Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 280. « JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 26. der Kaftan im Sitzungssaal der Gemeinde vorherrschen. Freiiich imposanter wäre es, wenn das Magnatenkostiim dominieren würde! Natürlich wird diese Massrcgel ihre Wirkung nicht verfehlen, da die grösstenteils armen Eingewanderten schwerlich eine so hohe Einschreibegebiihr werden entrichten können. Fürwahr, die Herren von der jüdischen Gemeinderepräsentanz können den Antisemiten von der Volkspartei brüderlich die Hände reichen! Doch gibt es in Ungarn auch noch Judentum. Ein jüdisches Gymnasium soll in Budapest im Anfänge des nächsten Schuljahres errichtet werden. Das Gymnasium wird auf ganz moderner Grundlage stehen.' Die Erziehung soll eine ״streng religiöse“ sein. Ganz besonderes Gewicht wird auf die hebräische Sprache gelegt werden. Es sind bereits Schritte zur Erlangung des Oeffcntlichkcitsrechtes cingeleitet worden.- Dem ״Novi Srbobran-Zagrcb“ entnimmt man, dass am 8. d. in Budapest eine Konferenz aller jüdischen Kultusgcmeinden abgehalten wurde, zu der die Präsidenten der Gemcinden erschienen waren. Auf der Tagesordnung stand die Besprechung aller jüdischen Angelegenheiten, vornehmlich einer Autonomie. Es wurde unter anderem eine Resolution gefasst, Schritte zu unternehmen, einen Delegierten -- wie cs die anderen Konfessionen tun, ins Magnatenhaus entsenden zu dürfen. Eine Deputation sprach schon in dieser Angelegenheit beim Ministerpräsidenten und beim Kultusminister vor, die versprachen, die Sache prüfen und nach Tunlichkeit unterstützen zu wollen. ־-- Es war eine traurige Tatsache, dass das I.and, welches der zionistischen Bewegung die genialen Führer gegeben, aus dessen Boden das Jiidischnationale seine beste Kraft gesogen, dass Ungarn, abgesehen von einigen begeisterten Streitern, nur wenige Schckclzahler aufweisen konnte. Die Zahl 2000 stand in gar keinem Verhältnisse zur grossen Masse der ungarischen Juden, die mit Leib und Seele יוי der Tradition hängt und die noch nicht in rasender Selbstzcrflcisclumg gegen das eigene Heiligtum wütet, oder in stumpfer Resignation in den Tag hinein stirbt. Der saibungsvolle Arlikelschrciber des ungarischen Organs unserer Juden durfte mit zynischer Verbissenheit allwöchentlich herunterleiem: ״Gottlob, In Ungarn gibt cs keinen Zionismus!" Es ist nun anders. Das alte Zitaten- und Phrascnkramcrjudcntum hat sich zutode gelebt. Nur Narren und Kinder Finden ihre Erbauung in dieser Drchorgelweisheit. Ein neuer Hauch webt durch unser Land, und Frühling blüht ans den Ruinen. Junge, begeisterte Anhänger unserer Idee haben das jüdischnationale Banner entfaltet, und von überall strömt das Volk herbei, um für Zion den Treueid zu schwören. Da hilft kein Wegdisputieren mehr und nützt kein Ableugnen, die Tatsache der Existenz des ״Z s i d o N e p 1 a p“, der neuen zionistischen Zeitung i״ magyarischer Sprache, spricht Bände. Von den Karpathen bis zur Adria ist der Zionismus das Tagesgespräch . . . Von dem Zermalmen, mit dem der gewaltige Assimilatiouskümpfer S za bol cs! der Redaktion des jungen zionistischen Organs drohte, ist bis heute noch keine Spur vorhanden. Der weckende Morgenruf hat den schweifenden, irrenden Geist ii! sein Revier zurfickgctriebcn: Er fischt nach Perlen im Meere des Talmuds. Sonst nichts. Ucber den Zionismus schweigt bis beute*. MordecUai Hajeluidt . . . Oder wäre seine Uhr wirklich schon abgclaufen? Schade nur. dass cs nicht alle von der pompösen Assimilationsgardc cinschcn weilen. In der letzten Nummer des ״Zsido Ncpläp“ zappelt und rappelt so ein Assiuülationsmüunlcin, dass cs mir eine Wonne ist. seine Sprünge durch die jüdische Geschichte zu bewundern. Was bat dieser Mann nicht alles ziisamniengesmnmlt. uni etw »s logischen Firniss in sein widerspruchsvolles Assimilationsj dascin zu bringen. Die zionistische Flut Ist ihm über den! Kopf gestiegen . . . Heraus kann er nicht, mit will er ן picht, so schlägt er verzweifelt um sich und schreit und , spuckt. Es wäre schade, wenn die Leser