Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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<#»»*** >1 ‘ t I No. 27. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 293. T£^s׳f״rf1^*1f■» -~«w- ־ ׳*!ל**V*^״*, konnte man In unserm Volke zu allen Zeiten sogar Kaufleute und Handwerker von tiefer, schamhaft verschwiegener Bildang sehen — in solchen Gestalten trat der Jude auf. Einmal hiess er Baruch Spinoza, schliff Brillen und betrachtete die Welt sub specie actcrni. Und so konnte und kann man hinwieder Rabbiner, Schriftsteller, Advokaten und Acrzte sehen, die hur verschmitzte Gewinnsuchcr sind — in solchen Gestalten tritt Mauschel auf. Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus Ucbcrzcugung starr und ehrlich Widerstand zu leisten, oder sich ofien als ihr Anhänger zu bekennen. Mauschel verkriecht sich hinter den staatsfeindlichsten Oppositionen, und hetzt diese heimlich, wenn ihm die herrschende Autorität nicht behagt, oder er flüchtet sich unter den Polizeischutz und tut Angeberdienste, wenn ihm vor dem Umsturz bange wird. Darum hat der Jude den Mauschel immer verachtet — und dieser schilt ihn wieder einen Narren. Und diese Beiden, die durch eine tiefste Feindschaft ihres Wesens allzeit geschieden waren, wurden stets miteinander verwechselt. Ist das nicht ein schauerliches Missverständnis? Als wäre in irgend einem dunklen Augenblick unserer Geschichte eine niedrigere Volksmassc in unsere unglückliche Nation hineingeraten und wäre mit ihr vermischt worden, so nehmen sich diese unvereinbaren, unerklärlichen Gegensätze aus. Da wir nun, seit die Völker sich besinnen, immer die Schwächsten der Schwachen waren, hat man als den Vertreter unseres Volkscharakiers nicht den Juden, sondern Mauschel genommen. Starke Völker werden nach ihren besten Söhnen beurteilt, schwache nach ihren schlechtesten. Die Deutschen sind ein Volk von Dichten: und Denkern, weil sie Goethe, Schiller, Kant hervorgebracht haben. Die Franzosen sind die Tapferen und Geistreichen, weil sie Bayard und Dugueschin Montaigne, Voltaire und Rousseau aufstehen Hessen. Wir sind ein Volk von Schacherern und Gaunern, weil Mauschel wuchert und Börsenstreiche macht. Mauschel hat immer die Vorwunde geliefert, unter denen man uns anficl. Mauschel ist der Fluch des Juden. Instinktiv hat das der Jude immer gefühlt, und es mag oft vorgekommen sein, dass gute Juden vom Volk und vom Glauben der Väter sich entfernten, weil sic diese Gemein- Schaft nicht länger zu ertragen vermochten. Sp hat Mauschel das Judentum nach innen und aussen geschwächt. Aber es kam die Zeit, unsere Zeit, wo auch die Flucht aus der Religion den Juden nicht mehr von der Solidarität mit Mauschel befreien kann. Die Rasse! Als ob Jude und Mauschel von derselben Rasse wären. Der Gegenbeweis war freilich schwer zu erbringen, und vor dein Antisemitismus schienen Jude und Mauschel für immer unauflöslich, rettungslos verbunden. In solchen Zeiten pflegt wohl mancher Mauschel von» Judcntume abzufallen, ein Jude sicher nicht. Da trat der Zionismus auf — Jude und Mauschel mussten zu dieser Frage Stellung nehmen. Und jetzt, jetzt zum erstenmale hat Mauschel dem Juden einen moralischen Dienst von unverhoffter Grösse erwiesen. Mauschel sagt sich von der Gemeinschaft los, Mauschel ist — Antizionist. Man möge uns nicht missverstehn. Wir sind nicht so verbohrt und verrückt, wie mau uns gerne darstcllcn möchte. Wir erklären nicht jeden Gegner unserer Ansichten und unserer Bewegung für einen schlechten Kerl. Es gibt sehr hohe, sehr respcktable Gründe, aus denen ein Jude an dieser Volksbewegung für seine Person nicht tcilnchmcn kann, oder will; aber darum braucht er sie noch nicht zu verdächtigen und zu bckämpfen. Die Haltung eines Juden, der nicht mit der zionistischen Bewegung gehen will, ergibt sich eigentlich von selbst; er stellt sich abseits. Er ist seiner andersgläubigen Umgebung so