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Jüdische Rundschau · 1904-07-08 · Heft 27 (8.7.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 27 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 2S6. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 27. י7״,י״ייי 1 * f L- ........ * .. ,,. . *. ־—-.*- ■■ ‘■I—-־11 . r•-,, ^יי 1 Theodor {׳lerzl. Noch ists wie ein Traum. Seit Wochen waren wir ja darauf vorbereitet, dass er von uns gehen musste, dass cs nacli menschlichem Ermessen keine Hilfe gab. Und doch klammerte sich die zweifelnde Hoffnung an jede leichte, trügerische Besserung, wohl wissend, dass die Sonne dieses Lebens nur ■ noch leise aufflackcrte, um gänzlich zu erlöschen und doch nicht verzagend, weil wir cs ja so von Herzen wünschten, dass er das Wissen der Aerzte zu Schanden machen möge. Es war ja ganz unmöglich, dass wir ohne ihn zurfickblicbcn. Und nun ist es doch geschehen. Die schönen, klugen Augen sind geschlossen, der Mund ist für immer verstummt, an dem wir, seine Schüler — das waren wir alle, Freunde wie Oegner, — so oft gehangen. Und in unsere Klage tönt ein Jammern aus allen Ecken der bewohnten Welt, von überall her, wo Juden weilen. An diesem offenen Grabe weint ein ganzes Volk von Millionen Menschen in tiefer, untröstlicher Trauer, an diesem versagenden Herzen hat ia ihre ganze Hoffnung gehangen. Die Tränen, die hier geweint werden, , sind echt, echter als die um viele Herrscher dieser Welt ver- , gossen werden. Die heissen Tränen, die hier flicssen, sind { ja das einzige Zeichen unserer Liebe und Dankbarkeit, Theo* I dor Hcrzl, der du ein König warst ohne Land, aber reicher j als ein solcher - ein König in unseren Herzen. . j Wie oft haben wir unseren grossen Führer vor uns ge-! sehen, wenn er zum Volke sprach, haben wir mit staunender j Bewunderung gesehen, wie jedes seiner Worte Stürme der; Begeisterung entfesselte. Es gab doch so viele, die das Wort ו besser meisterten ־״״ und doch war die ganze Volksbewegung j nur von einem Worte getragen: von dem Klang seines; Namens. Der Name Theodor Herzl war wie die Fahne in; der Schlacht, war das Panier, das dem Volke voranleuchtcte auf dem schwerem Wege, der! wir schreiten müssen. An ihn knüpfte sich die Aussicht auf ein Stückchen Land,, auf ein; ruhiges friedliches Alter, auf ein Grab im Beden von Erez | Israel. Und der Grund aller dieser fast abgöttischen Ver-; chrung war nicht die gewaltige Macht der Persönlichkeit, , die jeden nach kurzer Zeit in ihren Bann zog. Es war auch nicht seine grosse und ehrliche Klugheit, die noch vor zwei Monaten einen seiner schärfsten Gegner zu dem offenen Gcständnis zwang: ״Sie sind klüger, als wir alle zusammen‘’, der Grund war vielmehr die aufrichtige und grosse Liebe zu unserem armen, misshandelten, verachteten Volke, jene warme Liebe, die ein jeder empfand und die alle besiegte. Und es war jene fast kindliche Einfachheit seines Wesens, jener strenge Gerechtigkeitssinn, der mir nach der Wiener Sitzung die Worte des grossen Pitt ins Gedächtnis zwang: ״Ihr seid alle gegen mich aufgestanden, aber ich habe Euch alle überwunden durch Gerechtigkeit." Theodor Hcrzl ist kein Jude gewesen durch strenge Er* Ziehung, durch die Gewohnheit. Als er im christlichen Milieu der französischen Hauptstadt sich selbst entdeckte, bewies er zum ersten Male jene Intuition, die das Denken des Genies kennzeichnet. Demi das ist der Unterschied zwischen Talent und Genie, dass dem ersteren wohl bessere Anlagen gegeben sind, als dem gewöhnlichen Sterblichen, dass ihnen aber jenes göttliche Etwas abgebt, das Denken und Fühlen blitzartig erleuchtet. Jene Eingebung, die ohne langsam-logische Denkarbeit sicher und unfehlbar zu dem gesuchten Schlüsse gelangt. Und mit derselben ruhigen Sicherheit, mit der er seinen Judenstaat schrieb, hat er die Oeffentlichkeit der Kongresse als Notwendigkeit erkannt, hat er die Verbindungen geknüpft, vermöge deren die erste Weltmacht mit uns wie mit