Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 312. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 29. liehen Stachel und entferne den Schmerz seines Volkes von der ganzen Erde. Der Ewige hat es verheissen." Er ist unser Erlöser für und für. ,‘Auf ihn vertrauen wir alle Zeit. Sein fceUigcr Wille geschehe. Amenl Amen! Stimmen der Presse. Dem Nachruf des ״Illustrierten Wiener Extrablatt** entnehmen wir folgende Stellen: ״Eine der glänzendsten Persönlichkeiten der Wiener Schrift* stellerwclt ist dahingeschieden. Doktor Theodor H e r 7.1, ein *Mann, dessen brillanter Geist von Tausenden bewundert wurde, der mit der Kraft seiner politischen und nationalen Ucberzcugungen aber Zehntausende hingerissen hat, ist gestern nach* mittags gestorben. Die Liebhaber delikatester geistiger Kost, die Fein* schincckcr des Stiles und der kunstvoll zugcschliffcnen Ge* danken verlieren an ihm einen Schöpfer erlesener Genüsse schriftstellerischer Kunst. Die Massen aber, die er uni sein politisch-nationales Ideal zu scharen verstand, werden in tiefster Trauer um den Führer klagen, den grossen Herzens und 'mit weit ausgreifenden Gedanken unermüdlich an der Verwirk* lichung der Pläne gearbeitet hat, die zahlosen Mühseligen und Beladenen ein gelohtes Land, i 11 r gelobtes Land in iedern Sinne versprachen. Theodor Herzl, der über die Träne eines Kindes, über einen Spaziergang in einem Wiener Park, über ein so unscheinbares Ding, wie eine Brille, Gedanken spann, die vom Kleinsten ins Grosse, von der Zufälligkeit momentaner Form ins bedeutsam Allgemeine, ja ins Ewige führten — Theodor Herzl. der Mann dps glänzenden und feinen Wortes, war grösser noch als '•'.חוזה der Tat, als Schöpfer ur.d Leiter einer Bewegung, die im Laufe von wenigen Jahien Tausende von Menschen ergriffen hat und auf durchaus realem Boden, mit den Mitteln kühner, aber überlegter Politik, einem weit gesteckten und doch greifbaren Ziele zustrebte. Er war der Anreger und Führer der zionistischen Bewegung in Oesterreich, er war bald eine der ersten, vielleicht die erste Persönlichkeit des internationalen Zionismus. Das ist, wie in zahlreichen Schriften, Programmen und Reden'auseinandergesetzt wurde, wie vor Allem Herzl selber in seinem ״Judenstaat“ mit Wärme und Kraft ausgeführt hat. die Bewegung, die darauf abzielt, den! in der ganzen Weit zerstreuten, von den meisten Nationen gehassten, unterdrückten und gepeinigten Volke der Juden in Palästina, dem Lande, das sie einst besessen und beherrscht haben, einen neuen Boden für ihre selbstständige nationale und politische Entwicklung zurückzugcwiiincn. Jeder, ob Zionist oder nicht, ob Freund oder Feind der Juden, wird anerkennen müssen, dass eine menschliche Grösse, die in unseren Tagen nicht mehr häufig ist״ darin liegt, wie Herzl die Massen um sich zu scharen verstand, wie er mit der Kraft seiner Person, seines Geistes und seiner Stellung für seine Ideale, die die Ideale von Zchntausenden geworden waren, cintrat, wie er vor dem grössten Unternehmen und vor der kleinsten Arbeit nicht zurückscheute, wenn es galt, die Wirklichkeit dessen, was er als die Zukunft seines Volkes vor sich sah, irgendwie näher hcrauzuziehen. Die Bedeutung seines Wirkens für sein Volk wird und kann niemand autasten; darin liegt sein Herz, alle Triebkräfte seines Blutes, darin wirkte das Nationale in ihm, und das ist immer unter allen Umständen das Allerbeste an jedem Menschen. Seine literarische Bedeutung liegt zunächst in dein Glanz und Schliff, in der üusserst anregenden Feinheit der Form, die er seinen Gedanken und dem. was dazwischen war. geben konnte. Wie bei jedem Schriftsteller von Rang, so floss auch bei ihm die Form mit den» Gedanken unlöslich zusammen, und bei seinen Arbeiten leichteren Genres musste man oft überlegen, ob cs die ungewöhnliche Wendung der Form oder der tatsächliche Ideengehalt war, der an dieser oder jener Steile eine so pikante und unwiderstehliche Anziehung ausübte, Er wusste wie kein Zweiter in Wien kleine und feine Dinge anziehend und bedeutsam ■— oft überbedeutsam bis zur fühlbaren Absichtlichkeit auszusprechen. Er war \n diesen letzten. Jahren unstreitig Wiens hervorragendster Feuillctonist. Seine Feuilletons in der .״Neuen Freien Presse“ waren für die ganze deutsch lesende Welt Gegenstand der Aufmerksamkeit und wurden meist mit Entzücken, immer aber mit einem sehr re- ,?pektvollen Interesse beurteilt.