Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 276. JÜDISCHE RUNDSCHAU I No. 26. zusammenlaufen, als wenn etwa die einzelnen Gruppen auf eigene Faust in den Nachbarstädten agitieren würden. Die Tätigkeit des Vereins glaube ich nun zur Geniige erörtert zu haben, ich möchte nun sagen, wie ich mir einen solchen Verband denke. Man hätte zu wählen zwischen einem System von Einzelvcreinen, die zu einem Bunde zusammengeschlossen werden, oder einer grossen Zentralorganisation, die ihre Ortsgruppen überall hat. Ich möchte aus technischen Gründen die letzte Form Vorschlägen. Ein Verein muss auf dem alljährlichen Delegiertentag, der mit dem allgemeinen zionistischen Delegiertentage zusammen fallen könnte, als Vorort erwählt werden, und dieser Verein muss dann für die Dauer eines Jahres durch seinen Vorstand die Verbandsgeschäfte erledigen. Korrespondierende Mitglieder aus allen Ortsgruppen haben ihn darin zu unterstützen. Das Statut der Einzclvercinc ist den lokalen Bediirfnissen anzupassen, allgemein giltig müsste jedoch als § 1 die Anerkennung des Baseler Programms als Grundlage zionistischer Gesinnung verlangt werden. Die ״Jüdische R u n d s c h a u“ wäre zu ersuchen, einen Teil ihrer Spalten zu einer besonderen Frau e11־ bei läge zu erweitern, die von der Verbandsleitung redigiert werden müsste; den Vereinen ist das Abonnement der ״Rundschau“ als Verbandsoigan zur Pflicht zu machen. Doch das alles sind technische Fragen, die noch nicht zur Diskussion gestellt zu werden brauchen. — Wir zionistischen Frauen müssen uns nunmehr erst klar werden: gebrauchen wir eine Organisation oder nicht? Ich glaube diese Frage mit Ja beantworten zu dürfen. Ein solches Bedürfnis liegt unleugbar vor. ‘ Wir müssen uns nur über ihre Form klar werden, uns darüber aussprechen. Dazu wollte ich in meinem heutigen Aufsatz die Gelegenheit geben. Wir haben uns oft genug im engen Freundeskreise von dieser Zukunftsarbeit unterhalten — heute soll die Oeffentlichkeit teilnehmen an unserer Beratung, sie hat ein Anrecht darauf. Ich bitte jede Frau, die sich für diese Frage interessfert, Um ihre Meinung. Gern bin ich bereit, jede Anfrage von öffentlichem Interesse öffentlich, jede private brieflich zu beantworten. Alle bc* stehenden national-jüdischen Fraucnvercine bitte ich um Angabe ihrer Adresse und um Mitteilung ihrer Statuten und Drucksachen.*) Schärding am Inn. Kuranstalt Dr. Ebcnhccht. Schllcrsee. Hofhaus. Sellin. Scrmionc a. Gardasee. Hotel Promessi SdosI. St. Blasien (Schweiz.) Pension ״Kehre wieder.“ Swlnemiinde. Beckers Strandhotcl (Bes. Ww. Becker.) Villa Seeschloss (Bes Geschwister Schnür.) Villa Heiderose (Bes. F. Böttcher.) Villa Hedwig (Pensionat und Logierhaus. Bes. Wwc. Hübner.) Taharz (Grosstabarz und Klelntabarz) in Thüringen. Thiersee. Travemünde. Villa ..Mira Mare“, Kaiscr-AIIcc. Vinterriss (Bayern) forsthaws. Vilm. Insel im Rüecnschen Bodden. Volderbald bei Hall in Tirol. Walchsee. WestcrIa1׳d'auftSvlt. Pension Lambcck (Bes. Krome und Frau ecb. Lambedk.) Wildbad im Schwarzwald.. Villa Moutobcllo. Wlidblhl (Tirol.) Tellerfeld im Harz. Johannescr Kurhaus. Zinnowitz. Alle diese Kurorte und Hotels wünschen, von Juden keine Einnahmen zu haben. Den Leuten n1u«s dazu verholten werden, dass dieser Wunsch ihnen erfüllt wird! . Für etwaige Berichtigungen b״zw. Ergänzungen der vor- Stehenden Liste sind wir unseren Lesern dankbar. Unsere gemeinsame Beratung kann nicht erfolglos bleiben. Darum, jüdische Frapcn, gebt Euren Rat in dieser wichtigen Angelegenheit, sprecht Euer Wort in