Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 296. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 28. Am frischen Grabe. Unser Schmerz um unseren grossen Toten ist nicht geringer geworden, wenn wir vor den Forderungen des Lebens unseren bitteren Klagen Einhalt gebieten. Schon immer war eben das unser Vorzug und unsere Stärke, dass unser Gefühl, so heiss es in uns glühte, so überwältigend es alle unsere Lebenssäfte durchdrang, doch unsere Fähigkeit zur Tat nie lähmen konnte. Unser Enipfinden schuf uns von je unsere grossen Träume, aber Träume von jener fortgebärenden Art, die nach unseres Herzl Worten von der Tat nicht so weit entfernt sind, als man gemeiniglich annimmt. Darum waren die unbedachtesten unserer Gegner immer die, welche uns als Schwärmer von oben herab abzutun vermeinten. Der Schwärmer ertrinkt im Gefühl, und wir, wir handeln. Niemals aber war unsere Pflicht zur Tat so dringend, als eben jetzt, wo die Trauer unseren Herzen süsser als Honig wäre. Wir haben kein Recht, uns von ihr einlullcn zu lassen. Unser Hirn muss klar bleiben um jeden Preis und unsere Hände dürfen nicht erschlaffen. Gerade, weil wir einen Verlust erlitten haben, den niemand fühlen kann, wie wir; den sie alle mit ihren ernsten und lauten Klagen, den sie alle mit ihrem so gutgemeinten wie bitterschineckenden Beileid, mit ihren um so weitschweifigeren je wohlfeileren Phrasen nicht auszumessen vermögen. Gerade, weil die zwei Schöpierhändc des Vaters unseres Volkes nicht mehr unter uns wirken. Niemand auf Erden kann uns unseren Herzl ersetzen, aber wir alle, einmütig, wir können es. Wir müssen es, wenn wir sein Werk nicht scliänden wollen! Wir müssen es, wollen wir sein grosses Leben nicht Lügen strafen! Wir alle, so betagt oder so jung wir sind, werden mit unserem Leben die Verheissungen unseres Meisters auslösen. Nicht eines seiner Worte darf verloren gehen. Wir alle sind Bürgen! Hört doch, wie man schon jubelt über unseren Fall! So geheim ist der tiefe Sinn der Worte nicht, die unsere Feinde uns über das offene Grab hinweg rufen. Sie, die über den Toten so viel Gutes sagen, haben über den Lebenden nichts als ihr Schlechtestes gesagt, und schicken sich an, uns, den Lebenden, weiter das Gleiche zu tun. Je höher sie den Verblichenen setzen können, um so tiefer glaubet sie uns, die wir nun ohne ihn sind, heruntersetzen zu dürfen. Wenn die Löwen sterben, bcginnen die Schindmähren sich zu fühlen und die Hinterfasse zum Tritte bercitzuhalten. Aber sie sollen uns unseren Herzl nicht loben und, was in ihm lebte, nicht schmähen. So gross seine Gestalt war, so riesengross: das Werk, das er mit uns begonneu, für das und durch das er bis in den Himmel gewachsen, das sollen sie einst doch noch grösser sehen. Wir sind die Bürgen. Unser erstes Aufraffen nach dem niederschmetternden Schlage soll es der Welt beweisen. Unsere Männer und unsere Frauen, unsere Greise und unsere Ncugeborenen setzen wir für Herzl ein in die klaffende Bresche. Der Tote wird hundertfach mächtiger in uns wirken, als es der Lebendige vermochte. Denn wir haben zu sühnen, was wir ihm versäumten, und zu erfüllen, wfas wir seiner Liebe schuldig waren. Wer von uns in allem mit ihm ging, wird nun beweisen, dass er in Wahrheit ihm treu w׳ar, und wer seinen Spuren nicht folgen mochte, dass er darum doch nicht sein