Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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/;i / ) U 0 Seite. 310,. JÜDISCHE RUNDSCHAU. t׳: No. 29. ••* •״ . . I 5; . ״'.* י;ly., י i ■ . ו.‘ ״Ihr sollt es wissen, dass ein Fürst und Grosser an diesem Tage in Israel ist gefallen.” Ja, ״ein Fürst und ein Grosser", so haben wir rühmend ihn zu ,nennen. Wie ein Fürst stand er seit acht Jahren, seit er seine Schrift; t|der Judenstaat" geschrieben, unter seinen Gesinnungsgenossen, unter denen, die aus Oesterreich und Deutschland, wie unter denen, die aus Polen, Russland und Rumänien seinem’ Rufe gefolgt waren. Engländer und Franzosen hörten begeistert auf sein Wort, und von jenseits des Ozeans, vom Süden Afrikas, von den Bergen des Kaukasus and aus fernen Städten Sibiriens kamen. die Teilnehmer zu den Versammlungen, die er leitete und beherrschte, denen er Richtung und Ziel wies, die ihren Ruf, ihre Grösse und Bedeutung in hervorragendem Masse ihm verdanken. Und bereichert durch erhebende Eindrücke und neue Gedanken, in ihrer Liebe zu Zion, ihrem Glauben an die Brüder, ihren Hoffnungen für die Zukunft gestärkt, kehrten sie dann wieder in die ferne Heimat zurück. Alt und Jung, Männer und Frauen, Menschen jeglichen Standes und Berufes, der verschiedenartigsten religiösen An- .schaumigen und Bildungsweisen, wusste er durch die Kraft der Ueberzcugung, mit der er seine Ideen verkündigte, für sie zu gewinnen und ihnen die Wärme seiner Gefühle einzuflössen. Söhne und Töchter unseres Volkes, die ihm fremd geworden, seinen Erinnerungen, seinem Leben und seinem Schicksale fremd gegenüberstanden, führte er wieder zu ihm zurück und brachte ihrem Lehen selbst damit einen erhöhten Wert, einen neuen Glauben und edle Ziele. Schlummernde oder verborgene Kräfte hat er erweckt und vielen deii Weg zur Hilfe für die Unglücklichen und Verstosscnen ihrer Brüder, wie den zu segensvoüer Arbeit für die Gegenwart und Zukunft Iraels gewiesen. Und das haben seine vielen Schüler auch anerkannt. Was sie geleistet, durch ihn angeregt geleistet haben, wessen sic mit Recht sich rühmen durften, ihm haben sic gedankt, dass er sie dazu geführt, dass er sie gelehrt habe, jüdisch und damit auch wahrhaft menschlich zu fühlen, gut und hilfreich an ihren Brüdern zu handeln. Wie einem Könige haben sie ihm gehuldigt, wie einen Freund und Vater ihn geliebt und verehrt Als ein fester, aufrechter Mann, als eine adlige Natur ist er getreten vor Minister und Räte, vor Fürsten und Könige, vor den Sultan wie vor das Oberhaupt der katholischen Christenheit. Er war nur der Vertreter armer, macht- und wehrloser, gering geschätzter und schmählich misshandelter Juden. Aber die Geringschätzung verschwand vor seiner Erscheinung. Aus ihr sprach eine Würde, die auf die grosse Vergangenheit seines Volkes hinwies, das zu den hervorragendsten dieser Erde gehört und der Menschheit Güter gegeben und Dienste geleistet, wie wenig andere neben ihm. Aus ihr sprach das Recht eines Stammes, der mit hohen Anlagen begabt ist, dessen edle Geister nach Freiheit und voller Entfaltung ihrer besten Kräfte verlangen und streben, dessen Gcmüter zart empfinden und die Knechtschaft, mit der man sie fesselt, die Gewalt, mit der man sic unterdrückt, die Verachtung, die man ihnen entgegenbringt, tief und schmerzvoll fühlen und im Bewusstsein ihrer selbst als einen Frevel an ihnen und an allem, was menschlich heisst, kennzeichnen. In seiner Erscheinung trat den Grossen dieser Erde eine Personlichkcit voll Kraft und Schönheit, voll Würde und Hoheit, voll Festigkeit und Sicherheit, voll Takt und Bescheidenheit ent- Von Aelirengleissen und Traubeiiglut, Wenn singend der Wirt auf der Halde ruht Und die Felsen klingen vom Flötenschall, •Wenn Weit und breit durch Täler und Höh’n Der Jude die sausende Sense schwingt, Sein Brot gesegnet, seine Rebe trinkt - Dapji bleibt Ahasverus wie träumend stehn. Dann bricht aus seinem greisen Afünd Ein- Schluchzen, ein Jauchzen, ein trunkenes Lied, Dann Wurzelt sein Stecken und grünt und blüht Im heiligen Staube zur selben Stund. Dann fällt sein hären Gewand herab Und Purpur deckt ihm die Lenden zu, Dann thront er und träumt er in Pracht und Ruh — —־ Nach hundert Jahren, im Monat Abh. Israel Auerbach. | •gegen,• ein• Bild edler. Mannhaftigkeit, das alles widerlegte,, was Bosheit und Vorurteil über jüdische Gestalten ahd Formen ersonnen hat. .Es war ihm.nicht gegeben, grosse «nd greifbare Erfolge bei ihnen zu erreichen. Politiker rechnen nur mit Mächten und Tatsachen, und solche hatte er nicht zu bieten. Das ^ber dürfen wir sagen, dass seit langer Zeit kein Jude seine Glaubens- und Volksgenossen so mutig und tapfer, so stolz und würdig, so einsichtsvoll und achtunggebietend vertreten hat, wie Theodor Hcrzl. Die Liebe zu seinem V01kt>, die aus ihm; sprach, das Vertrauen auf dessen Kraft, der Glaube an seine Zukunft, liessen Pläne ihm als möglich scheinen, die nüchterne Betrachter als phantastisch ansahen־, er aber hat sie zum Gegenstand der Erwägung ernster Staatsmänner gemacht, als Gedanken, die jetzt erst noch in der Brust einzclner Männer leben, die aber stark werden, sich ausbreiten und einst überraschende Wirklichkeit werden können. Er war ein edler, freier und stolzer Mann unter den Ar- -beitern des Geistes, denen er nach seinem Stande und Berufe angehörte. 