dieser ernsten Frage. Dann wird der Traum von der Hilfe von Judas Frauen an Judäas stolzer Zukunft frohe Wahrheit werden. Judas Frauen! Zur Arbeit'! Hamburg, im Juni 1904. *) An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau" bitte ich auch alle Briefe zu richten, die ir. dieser Angelegenheit geschrieben werden. Eine Tischrede und Glossen dazu. Bei der Feier der Enthüllung des Lamcy-Dcnkmais in Mannheim nahm der Vertreter des Grossh. Oberrats der Israeliten, Geh. Reg. Rat Dr. Mayer, das Wort zu einem Trinkspruch, welcher an die Verdienste Lameys um die bürgerliche Gleichstellung der badischen Juden anknüpft lind in einem Hoch aui den konfessionellen Frieden ausklingt. Hierbei streift der Redner die soziale Zurücksetzung der Juden in Deutschland und verteidigt die religiöse Sonderstellung derselben. Diese Kundgebung wird von jüdischer Seite als hochbedeutend gefeiert; die Allgemeine Zeitung des Judentums nennt sic sogar ein Kiddusch haschen!, eine Verherrlichung, wie sic den mutvollen Bekenntuissen unsrer glaubeiistreuen Märtyrer zu teil wurde. Eine Tafel rede — ais Kiddusch laschem! Zu dieser glorifizierenden Bezeichnung rechtfertigen aber weder die ausgesprochenen Gedanken, noch die Gelegenheit, bei welcher die Aussprache erfolgte. Sehen wir nur die so hoch bewertete Kundgebung näher an! ״Unter den Momenten", heisst cs im Eingänge, ״die das Selbstvertrauen der Israeliten in ihr Vertrauen auf den Fortschritt der Menschheit zu erhalten und zu stärken gceignet sind, ist keines der geringsten die Tatsache, dass diejenigen Herrscher und Staatsmänner, die als die grössten aller Zeiten gefeiert werden, Wohltäter der Juden gewesen sind." Das ist eine etwas einseitige Geschichtsbetrachtung; aber ich habe die Stelle hauptsächlich deshalb angeführt, weil sie die Auffassung enthält, dass das Selbstvertrauen der Juden nicht zum geringsten Teil darauf beruht, dass sie Wohltäter gefunden haben. Für gewöhnlich pflegt das Selbstvertrauen in der eigenen Tatkraft oder in der Kraft einer lebendigen Ueberzeugung zu wurzeln. Aber wir Juden sind ja zufrieden, wenn wir Wohltäter gefunden haben. —- Weiterhin spricht der Redner von den Vorurteilen und Widerständen, die von 50 Jahren zu überwinden waren, ehe cs Lamey gelang, den badischen Juden das Gcmciudewahlrecht und das Recht der freien Niederlassung zu verschaffen. Wie man heute über die Vorurteile jener Zeit lächelt, werde mau in weiteren 50 Jahren darüber lächeln, ׳lass heute in utiscrm lieben Deutschland ein Jude nicht einmal die unterste Stufe der Vcrwaltungs- und militärischen Stufenleiter erklimmen konnte. Diese an sich nicht tragisch zu nehmende Sache sei ״ein Symptom des sozialen Missvcrhältnissc, das trotz der rechtlichen Emanzipation noch heute in uuscrtn Vaterlande zwischen der christlichen Majorität und der Jüdischen Minorität besteht." Dieses .soziale Missverhältnis wird sicher von niemandem geleugnet. Der Redner deutet aber auch die Ursachen davon und die Wege zur Besserung an, indem er ausführt: ״Ich habe mich immer darüber gewundert, wie die Mehrheit, die mit Recht an manchen von der früheren Kammerkncchtschaft her den Juden anhaftenden gesellschaftlichen Mängeln Anstoss nahm, sich selbst jedes bessernden Einflusses beraubte, indem sic sich gesellschaftlich von den Juden abschloss, während die allmähliche Aufnahme der gebildeteren Elemente derselben sich als das beste Erziehungsmittel erj wiesen hätte. So aber konnten und können die rückständigen 1 Elemente stets darauf hinweisen, dass, wie das Beispiel ihrer