Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-07-15 · Heft 28 (15.7.1904) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 28 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651370--01451-2658303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 302. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 28. hatte nicht nur kein einheitliches Programm, sondern auch nicht einmal eine blasse Vorstellung von den Dingen, um die es sich handelte. Man begnügte sich mit dem Wunsche nach einer nationalen Heimat und berauschte sich an der Hoffnung. Man merkte vor diesem inneren, ehrlichen Enthusiasmus gar nicht, wie sehr man Im Dunkeln tappte. Es war ein kleiner, geschlossener Kreis, der sich an den hohen Idealen labte, aber die grosse Welt wusste nichts davon. Da erschien im Jahre 1896 Herzls ״Judenstaat'‘, und diese Schrift entfachte einen gewaltigon Sturm auf der ganzen Erde. 1» den Reihen der Zio* nisten begann ein Oährcn, man ahnte das Nahen einer grossen Zeit. - ץ iir Herzl war sein Buch nicht eine literarische Studie, sondern eine lebendige Erucht seiner innigen Liehe zum Judentum und seines jüdischen Gewissens. Und so trat er auch •bald aus seiner Reserve heraus und folgte dem ehrenden Rufe seiner Parteigenossen. Mit bewundernswerter Energie ging er an sein Werk. Er bereiste die Hauptstädte Europas und hielt öffentliehe Vorträge über den Zionismus*) er lud den ersten Kongress nach Basel ein und gab der Partei eine Verfassung; er ging zu den Mächtigsten dieser Erde und sprach zu ihnen■ von Zion und von dem unglücklichen Volk der Juden. Gleichzeitig ertrug *) Das Gegenteil ist der Eull. Von Anfang an bis zum Ende seiner grossen Tätigkeit hat Herzl sich mit vollem Bewusstsein und ausgesprochener Absicht von der Agitation durch Vorträge durchaus ferngehalten, von einigen wenigen Reden abgesehen, die mit klar erkennbarem politischen Zweck in London gehalten wurden (Red. der ״Rundschau.“) er den Spott, die Scheelsucht und die Intrigucn, die ja keinem grossen Manne erspart bleiben, und bis an das allzufriihe Ende seines Lebens hörte er nicht auf, für sein Volk zu sorgen und zu wirken. Alles, was wir heute modernes Judentum nennen, jüdische Gesinnung, jüdische Kunst, jüdische Literatur kurz: das ganze neue Kulturleben unseres Volkes ist erwachsen auf dem Boden, der vom Geiste Herzis befruchtet wurde. Er selbst war ein hervorragender Künstler, ein Meister der Sprache. Neben seiner politischen Tätigkeit und den Aufgaben seines biirgerlieben Berufes fand er noch die Müsse zwei literarische Werke jüdischen Inhalts zu schaffen: ein Drama .,Das neue Ghetto“ und den Roman ״Altnculaud.“ Und so gab er uns immer von neuem Gelegenheit seine glänzenden Fähigkeiten zu bewundern. Er ist von uns gegangen, er ist aber nicht gestorben. Ewig wird er in der Geschichte unseres Volkes leben und späte Geschlechter werden künden in Märchen und Sagen von der Heldengestalt Theodor Herzls. Und wie einst Ludwig Börne in seiner berühmt gewordenen Denkrede auf Jean Paul dieser’ Gewaltigen würdigte, so können auch wir mit ihm von den grossen Toter! sagen: ״Ein Stern ist untergegangen und das Auge des Jablumderts wird sich schliessen. bevor er wieder erschein; denn in weiten Halmen zieht der leuchtende Genius und erst späte Enkel heissen freudig willkommen. \״n dem trauernde Väter einst weinend geschieden. Und eine Krone ist gefahen von dem Haupte eines Königs! Und ein Schwc't ist gebrochen in der Hand eines Ecidherru! Und ein toher Priester ist gestorben! Wohl mögen wir den beweinen der; uns Ersatz gewesen und uns mm unersetzlich geworden.