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Jüdische Rundschau · 1904-07-15 · Heft 28 (15.7.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 28 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 28. Seite 297. JÜDISCHE RUNDSCHAU. wo sie der Obhut zweier Beamter der Chewra-Kadischa abvertraut wurde. ,Nun Kalt es, die trostlose Familie Herzls nach Wien zurück zu bringen. Montag Vormittag fuhrem alle nach Wien, nur Dr. Werner blieb bei dem toten Führer zurück, um den rituellen Zeremonien bcizuwuhnen unu die Verlötung des Sarges zu überwachen. Dank der besonderen Freundlichkeit des Christliehen Bezirksarztes Dr. U r b a u e r und des Stationsche! von Paverbach war es möglich, den Sarg bereits um 4 Uhr nachmittags in den Wagen zu heben. — — — Die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten ein düsteres Totenbild. Eine trauernde Gemeinde hatte sich a'm Südbahnhofe cingefunden. um Herzl — den toten geliebten Führer, in Wien zu empfangen. Der Schmerz, der in den Innersten Tiefen der Seele wühlte, war deutlich auf jedem Gesichte zu lesen, alles weinte, und selbst grauhaarige, abgehärtete Männer konnten sich der Tränen nicht erwehren. Trotzdem die. Stunde der Ankunft nicht genau angegeben werden konnte, hatten sich doch zahlreiche Leidtragende, vorwiegend zionistische Studenten, eingefunden. Do komt der Zug. Ein Schauer geht durch die Menge. Hunderte brechen in lautes Schluchzen׳ aus. Die Herren vom A. K. und die Studenten erfassen den schmucklosen schwarzen Schrein und heben ihn in den einfachen Leichenwagen. Die Sonne ging unter, da setzte sich der Leichenwagen in Bewegung. Das Leichenbegängnis. An der Leiche unseres Führers hielten seit Montag Abend die zionistischen Verbindungen Wiens die Ehren wacht. In seinem Arbeitszimmer war er aufgebahrt. Dort, wo er viel gedacht und geschaffen, ruhte er nun in einem schmucklosen, schwarzen Sarge. Lautlos standen die Studenten zu beiden Setten des Sarges. Bei Tage wurden sie von vier zu vier Stunden abgelöst, bei Nacht gab es keine Ablösung. Und sie verlangten keine. Es war ihnen ein Herzensbedürfnis, wenlgstens auf diese Weise dem toten Führer Liebe zu erwei'en. Eine Stunde vor dem‘Leichenbegängnis übernahmen d׳e Mitglieder des Aktionskomitees und die nächsten Freunde die Ehrenwache. Der Sarg war Donnerstag morgens mit der florumhülltcn zionistischen Flagge bedeckt worden, derselben, die sonst von dem Kongresshause In Basel geilattert hatte in tenen glückliehen Tage״, da Herz! sie noch mit starker Hand hielt. Und auf dieses Bahrtuch weinten nun die ernsten Männer heisse Tränen, während an dem Sarge Hunderte von Delegierten und Deoutationcn defilierten. Um 10 Uhr begann die Trauerfeier, ln das Trauerzimmer selbst haHen nur die Mitglieder des Aktionskomitees, die nächste!« Freunde, die Abordnung der Wiener Kultusgemeinde und der Presse Zutritt erhalten. Vor dem Hause aber, und in den umgebenden Strassen wogte eine vieltausendköntige Menge, während sich Hunderte von Wagen in der Nähe aufstellten. Die Oberkantoren Gutmann und Schorr brachten die Traucrgesfmgc zum Vortrag. Das verhaltene־ Weinen brach erst aus, als der Sarg zu dem Leichenwagen getragen wurde. Hinter dem einfachen Leichenwagen fuhren die ganz gebrochene Mutter, die Frau Herzls und die Familie, mit Ausnahme seines Sohnes Hans, dem Herzl erst vor ganz kurzer Zeit von seinem Krankenlager zur bevorstehenden Bar Mizwah einen ergreifenden Brief geschickt hatte. Der ganze übrige, schier endlose Zug. den etwa 6000 Menschen bildeten, felgte zu Fuss inmitten dichter, von den zionistischen Studenten und Arbeitern gebildeter Spaliere. Unmittelbar hinter dem Leichenwagen gingen Direktor Wolfsohn׳ und Direktor Reichcnfcld mit Hans Herzl. dann folgten die Mitglieder des engeren A.-C.: Dr• L. Kahn, Dr. O. Kokcsch, Ing. Joh. Kremenczkv. Architekt O. Marmorck. hierauf in bunter Reihe J. L. Greenbcrg. J. Cowen, J. Moser. Dr. Alexander Marmorck. Dr. Klee. Dr. Fclice Ravenna, J. H. Kann. Dr. Alkalav, Dr. 0. Bruck. Goldberg. Rabb. Dr. Jelski, J. Jasinowski. Dr• Sapir. Tobias Markus. Prof. O. Warburg. G. Cohen. N. Sokolow. Prof. Dr. Leon Kellner. Dr. M. T. Schnircr. H. Rosenbäum, Direktor Katzcnelsohn. Dr. Schauer. Dr. S. Krenberger. K. Re.zek, A. Stand. Maler H. Struck, Dr. J. W. Marmorek. Dr. S. Werner. Dr. Hantkc. Dr. E• Rosenberger. A. H. Reich. Dr. J. Schabt, Dr. Syrkin, Fabrikant