“ Unsere Antisemiten bleiben natürlich nicht aus. Mcrk* würdig, wie die Organe verschämten Antisemitismus, wie die .,Deutsche Zeitung" Berlin, mit den unverschämtesten ihres Schlages, wie etwa das ״Deutsche' Volkshlatt" in W ich, har- ־. ' ' monlsch zusammenstimtnen. Einen feinen Riecher haben sie alle für die Schwächen unserer jüdischen Entartung, und so ist nicht zu verwundern, wenn sie die Stimmen der Blätter für getauftes Judentum, die hier wieder nicht zum ersten und letzten Male am gleichen Strange mit ihnen ziehen, für sich als Waffe verwenden. So schreibt die ״Deutsche Zeitung”, Berlin: Herzl war Feuilleton-Redakteur an der Wiener ״Neuen Freien Presse"; und er war herzkrank. Für den psychologisehen Kenner des Judentums ergibt sich schon daraus, was Gedankenspielerei, Fantasterei, Fcuillctonistcn-Eitelkcit und krankhafter Idealismus an dem Auftreten und den Plänen Dr. Herzls gewesen sein mag. Wirkliche Idealisten in der alten, auf Lebcnspraxis gezüchteten Rasse der Juden gibt es nur unter den konstitutiv Kranken. Bei Theodor Herzl war es das Herz; bei Bernhard Ehrentlial in Freitags ״Soll und Haben" war cs die Lunge. Gustav Freitag ist in diesem Roman überhaupt ein klassischer Kenner und Scliilderer des Judentums. Im praktischen Leben freilich hat er den denkbar treffendsten Gebrauch von seinen Kenntnissen nicht gemacht. Audi er war Dichter und den Irrtiimcrn der Fcuillctonistik unterworfen. Mit besonderer Wonne zitiert dann das Blatt den famosen Nachruf von Hugo Ganz (oder nur balbgctauft? Anm. d. Red.) aus dem Feuilleton der ״Frankfurter Zeitung", den cs mit den Worten einlcitet; ״Und mm flimmert nachstehende a jonr gefasste Perle jüdischer Fcuillctonistik auf. Sic zu betrachten ist ein ganz unvergleichlicher Genuss. Man muss die Worte ein wenig im natürlichen Jargon der Helden von der Klabrias-Partie im Alcxandcrplat/.-Theater sich vorgetragen denken. Dr. Hugo Ganz sagt und schreibt: ״Darf man bet einem Manne von seiner Schönheit reden? Hier muss man es: denn Herzls ganzes Wesen ist nur aus den Erlebnissen und Bedürfnissen des schönen Mannes zu erklären. Nicht das ״Beau" im trivialen Sinne. Denn Herzl war mehr als ein schöngcwachscncr. schönbärtiger, schönäugiger Orientale. Er war von der durchgeistigten Schönheit der Propheten, und der Riss, der durch seine Seele ging, war der ewige Konflikt zwischen diesem und dem ßotilevardier, der er in Paris, in den Salons schöner Frauen geworden war. Es gibt viele, die nur den letzteren kannten und ihn deshalb einen Gecken hicsscn: andere, die nur die Pose des Versammlungslciters und Meetingredners sahen und ihn deshalb einen Chnrlatan liiesscn. Er war keines von beiden oder batte von beiden schwerlich mehr als welch anderer Mann der Oefientliclikeit immer. Er war ein Schönheitssuchcr innerlich und äusserlich, der in Schönheit leben und in Schönheit sterben wollte, ein königlich veranlagter Künstlcrmensch. der es nicht ertrug, ein Paria zu sein und deshalb eine Nation gründen wollte, uni — eine Krone ablelmen zu können. Icli habe hundertmal mit iluu geredet über seine Pläne und über seine Person. Er wusste, dass' ich mich der zionistischeu Bewegung feruhielt und viele seiner Aktionen missbilligte, und er ertrug cs, dass ich die Wurzeln seiner Extravaganz blosslcgte bis zur Schmerzhaftigkeit. Aber ich musste immer die Klarheit bewundern, die er über sich selber batte, und die Selbstverständlichkeit, mit der er ein Lebensziel verlaugte, das seiner würdig sei. Er war viel zu kritisch, als . dass er seinen Audienzen bei Kaisern und Königen oder dem Papst den Wert persönlicher Errungenschaften bcigelegT oder dass ihm diese ״Erfolge” eines Journalisten geschmeichelt hätten. Er »and es nur selbstverständlich, dass er mit Potentaten und leitenden Ministern verhandelte, de puissance ä puissance. wie zuletzt Plchwc, um ihm zu schmeicheln und ilm zu ködern, ihm hinterbringen liess. Er hatte von Jugend aui die äusseren Erfolge eines schönen und die wertvolleren eines witz- und gcistspriihomlcn Mannes, aber sie genügten ihm »licht. Die erregte Ambition verlangte mehr, verlangte die Rolle eines Säkularmensclicn und darum gründete der Pariser Chronikeur eine Weltbewegung. Das habe ich ihm oft gesagt und er liess cs gelten; Aber nicht die Vorwürfe, die ich ihm machte, dass es eine grenzcnlosc Frivolität sei. Millionen gequälter und verfolgter Men* scheu zum Picdestal seiner Grösse zu »nachcn. Er glaubte an den Zionismus. Ich schreibe diese Zeilen, um Zeugnis dafür abzulegen, schreibe sic, während mir noch die Hand zittert, denn ich habe ihn trotz »naricitem harten Redestrauss sehr, sehr lieb gehabt, schreibe sie als der Gegner, dessen Zeugnis doppelten Wert hat. Herzl ist Zionist geworden, weil er sich, die Grabstätte am Berge Horch verdienen wollte, aus höchstem Ehrgeiz; aller er hat an' die Bewegung geglaubt und ihr alle seine Krüite gewidmet, ja er ist »Tn sie gestorben, denn es waren die Misshelligkeiteti in d־׳r Partei, die seinem kranken' Herzen den Todesstoss versetzten. Sein Ehrgeiz war gross. •Mm .1 mm ־ •־׳יי—־•’.'*־״י •ך ...:•־