“ : -in. | ״Ost und West“, j ״Kein Verlust innerhalb der Judenheit wäre imstardc, eine so weithin hallende Totenkiage zu wecken, wie der Heimgang Theodor Herzls, der am 3. Juni in der Blüte der Jalrc dahingerafft wurde. Selbst die grimmigsten Gegner dbses erlia- beno Mannes werden nicht ohne tiefe Erschütterung die Trauer künde vernommen haben, dass sein Lebt nsfa Jen jählings abgcsclmittcu wurde.“ —.- ״Die Massen fühlten, dass dieser ferne Mann, der vermöge der Fügung eines merkwürdigen Schicksals ihr Führer geworden war. sie wirklich mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft liebte, mit ihnen lit; und sich mit ihnen freuen wollte - - 4jnd dass jegliches eigennützige Motiv ihm fern lag. Darum wird die Trauer des Volkes um ihn aufrichtig und schwer sein.“ ״Herzl entfaltete eine merkwürdige Organisationsgabe, er steilto in den Dienst der Idee seine ganze ungebrochene Kraft, einen heissen Glauben, einen rastlosen W.llen hingebungsvolle, nimmermüde Arbeit. Mochten ihn die ameren einen Utopisten, einen Träumer schelten und über das Nisslingcn seiner Versuche frohlocken, — er, er sah sein Ideal lebendig vor Augen, und er diente ihm treu und redlich, mif lauterem, selbstlosem Herzen und reinen Händen.“ ״Das Volk aber wird ihm den höchsten Lohn gewähren, den cs zu vergehen hat, es wird eiten Kranz von duftigen Liedern und Märchen um diese früh verblichene Stirn windet*. schwerer Atemnot, vorgebeugt, fast zusammcngcbrochcn, verlassen hatte, sass stramm aufgerichtet, mit weit geöffneten Augen in seinem Bette, streckte seiner Mutter die Hände entgegen und rief: ״Das ist schön, liebe Mutter, dass du schon da bist. Du siehst gut aus. Ich sehe nicht so gut aus. aber das wird bald vorübergeheu!” Die Mutter, obwohl tief erschlittert von dem Aussehen des schwer leidenden Sohnes, hielt sich tapfer, liess siel! von ihm küssen und küsste ihn herzlich wieder. Sie sprach ihm Mut zu und als die beiden jüngeren Kinder, Hans und 7 rüde, kamen (ihre ältere Schwester Pauline war schon seit Wochen in Ediach) und den Vater mit Gruss und Kuss begriisstcu und von ihm zärtlich geküsst worden waren, war er fast heiter. Nach kaum fünf Minuten der Unterhaltung wendete er sich aber an die Mutter mit den Worten: ״So, meine Lieben, jetzt habt ihr mich gesehen und ich Euch, jetzt geht wiederum!” Kaum hatten sich die Mutter und die Kinder zurückgezogen, da sank er in• sich zusammen. Welch heldenhafte Anstrengung hatte er machen müssen, um die Mutter und die Kinder nicht zu ängstigen! Welch ungeheure Energie wohnte in diesem bereits vom Tode gezeichneten Körper, dass er mit so freundlieber Ruhe seine Liehen begriissen konnte, als kämen sie eben vom Spaziergauge in sein Arbcits/.inmert Nachmittags war das subjektive Befinden etwas besser, so dass wir sogar die Hofinung hatten, er werde noch einmal den Kampf siegreich bestellen. Noch um halb 5 Uhr inchmittags waren um sein Bett die Mutter, die Herren Dr. Singer, Marmorek, Kremenezky, Reich und ich versammelt nachdem kurz vorher Frau Dr. Herzl eine zeitlang an seinen Lager verweilt hatte und nach zärtlichem Abschied wieder;u den Kindern gegangen war. Die Herren erzählten, um Herzl aufzuheitern, Geschichtchen. Herzl seihst lächelte wiederholt md beteiligte sich auch durch einige Bemerkungen an dem Gespräche. Endlich sagte er: ..Nun, meine Lieben, lasst mich allein.” Die, Anwesenden zogen sicii sofort zurück, zuletzt Architekt Marmoreck, dem er die Hand gab und sagte: ״Ich weis!, dtf bist mein treuer Freund!" Ich blieb mit der Wärterin allein bei ihm.* Kaum hatte sich die Tiire hinter den Weggehenden geschlossen, so rief mir Herzl zu: ״Ich bitte, lieber Werner, gicb mir das Glas." Ich gab es ilun. Nach einer Weife sagte er zu mir: ״Nimm, ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.