Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 28. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 301. nung, die sein jählings abgebrochenes, tätiges Leben bietet, als den Schriftsteller, der aus der Literatur in die Wirklichkeit geschritten. Andere vollenden ja den umgekehrten Weg. gehen nach einem an Ereignissen reichen Dasein in die Stille der Schreibstunde ein, und die meisten vollbringen all ihre Tage darinnen», bei Papier und Tinte und bei verhängten Fenstern. Wem der uiopistischc Politiker, der Agitator und Judenführcr Herzl fremd geblieben, der wird doch zu dem Schriftsteller mancherlei Beziehung finden. Knapp zwei Dezennien wirkte Herzl als Feuillctonist, und wir haben ihn als einen Meister dieses Genres verehrt. In eine anmutige, scheinbar tändelnde Form wusste er all die Ereignisse, die er besprach, zu kleiden. Wie zierliche, elegant und reich gekleidete, altkluge Kinder schickte er seine Feuilletons in die Welt hinaus. Sie hatten die vornehmsten Manieren, sic hatten die Grazie, die eine vollendete Erziehung verleiht, und ihre Gewänder waren besäet mit tausend kleinen, oft versteckten, geschmackvollen Details, wie mit Spitzen und seidenen Bändern und kostbarem Pclzsaum. Sic waren niemals übermütig, niemals schlugen sic im Unband eines grossen Temperaments um sieh, niemals entfuhren ihnen leiden* schaftlich laute Akzente. Aber sie waren liebenswert in ihrer ‘abgetönten, gepflegten Schönheit, in ihrer gelassenen, nach- Icnklicheu Pracht. Und immer sah man hinter ihnen die Per- Jönlichkeit ihres Schöpfers, Theodor H c r z 1 s lächelnde, schmerzlich-ironische Art. Herzl war als Feuilletonist ein Birockkiinstler. Sein zärtliches und heiter-trauriges Spiel mit den Tod, mit der Tragik des Lebens, mit all den tiefen und gcleimnisvollen Dingen, des Daseins, war ohne alle Schwere, wai auf die artistische Führung der Linie, auf die Lieblichkeit der Arabeske bedacht. Ich erinnere mich an seine Pariser FeuUctons, an ״Ravachol". dessen Gestalt er völlig umgeschafen, den er als armen, furchtsamen, gehetzten Teufel zeicluete, an seine ״Uebcrschwemmung in der Sommerfrische“, an sehe Wiener Schilderungen. Wie da immer der Dichter in ihm lebendig wurde, wie kleine Novellen, kleine Dramen, kleine, tpannende Romane in wenigen Zeilen aufblüten, wie da Einfälle und Begebenheiten dichterisch aufgelöst wurden, und all das, dl diese Kostbarkeiten hinzugestreut, um ein Feuillcton zu scamücken, das Gedicht eines Tages. Die vielen, vielen Blätter, die er so beschrieben, sind jetzt verweht. Die wenigen, die er vor kurzem gesammelt herausgab, werden wohl mit der einstigen Unmittelbarkeit nicht mehr wirken. Und er selbst ist in der Sonuncrpracht seines Lebens gestorben, ein früh Verbräuchter, allzufrüh Ermüdeter- An seinem Wesen aber können wir ermessen, was zu einem wahrhaften Feuiüctonisten gehört: ein Dichter, der bereit ist, sich zu verschwenden, ein Künstler, der sein Werk täglich erneuern muss, weil jeder Tag dies Werk wieder zerstört, ein Schallender, der auf das Schaffen verzichtet, um kleine, amüsante Ansprachen an eine Zuhörerschaft zu halten, die undaikbar ist und sich rasch verläuft, wenn der Redner schwelgt. Felix Salten. ״Altieuland“, No. 7. Juli 190-1. In letzter Stunde erhalten wie die traurige Nachricht vom Hinscheiden unseres!euren Führers Stunden fast ununterbrochen an seinen! Lager geweilt hatte, mich für ganz kurze Zeit entfernte, um einige Bissen zu mir zu nehmen, regte ihn das sehr auf. Als ich zurückkam, fragte er mich: ״Du bist doch mein Freund! Wie kannst hi mich verlassen!” Marniorek, der anwesend war, smlitc ihn mit mir zusammen zu bcruhigen, was uns auch gelang. Aber ich schloss daraus, dass er von schweren Angstgefühlen bedrückt sein müsse und wir gaben ihm abends rcichlbh Beruhigungsmittel. Er beruhigte sich auch so weit, dass et sogar meinte, Reich und ich könn- •teil uns aui einige Stunde! zur Ruhe begeben. Er Hess sich aber doch überreden, dass es besser wäre, wenn wir blieben, und wir beschlossen, da cs ihm besser zu gehen schien, und in der Pflege so zu teilen, lass ich mit Reich bis Mitternacht zusarnmcnbleibe und dass e! dann allein mit der Wärterin die Wache halte. Um 1 Uhr lachts begab ich mich zur Ruhe. Wie mir Reich erzählte, wer der zweite Teil der Nacht für Herzl weniger gut. Er körnte nur im Sitzen schlummern und war auch ein wenig sunnolent. Als er nach einem starken Hustenanfalle sich besonders erschöpft fühlte, sagte er zu Reich: ״Ja, lieber Ruch, du wirst bald eine grosse Arbeit bähen.'