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Jüdische Rundschau · 1904-07-22 · Heft 29 (22.7.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 29 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Ho. 29. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 313. *ber.der eines guten und ehrlichen Menschen, nicht der eines eitlen Wichtiges und Charlatans." . Hat das Antisemitenblatt nicht ein volles und gutes. Recht, diesem Wust von Arroganz, Herablassung, Kollegenncid und Tauflingtum, hinzuzusetzen:, ״Die sehr wenig verschwiegene Charaktcrschunhcit dieses Nachrufs wollen wir unvermindert wirken lassen. Wir haben ihn dreimal durchgclcscn. Einmal uns selber laut vorgelesen.” Trauerkundgebungen. ■ ‘ Dem Andenken Herzls. Zur Traucrteler der Zionistischen Vereinigung Duisburg. Er ist nicht mehr! Hört: Herzl ist nicht mehr! Ermesst die Worte, könnt ihr sie erfassen? Und düstre Trauer senkt sich dumpf und schwer Auf unser Haupt. Die Sterne sanft erblassen Und schwelend flackern in die dunkle Nacht In dumpfer Wehmut stille Trauerkerzen. Und Juda selber hält die Totenwacht. Das Kleid zerrissen, mit zerrissnem Herzen. Und auf sein Antlitz rinnen sonder Zahl Des Volkes schmcrzenshcissc Tränen nieder. Es kiisst die bleiche Hand in süsser Oua!. Es küsst die kalte Hand und kiisst sie wieder. Freiheit und Liebe hat er uns gebracht. Und Stolz und Freude hat er uns erstritten, Den Zagen hat er wieder froh gemacht. Für uns hat er gelebt, geschafft, gelitten. Er gab uns alles. Ehre uns und Kraft. Den kühnen Bück und wohlgemutes Wagen, Er goss in unsere Adern irischen Saft Und schaffen lehrt er uns, statt zu ertragen. Aus Bergeshöhn hat er das Land geschaut, ln das er uns mit starker Hand geleitet. — Auf Brüder, fleissig Stein auf Stein gebaut. Und selber euer Schicksal euch bereitet! Er ist bei uns. er lebt doch! Sagt: er lebt! Er kann doch nimmer, nimmer von uns scheiden — Die Zeit in emsig stetem Schaffen webt In frohe Freude» uns auch bittres Leiden. Seht! Schwelend flackern in die dunkle Nacht In dumpfer Wehmut stille Trauerkerzen, Und Juda selber hält die Totenwacht, Das Kleid zerrissen, mit.zerrissnem Herzen. Harry'Epstein. Wien. Das engere Aktionskomitee hatte beschlossen, eine einfache, würdige Trauerfeier zu veranstalten. Unterstützt vom Obmann des Distrikts-Komitees Dr. E. M. Zweig und freiwilligen Mitarbeitern aus den Studenten- und Arbeitervereinen, löste es seine Aufgabe auf das best«.־. Der grosse Musikvereinssaal. in dem die Trauerfeier stattfand, war Sonntag, am 10. Juli, um 10Vj Uhr vormittags, von einer vieltausendköpfigen Menge bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Der Saal selbst war au der Stirnseite schwarz drapiert und mit dem grossen Bilde H e rz 1 s'geschmückt. Die Rednertribüne war ebenfalls mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Dem Bilde gegenüber hing die umflorte zionistische Fahne. Ausser der Familie des Verewigten nahmen alle zionistischen Korporationen Wiens, eine Deputation des Wiener Kultusvorstandcs, mit dem Vize- Präsidenten, kais. Rat Moriz Hirsch an der Spitze, und eine grosse Anzahl von Juden aller Bezirke an der Feier teil. Hunderie mussten auf die Teilnahme au der Trauerkuudgebuug ver- . zichten, weil die Behörden eilte weitere Ueberfülluug des Saales nicht zulicsscn. Die Feier wurde mit dem von Oberkautor B e 1 a O u t m a n 11 und dem verstärkten Tcntpelchore weihevoll gesungenen Psatme ״Ach clohint . . . eingeleitct. Dann folgte die . Trauerrede des Gemciiidcrabbiners D r. Fcuchtwang, die tiefen Eindruck machte. An diese Trauerrede schloss sich das אל מלא רחמים und die Ansprachen der zionistischen Delegierten aus den verschiedenen Ländern: Oskar Marmorek *Wien), Redakteur Naluini Sokolow-Warschau.!Mister Cowcn- ' London, Dr. Alfred Klee-Berlin, Ingenieur Ussischskiu-Jckatcrinos!av, Dr. Alexander Marmorek-Paris, Dr. Sclunarja Lewin- Wilna, . Dr. D. Alcaiay-Bclgrad, Adolf Stad-Lcmberg, cand. ־r>hi!. Oskar Frankl-(Ivria)-Wicn, Nathan Gross (Poaie Zion). In tiefer Ergriffenheit lauschte die Trauerversammlung den Reden. Während einzelner Reden weinte alt und jung, andere wirkten begeisternd, erhebend. Die Teilnahme der Versammelten hielt bis zum letzten Worte gleich stark an. Als die feierliche Weise der ״Sch’wissi" ertönte, wurde das Weinen allgemein. Und doch war es für viele Linderung ihres