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Jüdische Rundschau · 1904-07-15 · Heft 28 (15.7.1904) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 28 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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t "JeJäiaMJiAm |f״</*r.*S״■ r+ i» U*w - i N0. 28. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 363. Auf seinem, jungen Grabe •■ werden ' die nimmer welkenden Blumen der Sehnsucht und der Erinnerung blühend Das Volk wird ihn in den Sagenhimmel versetzen, in den es seine Helden und Märtyrer eingehen lässt. Und dieser Lohn wird ein gerechter Lohn sein• Denn was immer auch das fernere Schicksal seines Werkes sein möge — unvertilgbar bleibt in der Geschichte seine )Persönlichkeit stehen, das Bild eines treuen, hingebungsvollen, selbstlosen Arbeiters, der mitten in seiner Arbeit zusammenbräch; in der Zeit des allseitigen Verrats und der Fahnenflucht das Bild eines Mannes, der seinem Volke sein Leben weiht, unerschrocken, unverzagt, bis zum letzten Atemzug aufrecht, hoffend, träumend, liebend, — und darum im Tode noch ein Wahrzeichen der unverwüstlichen Lebenskraft seines Volkes.“ Frankfurter Israelitisches Famllienbtatt. Jedoch eins war ihm vergönnt: er durfte die grosse Liebe und die tiefe Verehrung, die ihm die־ breiten Schichten des jüdischen Volkes in so rührender Weise entgcgcnbrachten. schauen. Im Vorjahre war es, als er im Interesse seiner verfolgten Brüder die schwere Reise nach Russland antreten musste. Da durfte er cs erfahren, dass in den jüdischen Zentren Russlands, die auf seiner Route lagen, Tausende und Abertausende in Sturm und Regen, tageja wochenlang die Bahnheie umlagerten, - - seine Ankunftszeit musste aus begreifliehen Gründen geheim gehalten werden -- und diejenigen bestürmten, von denen sie annahmen, dass sie Beschau wissen müssten, ihnen doch Gelegenheit zu bieten, ihren Führer zu begrossen. In Wilna war es. im ..Jerusalem Lithauens.“ wo ihn der gesamte Vorstand der jüdischen Gemeinde, mit überschäumendem Enthuiasmus begriissen konnte. Der grase, achtzigjährige üaon, Rabbi Schlomoh Makohcn, der Wünacr Rosch-Bcth-Din, war es, der ihm in eigener Person den .,Priestersegen“ erteilte und eine kostbare Tliorarollc im Auftrage der Gemeinde überreichte. Aber das höchste Ziel seines Lebens zu erreichen, ward ihm versagt: er brachte sein heissgeliebtcs Volk nicht in das gelobte Land. Auch hiuterliess er keinen Ersatz, Keinen, der seine Stelle ausiüllcn könnte, und so blieb nun das jüdische Volk wiederum führerlos in seinem verzweifelten Ringen um die Bcfreiung. . ״ , Vcrzwciflungsvoll stehen wir nun au seiner Bahre und fragen vergebens: Was nun? Wem! wir vollends der Millionen gedenken, die von ihm so viel erwarten durften, und uns ihre Verzweiflung vergegenwärtigen, so ergreift uns ein Grauen ob der tiefen Hoffnungslosigkeit, die nunmehr, alles erstarrend, cintreten muss. Man möchte wünschen, ein Jeremias zu sein, um dem abgrundtiefen Schmerz Ausdruck und Worte verleihen zu können, damit die tauben Ohren hören, die geblendeten Augen sehen den unsagbaren Jammer ihres Volkes und den Weg zu seinem Herzen und zu seiner Rettung linden. 111m, dem grossen Führer seines Volkes, dessen Herz voher Liebe und Erbarmen war, flogen alle Herzen zu. Die Trauer um ihn, den Hohen. Edlen, ist eine Nationaltrauer. An seiner Bahre weint ganz Israel. Sein Andenken aber bleibt t'tir alle Zeiten, solange ein jüdisches Herz schlägt, gesegnet. bin fertig.” Darauf sagte ich ihm: ״Jetzt wäre es gut, wenn Sic ein wenig schlafen wollten." Er antwortete: ״Ja, das wäre gut." Er drehte sich auf die rechte Seite, mit dem Rücken gegen mich. Ich hüllte ihn sorgfältig ein und drehte mich dann gegen das nebenstehende Kästchen, um meine Injektionsspritze bereit zu stellen. Da hörte Ich einen tiefen Seufzer. Ich wendete mich rasch um und sah Herzls Haupt gegen die Brust sinken. ״Dr. Singer rufen!” schrie ich der Wärterin zu und riss, während sie hinausstürzte, die Inlektionsspritze an mich, füllte sic mit Kampferöl und injizierte, und hielt ihm Aether unter die Nase. Er tat ein paar Atemzöge. Pr. Singer eilte herbei, wir gaben Injektionen, ich machte Herzmassage, aber alles, alles war vergebens. Ich konnte ihm nur־ noch den letzten Dienst erweisen und ihm die Augen zudrücken. Um 5 Uhr nachmittags hat das jüdische Volk seinen grössten Sohn verloren. An seinem Totenbette standen die vier Mitglieder des A.