Feind gewesen und dass sein Ziel doch auch ihn mit Herzls Seele verbunden. Niemals waren wir einig wie eben jetzt. Umsonst frohlocken unsere Feinde, dass nun der nicht mehr ist, der uns zusammengehalten. Ueber seinem Grabe kann nichts als Friede sein. Zwietracht der Söhne soll ihrem Vater seine Ruhe nicht stören. Des sind wir Bürgen. Nur Unwissenheit kann unsere Zukunft schwarz in schw'arz abschildern. Wem die Geschichte unserer Bewegung nicht gar so fremd ist, der weiss, dass Herzl so wenig ihr ״Erfinder“ gewesen, als ihr einziger Träger und Erhalter. Nur ihr genialer Gestalter war er, und so gross die innere Kraft und der Ewigkeitsgehalt seiner Schöpfung, dass sein lebendiger Geist in ihr treiben und weben wird, dass ihre Räder unermüdlich laufen wrerden, auch wenn der Finger ihres Werkmeisters sie nicht mehr stösst. Darum soll Ratlosigkeit uns nicht die Stirne senken! Unser Fürst und Held ist gefallen, aber unser Kampf geht weiter! Und wir müssen siegen! Denn nicht um den alten Kampfpreis allein mehr geht’s, sondern auch um unseres Führers Leichnam. Der geheiligte Leib unseres Vaters wartet in fremder Erde, dass wir ihn erlösen. Wenn wir den strahlenden Weg unserer Freiheit gehen, dann tragen wir die Gebeine unseres Herzl mit ins Frciland hinüber auf unseren jungen Schultern. Auf, auf, zur Erlösung! Israel Auerbach. Bei Schluss der Redaktion erhalten w׳ir vom Kongressburcoa aus Wien das folgende Telegramm: Die Sitzung des Grossen Aktionskomitees findet am 16. August mit folgender Tagesordnung in Wien statt: 1. Beschlussfassung über Einberufung des Kongresses; 2. Einstweilige Vorkehrungen. Die Jahreskonferenz tritt am 17. August ebenfalls in Wien und zwar mit folgender Tagesordnung zusammen: 1. Berichterstattung des Aktionskomitees; 2. Berichterstattung der Kassenrevisoren; 3. Berichterstattung des Aufsichtsrats der Kolonialbank; 4. Berichterstattung des Bankdirektoriums; 5. Legalisierung des Nationalfonds; 6. Einstweilige Vorkehrungen. Von Edlach nach Wien. Das waren schlimme Stunden, die dem Todeskampfe Theodor Herzls folgten. Die Mutter, die ganz ahnungslos nach Edlach gekommen war, konnte es nicht fassen, dass ihr Einziger, ihr Stolz, ihre Hoffnung, der ganze Inhalt ihres Lebens ihr so plötzlich entrissen w'orden sei. Immer wieder bestürmte sie die Acrzte, mit vcrzwciflungsvollcn Worten, ihr den Sohn wieder zu geben. Sic wari sich über den Toten, sie klammerte sich an ihn mit ihrer ganzen Kraft und war erst zum Verlassen des Sterbegemaches zu bewegen, als die Aerzte ihr versprochen hatten. Belebuncsversiiche anzustclleii. Während dieser herzzerreissenden Szene sassdie Gattin tränenlos und stumm da• Nicht der Jammer der Mutter, nicht das Weinen der Kinder, nicht das Schluchzen der*״ Freunde konnte ilire Träne entlocken. Nur das Gesicht zeigte den ungeheueren Schmerz, der sie erfüllen musste. Es war geradezu erschreckend in seiner w ilden, entsetzlichen Ruhe. Das ungeheurc Erschrecknis, das sie betroffen, hatte sie förmlich versteinert. Dieser grauenvolle Zustand dauerte die ganze Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen. Da erst löste sich der Bann und die Frau Theodor Herzls fand endlich Tränen, sie war dem Leben wieder gegeben.- Um 2 Uhr morgens geleiteten Architekt Marmorek, Sekretär A. H. Reich und Dr. Werner die Leiche nach Payerbach