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Jüdische Rundschau · 1904-07-29 · Heft 30 (29.7.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 30 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. SO. JÜDISCHE RUNDSCHAD. Seite 321. Kopf hoch! Au! dem stillen Friedhof zu Döbling liegt der Mann, dem wir so oft stürmisch zugejubclt haben, liegt was sterblich war an Theodor Herzl. Audi die Nachrufe, in denen Freund und Feind dem grossen Toten Ehre gezollt, verstummen allmählich. Und das ist gut Manchmal beschlich mich beim Lesen aller der schönen Worte eine leise Bitterkeit. Hütten sie doch ein wenig von alledem gesagt, als er noch am Leben war, als er noch den schweren Kampf gegen das widerstrebende Schicksal kiimpfie! Aber da hat nichts davon verlautet, dass er gut und vornehm denkend, genial, ״ein königlicher Mann“ sei. Wie hatten solche Worte das arme leidende Herz stärken, ihm Lebenskraft cinflössen könnnen. Aber still davon. Es soll heute keine Bitterkeit geben, wir dürfen uns nicht einmal den Luxus allzulanger Trauer gestatten. Wenn irgend etwas geeignet ist, uns aus unserem Kummer zu neuer Tat cmporzuschrecken, dann sind es gerade diese Nachrufe, die so voll von Anerkennung sind. Denn in ihnen allen steht es ja zwischen den Zeilen deutlich zu lesen: ״Mit diesem grossen Toten wird auch sein Lebenswerk, der Zionismus, bcgraben.” Und da darf man sich auch ein paar anerkennende Worte ruhig leisten. Von einem Albdruck befreit atmen die Kleiner, der Jerusalcmcrstrassc und die Grossen des Londoner Westerds auf und stammeln: ״Der Zionismus ist tot, Herzl war ein braver Mann.” Mi: Verlaub, Ihr werdet Euch noch ein wenig gedulden ii.iissen. Freilich, uns hat ein schwerer Schlag getroffen, der furchtbarste, der unser Haupt treffen konnte. Wir sind einen Augenblick betäubt gewesen, aber das ist vorüber. Jetzt heisst es zu zeigen, dass wir nicht umsonst in die Lehre gegangen sind bei dem grössten Juden seiner Zeit. Jetzt heisst cs zu bcweisen, dass wir gelernt haben, dass wir die erworbenen Kenntnisse verwerten können. Jetzt müssen w׳ir zeigen, dass es keine Rücksichten irgend welcher Art gibt, die uns veranlassen könnte״ ein Opfer zu verweigern. Jetzt muss jede persönliche Erwägung und jede Eigensucht ausgemerzt werden und nur ein GeJankc alle durchdringen: die Bewegung zu erhalten und mit vermehrter Schnelligkeit ihrem Endziel entgegenzuführen. Ihr fra^t, wer Herzls Nachfolger sein wird, wer jetzt die Arbeit tun soll? Nicht ein Mann! Der eine Mann war ein Geschenk der Vorsehung, wie es nicht alltäglich gegeben wird. Zeigen w ir jetzt, dass wir wert waren, ihn zu besitzen. Wer Dia Judendichtung Otto Ludwigs. . §'• Die psychologischen Voraussetzungen der Judendichtung. Der Anteil des Judentums an der deutschen Literatur ist ein doppelter. Einmal lieferte es ihr einen Einschlag an menschlichen Hilfskräften von mehr oder weniger spezifisch-jüdischer Geistesfärbung, dann aber und vor allem stoffliche Objekte zu poetischer Darstellung. ’ Das Stärke- Verhältnis dieser beiden Faktoren zueinander und zur Literatur des deutschen Volkes hat mit Zeit und Weltanschauung eine wesentliche Verschiebung erfahren. Während im Mittelalter die deutsch schreibenden und deutsch dichtenden Juden unter der Ueberzahl der arischen Musenkollegen durchaus verschwanden, nahmen die Stoffe, welche die jüdische Sagenwelt und Geschichte der deutschen Literatur lieferten, einen ganz hervorragenden, ja zu Zeiten dominierenden Raum ein. In der Neuzeit aber hat sich dies Verhältnis total verkehrt, sodass Bearbeitungen jüdischer Stoffe unter deutscher Hand das Seltene, die Aufnahme jüdischen Geistes in die deutsche Schriftstellerwelt dagegen