Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651372--01487-2658341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 320. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 30. Zeiten sind vorüber, in denen der Satz galt: ״Italien den Italienern“, in denen jede Nation glaubte, einen Staat bilden zu müssen, und jeder Staat glaubte, nur Angehörige einer Nation In sich aufnehmen zu dürfen. Im Deutschen Reiche wohnen ausser den Deutschen nicht nur Juden, sondern auch Polen, Franzosen, Dänen, Masuren, Litthauer. Sie alle sind gleichberechtigte Staatsbürger und die Besonderheit ihrer Nationalität hindert sie in keinem Falle an allem, was das Wohl und Wehe des Deutschen Reiches betrifft, den lebhaftesten Anteil zu nehmen und selbst ihr Bestes zu tun, um an dem Fortschritt des Reiches mitzuarbeiten. Wir Juden insbesondere — auch soweit wir Zionisten sind — gefährden auch den Bestand des Reiches in seinen Grenzen durch unsere speziellen nationalen Bestrebungen in keiner Weise. Man kann wohl — mit welchem Rechte kann hier dahingestellt bleiben — den Polen den Vorwurf machen, dass sie Teile des Deutschen Reiches abzulösen bestrebt sind, man kann den Dänen im Norden des Reiches und den Franzosen im Westen denselben Vorwurf machen. Wir Juden sind aber darüber erhaben. Uns führen unsere nationalen Bestrebungen in Gebiete, die mit dem Deutschen Reiche noch nie etwas zu tun gehabt haben und in absehbarer Zukunft auch nichts zu tun haben werden. Unsere national-jüdischen Interessen stehen mit den Deutschen Reiclisinteressen nicht im geringsten Widerspruch. Wir können mit gleicher Wärme und gleich stark für beide eintreten. Deshalb können wir auch in den Staaten, in denen wir gegenwärtig leben, mit den Angehörigen anderer Stämme und Nationen ״ zusammen an dem Wolile des Staatskörpers mitarbeiten, dessen Verwaltung uns alle umfasst. Ganz in demselben Sinne führt einer der bedeutendsten preussischen Publizisten, Professor Dr. Hermann Schulze aus: ״Das preussische Volk repräsentiert keine Nationalität, ja nicht einmal eine besondere Stammeseigentümlichkeit. Es ist ein blosses Staatsvolk, d. h., es umfasst diejenigen, welche durch bestimmte geschichtliche Fügung In der Form des preussischen Staates eine staatsrechtliche Organisation gefunden haben.“ Und dasselbe sagt der österreichisehe' Staatsrechtslehrer Professor Dr. Anton Mengen ״Die meisten Staaten bestehen ausVölkerbruch teilen, die in der Regel auch religiös getrennt und mit Bruchteilen anderer Nationen vereinigt sind, wie es eben das Schicksal der Schlachten und die Laune der Diplomaten gefügt hat.“ An Stelle jener falschen Erklärung des Patriotismus, die Patriotismus mit Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität verwechselt, stellt derselbe Menger die Theorie auf: Patriotismus ist Liebe zu Land und Leuten. Folgt man dieser Theorie — und ihr zu folgen, dürfte allein dem hohen Werte entsprechen, den wir dem Begriffe Patriotismus beimessen — so wird man sich auch Menger weiter anschlicssen müssen, wenn er ausführt, dass die Vaterlandsliebe nicht bei jedem Staatsbürger in derselben Art in die Erscheinung tritt, dass sie vielmehr sozial bedingt ist, das heisst, dass die Art und die Stärke ihrer Aeusserung von dem Interesse abhängt, das der Einzelne an dem Staate hat, und von der Stellung, die er in ihm einnimmt. In dieser Beziehung unterscheidet Menger