Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 264. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 25. Anmeldungen zum Buncl sollen bis 1. Oktober d. J. ein• laufen, in ungefähr einem halben Jahr soll eine Besprechung des vorläufigen Komitees stattfinden und erst in einem Jahre sollen die Bundesdelegirten zu einer Mitgliederver* Sammlung einberufen werden, um die endgiltigen Statuten zu beraten. Aus alledem geht hervor, dass der Bund in Wirklichkeit noch nicht besteht, dass vielmehr erst die Vorbereitungen zu seinem Inslebentreten getroffen werden und seine eigentliehe Gründung nach Jahresfrist, wenn die Statuten angenommen sind, stattfinden wird. Wozu aber diese lange Zeit? Beinahe könnte man befürchten, es seien sich die Einberuferinnen selbst nicht klar über die vorzunehmenden Arbeiten, vor allem aber über ihre Notwendigkeit, sonst würden diese Vorbereitungen tatsächlich schneller von statten gehen können. Man kann nur hoffen, dass auch hier gut wird, was lange währt! Während der zwei Versammlungen wurden wir von zwei widerstreitenden Gefühlen bestürmt. Einesteils bereitete es uns Freude, dass sich jüdische Frauen aus vielen Städten Deutschlands zusammengefunden, um sich als Jüdinnen zu vereinen, um das jüdische Selbstbewusstsein bei sich und anderen zu stählen und so gemeinsam dem einzig wahrhaft jüdischen Ziele entgegenzugehen. Andererseits muss uns aber manches tief betrüben; vielfach klang ein Antisemitimus durch, der uns aufs un* angenehmste berührte. So wurde ausgesprochen, ״dass wir uns doch eigentlich nicht zu genieren brauchen, diesen Bund zu gründen.“ Damit wurde eben freilich festgestellt, dass dies ״Sich genieren“ existiert. Ich glaube nirgends wird man etwas ähnliches finden; kein Mitglied irgend eines anderen nationalen oder konfessionellen Bundes wird sich zu einer solchen Aeusserung hinreissen lassen, nein nicht hinreissen lassen, denn sie kennen ja garnicht diesen Gedankengang, diese Nichtachtung ihrer selbst. Ferner klang es immer hindurch, dass wir uns In unserem Tun und Lassen stets nach dem richten sollen, was wohl unsere anderen Mitbürger dazu sagen würden! — Und was soll denn die galizische Frage im Vorder* grund? Wenn sich der Bund nicht auf ganz Deutschland allein beschränken will ־— und wir wünschen eine solche Beschränkung keinesfalls — so müssten doch auch zum mindesten die russischen und rumänischen Juden berück- •sichtigt werden. Die Tatsache, dass sieb Frl. Pappenheim als geborene Oesterreicherin besonders eingehend mit der galizischen Judenfrage beschäftigt hat, ist an sich sehr anerkennenswert und auch für die Arbeit des Bundes wertvoll, sie gibt aber nicht das Recht sich ausschliesslich nur den galizischen Juden zuzuwenden! Aus alledem sehen wir, dass noch vieles, beinahe alles zu tun übrig bleibt. Aber der Anfang ist gemacht durch den Zusammenschluss, oder besser durch den Willen zum Zusammenschluss; über die praktische Arbeit ist noch kein Wort gefallen, und nicht die geringste Andeutung gegeben worden, in welcher Weise das Programm verwirklicht werden soll. Wir können also noch kein Urteil fällen, wir können nur wünschen, dass der Bund tatsächlich das wird, was wir alle wünschen, dass der Bund unter den Jüdinnen Deutschlands ein unbedingtes Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrufe, dass mit seiner Mithilfe in nicht allzu ferner Zeit ein interterritorialer jüdischer Frauenbund gegründet werde, der ein wahrhaft nationaler sein soll, und das dieser Weltbund dann zum internationalen Frauenkongress seine Delegierten entsende, die nicht als Vertreterinnen eines Landes auftreten, sondern eines Volkes, des jüdischen Volkes, und in dieser Eigenschaft die Wünsche und Forderungen der jüdischen Frauen Vorbringen vor dem internationalen Frauenkongress. Und dass es dahin komme, sei unsere Aufgabe, sei die Aufgabe der jüdischen Frau! ' Lisbeth Feitelberg. Assimilation oder Zionismus. Von Dr. Tykocinski-Lcipzjg. Wenn wir über die Lage unseres Volkes ernstlich nachdenken, müssten wir zur Einsicht kommen, dass sie unerträglieh st. Wie wollen wir uns aus dieser Lage befreien? Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir Jedoch zu erst wissen, warum wir uns in dieser Lage befinden. Warum Werden wir 0.1 Russland unterdrückt? Man könnte sagen, die Russen se'en boshafte Menschen. Wir werden aber auch in Rumänien und Galizien verfolgt. Es sind auch nicht die osteuropäischen Völker allem, die uns Hass entgegenbr'ngen; die westeuropäischen Volker haben uns vor nicht allzulanger Zeit ebenso schlecht behandelt. Man ist vielfach geneigt, das Christentum für den Hass der Christen gegen die Juden verantwortlich zu machen. A'lcrdings bat das Christentum viel dazu beigetragen die Kluft zwischen uns und den christlichen Völkern zu erweitern. Doch d e Hauptschuld an unserer Lage trägt cs sicherlich nicht. Denn auch die Muhamcdancr haben uns oft genug Proben ihrer Fc'ndseiigke't gezeigt und zeichnen sich auch jetzt nicht durch Liebe gegen uns aus. Auch die heidnischen Griechen und Römer haben uns nxlit liebevoll behandelt. Bei welchem Volke wir auch wohnten, auf welchem F'eckeu der Erde wir auch weilten, überall wurden wir verfolgt und bedrückt. Und wollten wir jetzt inseren S'iz in China aufschlagen, wir würden sicherlich die gleichen Erfahrungen machen. Woran liegt das? Liegt es vielleicht an uns selber, weil wir ein verworfenes Volk von lauter Wucherern und Betrügen! sind? Gew'ss haben wir unsere Fehler. A’s verworfene Menschen können wir uns recht betrachten. Das wird auch kein Mersch im Emst behaupten, dessen Denken nicht durch Vorurteile getrübt ist. liegt es veileicht an unseren VerfoUroK weil $r'e lau'wr Böscw'ohte sind? Das könnte man wohl rrnehmen, wenn es nur einzelne Personen wären. In der Wirklichke't aber sind es ganze Völker, die sich feindscl'g gegen uns 7m״cn. Wir können doch unmögl'ch glauben, dass die vielen MHFoncn Menschen, de eine Abneisntag gegen uns haben, aus lauter Schurken bestünden. Das r!cH:ee Ist, dass wir ebenso wie d:e Niclitiudcn an dem Hasse, den man uns überall entsegenbr'ngt, schuld haben. Das heisst, die Schild daran trägt c׳nzig und «׳,liefן der Umstand, dass wir und die anderen Völker zwei ganz verschiedene Elemente s:nd. Die Juden bekennen sreh zu o'rer anderen Religion, aber diese Rrl'g'on ist auf eine einzige Rosse beschränkt, und diese Rasse ist auf c'n ranziges Volk beschränkt. Das Leben ist ein Kampf der einzelnen Individuen gegen einander. In der Geschichte vereinigen sch die einzelnen lndividucn zu Verbänden, zu Stämmen, zu Nationen- Die Geschichte ist e‘n Kampf der Nationen und ihrer Eigenarten oder Kulturiormcn gegeneinander. Untor gcwöhn'ichcn Verhältnissen hat Jedes Volk sein eignes Gebiet, von dem aus cs seine Angriffe gegen se'nc Nachbarn richtet, oder in dem cs sich gegen fremde E'nfüllc verteidigt. Der Kampi kann dann auf die Grenze beschränkt hleibcn. Und wird auch eine solche Nat'on besiegt, so kann sie, wenn sie ihren e:ger.en Boden nicht verlässt, noch immer ihre Kultur mit allen Mitteln verte'digcn. Anders liegt die Sache bei ijis. Als w״'r besiegt wurden, zogen wir, statt unsere Kultur in unserem eigenen Lande zu verteidigen, -n das Lager unseres Gegnors und errichteten innerhalb dieses Lagers -ein eignes Lager. Wir