Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 292. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 27. r ׳«*wfiyyf, ך ץ*״יי*7־*ןזדד: ... .Jiä» ^‘■ht FJ1aw'"*י"" ,״,ו״?,.!..! '"'’יי׳וייי? ^יי*י Jl—. tätige Körperschaften um! Gcmclndevorstände nicht vertreten! waren. Sie waren nicht da? Ja, wir hatten sic nicht eiligeladen. Was gehen uns denn die Gemciudevorstände, Wohltätigkcitsgescllschaflen und alle jüdischen Pickwick-Clubs an? Der gute Einsender der ״Times“ hat unsere Bewegung einfach nicht verstanden. Er weiss nicht, was die Auferstehung der j Nation ist. Er hat nicht bemerkt, dass wir ohne alle Galadiners * und Spendcnsannnlungen bereits begonnen haben, das Judentum auf neue Grundlagen zu stellen. Es ist hier nicht der Platz, über das jüdische Gemcindcleben und seine Auswüchse zu I sprechen. Was es da an Narrheiten, Aufgeblasenheiten und j drolligen Missbrauchen gibt, kann nicht Gegenstand unserer , heutigen Betrachtungen sein. J Vieles davon erscheint komisch oder hässlich, wenn mau cs \ sich nicht mit nachdenklichem Erbarmen aus dem Werdegang 1 dieser Gruppen erklärt. Die Rolle der Reichen in der Gemeinde, die Gefügigkeit mancher Priester, das zweifelhafte Bestreben, die alte Tradition mit einem übertriebenen Nachahmen der Landesgcwohnhciten zu vereinigen, die dreiste Bcttclhaitigkeit der wirtschaftlich Schwächeren — für das alles hat der Gcschichtskundige Erklärungen voller Nachsicht. Aber wenn wir der Gemeinde auch nicht zürnen, so sind wir doch weit entfernt, uns von ihr beeinflussen zu lassen. Der Zionisn׳us stellt eine andere Gemeinde des Judentums auf, eine neue, grössere, eine einzige. Und ein anderes, repräsentatives System. ן Es gibt auch einen gewissen westeuropäischen Hochmut, welcher die Juden anderer Länder als recht zurückgebliebene Geschöpfe behandelt. 11 r 1 Immer ist der ein Barbar, der nicht verstanden wird. Barbarus hic ego sum, quia non intclligor ulli. Und so stellt man sich wohl unter dem osteuropäischen Juden eine Art Caliban vor. Welcher Irrtum. Für mich, ich gestehe cs, war das Auftreten der Juden aus Russland das grösste Ereignis des Kongresses. Ich war schon seit einiger Zeit in icssclndcr Korrespondenz mit mehreren, hatte auch verschiedene Besuche erhalten, die mich interessierten. Aber ich hütete mich davor, mir nach diesen Kulturmenschen ein Bild von der Masse zu machen. Nur die Berichte über die körperliche Tüchtigkeit und Arbeitslust der unteren jüdischen Schichten in Russland nahm ich als wahr an und musste sie als wahr annehmen, da sie genügend beglaubigt erschienen und von jedem Augenzeugen bestätigt wurden, der die ärmsten russischen Juden beim Handwerk oder bei der Landarbeit in den ״Kolonien” genannten philanthropischen Versuchsstationen gesehen hatte. Die Tüchtigkeit dieser Arbeiter und unskillcd labourers ist ja eine der Grundlagen unseres Planes. Ihnen fällt doch die Autgäbe zu, die erste Kulturarbeit im öden Lande zu besorgen. Sie wollen, sie werden die Urbarmacher sein. Aber wir hatten uns nie etwas anderes vorgestellt, als dass sie auf unsere geistige Hilfe und Führung angewiesen seien. Und da tauchte vor uns auf dem Baseler Kongress ein russisches Judentum aut, ' das wir in solcher Kulturstärke nicht erwartet hatten. Das ist! nicht Caliban, sondern Prospero. An die siebzig Mann aus j Russland waren auf dem Kongress erschienen, und wir durften | mit aller Bestimmtheit sagen, dass sic die Meinungen und Gej fühle der fünf Millionen Juden in Russland repräsentieren. ] Und welche Beschämung für uns, die wir geglaubt hatten, j ihnen überlegen zu sein. Alle diese Professoren, Aerzte, Advokaten, Ingenieure, Fabrikanten und Kaufleute haben ein Bildungsniveau, dass gewiss nicht unter dem der Westeuropäer ist. Sie sprechen und schreiben im Durchschnitt zwei oder drei moderne Kultursprachen, und dass jeder in seinem Fache tüchtig sein muss, lässt sich aus der Härte des Daseinskampfes vermuten, den sie in ihrem Laude zu bestehen haben. Sie sind in der Oeiienthchkeit der KongressverUandUmgen mit Absicht nicht sehr