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Jüdische Rundschau · 1904-07-15 · Heft 28 (15.7.1904) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 28 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 300. No. 28. 1 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Der Präsident der ״Jewlsh-Colonlsailon-Assoclatlon, Paris: Tief erschüttert durch den frühzeitigen Tod Ihres Gatten, dessen hohe geistige und moralische Qualitäten und Hingebung fürs Judentum ich schätzen konnte, bitte ich Sie meine innigste Kondolenz zu genehmigen. L d v e n. Die Direktion der Jewlsh-Colonlsatlons-Association, Paris: Tief bewegt über das Hinscheiden Ihres um das Judentum hochverdienten Präsidenten bitten wir, den Ausdruck aufrichtigsten Beileids zu empfangen. Die Direktion der ״Ica". Stimmen der Presse. Die Wiener Tageszeitung ״Die Zelt“ bringt am 4. Juli aus der Feder Felix Saltens folgenden Nachruf: ״In Edlach ist gestern nachmittags Theodor Herzl gestorben. Er war noch jung — erst vicrundvierzig — er war berühmt, war seiner Arbeit noch mit freudiger, blühender Kraft dahingegeben, war von hochfliegenden Plänen noch ganz erfüllt. Im Jahre 1895 hat Theodor Herz I, bis dahin als ein geistreicher und eleganter Schriftsteller geschätzt, den ,.Judenstaat“ geschrieben, eine Broschüre, die den Anstoss zur neuen zionistisehen Bewegung gab. Die ungeheuere Agitation, die sofort sich regte, zog Herz! mit in ihre Strömung, und er bcrauschte sich an dem grössten Erlebnis, das einem Dichter bcschieden sein kann: die eigenen Gedanken zur Wirklichkeit sich erheben sehen. Wir müssen es, wenn wir die sonderbare Doppelstellung, die Herzl seit 1895 entnahm, begreifen wollen, nur von der künstlerischen Seite betrachten: Ein Schriftsteiler, begabt mit einer des Aufschwunges fähigen Phantasie, mit einem reichen, den Tragödien des Lebens ztigewendeicu Gemüt, ein Mann, dem die Zeitungsschreibern den Ehrgeiz nicht und nicht den hohen Trieb der Seele zu stillen vermag, sinnt dem Schicksal des Judcnvolkcs nach, dem er selbst entstammt ist, dessen Leiden ihn gelegentlich ergreifen, dessen Fehler ihn empören, dessen Stellung ihn beschämt. Und nun. mit dem Künstlcrdrang, jedem Geschehnis den tiefsten Sinn abzuhorchen, fragt er sich eines Tages, zu welch einem Endzweck dies Volk wohl aufgespart sein mag, das über den Erdball hin versprengt, uralten Fluch auf allen Wegen mit sich zu schleppen scheint, dies Volk, das in Russland vertiert, in Galizlen verkommt, im westlichen Europa wirtschaftliche und geistige Wettkämpfe mit fabelhafter Kraft und mangelnder Besonnenheit aiisführt, dies Volk, das auf allen Schollen nach einer Heimat strebt und ringt, das überall den Feinden so viele Blässen bietet, und das mit all seinem Werben und Anschmicgcn. mit all seinen Mühen und Plagen nur Verfolgung erntet. Und da werden tausendjährige Vcrheissungen lebendig. Das Wort von dem Lande, das da verheissen ward, waclu aut mit dem gewaltigen, vom Echo der Jahrtausende dröhnenden Donnerhall. Es ist erst nur ein Atelicrraum, ein fünfter Akt, den ein Dichter zum ewigen Judendrama findet, eine künstlerische Wirkling, die sich ein Künstler aussinnt: wie dieses Volk, gesammclt aus den fernsten Erdcnwiukcln, herbeipilgcrt, wie die Nachfahrer derer, die einst ihre Harfen hingen an die Weiden zu Babylon, den Heimatboden betreten, und wie der Jubel uncrmcsslich ist, wenn sie von den Höhen die Stadt vor sich liegen sehen: Gcgriisst seist du, Jerusalem! Dann aber kam der Sturm, der sich erhob, als der Kiinsticr sein Märchen erzählt hatte. Dann kam, ungeahnt wahrscheinlieh und ungehofft, die Begeisterung. Sic brach wie Feuer aus, in England, in Deutschland, im dunkelsten Russland, überall wo Juden lebten- Und was er in! seinem Arbeitszimmer geträumt, gesponnen, das kam jetzt als tobendes, wirkliches, auigewecktes Leben an seine Tür. Wir dürfen nicht vergessen, dass cs von ungezählten Dichtern nur den wenigsten, den auserlesensten nur begegnet, so tief und aufwühlend, mit solcher Explosivgcwalt im Leben zu wirken. Und hier vollzog sich der grosse Umschwung im Dasein Herzls. Dass er die Literatur verlicss dass er dieses ganze papierne Getue, diese Schreibtischexistenz von sich abtat, und hinaustrat, um eine volle Wirklichkeit aus seinen Gedanken zu schmieden. Zur. Literatur kehrte er jetzt nur noch wie zu einem alten, vormals geliebten Handwerk zurück, von dem er doch nicht völlig lassen möchte. Wohl auch aus Dankbarkeit, denn hier sprang ja der Quell, der ihn mit einem solchen Strom glühender Pflichten überflutet hatte.. Der Judenstaat, die Wicdcrnuiricliümg Zions — es 1 war zuerst der Einfall eines Eeuilletonisten