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Jüdische Rundschau · 1904-07-15 · Heft 28 (15.7.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 28 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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9 t Seite .298. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 28. dann über die Cottagegassc, Prinz Eugcnstrassc, an der Türkenschanze •vorbei, über die Hochschuistrassc zunj neuen Döblinger Ortsfriedhof. All die Tausende Leidtragender folgten zu Fusse trotz der sengenden Hitze und der ermüdend langen Strecke. Vor der Leichenhalle hielt der Trauerzug. Der Sarg wurde, alten sichtbar, beim Eingang auf eine niedere Bahre gestellt. Die Tra'uergebetc wurden bei lautloser Stille all der Tausende verrichtet, und dann setzte sich der Zug in der nämliehen Ordnung zum Qrabe in Bewegung• Die Mitgteider. des Aktionskomitees hoben den Sarg und trugen ihn zu der Gruft, in der bereits der Vater Herzls ruht. Die nächsten Freunde des toten Führers, die so oft in seiner Nähe geweilt hatten, Dr. M. T. Schnirrcr, Professor Dr. Leon Kellner, Dr. Siegmund Werner, A. H. Reich, Dr. Erwin Rosenberger, Dr. J. Schalit, ferner Rektor Dr. A. Schwarz, Direktor Reichenfcld und einige Studenten, die die letzte Totenwache gchalten, lösten sie ab. Das Weinen der Umstellenden war herzzerrcisscnd, als die Mutter Herzls in Ohnmacht fiel und seine Frau am offenen Grabe niedersank. Direktor Dav. Wolfs o 1111 sprach dann mit erhobener Stimme im Namen der Freunde und Zionisten: ״Da hast nicht gewollt, dass an deinem Grabe Reden gehalten werden. Dein Wille ist uns heilig, aber schwören wollen wir, dass wir das von dir begonnene Werk mit allen unseren Kräften fortführen werden, schwören wollen wir, dass wir deinen Namen stets heilig haften werden tmd dicli nie vergessen werden ,so lange noch ein Jude auf Erden lebt. In dieser schweren Stunde wollen wir den Schwur wiederholen, den du auf dem letzten Kongresse schwurst: אם אשבחך ירושלם •תשבה ימיני ״Wenn Ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte!“ Mit hocherhobener Hand hatte H a n s, Herzls Sohn, den Eid mitgeschworen und dann begann er weinend und unendlich rührend: יתגדל ויתקדש שגה רנא Wer bisher noch die Fassung bewahrt hatte, verlor sic in diesem Augenblicke. Durch die Tausende, die ihrem toten Führer €as letzte Geleite gcgeben hatten, ging ein lautes Weinen. Von Freunden geleitet, wurden die Angehörigen Herzls vom Grabe entfernt, zu dem sie immer wieder zurückzukehreu suchten. Daun rollten die Schollen auf Herzls Sarg und die Defilierung des ungeheuren Trauerzuges begann. Aber während die ersten Trauergäste den Friedhof verlicsscn, strömten noch immer neue Scharen zum Gottesacker. So schläft nun Theodor Hcrzl in seiner Gruft, bis wir sein Testament erfüllen und ihn mit uns heimnehmen werden ins Land seiner Sehnsucht, ins Land der Väter. ’־$ Trauerkundgebungen. Die unbegrenzte Liebe und Verehrung, die Hcrzl allüberall erweckt hat, tritt in den Beileidszuschriftcn und Depeschen zutage, die beim Aktionskomitee, bei der Familie des Vcrblichcncn, bei der Redaktion der ״Welt“ und bei seinen Freunden eingelangt sind und noch täglich cintrcffen: Seine Majestät der König von Italien sendet eine Depesche, die in deutscher Ucbersetzung lautet: ״Racconigi-Reggia, 7. Juli. Der König, mein erhabener Souverän, hat beim Empfange der Traucruachrieht mich gnüdigst beauftragt, bei Ihnen und Ihren Kollegen der Dolmetsch seines Dankes für die grosse Liebenswürdigkeit ihm gegenüber zu sein und der Dolmetsch seines aufrichtigsten Beileids zu Ihrem schweren Verluste, den Sic durch den Tod Ihres hervorragenden Führers, welchen Sc. Majestät persönlich zu kennen das Vergnügen hatte, erlitten haben.“ — Der Hofmarschall: Ponzio Vaglia. Der Grossbcrzog von Baden sendet folgendes Telegramm: ״St. Blasien, 5. Juli 190*1. An das Aktionskomitee des zionistischen Kongresses in Wien. Mit aufrichtiger Teilnahme vernehme ich die schmerzliehe Nachricht von dem Ableben ihres Präsidenten, des Herrn Dr. Hcrzl- Ich danke Ihnen für die Benachrichtigung und spreche Ihnen mein warmes Mitgeiiihl mit Ihrer tiefen Trauer aus. Ich schätze mit Ihnen die hohe Bedeutung dieses Verlustes und bewahre dem Verstorbenen dankbares Andenken. Friedrich, Grossherzog von Baden in. p.