Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 27. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 291 מירטע■1! ^ןין!^»וימי ■■״^יי^^י •w*!1!1; *'"NI 1 ,(l Ä Wf brachte. Der Geklagte wendet dagegen dreierlei ein: ״Erstens , hat er mir überhaupt keinen Topf geliehen. Zweitens war der | Topf schon gebrochen., als er mir ihn gab. Drittens habe ich! ihn ganz zurückgestellt.” Der Vergleich ist burlesk, die Sache I selbst ist es in noch weit höherem Grade. Es wirkt komisch, wenn einzelne Juden sagen: ״Erstens bilden die Juden keine Gemeinschaft. Zweitens hat das Judentum eine Mission in der Welt zu erfüllen. Drittens sind wir nur Patrioten, die an nichts als an ihr besonderes Vaterland denken.“ Eins. Die Juden bilden keine Gemeinschaft? Ja. dann ist auch der Leugner nicht befähigt, eine andere als seine individucllc Auflassung zu sagen, die so viel oder so wenig Autorität für die übrige:» hat, wie dieser einzelne Sprecher. Zwei. Das Judentum hat eine Mission. Also gibt es doch eine Gemeinschaft? Denn das Judentum, dessen Diaspora als notwendig erklärt wird, kann doch nur in den menschlichen Trägern bestehen. Der ideelle Gehalt des Judentums ist ja unabhängig von diesen Trägern und gehört längst in sittlichen Gedanken und unvergänglichen Schriften der Kulturmenschheit. Demnach fühlen die Juden den Beruf in sich, die ganze Wett zu hofmeistern? Das ist nicht wahr. Wenn dem so wäre, schlösse es die lächerlichste und zugleich widerwärtigste Ucberhebung in sich. Diesen Dünkel mögen einzelne Leute haben, die Gemeinschaft der Juden hat ihn gewiss nicht. Wir wollen nur in Reih’ und Glied mit den anderen Völkern an der Herbeifiihrung glücklicherer Zeiten für alle Menschen arbeiten. Dieser Traum ist gross genug. » Drei. Der patriotische Einwand. Wir Zionisten haben das Gefühl, unserem Vaterlande gut zu dienen, wenn wir zu einer geordneten Ableitung überschüssiger, die Unzufriedenheit erregeuder und selbst tief unglücklicher Menschen verhelfen, ln manchem Lande bedeutet das nicht mehr und nicht weniger als die Herstellung des Friedens unter den Bürgern. Ist das etwa ein unpatriotisches Werk? Und wer sind die mitunter recht ungestümen Vertreter dieser Einwendung? Der Haupt- Verfechter des Patriotismus für England ist der Chieffrabbi von London, Herr Adler, ein Deutscher. Ueber preussischen Patriotismus erteilt die Lehren der Rabbiner Dr. Maybaum von Berlin, ein Ungar.' Und in letzter Zeit hat sich dem Protest als Belgier auch der Rabbiner von Brüssel angeschlosscn, Mr. Bloch, der nach seinem Namen zu urteilen weder ein Flarnünder noch ein Wallone ist. Für einzelne Länder hat der Zionismus einen präventiven Wert. Es gibt heute zwei Oasen in der antisemitischen Welt: England und Ungarn. In Ungarn aber hat man bereits die Grenzsperre gegen die Einwanderung der armen galizischcn und russischen Juden ernstlich erörtert. Und England wird morgen antisemitisch sein, wenn der Zufluss unglücklicher russischer Juden nach dem Eastend andauert, während sich gleichzeitig die jüdischen Paläste um den Hydepark auffallend vermehren. Es ist auch in England und Ungarn Zeit, höchste Zeit, die Notwendigkeit einer Ableitung einzusehen. Nun wären wohl Manche, vielleicht alle, die sich in gesicherter Position befinden, mit der von uns vorgeschlagenen Kanalisation der proletarischen Volkskräfte einverstanden; nur dürfe von den öffentlich rechtliehen Garantien nicht gesprochen werden, das könnte Misstrauen gegen den Patriotismus derer erregen, die bleiben wollen. Welcher vernünftige und loyale Mensch wird etwas Arges darin sehen, wenn für eine so grosse Volksbewegung zunächst die völkerrechtlichen Sicherheiten gefordert werden? Dem Zionismus gehorchen heute bereits grosse Volksmasscn mit Hingebung, aber nur unter einer Bedingung: dass die Rechtsbasis in unseren Wünschen nicht aufgegeben werde. Ein Verlassen dieses Standpunktes würde die Führer der Bewegung augenblicklich um alle Autorität bringen, und die bereits zum Volksbewusstsein gebrachten Massen würden sofort wieder in Atome zerstäuben. Es war in dieser Hinsicht aui den» Baseler Kongresse sehr lehrreich zu sehen, wie gerade die Vertreter der breiten Schichten einer Einschränkung des Grund- Satzes der öffentlich rechtlichen Sicherung mit Heftigkeit widerstrebten. Die Programm-Kommission hatte die Fassung ״rechtlich gesicherte Heimstätte" vorgcschlagen. Dagegen wurde stürmisch verlangt, es müsse ״völkerrechtlich gesicherte“ heissen. Man einigte sich erst auf das vermittelnde Wort ״öffentlich rechtlich“. Der Sinn dieses Wortstreites ist, dass der Kongress nicht die Erwerbung