gewesen, aber dann war dieser Einfall zur Idee cmporgeschossen, nahm den | Eeuilletonisten mit sich und stellte ihn als Führer vor eine verj zweifelte, fanatische, ekstatisch erregte, hoffnmigstrimkcnc; Masse. Und Theodor Herzls bester Ruhm ist es, dass er nicht kleiner sein wollte als sein eigener Einfall, nicht schwächer I als sein Wort; dass er unternahm, den letzten Akt des Judendrania's nicht bloss zu denken, sondern ihn auch zu inszenieren.! Er hat, wie nur ein Mann, der von seiner Mission erfüllt ist. j der mit Treue und Tapferkeit an seiner Aufgabe fcsthält, allem Spott, aller Missgunst, allem Hohn die Brust geboten. Den König der Juden haben ihn gerade die ironischen Juden genannt, die den Zionismus verdammten. Man hat lachend Geschichten in Umlaui gesetzt, wie Herzl in Jerusalem die Parade abnehm.cn. wie er Hoi halten, wie er seine Günstlinge adeln wird. Er hat schlimmere Anfeindungen ertragen und ging mit enormer Euergie ins Praktische. Der Zionisteukongrcss in Basel, Verbandhingen, die Herzl mit dem Sultan führte, mit englischen Milüstern, eine Unterhaltung mit Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem, eine Audienz bei Papst Pius X. wurden viel bemerkt und stärkteil das Hoffen seiner Partei. Es sei hier vom Zionismus nicht die Rede, und eine Kritik seiner Ziele, seiner Aussichten und Chancen sei hier ausdrücklich abgelehnt. An der Leiche Herzls. der mit solcher Liebe dieser Idee nachhing, möchte eine Polemik gegen seine Ucberzcugimg schlecht angebracht sein- Ob dieser Mann das Rechte gewollt, ob er seinem Volke genützt, ob er diejenigen, die ihm so freudig Gefolgschaft leisteten, aus Ziel geführt hätte, kommt hier nicht in Frage . Heute gilt nur. dass er nützen wollte und dass sein Wille rein, dass er opfermutig und selbstlos gewesen. Nehmen wir Ihn als die sonderbare und seltene Ersehe!- glaube ich, dass cs mir die Brust sprengen will. Mich schüttelt ein Schluchzen, das icli durch keine Anstrengung unterdrücken kann. Da richtet sich Herzl auf. ״Hast du mir nicht etwas gesagt?“, fragt er mich. Ich• stehe schon bei ihm. ״Nein,“ antworte ich bereits ganz ruhig. ״Es war mir doch . . . . oder habe Ich gesprochen?“ Ein heftiger Hustenanfall enthob mich der Antwort. Samstag morgens fühlte sich Herzl ein wenig frischer durch den Schlaf, den er doch, die einzelnen Teile zusammengerechnet, 4—5 Stunden lang genossen hatte. Der objektive Befund war nur wenig von dem des Abends verschieden. Es war das Bild einer schweren Herzinsuffizienz mit komplizierender Lungenaffektion. Als der behandelnde Arzt Dr. Konried, der Leiter des Edlacher Sanatoriums seine Morgenvisite machte, konnte er wenigstens keine Verschlimmerung konstatieren. Gleichwohl war cs uns nicht zweifelhaft, dass die weitere Ausbreitung der Lungencrkrankimg absolut tödlich werden musste. An diesem Tage war Herzl von einer verzehrenden Ungeduld nach seiner Mutter und seinen Kindern erfasst. Es war, als ob er ahnte, dass seine Stunden gezählt seien. %So oft er vormittags aus dem leichten Schlummer, welcher ihn zeitweise umfing, erwachte, fragte er mich immer wieder, ob sic denn noch nicht da seien, trotzdem ich ihm bereits gesagt hatte, dass sie erst Sonntag vormittags kommen könnten. Endlich schien er zu fürchten, dass man seine Mutter nicht zu Ihm lassen würde. Er nahm mir mein Wort ab, sie sogleich nach ihrer Ankunft zu ihm zu führen. " Ich gab cs ihm unter der Bedingung, dass er sich nicht aufrege und . das erste Wiedersehen nicht länger als fünf Minuten dauern lasse. Damit gab er sich zufrieden. Gleichwohl erinnerte er mich noch oftmals während der folgenden schweren Stunden an mein Versprechen. Unterdessen hatte ich ihm mitgctcilt, dass ihn heute noch zwei Herren, die mit uns gefahren waren, zu sprechen wünschten. Er sprach erst seinen alten christlichen Freund, dann den Sekretär des Kongressburcaus A. H. R c i c 11, den er freundschaftlich begrlisstc und als meinen ״Koadjutor" engagierte. Während des Tages war das subjektive Befinden besser. Herzl war gleichwohl unruhig. So oft ich mich entfernte oder Reich eine dringende Besorgung zu machen hatte,!missten wir ihm das Versprechen geben, sogleich wieder zu kommen. Im Laufe des Vormittags verabschiedete sich Dr. Asch von Herzl, der ihn mit einem Kusse entliess. Nachmittags war Architekt Marmorek wieder bei Herzl und fand ihn etwas besser aussehend. Ich merkte aber, dass er viel unruhiger war. als früher. Wieder und wieder bat er, seine Mutter und seine Kinder doch sofort nach ihrer Ankunft zu ilini zu führen. Gegen Abend wurde er noch aufgeregter. Als ich, der ich 2-1

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