eine ganz ausserordentliche geworden ist, Gegen beide Herzls Nachfolger sein wird? Wir alle — das ganze Volk — werden es sein, nicht nur die Grossen und Klugen, auch die Kleinsten und Einfältigsten unter uns, warn sie mir ganz erfüllt sind von reinem und darum geheiligtem Wollen. Jetzt kommt die Feuerprobe für unser Volk und wir werden sie bestehen. Von heute an darf es keinen Unterschied mehr geben zwischen ״Ost" und ״West“, zwischen den Anhängern dieser und jener Richtung, von heute an darf es nur noch eine einhcitliche Partei geben, durchdrungen von dem unabänderlichen, zielbewussten Wollen, unserem armen Volke die ersehnte Heimat zu schaffen. Wo ein Wille, da ist auch ein Weg. Und mag er schwer zu schreiten sein ohne unseren grosen Führer, wir werden ihn־ furchtlos und treu gehen. Er hat uns ja das Ziel gezeigt, bevor er von uns ging, und wir werden nicht wanken und weichen, bis es ereicht ist. Freilich bedürfen wir einer neuen Organisation. Die alte war im Wesentlichen auf einen Mann zugeschnitten, der ״alle anderen um Haupteslänge überragte. Das müssen wir ändern. Die ganze Institution des grossen Aktionskomitees in seiner gegenwärtigen Form ist reformbedürftig, das wurde (wohl allseitig) schon bisher anerkannt. In die Geschäfte des Eine 11 werden sich Viele teilen müssen und sie werden mehr Selbständigkeit erhalten, als das bisher der Fall war; mehr als bisher kommt die Bedeutung Jedes Einzelnen in Frage. Das grosse A.-K. wird darüber am 16. August Beschlüsse fassen. Einstweilen heisst cs für den Augenblick zu sorgen, heisst cs unsereu Gegner und uns selbst zu beweisen, dass wir unsere Pflicht kennen. Dreifache Arbeit harrt eines Jeden, dreifache Verantwortlichkeit für Wort und Tat. — Als Herzl noch in Paris weilte, schrieb er seine berühmt gewordenen politischen Betrachungen mit der Ueberschrift ״Das Palais Bourbon.“ Und mit Bewunderung und Anerkennung spricht er von Charles Dupuy, dem Kammerpräsidenten. Man warf während der Verhandlung eine Bombe in den Saal und das Entsetzen hätte vermutlich die Volksvertreter zur Flucht veranlasst und so ihr Prestige schwer geschädigt, wenn ihnen nicht Dupuy zugerufen hätte: ״Die Sitzung dauert fort.“. Auch unter uns ist eine Bombe gefallen. Unser Bester ist abgerufen worden. Aber wir nehmen die Fahne auf, die seinen starren Händen entsunken ist. Sein heiliges Vermächtnis ist die Idee, ihr Wergzeug der politische Zionismus, den wir rein erhalten müssen, wenn wir siegen wollen. . . Arten von Zufluss hat sich manches in der deutschen Welt gewehrt', indem das hochgespannte Nationalbewusstsein bald eine Hintansetzung seiner eignen ihm gemässer und fruchtbarer dünkenden Volksüberlieferungen, bald eine Verfälschung und Ablenkung seiner Produktionsweise wie seiner Natqr- und Weltauffassung befürchtete. Wir haben die Berechtigung solchen Bangens und solchen inneren Wider- Standes hier nicht zu prüfen. Soviel wird man aber wohl feststellen dürfen, dass der deutschen Dichtkunst'durch Aufnahme und Verarbeitung jüdischer Stoffelemente ein unschätzbarer Gewinn erwachsen ist. Eine Reformationsliteratur ohne Luthers altes Testament, ein Kirchenlied ohne die Davidischen Psalmen, die Muse Klopstocks ohne den Schwung der Propheten und die biblische Mythe, ja Goethes ״Faust״ ohne den biblischen ״Hiob“, sind dem historischen Verstand Unmöglichkeiten. Damit aber ist die Reihe dieser Wirkungen nicht beschlossen. Das neunzehnte Jahrhundert erst hat den völlig neuen, überaus interessanten Typus der Judendichtung geschaffen. Man hatte bis dahin den Juden einfach nicht gekannt, ln der Vorstellung des Volkes lebten njr zwei Züge von ייין»‘■**«*"

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