unsere Zukunft liegt in ihr. Kann denn nun au der Spitze ein Mann stehen, der ihre Sprache nicht versteht. —• den Jargon? Oder nicht einmal Deutsch? Nein! Ich vermute, dass nach einigen Monaten. ein Kongress cinbcrufen werden wird, der den geeigneten Leiter unserer Bewegung ausfindig machen wird. Die Bewegung kann nicht ohne einen Führer bleiben, aber die Konstitution des Zionismus wird, nach meiner Ansicht, manche Acndcrungeo erfahren müssen. Wie die Konstitution Prcusscns von Bismarck, so wurde die Unsrige von Herzl ausgearbeitet. Ein anderer wird ihr nicht gewachsen sein: mit der Revision derselben muss sich der nächste Kongress befassen. Und wir werden weiter arbeiten! Wohl werden w ir den grossen Schmerz nie besiegen, noch darf man nicht in Verzweiflung geraten. Die Rettung des Judentums und der Juden bestellt im Zionismus. Der Moment ist ein kritischer. Ohne den Zionismus werden wir zweifelsohne untergehen, entarten. Wenn unsere nationalen Ideen nicht a־״ iangeii sollen, sich in konkrete Formen zu gestalten, so wird; im Laufe von etwa .י׳י Jahren die Intelligenz von uns io! tgelteu. Und ohne Intelligenz vollzieht sich der Untergang eines Volkes ganz rasch, linbemerkbar schnell.’* Im Verlaute des weiteren Gespräches über die Lage der Juden lu den verschiedenen Ländern, kam Nordau Jeden Augenblick auf Herzl zurück. Nach seiner Ansicht, als Arzt, wären die häufigen Aufregungen die Ursache des frühzeitigen Todes Hcrzls. ״Er hätte bei seiner Herzkrankheit noch zehn Jahre leben können. Die Aufregungen haben ihn getötet. Selbstj verständlich ist niemand daran schuld. Verantwortlich dafür ist die Geschichte, nicht aber einzelne Personen. Herzl hat vor zwei Jahren ein politisches Testament abgefasst, das von Nordau und Marmorek durch ihre Unterschriften als echt verbürgt wurde. Der Inhalt ist weder dem einen noch' dem anderen bekannt: er wurde immer geheim gehalten. Herzl hintcrliess drei Kinder im Alter von II bis 15 Jahren, die — wie Nordau tieffend sagte — zu alt sind, um den grossen Schmerz nicht zu empfinden, wiederum zu jung, um sich trösten zu können.‘‘ ״Es gibt keinen Herzl mehr, aber das jüdische Volk ist jetzt um ein heiliges Grab reicher und auf den Gräbern wachsen. Blumen.“ JÜDISCHE RUNDSCHAU. % ihm, die widersprechendsten, unwidersprochendsten: ein Zug grandioser Erhabenheit und einer von tiefster Lacher• lichkeit und Verworfenheit. Das kam, man nahm einmal den gottestreuen Patriarchen der Bibel, das andere mal die unterdrückte und in sich erniedrigte Spottgestalt des Ghetto in ihrer rein äusserlichen Erscheinung, ohne Prüfung hin. Das eine Bild war durch die Autorität der Kirche, das andere durch die noch unfehlbarere eines ererbten Hasses geheiligt und abgestempelt. Erst als mit beginnender und fortschreitender Emanzipation die jüdische Persönlichkeit dem deutschen Gefühl und Auge näher trat, fing man an, an dem zweiten zu zweifeln, nachdem moderne Philosophie und Bibelkritik, nicht zum mindesten auch die Eifersucht fanatischer Griechenverehrung, schon lange an dem ersten gezweifelt hatten. So kam man sich auf einem Mittelwege in gerechterer Erkenntnis entgegen. Noch immer aber waren die beiden Janusgesichter an dem Kopfe des Juden nicht zu einem verständlichen Mitteltypus verschmolzen. Noch immer brütete der deutsche Wirt über den seltsamen jüdischen Gast, den er da in sein Haus genommen. Wie stieg nur der gewaltige Prophet, der klirrende Held der Bibel, hinunter zu solcher Entartung? Das war das Problem, das manchen deutschen Dichter nicht zur Ruhe * kommen, das ihn mit der Lupe des Psychologen sich über Leben und Geschichte dieses Volkes legen licss. Mehr oder weniger sind alle Judendichtungen der Modernen als solche Versuche und Studien aufzufassen. Die Methode, die man anwandte, war zweifach gegeben. Man konnte im alten Judentum Winke zur späteren Entwicklung, und man konnte im neuen den Schlüssel zum Geheimnis des alten entdecken. Beides tat man in ausgiebiger, zuweilen mehr als ausgiebiger Weise; und wenn in den Meisterwerken der Grillparzer, Hebbel und Ludwig oft in der Tat überraschende Lichter auf die jüdische Volkspsyche fallen: nicht weniger oft hat doch gewaltsame Analogie, Nichtachtung historischen Umschaffens, vor allem aber die nicht abzu streifende, naturgemässe Einseitigkeit christlich-germanischer Betrachtungsweise, daneben gegriffen. Mag dem sein, wie ihm wolle, jedenfalls war es den Dichtern nicht einmal so sehr um das Lösen als um das Raten des Rätsels selber zu tun. Das jüdische Volk als solches war ihnen hoch interessant. Und die jüdische Seele als Einzelerscheinung schien poetisch so fruchtbar. Bei einer Besprechung von Shakcspeare’s Novellentlramen sagt einmal Otto Ludwig:

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