von Ländereien, sondern eines Landes für das Volk wünscht und das so deutlich hervorheben will, als cs angcht, ohne gewisse legitime und souveräne Empfindlichkeiten zu verletzen. Ländereien können wir privatrechtlich überall in der Wett in jedem Augenblick erwerben. Um das handelt cs sich den Zionisten gar nicht. Das Privatrechtliche ist in unserem Falle überhaupt gleichgiltig, es wird später kommen, so wie sich die Bodenspekulanten nach dem Erfolg unserer Bewegung an- schlicsscn werden. Der Blick der Zionisten ist nur auf das öffentliche Recht gerichtet. Da suchen sie die Lösung des alten Uebcls. Wem» ich das paradox ausdrückeu dürfte, würde ich sagen: Ein Land, das nach öffentlichem Rechte dem Juden- Volke gehört, das aber r;is zur letzten Parzelle grumibiicherlicli im Eigentum von Niciitjudeu ist, bedeutet die Lösung der Judemrage für immer. Hingegen ruft das Anwachsen des privatreclitlichcn Grundbesitzes i:׳. jüdischen Händen überall den Antisemitismus hervor. Hier ist der Kern der ganzen Frage. Vieliach ist behauptet worden, dass die Richtung des Zionismus, die ich vertrete, nichts anderes sei, als was schon• Baron Hirsch und andere versuchten, um die jüdischen Proklarier zu Ackerbauern zu machen. Aber ich glaube, dass es doch etwas Verschiedenes sei. Hirsch und die Liebhaber von Zion gingen von der privatreclitlichcn Seite an die Frage heran, [ während wir die politischen Zionisten, die Sache nach öfient- ן : liclicm Recht anpacken wollen. Darin steckt nun, wenn mich nicht alles täuscht, weder Grüssciiwahn, noch irgend eine gesetzwidrige Absicht. Es ist lediglich der Versuch einer adäquaten Behandlung dieser grossen Sache. Und schon in unserem öffentlichen Vorgehen ist wohl der Beweis erbracht, dass wir nichts gegen Recht und Moral Vorhaben. Wir haben in Basel eine Versammlung vor aller Welt abgchalten, und da ist das Volksbewusstsein, der j 1 Volkswille in zuweilen erschütternden Ausdrücken zum Vorj schein gekommen. Nach Basel zogen Juden aller Länder, aller Zungen, aller Parteien, aller Formen des religiösen Bekenntnisscs. Es waren über zweihundert Vertreter des jüdischen Volkes, die Meisten waren Delegierte von Hunderten und Tausenden. Die Herren aus Rumänien brachten allein über fünfzigtausend Unterschriften ihrer Auftraggeber mit Nie gab es! eine buntere Versammlung von Meinungen in einem so engen Raum. In jeder anderen beratenden Körperschaft hätte es aber j sicherlich mehr Kampf der Meinungen gegeben, als in dieser. 1 Da waren Leute beisammen, die sich in ihren philosophischen I und religiösen, in ihren politischen und wirtschaftlichen Anj schaumigen schroff gegenüberstehen, die das von einander [ wissen, die das vor einander nicht verbergen. Kurz, die Par- ן teien, die cs in jeder Nation gibt, und die das Gedeihen• des j Volkes nicht hindern, sondern fördern. Aber in Basel wurden alle Gegensätze zurückgestellt, als hätte Verabredung stattgefunden, dass man in den grossen Augenblicken, wo die Nation aufstand. nicht mehr Sozialist, Liberaler oder Konservativer, nicht mehr Freidenker oder Orthodoxer sein solle, I sondern nur Jude. Wir alle, die wir nach Basel gingen, um über die Lösung der Judenfrage zu beraten, wir waren überraseht, überwältigt, als sich gleichsam über unseren Köpfen etwas vollzog, das wir in dieser Fülle und Gewalt nicht geahnt hatten: Die Einmütigkeit im Judentum! Wir waren auch zu bewegt, um uns gleich davon genaue Rechenschaft zu geben. Der Rabbiner von Basel, der nicht Mitglied des Kongresses war, sondern als Zuschauer den Verhandlungen beiwohnte, erbat sich in der letzten Sitzung das Wort, um feierlich zu erklären, dass er ein entschiedener Gegner des Zionismus gewesen und bekehrt worden sei. Und dieser ehrliche Mann, den wir schon achteten, als er unser Gegner war, ist seither ein Apostel unserer Bewegung. Selbst die kiihlcu, fremden und auch die in spöttischer Absicht erschienenen Zuhörer wurden, wie wir später vernahmen, von dem Vorkommnis tief ergriffen. Und was es für uns selber war, was wir dabei empfanden, als die wicdcrgeborcuc Nation zum ersten Male die Augen aufschlug? Alte Männer mit weissen Bärten schluchzten bitterlich. In den Augen der Jungen entzündete sich ein grosser Ernst. Aber ich will nicht von unseren Empfindungen sprechen. E& hat ein jüdischer Gentleman in der ״Times" einige vorlaute Bemerkungen über den Baseler Kongress gemacht. Wäre er in Basel gewesen, er hätte sich diese törichten Reden erspart. Er meinte unter anderem, der Kongress wäre keine richtige Nationalversammlung gewesen, weil gewisse wohl- מי• י־ך־. ׳rrr -rrr ^^מדל־י־ייד^׳