Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No.•25, __JÜDISCHE RUNDSCHAU. Sehe 265. .«י*“*.*■׳!! haben uns dadurch ln eine unnatürl'che Lage begeben. Hätten wir uns wenigstens konzentriert und unsre gaoze Streitmacht ׳ auf einen Punkt geworfen, so wären wir vielleicht ׳‘mstande gewesen, unserem Gegner durch unsere Zahl einige Achtung einzuflössen. Wir haben Jedoch unsere Streitkräfte überallhin zerstreut und <11 jedem Lande, In jeder bedeutenderen Stadt nur einen Posten aufgestellt. Wir haben uns dadurch zu einem ewigen, wahnsinnigen Kampfe verdammt. Denn wahnsinnig ist’s, dass ein winziges Häuflein sich mitten im Fcindcslande gegen einen hundertfach überlegenen Feind verteidigt. Dass wir uns durch Religion, Rasse und National st von allen anderen Völkern unterscheiden und dass wir trotz unserer stark ausgeprägten Volksindividualität zerstreut unter anderen Völcern leben, das st der einzige Schlüssel zu unserer Geschichte. Natürlich sind zu dieser Ursache noch viele andere hinzugetreten; sie sind aber alle nur ncbensächiich, lokal oder vorübergehend. Wie sollen w'r nun unser Volk aus seiner unnatürlichen Lage befreien? Hs sind schon unzählige Mittel zur Lösuiig der Judenfrage vorgeschlagen worden. Ais ein sehr wichtiges Mittel galt und gilt noch jetzt d e Aufklärung. Wenn die Bcdrückung der Juden die Folge des Rassen- und Nationalitätenkampfcs ist, so liegt es ja sehr nahe, die anderen Völker zu belehren, dass alle Menschen BriiAcr sind, und dass wir uns als Brüder leben müssen. Die Brüderlichkeit aller Menschen haben schon unsere Propheten gepredigt. Es ist nicht zu leugnen, dass die Aufklärung viel zur Emanzipation der Juden beigetragen habe. Sollen wir uns aber auch in Osteuropa dam't begnügen, die Nächstenliebe zu predigen und dann geduldig die F'usstrittc, den Spott, die Verachtung hinnchmen, bis die Slaven eines Tages, von edier Menschenliebe durchdrungen, uns an ihr Bruderherz drücken. Sollen wir noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte lang als verachtete Parias auf den Tag der Erlösung warten? Und wenn die Morgenröte des Tages unserer Emanzipation in Osteuropa erwacht, können wir d'ese Morgenröte als das Ende unserer Leiden begrüssen? Nein! Diese Morgenröte ist in Westeuropa schon längst angebrochen, aber trotzdem hat das Seufzen Jsracls auch dort noch nicht aufgehörf. Gewiss müssen wir den edlen Männern, die uns die Menscheurechte erkämpft lubcn, ew’g dankbar bleiben. Aber die Emanzipation hat nach grossen Anstrengungen es nur fertig gebracht, die gesetzliche Anerkennung zu bewirken, dass wir Menschen sind und dass wir gleiche Rechte haben sol'cn. Den Rassenhass zu bese'tigcn, den arischen Stämmen Liebe zu den Senvb.'n einzuflössen. Ist ihr n:cht gelungen und wird ihr auch nicht gelingen. Trotz der mühevollen Aufklärungsarbeit st cs nicht einmal möglich geworden, das Märchen aus der Weit zu schaffen, dass die Juden zu religiösem Zwfeck Christlichcs Blut brauchen, nicht einmal aus den aufgeklärten, sonst vorurteilslosen Kreisen. Selbst Bullen von Päpsten und Ver- Ordnungen von Fürsten sind ohne dauernde W'rkung geblieben. Wir sollen uns allerdings gegen feindliche Angriffe durch Wort und Schrift verteidigen. Eine Besserung unserer Lage können w־.'r aber davon nicht erwarten. Und wenn wir auch sämtliche Schriften der jüdischen Literatur und Jeden Fetzen, der jemals »n hebräischer Sprache geschrieben worden ist übersetzen und den Antisemiten vorlegcn, wir werden dire Verleumdungen doch nacht zum Schweigen bringen. Und w׳enn wir auch die Antisemiten zw'ngen könnten, hebräisch zu lernen, die gesamte jüdische Literatur gründlich zu studieren, ihre Verleumdungen werden doch deshalb nicht aufhördi. Einfach deshalb nicht, weil sie uns hassen, und wenn man jemand hasst, so traut man ihm alle Schandtaten zu. Können wir vielleicht die Lage unseres Volkes dadurch ändern, dass wir uns selber aufklären, bessern? Man wirft uns vor. dass wir