Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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t&WMHIiMki ,:«ta.». asSÄffcii t4dl«wliMb I JÜDISCHE RUNDSCHAU. _ Seite 277. in keiner Weise zu beanstandenden Glaubcngcnosscn zeige, es sich gar nicht verlohne, sich der Majorität angenehmer zu machen. Dass so durch die Haltung der Mehrheit für die Minoriiät ein nicht zu unterschätzender Ansporn zur Selbsterziehung, zur gesellschaftlichen Selbstzucht verloren geht, das beklage ich im Interesse der Volksgesamthcit." Das klingt sehr de- und wehmütig, und gar nicht selbstbewusst. Ich bezweifle aber, dass cs der vornehmen wie der bürgerlichen Ge- Seilschaft, dass es den Corps und Burschenschaften nunmehr zum Bewusstsein kommt, welche pädagogische und vatcrländische Mission sie versäumen, indem sic die Juden zurückweisen. Was soll überhaupt durch solche Klagen erreicht werden? Gerade der Umstand, dass die gesellschaftliche Ab- Schliessung sich auch gegen die sogenannten Gebildeten, gegen die ״in keiner Weise zu beanstandenden Glaubensgenossen” richtet, dürfte am besten beweisen, dass nicht unsere gesellschaftlichcn Mängel schuld daran sind, und dass daher unser Ziel nicht sein kann, alle Besonderheiten abzustreifen, um uns der Majorität angenehmer zu machen. Hin bischen mehr Rückgrat, ein bischen mehr Stolz und Trotz wäre uns besser und wäre würdiger. Das Bewusstsein, einem alten Kulturvolk anzugehören, dessen Wurzeln in die graue Vergangenheit hineinragen, dessen Leistungen für die Menschheit sielt mit denen eines jeden andern Volkes messen darf, schon dieses Bewusstsein muss uns die gesellschaftliche Aus- Schliessung mit ruhigem Gemütc ertragen lassen. Und fehlt cs uns an Aufgaben, die uns neben der Erfüllung unserer vaterländischen Pflichten Ersatz bieten können für den Mangel an ..gesellschaftlicher” Betätigung? Wer ein offenes Auge hat für das grenzenlose Elend, in dem sich grosse Teile unseres alten Volkes befinden, der wird Kulturaufgaben genug finden, die reichlichen Ersatz bieten. Und erziehen sollten wir uns selbst. Es klingt seltsam, dass wir in der Aufnahme in die christlichen Kreise und dem dadurch geförderten Bestreben, uns der Majorität angenehmer machen, das beste Erziehungsmittel zu erblicken haben sollen. Diese Worte aus dem Munde eines obersten Kultusbcamtcn der badischen Judenschaft hören sieh wr»hrlieh nicht an wie ein Kiddnsch baschcm: man könnte aus ihnen eher eine sehr geringe Einschätzung des erziehenschon Gehaltes des Judentums heraushören. Jedenfalls wäre es nur eine äusserliche Erziehung, eine Erziehung, wie wir sie durch die Wuchergesetze, durch die Börsengesetze, durch die versuchte Warenhausstcuer kennen. Uns muss aber daran liegen, uns durch eine innere Erziehung von den Schlacken zu befreien, die die ״Kammerkncchtscliaft” hintcrlassen hat. Das beste Mittel zur Selbsterziehung haben wir aber gerade in der Betätigung jener idealen Aufgaben zu suchen, welche auf eine bessere Zukunft des jüdischen Volkes abzielen. Das ist eine Erziehung von innen heraus, eine Erziehung, bei der die Regungen der Selbstsucht durch die Richtung auf das Allgemeine ihre Korrektur finden. Eine derartige Selbstcrzieliung dürfte eher geeignet sein, uns die Achtung und das Vertrauen unserer christlichen Mitbürger zu erwerben, als das Bestreben, uns angenehm zu machen. Ucbcr den weiteren Teil der Rede kann ich kurz hinweg gehen. Der Redner findet cs betrübend, dass die verschiedenen Religionsbekenntnisse sich so schroff gcgcniihcrstehen und plaidiert für gegenseitige Toleranz und Würdigung der Kulturarbeit der einzelnen Bekenntnisse. Sehr schön Uns intercssiert dabei hauptsächlich das, was als Wescnsgrund fiir das Besteh ״n des Judentums geltend gemacht wird. ״Die Israeliten sind von jeher in der Welt eine winzige Minorität gewesen, und cs ist offenbar ihre geschichtliche Aufgäbe, sich als solche durchzusetzen” — und zwar in dem Kampfe fiir die bedingungslose Humanität. ״Dafür wird ihnen auch künftighin kein Opfer zu gross und zu schwer sein." Das heisst, wir sollen den Völkern ein stets bereites Objekt sein, an welchem sic die Humanität lernen lind üben sollen. In diesem Sinne haben wir wahrlich Opfer genug gebracht von den Verfolgungen der Kreuzzüge an bis Kischincw. Vielen untcr uns erscheint diese Aufgabe zu wenig anziehend und sie kehren dem Judentum den Rücken. Sollten wir nicht besser fiir die Humanität wirken können, indem wir zunächst wieder für die Erhebung des jüdischen Volkes arbeiten, damit es in Stand gesetzt werde, durch positive Kulturarbeit Humanität zu \erl reiten? Dann tritt an die Stelle der kühle!