Schmerzes, dass sie weinen konnten, wieder weinen, nachdem sic in den letzten Tagen schon so viele Tränen vergossen hatten. Die würdige, tieferschütternde Kundgebung, die nicht ein einziger Misston gestört hatte, wird den Teilnehmern immer in Erinnerung bleiben. Und doch! Wir sind die Trauernden Zions und Jerusalems; noch fanden wir keinen Trost in unserem Leide. Nur ein Gedanke ringt sich zu immer grösserer Klarheit in uns durch: Wenn wir ihm wirklich unsere Liebe und Treue' beweisen wollen, dann müssen wir alles tun, dass sein Herzenswunsch erfüllt werde, dass er wenigstens ruhe in des Heimatlandes Erde, wenn es ihm das Geschick nicht vergönnte, sic als Sieger zu betreten. Und so haben wir von der Trauerfeier den festen Vorsatz mitgebracht, weiter zu kämpfen und zu arbeiten nicht nur unsertwegen, nicht nur um des Volkes, sondern auch um seinetwillen, den wir so sehr geliebt haben und immer lieben werden. London. An demeslbeu Tage, an dem das Sterbliche unseres grossen Führers der Erde übergeben wurde, am Donnerstag, den 7. Juli, veranstalteten die ' Londoner Zionisten eine Tr auerfeier um den Verblichenen. In der Great-Assembly-Hall wurde ein Massenmeeting abgehalten, dem viele Tausende Menschen beiwohnten. Hunderte von Trauernden konnten keinen Eingang mehr finden, da der Saal überfüllt war. Es herrschte eine feierliche Totenstille; unter dem Vorsitz von Sir Francis Montcfiore legte Dr. Bernstein eine Resolution vor, worin der Sympathie für Dr. Herzls Familie und der Begeisterung für Herzls Ideen Ausdruck verliehen wurde. Zur Unterstützung der Resolution ergriif Isr. Zangwill das Wert. Z a n g w i 11 hielt in einer unheimlichen Stille, die vom Schluchzen der Anwesenden untcrbrochcn wurde, seine Trauerrede, aus der wir folgende, für Zangwill nicht minder als für Herzl bezeichnende Stelle hervorheben: , . ״Es scheint mir, als ob es erst gestern wäre, da pochte ein schwarzbärtiger Fremdling an die Tür meines Studier- Zimmers,' ais ob er vom Himmel heruntergciaüen wäre, und sagte: ״Ich bin Theodor Herzl. Helfen Sie mir den Juden- Staat wieder aufzubauen.“ Seit dem Tage schritt er von Wunder zu Wunder, von einer Unmöglichkeit zur andern. Wie würde er sich auf der Bühne der europäischen Politiker ausgenommen haben, er, der die Politik eines ungeborenen Staates schaffen konnte! Und wie hat ihn die Majorität der Juden aufgenommen? Sie sagten, Israel sei verstreut und zu sehr zerrissen für eine gemeinsame Arbeit — er sammelte einen Kongress aus allen vier Weltteilen. Sie sagten, der Kongress sei ein eitel schwätzerischer er schuf eine Bank und eine Aktienge- Seilschaft. Sic sagten, die Armen werden ihr Geld verlieren — und die Bank zahlte Dividende. Sie sagten: ״Ihr wollt aus dem Zionismus eine schmutzige Sache, eine Geldsache machen.“ -- und 300 000 Aktieninhaber verzichteten auf die Dividende. Sie sagten: ״Wozu das Geld? Der Sultan wird mit Ihnen nicht verhandeln.“ Und der Sultan machte Herz! zu seinem Ehrengäste, und wären die praktischen Männer hinter Herzls Rücken gstanden, der Charter wäre unser. Sie sagten: ״Oh. der Sultan braucht Geld, eine solide Macht wird mit Ihnen nicht verhandeln.“ Und siehe! Das grösste Reich der Welt hat ihm einen Boden angeboten. um seine Ideen ausführen zu können. Sie sagten: ״Aber Ihren Ideen fehlt der religiöse Impuls." Und er gab den Juden den grössten geistigen Impuls, den sie seit dem Beginne des Golus hatten." Zangwill las zum Schlüsse sein Gedicht vor. das er auf den Tod Herzls gedichtet hat: ״Farc well o Princc, fare well." Nach ihm sprachen mehrere Redner in jüdisch-deutscher Sprache. Die Zuhörer weinten laut. Ein einziger Schmerz erfüllte den weiten Saal, derselbe Schmerz, der uns alle durchglüht, und am Tischah-b’Abh zu neuem heftigen Ausdruck kommt. v Berlin. Einfach und ergreifend gestaltete sich die Feier, die die Berliner Zionistische Vereinigung unserem toten Führer brachte. Im schwarz drapierten Saale des Architektenhauses hatten sich Hunderte im. Traucrgewandc versammelt. Vor der Redncrstcilc war das umflorte Bild Herzis zwischen brennenden Kerzen aufgcstellt. Der Vorsitzende der Berliner Zionistisehen Vereinigung, Dr. Katz. sprach einige einleitende Worte urid Hess zwei berufene Redner Herzis Bedeutung für das jüdische Volk würdigen, das Hohcitsvolic und zugleich Schlichte,

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