“ Der Grossherzog von Hessen: ..Se. königliche Hoheit der Grosshcrzog von Hessen lassen für die Anzeige vom Ableben des Dr. Theodor Hcrzl danken und sprechen aufrichtige Teilnahme an diesem Verluste aus.. — Gcheimer Kabinettsrat R ö m h c l d. Der österreichische Ministerpräsident Dr. y. Körber sendet folgendes Beileidsschreiben: An das Aktions-Komitee des Zionisteu-Kongresses in Wien. Für die betrübende Mitteilung über das Ableben des Präsidenten Herrn Dr. Hcrzl verbindlichst dankend, bitte ich das Aktions-Komitee den Ausdruck meiner wärmsten Teilnahme entgegen zu nehmen. Wien, 6. Juli 190-1. Koerbcr. Max Nordau telegraphiert: Betäubt vom furchtbaren 1 Schlag ringe ich vergebens nach Fassung. Unser Verlust ist unersetzlich. Was unser unglückliches Volk an Hcrzl besessen, das wird cs erst jetzt iimc werden, da er so unfassbar vorzeitig verschwindet. Ich weiss, dass ich nicht unter der Wirkung des frischen Schmerzes übertreibe, wenn ich klage, dass eine ähnliche Vereinigung von Liebe zum Judenvolk, Glauben an seine Zukunft, Heldentat, Opfermut, unerschöpflichen Gedankcnreichtum, Wiiicnsmacht und Geduld in Jahrtausenden nicht gesehen wurde, noch wiedergesehen werden wird. Wir werden ihn endlos beweinen, doch damit unsere Trauer nicht Werner!“ . . . Einen Moment wurde icii so schwach, dass ich mich am Fusscnde des Bettes stützen musste, aber schon im nächsten Augenblick stand ich an der Seite des Bettes und drückte seine Hände und schaute ihm in das iiebe Gesicht, das wehmütig lächelte. Und während die Acrztc noch im Nebenzimmer berieten, machten wir ab, dass ich fortan bei ihm bleiben sollte, um mit einer Pflegerin gemeinsam ihn zu betreuen. Ach, nur allzukurz war die Zeit, die ich ihm widmen durfte, nur aUzuschnel! ward ich des freudig übernommenen Dienstes enthoben! Die Acrztc kamen und teilten uns mit, dass sic einen Bronchialkatarrh konstatiert hätten und traten die nötigen Anordnungen, denen sich der Kranke vertrauensvoll unterwarf. Noch ein kurzes Gespräch, das die Hofinungen des Kranken stärken, ihm neue Zuversicht einflössen sollte, und ich war allein mit meinem teueren Kranken, um die Nachtwache zu hatten. Mit seiner gewohnten Bescheidenheit hat er mich um Entschuldigung, dass er von mir ein Opfer verlange. Erst als ich ihm mehrmals versichert hatte, dass ich von hunderten beneidet würde, weil ich um ihn sein dürfe, gab er sieh zufrieden. ״Du sollst sehen,“ sagte er, indem er mir immer j wieder die Ifünde drückte. ״Du sollst sehen, dass ich ein 1 folgsamer Patient bin. Pflege mich gesund, und dann wollen | wir uns freuen, freuen!“ Ich bat ihn, nicht so viel zu sprechen, j Das Sprechen machte ihm Beschwerden. Er fügte sich und lag ruhig da, nachdem er mir noch .gezeigt hatte, wie ich ihn halten solle, wenn die pclnvolien Hustenstössc kämen. Jetzt konnte ich ihn mit Müsse betrachten. Es war klar. Da lag ein Schwerkranker. Der Atem ging mühsam, pfeifend. Trotzdem er ohnedies halbsitzend dalag, musste er sich immer wieder aufrichten, um, auf die beiden Hände gestützt, besser atmen zu können. Die Stirne war von kaltem Schwciss bedeckt, die Augen oft halb geschlossen. Das ganze Gesicht fahlgelb. Und doch, noch immer hatte cs die charaktervolle Schönheit früherer Tage nicht cingebiisst tmd hob sich aus dem tiefschwarzen, nur wenig ergrauten Barte und HaaTC wie hcransgcmcisseit ab. Die Hände waren schmäler geworden und zuckten oft unruhig auf der Decke. In mir brannte ein heftiger Schmerz. Dieser kranke, schwer leidende Manu war Herz!, den ich so viele Jahre in stolzer Kraft, voll hochfliegender Pläne für sein Volk, voll Energie in seiner anstrengenden Arbeit vor mir gesehen und bewundert hatte. Hier lag die Hofinung von Hunderttausenden, und ach, es war kein Zweifel, sie war dem Erlöschen nahe! , Der Kranke wurde unruhiger.' Ich streichelte ihn, beruhigte j ihn, erzählte ihm. wie leicht ein Katarrh behoben werden könne. wenn :nun ihn nur rechtzeitig behandle, und versprach, ihm | später ein Schlafmittel zu geben, weil er .schon Nächte hinj durch nicht hatte schlafen körnten. Das werde auch der

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