Horowitz. Dr. G. Halncrn. H. Schachtel. M. Krause. Re?er. Dr. Dobrzvnski, Fr. Sondheimer. J. Gans, Jocheimann. Dr. Kalmus. Wolf, Marx etc. etc. Nach den zahlreichen nichtzionistischen Honoratioren entwickelte sich der Zug unserer Gesinnungsgenossen mit den Deoutationcn an der Soitze. So aus Basel, Warschau. Paris. London. Berlin. Petersburg. Lodz. Lemberg. Kischinew. Köln. Frankfurt a. M.. Brüssel. Belgrad. Sofia. Pustschuk. Galatz. Bukarest. Heidelberg. Bern. Genf. München. Breslau, ferner aus allen österreichischen Städten. Abordnungen der Wiener 7.ionistischen Vereine, und zwar Studcnteuvcreine: Kadimah. Unitas. Ivrin. LibancnJa. Makkabäa.. Bar Kochbo. Bar Oiora. Erez Israel, Jordanai. TI1eol׳vrfa, Leo Pinsker. Lesehalle. Esoeranza. Bürgervcrcine: Zion Wien. Zion Innere Stadt. Zion Leooold- Stadt, Praterstrassc, Zion Landstrasse, Zion Wieden-Margarethen. Zion Favoriten. Zion Fünfhaus. Arbeitervereine: Alleemeiner Arbeiterverein. Verein jugendlicher Arbeiter. III. Ortsgrupoe. Handeisangestelltcnvcrein. E. W. indischer Turnverein, Turnverein Zion Fünfhaus. Oesarmsverein Zion Fünfhaus. Mannergesangverein ..Schir Zion“. Erster Wiener zionistischer Frauenverein. Mädchenvereine Moria. Hadassn. Bikur Cha’ulim. Zionistischer Frauen- und Mädchenverein Ffinfbaus. Ferner DeDUfafioiten der Veritas (Brünne). Bar Kochha (Prag). Poale Zion (Lemberg und Krakau). Hasmonaea (Berlin). Bund Jüd. Korporationen (V. J. St. Charlottenburg) etc. Weiters waren erschienen Abordnungen der Zeitschriften ..Lemberger Tapblatt“. Budanestcr ..Zsido Nenlao“. Petersburger ״Woschod“. ..Jüdisches Volksblatt‘‘. ..Jüdische Volksst»mmc“. ..Jcwrefskaja Schisnj“. ..Hazcfira“. Warschau. .AVschod“. Lemberg. ..Generalanzeiger des Judentums“. Ber-!in. ..Corrierc israeütico". Triest. .,Odesskija Nowosti“, Odessa. ..Fraind“. Petersburg etc. י Der Leichenzug bewegte sich längs der Haizingerstrasse. Die letzten Tage. ״Das Meer — weist du denn, wie Ich es liebe! Im heissen Sande liegen und stumm hinausschaucn. Und gesund werden, gesund! Das soll dann ein Leben werden, wie du cs noch nicht gelebt hast!“ So sprach er noch wenige Tage vor der geplanten Reise zu seiner treuen Pflegerin. Auch wir waren hoffnungsvoller und erwarteten mit Sehnsucht den Freitag, an dem er ln Wien ankommen sollte. Da kam mittags eine Depesche an Oskar Marmorek, er möge sofort mit zwei Aerztcn nach Edlach kommen, da sich das Befinden Herzls durch einen quälenden Husten verschlechtert habe. Als Ich zu Marmorek kam, um mit ihn! zum Bahnhöfe zu fahren und den Grund des plötzlichen Aufschubes erfuhr, war Ich sofort sehr besorgt. Wir beschlossen, ausser dem Hausarzt Dr. Bondi den der Familie befreundeten Dozenten Dr. Gustav Singer, an das Krankenlager zu bitten. Mit fieberhafter Ungeduld warteten wir den Abgang des Zuges ab. der uns. Marmorck, Dr. Singer, A. H. Reich und mich nach Edlach führen sollte. Am Bahnhofe gesellte sich uns ein alter christlicher Freund Herzls und unserer Bewegung bef, während Dr. Bondi bereits mit einem früheren Zuge an das Krankenlager geeilt war. Der Schnellzug war für unsere Ungeduld von einer qualvollen Langsamkelt. Endlich waren wir ln Payerbach, und nun ging es ln zwei Wagen mit stets wachsender Schnelligkeit auf Fdlach zu. Wir hatten beschlossen, dass Marmorek mit Dr. Singer zu Herzl sollten, während Ihm von uns drei andern erst am nächsten Morgen gcsorochen werden sollte, damit er durch die plötzliche Anwesenheit so vieler Freunde nicht etwa erschreckt würde. Wir sassen etwa fünf Minuten in Erwartung des Ergebnlsscs des Aerztekonslliums, als man mich eiligst zu Herzl rief.. Seine Frau hatte ihm von meiner Ankunft erzählt, und er bat mich sofort zu sich. Ich eilte durch den dunkelnden Garten auf den schlichten Pavillon zu. in dem mein treuer Freund und Führer lag. Vor dem Eingänge trat mir seine Frau entgegen und bat mich nach freundlicher Bcgrüssung bei dem Kranken zu bleiben. Wie oft hatte ich während der letzten Wochen gebeten, mich ihn pflegen zu lassen, aber solange Frau Herzl sich noch aufrecht erhalten konnte, war sic vom Krankenlager ihres Mannes nicht gewichen und hatte kaum gestattet, dass ihr hie und da eine Krankenpflegerin aushalf. Wie gerne sagte Ich also zu. Frau Herzl führte mich durch ein Nebenzimmer, noch eine Tür — und Ich sah ihn mit ausgestreckten Händen mir entgegenwinken und hörte die Stimme, die so liebkosen konnte, wenn er einen Freund begrüsste. ״Mein lieber

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