der ״Welt" um j den prächtigen Entriistungsscrmon dieses Mannes kämen. Er! fürchtet das zionistische ״Gift". Offenbar hat er eine etwas schwache geistige Konstition, dieser Professor der Assimilation. Er schreibt: ״Der Aegyptcr Moses und der griechische Philo, der Araber Maimonides wie der Maure Ihn Gabriol, der holländische Spinoza und der deutsche Mcndclsohn, in England Montcfiore und in Frankreich Cremicux, nicht zu nennen die Lews und die Karmans, die Kolms (Qlmiitz?) und die Kicss, sic, alle haben den Geist der Assimilation in sein Wesen hincingeirnpft. Mit verbrecherischer Leichtfertigkeit wolle man nun das Incinandcrgchcn der ungarischen Nation und der jüdischen Rasse hemmen. Sic wollen, bewusst oder unbewusst, all jene Bande sprengen, die mich an das ungarische Volk, an das ungarische Land knüpfen, und bieten mir statt dessen ein in der Phantasie lebendes Trugland, iti'd eine weder ethnographisch noch historisch rekonstruierbare Volksrassc. Aus dem Busen reissen sic die flammende Begeisterung für Kossuth und Pctöfi und wünschen, dass ich schwärme für die ״Bar-Kochha" und Moris Rosenfeld. Gegen diese gefährlichen Bestrebungen — seien sic nun latenter Wahnsinn oder bewusste Schlechtigkeit -- verwahre ich mich als Ungar und als Jude, und wünsche, dass sie mich und mit mir Huudcrttauscudc Patrioten mosaischer (ägyptischer?) Konlession von diesem langsam wirkenden Gift verschonen, das sie im ״Zsido Ncpläp" und mit dem dort propagierten Zionisums uns reichen." Also sprach der ungarische Professor mosaischer Konfession, der Nachkomme des grossen Landesrabbiners Mordechai.Benot in Mähren. Neu ist es zwar nicht, aber dafür dumm und verleumderisch. Wir sind nicht überrasclit, denn wir kennen diese alte Garde, die sicli nicht ergibt, sondern nur andere dazu bringt, dass sic sicli — übergeben. Zu welchen Mitteln die Assimilationspartci in Ungarn greift, zeigt der Kampf um ein Rabbinat, der jetzt eben entbraruit ist. Pas ungarische Städtchen Bartlia ist ein stark besuchtcr Kurort mit einer Judengcnieinde von etwa SCO Köpfen. Diese richteten sich 30 Jahre lang nach den streng orthodoxen Ansichten von Rabb. Moses Halberstamm, an dessen Regime alle Magyarissicrungsversuchc und alle angestrebten Reformen in der jüdischen Gemeinde scheiterten. Nun ist er gestorben mit dem Wunsche auf den Lippen, seinen Sohn und Erben seiner Ideen als Nachfolger zu haben. Die Orthodoxen waren damit einverstanden und Hessen letzteren kommen, aber eine starke, reformerisclie Partei Hess alle Minen springen, um einem ״aufgeklärten Rabbi" den Eingang zu erzwingen. Vorderliand hat diese die Oberhand, aber durch bedauernswerte Mittel, da es eine Schande ist. wenn streitende Juden die Staatsgewalt, noch dazu zu Unrecht und Gewalt, anrufen. Die Reformer erklärten ihre Sache als die eines angeblichen Patriotismus, machten dringliche Eingaben an die Regierung, die der ״Kultur" zu Hilfe kommen sollte und überschwemmte die hauptstädtische Presse mit Artikeln, in denen die Magyarisierung der jüdischen Bevölkerung Barthas als lockender Köder ausgelcgt wurde. An dem Wirken des orthodoxen Rabbinats liessen sic kein gutes Haar und stellten cs als zelotisch fanatisches und staatsbürgerlich verwerfliches Regiment dar. Tatsächlich setzten sich daraufhin die leitenden Kreise in Bewegung. Der junge Halbcrstamm wurde einfach :•ns der Stadt verwiesen mit der Begründung, er sei kein ungarischer Staatsbürger. Dass er in Ungarn geboren war. verschlug nichts! Er war 20 Jahre abwesend gewesen und hatte so das Bürgerrecht verloren. Das Gesuch, dass er sich hier uiederlassen wolle und einstweilen vom Rabbiuatssitze al silie, wurde abgewiesen, da er angeblich kein Vermögen besitzt und seine Familie nicht ernähren kann, weshalb er dem neuen antisemitischen Grenz wachgesetze verfallen ist. — Ein solches Vorgehen zu provozieren ist durchaus unjüdisch. Zionistisches aus dem Untcrbausc. Im englischen Unterhause versuchte vorgestern der Abgeordnete W'ason eine Vertagung des Hauses dadurch hcrhcizuführcit. dass er gegen das