hervorgetreten, weil mau ja damit rechnen muss, dass die Zwecke und Ziele des Zionismus in der Welt noch nicht genügend bekannt sind. Der Irrtum konnte bestehen oder von Böswilligen hervorgerufen werden, dass in Basel irgend etwas gegen die geltende Ordnung der Dinge beraten werde. Die Russen hatten sich daher aus begreiflichen Gründen eine gewisse Reserve aufztierlegcn, bis das Terrain in dieser Richtung geebnet wäre, und jeder einzelne Redner, aus welchen! Lande er auch immer gekommen war, nahm auf diese Situation Rücksicht. Heute darf wohl schon angenommen werden, dass Regierung und öffentliche Meinung auch in Russland über den Zionismus vollständig aufgeklärt sind. Die russischen Blätter haben den Kongress mit Aufmerksamkeit behandelt. (Schluss, folgt,) Mauschel. Von Benjamin Seff.*) Mauschel ist Antizionist. Wir keimen ihn schon lange und es hat uns auch immer der Ekel gehoben, wenn wir ihn ansahen, wenn uns das Leben in seine Nähe oder gar in Berührung mit ihn! brachte. Aber zu dem Ekel, den wir vor ihm empfanden, gesellte sich bisher immer Mitleid, wir suchten nach milden historischen Erklärungen dafür, dass er ein so verkümmerter, verdrückter und schäbiger Geselle sei. Und dann: er ist doch unser Volksgenosse — wenn auch nicht die mindeste Veranlassung vorliegt, uns etwas auf seine Genossenschaft cinznbilden. Wir sagten uns, dass w ir ihn ertragen müssten, ja dass es unsere hohe Aufgabe sei, ihn zu veredle!!, dass wir alle an dieser Aufgabe wachsen würden, und mit einer Art von romantischer Zärtlichkeit oder Schwäche nahmen wir uns seiner an, weil er ein Lump war. Wenn Mauschel eine Gemcinheit beging, trachteten wir sie zu vertuschen. Wem! Mansche! recht niedrig war, erinnerten wir die Welt an die Grossen unseres Volkes. Wenn Mauschel uns alle konipromittierte, schämten wir uns oder schäumten insgeheim — jedoch wir schwiegen. Da hat Mauschel endlich etwas getan, was Lob verdient, was uns zur Ehre gereicht, und wodurch er uns für manches entschädigte, das wir seinetwegen erdulden mussten. Er hat sich von uns losgesagt. Mauschel, das ist ein schöner Zug! — Aber wir sprechen von Mauschel, ohne ihn noch gebiihrcnd vorgestellt zu haben. Wer ist dem! dieser Mauschel? Ein Typus, meine lieben Freunde, eine Gestalt, die in den Zeiten immer wicderkchrt, der iürchterlichc Begleiter des Juden und vorn Juden so unzertrennlich, dass man Beide miteinander stets verwechselt hat. Der Jude ist ein Mensel! wie andere, nicht besser, nicht schlechter, höchstens verschüchtert und verbittert durch die Verfolgungen und von einer grossen Standhaftigkeit im Leiden. Mauschel hingegen ist die Verzerrung des menschlichen Charakters, etwas unsagbar Niedriges und Widerwärtiges. Wo der Jude Schmerz oder Stolz empfindet, hat Mauschel nur elende Angst oder höhnisches Grinsen im Gesicht. In den harten Zeiten richtet sich der Jude auf, Mauschel dagegen verkrümmt sich nur noch schmählicher. W'erden die Zeiten besser, su ist cs für den Juden eine Mahnung zur Milde, zur Duldung anderer, zum Wirken für die allgemeine Wohlfahrt; Mauschel aber wird frech und hochmütig. Der Jude trägt in seinem vielgequälten Herzen eine unauslöschliche Selmsucht nach der Erreichung höherer Stufen der Kultur; Mauschcl betreibt hinter dem Fortschritt wie hinter der Redaktion nur seine eigenen schmutzigen Geschäfte. Der Jude erträgt die Armut mit Würde und Gottvortraucn, in! Reichtum öffnet sich sein Herz weit für die Mühseligen und Beladenen, und er besteuert freiwillig sein Wohlergehn durch grosse Gaben. Mauschel ist in der Armut ein erbärmlicher.Schnorrer, im Reichtum ein noch erbärmlicherer Protz. Der Jude liebt die Kunst und gelehrte Uebungcn; diese waren oft und lange sein ganzer Trost in der Abgeschlossenheit, die ihm eine feindliche Gesellschaft aufzwang. Von Mauschel werden selbst Kunst und Wissenschaft um des gemeinen Vorteils willen betrieben. So *)Aus No. 20 der ״Welt” vom 15. Oktober 1S97. •vBcnjamin Seff war der hebräische Name Theodor Hcrzls. f t <! » I!• I I # i 1 t 1 » I t 1 r l [? ז 1 t! I f i ( » 1 l 1