-C. neben der fassungslosen Familie. Ich aber schlich in den Garten und weinte und weinte. W. ' 5$ Die ,^Allgemeine Zeitung des Judentums‘* findet sich vorläufig mit einigen Zeilen in ihrer Rubrik ״Die Woche“ ab, die sic ihrem Bruderorgan, dem ״Berliner Tagebiatt“, wörtlich entnimmt und nur mit folgenden Schlusssätzen versieht: ,.Wie dem aber auch sei, das Judentum verliert in dem Heimgegangenen, dessen inhaltsreiches Leben und Wirken noch ausführlich gewürdigt werden wird, einen seiner hervorragendsten Repräsentanten, der nur das Beste seiner Glaubensbrüder gewollt und von den edelsten Beweggründen beseelt war. Sein Name wird in der neuen Geschichte Israels fortleben.“ ״Im Deutschen Reich“ kennt nur einen ״geistvollen Feuille- - tonisten" Theodor Herzl und druebt die allgemein von den Judenliberalen wiedergegebene Notiz des ״Berliner Tageblatts" ab. f Dr. Bloch’s ״Oesterrcichische Wochenschrift.“ erzähl! durch den Mund eines Zionisten und persönlichen Bekannten Herzls von den letzten Arbeitstagen; des Verblichenen• Als Literat und als Politiker wird Herzl charakterisiert. ״Er war vom Wirbel bis zur Sohle Aristokrat, Aristokrat des Geistes und des Herzens. Niemals ist seiner Feder eine unfeine Wendung entschlüpft und niemals ein unedler Gedanke." ״Eine historische Persönlichkeit ist Theodor Herzl geworden als Schöpfer und Führer der modernen zionis* tischen Organisation. Sagen wir es gleich vorweg, er hat zahlreiche und leidenschaftliche Gegnerschaften gefunden, aber stellen wir gleichzeitig auch fest, dass die Untadel haftigkeit sei 11er Person und seiner Gesinnung trotzdem niemals und von keiner Seite angetastet worden ist.“ ״Herz! als Lehrer und Agitator beginnt als Pessimist und endet als Optimist, ohne dass aber diese Zwiespältigkeit seiner Lehre Eintrag tüte. Er ist Pessimist in seinen Voraussetzungen, aber dann tritt sein Optimismus in Erscheinung: Heil kann nur Zion bringen und wird cs bringen.‘ , ״Man hat vorwurfsvoll gefragt, ob es denn nicht sträflich sei, in den Herzen von Millionen unglücklicher Menschen solche Hoiiimngen aüfilaminen zu lassen, die sich vielleicht niemals verwirklichen lassen. Herzl glaubte an die Verwirk- I i c h u n g, und die Verwirklichung vorzubereiten und näher zu bringen.“ ״Nicht für die reichen Juden, die sich selbst zu helfen wüssten, sollte der Zionismus das Bekenntnis sein, sondern für die ungeheure Mehrheit, die in Armut und Sorge andauernder und hoffnungsloser Verzweiflung preisgegeben ist. Denen wollte Theodor Herzl helfen, und darüber brach sein Herz." Im Wiener ״Jüdischen Volksblaft“, bekanntlich dem. Organ der ausserhalb der zionistischen Organisation stehenden national-jüdischen Partei Wiens, schreibt Doktor Leo Sofer unter anderem: ״Der Tod Dr. Herzls hat eine ungeheure Lücke in die zionistische Partei gerissen. Aber die zionistische Idee lebt in dem jüdischen Volke so unauslöschlich, die Organisation der Partei, die er geschaffen, ist so ausgezeichnet, dass weder für das Leben der Idee, noch für den Bestand der Partei zu fürchten ist, wenn sie auch auf anderen Bahnen, als Dr. Herzl ihr zuerst vorzcichnete, wandeln wird müssen. Ein Licht in Juda ist erloschen.“ Das״Jüdlsche Tagblatt" in> Lemberg schreibt: ״In der Blüte seines Lebens, *M Jahre alt, erlosch das Licht des Volkes Isracl. Das Telegramm hat uns so erschüttert, dass cs uns jetzt ganz unmöglich ist, mehr zu schreiben.“ ״Algemeine Jüdische Zeitung“, Burhpest: ״Und auch wir, die wir nicht zum Heerbanner Herzls gehören, sehen mit tiefem Bedauern den so jähen Hintritt des Mannes, der — wenn auch nicht in religiösem Geiste — das Wohl des jüdischen Volkes angestrebt und hierfür eitrig gearbeitet hat und berufen zu sein schien, der Judenschaft noch grosse Dienste.zu leisten•*• Münchener Neueste Nachrichten. (Auszug’) Dr. Theodor Herzl, der ungekrönte König von Zion“, der am Sonntag inEdlaeh bei Wien au den Folgen einer Herzmuskelentzündung gestorben ist, war, wie man uns aus Wien schreibt, unstreitig einer der markantesten und interessantesten Gestlten der Wiener literarischen Welt. —-— — — ־־־• —— — — — — — — Vielleicht lag aber in jenem Zurückgestossenseiu das erste psychologische Moment, das ihn auf die Wege des National-Judentums und des Zionismus brachte. •In den zionistischen Kreisen nahm Dr. Theodor Herzl dank seiner hohen Begabung, dein unendlichen Eifer, mit dem

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