drei Bevölkerungsschichten im Staate. Bei der ersten Schicht, die im ersten Stockwerke des Staatsgebäudes wohnt, Adel, Geistlichkeit, Heer, Beamtenschaft, bestehen enge Be- Ziehungen zu der jeweils herrschenden Regierung, von der ja die Existenz dieser Schicht in ihrer angenehmen Stellung abhängt. Ihr Patriotismus besteht daher in Treue und Hingebung für die Herrschenden. Diezweite Schicht — der Mittelstand, Bürger und Bauern -— hat den persönlichen Zusammenhang mit den Herrschenden verloren; ihr ist die Kulturgerncinschaft das wesentlichste geworden. Daher betonen diese Kreise in ihrem Patriotismus die Gemeinschaft der Sprache und Litteratur, der Kunst und Wissenschaft. Die dritte Schicht schliesslich bliden die ärmeren Volksklassen, deren Leben im aufreibenden Kampfe um ein dürftiges Dasein mit den kleinlichsten wirtschaftlichen Sorgen ausgefüllt wird. Sic haben auch von der Kulturgemeinschait nicht viel und erwarten eine bessere Zukunft von der besseren Gestaltung ihrer wirtschaftlichen Lage. In dem Streben nach wirtschaftlichen, ökonomischen Fortschritten erschöpft sich ihr Patriotismus. Prüfen wir nun, ob die J^dcn, auch so weit sie stammesbewusste Zionisten sind, Patrioten in diesem Sinne in den Staaten sein können, in denen sie wohnen. Die Frage ist durchaus zu bejahen. Unter den Bevorzugten, die im ersten Stockwerke des Staatsgebäudes wohnen, befinden sich leider Juden mir in ganz hesonderen und überaus vereinzelt dastehenden Ausnahmefällcn. Wo wir aber diese vereinzelten Juden in heilen Staatsstellungen finden, sehen wir auch, dass sie an Patriotismus ihren nichtjüdischen Standesgenossen in nichts nachstehen. Und daran kann sich nichts ändern, wenn sie Zionisten sind. Der Zionismus kann niemandem verbieten, sich Macht und Ansehen zu erhalten und zu erhöhen. Und die Erhaltung in Macht und Amt und Stellung ist ja der Patriotismus jener Kreise. (Schluss folgt.) i Daoksagüing. Anlässlich des schrecklichen Schlages, der mich und die Meinen durch den Tod meines teueren Mannes getroffen hat, sind mir aus aller Welt, namentlich aber aus zionistischen Kreisen, tausende Beweise rührender Teilnahme zugekommen. Wenn es überhaupt einen Trost in unserem schweren Leide gäbe, so wären es diese zahllosen Zeichen der innigsten Liebe und Verehrung, die uns aufrichten könnten. Ausser stände, allen einzelnen zu danken, spreche ich deshalb auf diesem Wege allen den herzlichsten Dank aus. Wenn ich mich bisher an der Lebensarbeit meines geliebten Mannes nicht öffentlich l beteiligt habe, so geschah es nur aus dem! Grunde, weil ich fürchten musste, ihn dadurch in seiner rastlosen, aufreibenden Arbeit noch [ mehr anzufeuern, und weil ich ein Ende voraus- , sah, wie es leider nur allzurasch wirklich einj getreten ist. Seine Arbeit war aber auch mir I heilig und wird mir immer heilig bleiben. Ich * werde der zionistischen Bewegung mit allen { meinen Kräften dienen und alles daran setzen, ן um meine Kinder in das Lebenswerk ihres Vaters | einzuweihen und zu ergebenen Kämpfern der von * ihm erstrebten Erlösung unseres Volkes zu machen, j Damit hoffe ich im Geiste meines teueren Toten j zu handeln und auch meiner Liebe zu seinem \ Lebenswerke Ausdruck geben zu können. i Nochmals Dank, berzlichslen Dank allen,! die ihn lieben und ihm Treue halten wollen. j Julie Herzl. I Wien, im Juli (flbh) 1904 (5864). *>, --- I ,ff 1r r -־ .aftiC■ ..