einem politischen Faktor in Verbindung trat, hat er die ganze Organisation der Bewegung in bestimmte Richtungen gedrängt. Es ist ganz unmöglich, die Verdienste dieses grossen Geistes heute zu würdigen. Ich bin ganz sicher, wir wissen noch gar nicht, was wir an unserem Herz! verloren haben. Wir wissen es nicht einmal in dieser ersten Stunde grossen Schmerzes, da wir um seine Bahre stehen. Wir werden cs erst wissen, wenn wir um viele traurige Erfahrungen älter sein werden. Meute können wir nur trauern um ihn, wie um unseren besten Freund. Denn das ist cy uns allen gewesen, seinem ganzen Volke. Ein guter und. getreuer Arbeiter ist heinigegangen. Als ich das letzte Mal mit ihm allein war, am 11. April des Jahres, sprach er die traurigen Worte ״ich bin ein müder Mann, lieber יו־ □ Die ersten Zeiümcjssti U Aus dem Nachruf der Wiener ״Neuen Freien Presse". Dr. Theodor Herzl. Die Redaktion der ״Neuen Freien Presse" hat durch den Tod Dr. Theodor Herzls einen schmerzlichen Verlust erlitten. Er war ein Schriftsteller von höchster Begabung, ein Künstler durch sein Darstellungsvermögen, ein genialer Journalist und ein vornehmer Mensch. Wir verlieren nicht allein einen 11ervorragendeu Mitarbeiter und Redakteur, sondern auch einen überaus sympathischen Kollegen, mit dem wir durch langjährige Bande der Freundschaft und Zuneigung verbunden waren. Doktor Theodor Herzl hat sich durch seine Liebenswürdigkeit im Verkehr, durch den Reiz, den selbst die täglichen Gcspräche über Berufsangelegenheiten hatten, die grösste Sympatliie erworben. Fs war ein auserlesener Genuss, sich mit ihm in der Redaktion über Tagesfrageu zu unterhalten, über die er mit Originalität, Scharfsinn und nicht selten mit geradezu blendendem Witz urteilte. Als Redakteur des Fcuilletons der ״Neuen Freien Presse", ein Amt, zu welchem er vor neun Jahren berufen wurde, hatte er das grösste JWohlwollen gegen jüngere Talente, und es machte ihrn Freude, wenn er mitteilen konnte, dass er in einem Manuskript eine Begabung entdeckt habe, die zu ernsteren Hoffnungen berechtige. Er hat die schwierige Technik des Korrespondenten in einer so grossen und fremden Stadt rasch und leicht erfasst und auch virtuos gebraucht. Der elegante Causeur hat gcwissenhaft die oft sehr lästigen Pflichten, die mit seiner Stellung verknüpft waren, erfüllt. Allein seine Berichte erhoben sich weit über die gewöhnliche Darstellung der Vorfälle und Kämpfe. Viele Leser werden sich noch daran erinnern, dass seine Telegramme über die Sitzungen der Kammer, über sensationclle Prozesse, über Reden hervorragender Persönlich- Leiten, über stürmische parlamentarische Zwischenfälle telegrapliierte Kunstwerke waren, Depeschen, die, abgesehen von ilireni Inhalte, literarischen Wert hatten und sicher verdienen würden, der Vergänglichkeit und Vergessenheit entrissen zu werden. Aus einer Fülle von Beispielen möchten wir nur erwähnen seine Berichte, über die. berühmte Sitzung, als gegen hundertundzwei Deputierte der Kammer die Anklage erhoben wurde, dass sie ihre Stimmen der Panama-Gesellschaft verkauft hätten und dass ihre Namen im Checkvcrzeiehnisse Artons enthalten wären. Wie Dr. Herzl die lähmende Angst schilderte, welche die Kammer ergrimm hatte, die bleichen Gesichter, die Totenstille, der Ausbrüche tierischer Wildheit folgten, wie er das alles gleichsam im Fluge erhaschte, und die impressionistische Zeichnung aufs Telegraphenamt trug, damit die Leser den frischen Eindruck schon am nächsten Morgen erhielten, wie er alles heraushrachtc, leicht, plastisch und dennoch grossziigig: das war ein viel bewundertes miblizistisehes Meisterwerk. Das gelang ihm nicht bloss in diesem einzigen Falle mit dem unberechenbaren Glück der Feder, sondern wiederholt. Man lese seine Schilderung über die denkwürdige Sitzung, als die Panamisten, einer nach dem anderen, den traurigen Marsch zur Tribüne antraten, um sich i 1 i I i .; JU

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