Wucherer, Ausbeuter und Betrüger seien. Wir sollen nun durch Belehrung dalt’n wirken, dass sich koin Jude mit Wucher befasst, dass kein Jud? betrügt. Gewiss müssen wir bei unserer. Stammesgcnossen Wucher und Betrug stärker verpönen als bei Nichtjuden, weil der Jude durch Missetaten se'n ganzes Volk schändet. Doch eine gründliche Verbesserung unserer Lage dürfen wir auch dann nicht erwarten, wenn wir Wucher und Betrug aus unserer Mitte vollständig ausrotten. Denn der Antisemitismus wendet seine Angriffe mit gleicher Heftigkeit auch gegen solche Kreise, wo solche Laster völlig ausgeschlossen sind. Sollen wir uns vielleicht mehr vom Handel zurückzichcn, da er leicht dbc Neigung ausbildet, sich auf Kosten anderer zu bereichen», urid uns mehr dem Handwerk zuwenden? Auch das wüd uns nicht viel helfen. In Russland sind ja die meisten Juden Handwerker und Arbeiter, sie werden aber nicht weniger gehasst und unterdrückt als Handelsleute. Ja, selbst wenn wir ,auter Bauern wären, würden wir doch dem Hasse unserer Feinde nicht entgehen, solange wir zerstreut unter anderen Völkern leben. Alle Mittel, die man gewöhnlich vorschlägt, vermögen nur Ke und da unsere Not ein w׳enig zu lindern. Wir müssen uns aber nach einem Mittel umsehen, das das Ucbcl von Grund aus heilt. Wir befinden uns in der Lage eines gefährlich kranken Md (selten, der Jahre lang seine Krankheit veTnachlässigt hat. dem Medizin. Bäder und andere klc'ue Mittel nicht mehr viel uiitzen. War müssen uns einer ernsten Operation unterwerten. Fs muss zum Messer gegriffen werden.' Radikale Mittel zur Lösung der Judenfrage gibt cs nur zwe»: Assimilation und Zionismus. Der e>.z!ge Grund unseres nationalen Unglücks besteht darin, dass wir, obwohl wir uns durch stark ausgeprägte Volksindiv'.jualität von den anderen Völkern sehr unterscheiden, zerstreut unter fremden Nationen wohnen. Wollen w'r dieses Unnatürliche bcseit'gen. so müssen wir alles Individuelle, das uns unseren Nachbarn entfremdet, abstreiien und uns alles, ane'.g'icn, was diesen speziell eigen 'st. Mit einem Worte, wir müssen uns cntnationaüsieren und mit den Völkern, in deren Mitte wir wohnen, verschmelzen. Wir wollen uns jedoch den Ass'miiationsprozcss näher ansehen. Wird cs genügen, wenn die frommen Juden in Russland hre Pcötl! absclmeidcn, ihren Bart stutzen und ihren langen Kaftan kurzschneiden? Sicherlich nicht. Auch ihre lebende Sprache, das Jüd'schdcutsch, müssen sie auigeben, die Sprache, in der sie seit vielen Jahrhunderten denken und empfinden, die ihr Lc'd und Freud treulich widerspicgelt, die Sprache, die Fleisch von ihrem Fleische. Blut von ihrem Blute ist. diese Sprache müssen sic wie e'n altes, lästiges Kleid zu den Lutnpen werfen. Auch die Sprache unserer Väter, in der unsere Propheten zu der ganzen Menschheit geredet haben, die Sprache der heiligen Schrift, die fiir mehrere hundert Millionen von Menschen eh Heiligtum ist, die in Osteuropa für einen ansehnlichen Teil der gebildeten Juden fast eine lebende Sprache ist. auch diese Sprache muss als eine Mumie in den Sarg gelegt und den Altphilologen überlassen werden. Dürfen wir aber hoffen, dass d e russischen. po»’nischen und rumänischen Juden durch dieses grosse Opfer eine bedeutende Verbesse־ rting ihrer Lage bewirken? Nein! In Westeuropa haben die Juden keinen Volksdinlckt. keine hebräische Literatur, und trotzdem s'iid sie den Angriffen des Antisemitismus nicht weniger ausgesetzt als anderswo. Wenn sich die Juden assimilieren wollen, so müssen sic schon einen Schritt weiter gehen. Sic müssen den M»t haben, de Axt auch rii die Wurzel der Religion •zu legen. (Schluss folgt.) ®®®*®*®®®®®®®®©i®®®®®*©©®©©®®©®©©©®*©*©® | Aus der Bewegung. I «®©®®®®©®©®©®®®®®®*®®®®*©®©®*®®*®«*®©®®?i Sämtliche Inhaber von Schekelblocks werden nochmals dringend ersucht, dieselben postwendend mit den vereinnahtnten Geldern abzul clcrn. Berlin. Die Generalversammlungder Berliner Zionistischen Vereinigung findet am Montag, t t % 1 1 I