‘ Als ihn Reicl fragend ansall, setzte er fort: ״Du wirst bald einen Kongress einberufen müssen." Reich gelang es, ihn wieder zu beruhigen und er schlummerte Benjamin Theodor Herzl. Am 3. Juli, 12 Uhr nachts, verschied Herzl nach längerem Leiden in Edlach bei Wien. Was er unserem Volke und unserer Partei gewesen, ist unnötig hier auscinandcrzusetzen: gab er doch unserer 3ewcgung Form und Inhalt, war er es doch, der mit klarem Blick und scharfem Verstand unserem Volke .die Wege gewiesen und es mit Zuversicht erfüllt hat, dass dereinst seine nationalen Ideale sich verwirklichen werden. Auch unser ״Altneuland“ verdankt seinen Ideen Ursprung und Namen: denn was unserer Zeitschrift zugrunde liegt, ist die Erfassung des Zionismus als politische Bestrebung, und der Name unserer Zeitschrift entstammt Herzls Werk ״Altneuland“, in welchem er das von uns erstrebte Ziel in poetischer Verklärung dargcstcllt hat. Ehre deinem Andenken, grosser Führer des Jüdischen Volkes. Die Herausgeber. Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums. An der Bahre Theodor Herzls. Da Dein Leben zerbrach, da Deine Sonne sich senkte. Eh’ noch der Abend kam, hörte cs weinend Dein Volk. Hoheitblickender Held mit dem wunderwirkenden Herzen. Der Du uns Frieden versprachst, finde den Frieden nun Du! Leo W u 1 i f. Dr. Theodor Herz! Wir hängen unsere Harfen wieder an die Weiden und weinen. An der Bahre ihres grossen Sohnes trauert die ganze jüdische Nation und erhebt eine wehmütige Klage gegen das Schicksal, dass so grausam mit ihr veriuhr. Wir sind ja das auscrwählte Volk des Unglücks. Theodor Herzl ist tot! — Unersetzlich ist der Verlust, den seine treuen Anhänger erlitten haben. Tränenden Auges vernehmen sie die erschütternde Kunde, und mit bebenden Lippen sprechen sie cs nach• Auch diejenigen Juden, die die politische Gesinnung Herzls nicht teilen konnten, stehen schmerzerfüllt an dem Grabe ihres grossen und edlen Bruders. Als er vor wenigen Jahren an die Spitze der zionistischen Bewegung trat, da wars für die von ihm geführte Menge, als wäre ein zweiter Moses in Israel erstanden. Er nahm eine ungestaltete Menschcnmasse und formte daraus ein einiges Volk mit einem Ziel und einer Hoiinung. Er lehrte es wieder fröhlich sein und brachte ihm den verlorenen Glauben an die Zukunft zurück, er richtete die Unterdrückten auf und machte die Verzagenden zu selbstbewussten, stolzen Menschen. Hunderttausende legten ihr Geschick freudig in die Hände dieses einen Mannes, der durch rastlose Arbeit die Liebe und das Vertrauen seines Judcnvolkes zu vergelten bemüht war. Herzl ist nicht eigentlich der Schöpfer des Zionismus. Schon lange» bevor er auf den Plan trat, hatte die Idee der Wiedererrichtung eines jüdischen Gemeinwesens sowohl in Russland als auch in den westlichen Ländern Europas begeisterte Anhänger gefunden. Aber wie der Zionismus da gepflegt wurde, das war eine naive Politik der Spiclsehule; man weiter. Plötzlich fuhr er wieder aus seinem Schlummer auf. ״Diese drei Grundstücke”, rief er aus, indem er mit dem Finger auf der Decke wie auf der Landkarte herumfuhr, ״diese drei Grundstücke müssen gekauft werden." Darauf sank er wieder in Schlaf. Aber bald Julir er wieder auf. ״Hast du dir notiert? Diese drei Grundstücke!" Gegen Morgen wurde der Zustand noch unruhiger. Man weckte ■mich daher um 5 Uhr. Ich war angekleidet auf dem Sopha gelegen und war sofort bei Herzl. Ich fand ihn sehr verfallen. Ein pneumonischer Herd war auf der linken Seite nachweisbar, das Herz den gesteigerten Widerständen im Kreisläufe nicht gewachsen. Ich gab anregende Mittel, die den ganzen Tag hindurch in den verschiedensten Formen und in grosser Anzahl energisch fortgesetzt wurden. . Als der Zustand sich verschlimmertc und eine Herzschwäche cintrat, berief Reich telegraphisch Dr. Kokcsch und Kahn. Marmorck und Krcmcnczky weilten bereits in Edlach. Unterdessen war auch Dr. Singer wieder eingetroffen und ein ganzes Arsenal von Mitteln gegen die drohende Gefahr aufgeboten worden, fn der Tat ging es gegen Mittag besser und ich durfte wagen, die Mutter, die unterdessen angekommen war, ans Krankenbett zu führen. Eine mir für immer unvergessliche Szene spielte sich da vor mir ab. Herzl, den ich wenige Minuten früher in einem Zustand