* Reflexion über unsere humanitäre Mission das warme Empfinden des wirklichen Lebens, das uns mehr befriedigt und inniger festhält als eine noch so erhabene Idee. K. Assimilation oder Zionismus. Von Dr. T y c 0 c i n s k i - Leipzig. (Schluss) Was den Juden 4r. auffallender Weise vom Nichtjuden untcrscheidct, ist der Sabbath, eins der wichtigsten Momente der Kultur. Dieser Grundpfeiler des Judentums, und zwar der schönste, der selbst bei Nchtjudcn Sympathie hervorruft, muss aus seiner tausendjährigen Lage gerückt werden. Man muss ihn auf den Sonntag ve!legen. Den jüdischen Kalchder können wir in den Aschkasten werfen. Ostern dürfen wir nicht mehr am 15. Nissan, sondern an dem Tage feiert 1 an. dem d'e Kirche die Auferstehung Christi feiert. Ebenso müssen wir cs mit dem Wochcnfest machen. I>?11 jüdischen Nenjnkrstng müsste inan auf den Tag verlegen, an dem die Feier der Beschneidiiug Christi begangen wird, und den Versehnungstag könnte man vie'lciclit m't einen! kirchlichen Busstag zusammenfallen lassen. Wenn wir uns assimilieren wollen, wenn wir alles heseifigen wollen, was uns von anderen unterscheidet, so müsset! wir natiirl'cli auch die Beschneidung abschaffen und das Schlachten nach jüdischem Ritus aufgeben. Ebensowenig dürfen wVr dar.*.! die Speisegesetze, die uns von der nicbtjüd'sehen Gesellschaft fern halten, beobachten. Wenn wir aber den Sabbath und die Feiertage verlegen, wenn wir die Beschne'Jung abschaffen, wenn wir die Speisebesetze und al'es sonstige spezifisch jüdische bcse'it'gen. dam! ist cs doch einfacher, dass wir zum Taufbecken schreiten. Anstatt Stein für Ste;<1 vom Gebäude des Judentums abbröckeln zu lassen, ist es doch konsequenter, das ganze Gcbäude auf einmal niederzuressen. Doch bringt auch die Taufe noch n'i.'ht die endgültige Lesung der Judentragc. Die Taufe ist wohl das geeignetste M'ttel. die Assimilation zu beschleunigen, sic nst aber nicht das Erdziel der Assimilation. Man weiss ja, dass ein gc• taufte: Jude noch immer Jude bleibt, au-ch wenn er es recht ernst mit seinem neuen Glauben nimmt. Man weiss auch, dass 11!?,! d-'e Schandtaten der Kinder und Enkel von getaufte!׳ Juden dem Judentum aufbürde{. Denken w ir uns den Fall, dass die jüdische Gemeinde :',! Kischincw zur aufrichtigen Uebcrzcugung von der Wahrhc't der christlichen Lehre gelangt und eines Tages den Besch’nss fasst, von mm ah statt in die Synagoge zu gehen, die Kirche zu besuchen. Kam dadurch für diese Gemeinde eine vollständige Lösung der Judenfrage hcrbcigcfiihrt werden? Sicherlieh rieht! Unter den jetzigen Verhältnissen hören fiir den einzelnen Juden, der sich taufen lässt, m Russland die Be- Schränkungen auf. Wenn aber eine ganze Gemeinde in Russland zur herrschenden Gemeinde übergeht, wird die russische Regierung sich sicher nicht bereit finden, der neu bekehrten Gemeinde gleich alle Rechte eiiizurätmien. auch wenn die Regierurg von der aufrichtigen Oesinnung der neuen Christen vollständig überzeugt -ist. Doch nehmen wir den Fall an. dass d׳'e Regierung den getauften Juden den anderen Christen gleiehstcllt. so ist damit noch nicht alles gewonnen. Die grosse Masse der geborenen Christen in K., die sich wemg um die Dogmen der Kirche kümmert, wird schwerlich die Söhne Israels, die sic noch vor kurzem als ihre Feinde behandelt, nach empfangener Taufe als Brüder in Jesu liebend begriissen. Dem! de Taufe vermag die nationalen Merkma’e des Juden picht abziiwaschen. Die Juden in K. werden auch I!! 1 I t 1! *! ו 1 I I I i » ו \ •1r ▼ *fr