vollkommen assimiliert, dass ihn die Geschicke der Juden nichts ץרי״י i> K) '־׳״•ft mehr aiigehcn. Er hat vielleicht nur aus Anständigkeit, aus Stolz' das äussere Band nicht zerrissen. Er kümmert sich nicht um die ehemaligen Volksgenossen, so kann er sicher sein, dass auch sie nichts mehr von ihm wissen wollen. Doch je weiter er vom Judentum schon abgekommen ist, um so ächtungs-, voller wird er die Regungen dieses ihm fremden Volksbewusstseins betrachten müssen. Vielleicht versteht er auch, dass seine Lage durch diese Bewegung nicht schlechter, sondern besser wird. Sie ermöglicht ihm die Lossagung vom alten Volke, den Anschluss an ein anderes, dem er sich verwandter fühlt ohne beschämende Konzessionen. Er ist einfach kein Zionist, er ist aber auch kein Antizionist. Er bleibt neutral, kühl fremd. Und wenn er innerlich ganz im Gleichgewicht ist, wird er als Fremder die menschenfreundlichen Absichten der Zionisten billigen und unterstützen, wie es unsere, christlichen Freunde tun, die den verschiedensten Völkern angehören. Mauschel hingegen ist Antizionist und zwar in lärmender, belästigender Weise. Mauschel höhnt, schimpft, verleumdet und denunziert. Denn Mauschel spürt, dass es ihm jetzt endlich an den Kragen geht. Er hat das sofort, noch bevor der Zionismus alle Batterien demaskierte, auf eine beinahe geniale Weise erraten. Mauschel hat auch eiligst ein tückisches Schlagwort gegen die Zionisten ausgegeben: sic seien jüdische Antisemiten. Wir? Wir, die uns ohne Rücksicht auf unsere erworbene Stellung und unser Vorwärtskommen vor aller Weit als Semiten bekennen, die Pflege unseres alten Volkstums Hochhalten, zu unseren armen Brüdern stellen. Aber er hatte blitzschnell heraus, was wir sind. Mauschelfeinde sind wir! Mansche! hatte sich mit dem Antisemitismus schon so gut wie abgefuuden. ln den Kulturländern geht es ja den Juden nur an die Ehre. Mauschel zuckt die Achseln: was heisst Ehre? Wozu braucht inan die Ehre? Wenn die Geschäfte gehen und man gesund ist, lässt sich das Ucbrige ertragen. Für den schlimmsten Fall richtet Mauschel seinen Blick ins Weite, aber nicht nach Zion, sondern nach irgend einem Lande, wo er allenfalls bei einer anderen Nation unterschlüpfen könnte. Dort angclangt, spielt er sich nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus, erteilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt alle, die nicht sind wie er. Dabei begeht er die wunderliche Inkonsequenz, sich von den Juden loszusagen und zugleich in ihrem Namen zu sprechen. So kommt cs, dass wir manchmal von ernsten Freunden unserer Sache die Bernerkung hören müssen: ״die Juden selbst wollen ja vom Zionismus nichts wissen." Die Juden? Nicht doch! Nur Mauschel nicht! Kein wahrer Jude kann Antizionist sein, nur Mauschel ist cs. Wohlan, er sei es. Das macht uns von ihm frei. Das ist eine der ersten, eine der wohltätigsten Folgen unserer Bewegung. Wir werden erleichtert aufatmen, wenn wir diese Leute, die wir mit heimlicher Scham als Volksgenossen behandeln mussten, ganz und gar los sind. Sie, gehören nicht zu uns — aber wir auch nicht zu ihnen! Sieht man nun schon allmählich, welch eine gesunde Volksbewegung unser Zionismus ist; wie wir dahin gelangen werden, uns von den schmachvollen Eiementen zu säubern? Weg mit der faulen Duldung. Wir brauchcn über Mauscliels Streiche nicht mehr zu erröten, wir brauchen sic nicht zu verschweigen, nicht empfindsam zu verleidigen. Ah, wir sind Narren? Nun so verrückt sind wir nicht, noch länger für Mauschel die Verantwortung zu tragen. Mehr noch: der Feind soll wie ein Feind behandelt werden. Herunter von der Kanzel, Mauschel, die du als Protestrabbiner missbrauchst, wir wollen erst wieder in die gereinigten Synagogen gehen, in denen gute Juden als Rabbiner auch für die Armen beten. Hinaus, Mauschel, aus allen Vertretungen des jüdischen Volkes, das du nicht zu kennen behauptest. Und! i » i t i w