111 nicht geringer Zahl finden wir unter diesen solche, die dem Stamme des Judentums entsprossen sind, die ihren Geist aus dessen Säften genährt haben, aber dann, wenn sie Namen und Stellung erlangen und oft auch schon vorher die Verbindung mit ihm abschncidcn, ja nicht selten sic verleugnen. Ganz in den Strömungen unserer Zeit aufgehend haben sie Interesse für alles, was diese bewegt, für die grossen wie für die kleinen Ereignisse des Lebens, für Literatur upd Kunst in ihren verschiedenartigen Formen, für die Wissen* schäften und ihre Ziele, für die Vergangenheit der grossen Völker und die Schicksale der mannigfaltigen Persönlichkeiten der Gegenwart. Aber für das. was gross ist in der Ver* gangenheit ihres eigenen Volkes, haben sie kein Auge, für seine Ideen, für sein Ringen und kämpfen kein Verständnis. Verschlossen ist ihr Ohr dem Herzschlag derer, die eines Blutes sind mit ihnen, und die oft geschmäht werden für das. was die ihnen entfremdeten sagen und tun. Keine Saite haben sie auf iltrer Leier iiir ihre Empfindungen und Leiden, von ihnen schweigen sie, wo sie für andere reden würden. Anderen wiederum ist alles nur Kunst, lind das Lehen ein Spiel, dessen Reizen sie nachgchen und dessen Farbenglanz sie erfreut. Aber was fest ist und bleibt, hat für sie kein Interesse, was schlicht und einfach ist, zieht sic nicht an, die Armen und Geringen sind für' 5te ohne Wert und ohne Bedeutung.־' Ihnen ist ■die Aesthetik alles, die Ethik wenig oder gar nichs. Auch Theodor Herzl war ein moderner Mensch. Ihn« war Geist und Herz offen für alles, was schön und gross ist im Leben unserer Tage und vergangener Zeiten. Wie wenige war er ein Meister der ׳ Form und ein Künstler der Feder. Aber auch ein Held der Feder war er. Nur was er für wahr erkannt, was er im innersten Herzen empfunden hatte, schrieb er. Er schaute die Not des Armen, er vernahm die Seufzer der Alleinstehenden und für den Schmerz der Unglücklichen fand er Worte voll des tiefsten Mitgefühls. Darum lag es in seiner natürlichen Entwicklung, dass er auch die Liebe zu seinem Volke in sich fand. Und wie er sie einmal gefunden hatte, hat er sie auch mit ergreifender Macht des Gefühls und mit erschütternder Stimme verkündigt. Er fand in sich den Willen, seinen leidenden Brüdern zu hclien. und er hat ihn zur Tat werden lassen, zur Tat, die seinem Leben eine andere Richtung gab und eine Höhe, hoch über allem literarischen Ruhme, wie über alle Freuden dieser Weit. Sic führte ihn in die Mitte der Guten und Weisen, der Edlen und Helden unseres Volkes, in den Kreis jener, von denen Daniet der Seher sprach: והמשכילים חד,ירוי נזהר הרקיע ומצדיקי, הרבים ״ בבוכבים לעולם ועדDie Weisen und Guten werden leuchten wie des Himmels Glanz und die nach Gerechtigkeit und Hei* streben für Viele werden glänzen als Sterne für und für.“ Es war das Mitleid für die Armen und Verfolgten, das zuerst ihm an das Herz gegriffen hat. Dann aber, als dieses einmal bewegt war, wurde es immer mehr ergriffen. Immer höher schwoll es von starkem Gefühl und tiefem Verständnis für das Judentum. Er selbst hat diese Entwicklung in der Rede, mit der er den ersten Baseler Kongress cröffncte, mit den Worten gekennzeichnet: ״Der Zionismus ist die Heimkehr ins Judentum noch vor der Rückkehr ins Judcnland." Und diese Worte haben sofort viele seiner Gegner entwaffnet und auch die für ihn gewonnen, die keine Zionisten sind, sondern einfach Juden, aber Juden, denen nichts Jüdisches fremd ist. Der Geist edler Almen war in ihm aufgestiegen, und cs war der gute Schutzgeist unseras-Volkcs, die Liebe zur Familie, die ihn zu uns geführt hat. DervGedankc an seine Eltern wurde ihm zur Verkündigung dessen, was das jüdische Gemiit an kostbaren Gütern in sich birgt, was die jüdische Seele an Wertvollem bewahrt, das unvergänglich, alle echten und wahren Kinder des Judentums für immer an es bindet. Seine Ehern,■ seine Familie geben seinem menschlichen Bilde die Vollendung. Reinheit, Adel, Güte, Innigkeit sprechen aus ihnen. SCJSBRTIffי.1ז«5מA *CT־״ ין •י'־״“*-