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Jüdische Rundschau · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 260. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24. — Undesirables — versuchen würde, in dem gelobten Lande der Freiheit, in Amerika, Einlass zu finden. Daher wurden von der Regierung die strengsten Massnahmen getr'offen, um die. Einwanderer bei ihrer Ankunft der genauesten Prüfung zu unterwerfen. Deutschland trifft natürlich seine Vorsichtsmassregeln, dass es zwar die Oelder für die Eisenbahnfahrten und die Ueberfahrt dieser Auswanderer fin die eigene Tasche verdiefre. aber nicht das Risiko übernimmt, dass die etwa» auf dem Rücktransport in Deutschland irgendwo hängen bleiben. Durch eine Verfügung des preussischen Ministers des Innern, die den mittellosen Einwanderern den Eintritt über die höUämPsche Grenze nach Deutschland verwehrt, ist die Heimseijdung Jüdischer Rückwanderer sehr erschwert worden. Mit der Frage der Jüdischen Rückwanderer, sowie sie deutsches Gebiet passieren, beschäftigte sich eine Konferenz Jüdischer Gcmcindcvcrtreter in Berlin. Es wurde beschlossen: 1. Alle grösseren Jüdischen Gemeinden, soweit sic zu diesem Hilfswerke noch nicht beisteuern, durch Vermittlung des deutschisraelitischen Gcmcindcbundes zu Beiträgen heranzuziehen; 2. die gesamte Rückwanderung über Hamburg zu leiten. Betont wurde noch, dass es sich bei den Rückwanderern ir. denn meisten Fällen um völlig mittellose ältere und iast ganz arbeitsunfähige Leute handle, die, wenn man sie nicht heimbefördere, nur die Schar der Wanderbcttier, welche sich für Deutschland zu einer wahren Landplage ausgewachsen hat, ycrmchren müssten. | Kleine Chronik. | Berlin. Unter dem Vorsitz von Frl. Pappenheim, Frankfurt, wurde heute hier ein Verband Jüdischer Fraucnvoreinc Deutschlands gegründet, welcher — ,wie wir vorläufig belichten — den Namen ״Bund jüdischer Frauen“ führt. Der Zweck des Bundes Ist der Zusammenschluss zu gemeinsamer Arbeit, m gegenseitiger Anregung, für die Interessen der Allgemeinheit. (Soziale Hilfstätigkeit, Vo!kscrziel1u11g, Erwerbsleben jüd'scher Frauen und Mädchen, Sittlichkeit, Bekämpfung des Mädchenhandeis) ferner im Erwecken von Interesse an allgemeinen Jüdischen Bestrebungen der Gegenwart und durch Stärkung des Jüdischen Gemeinbewusstseins. Der Bund soll die Gesamt- Interessen der Jüdischen Frauenwelt verfolgen. J. L. Der Jüdische Turnverein ״Bar Kochba“ veranstaltet am Sonntag, den 26. Juni, einen Famiüenausflug nach Rahnsdorf, Restaurant Mflggelwcrdcr. Abfahrt per Dampfer früh 9 Uhr von der Michaelkirchbrückc. Preis für Hin- und Rückfahrt I,— Mk. Jüdisches Lehrerproietariat. Nachstehende Annonce bcfindet sich in No. •15 der in Mainz erscheinenden Zeitschrift ״Der Israelit": Die hiesige Religionslehrer-, Vorbctcr- und Schächterstclie ist sofort durch einen verheirateten Lehrer zu .besetzen. Ertrag 700—800 Mk. Freie Wohnung. Bewerber wollen sich meiden. Geinsheim (Rhein-Pfalz.) 30. Mai. Der Vorstand. Abraham Manc. Ein solcher Lehrer muss bis zu seinem 20. Lebensjahre die Präparandenschule und das Seminar besuchen, hat dann noch vier Jahre Konferenzarbeiten zu machen und ist dann. w׳enn er im Alter von 24 Jahren das Staatsexamen glücklich bestanden hat. noch lange nicht wohlbestallter Lehrer; denn dann muss er stell Ja erst verheiraten, bjs ihn eine Gemeinde für würdig erachtet, den so fürstlich bcsokicten Posten einzunefunen. Jedenfalls befürchtet die obengenannte Gemeinde, ein einzelner Mensch kütme 60 Mk. pro Monat nicht durchbriugen. weshalb er Familie haben muss. Diese Annonce im orthodoxesten jüdischen Fainilienblatt spricht eine erschütternde Sprache. — So tieftraurig dieser soziale Tiefstand vieler׳Jüdischer. Lehrer ist, so so’l man nicht vergesstftf, dass ein grosser Teil der Schuld ienc Oeivhmacherel trifft, die auch vom .,Vorwärts" dogmatisch vertreten wird, dem wir diese Not*z in dieser Form entnehmen. Sondershausen, 7. Juni. Am 14. Juni feiert der Rabbiner Professor Heidenheim seinen 90jährigen Geburtstag, nachdem ז er am 2. Ostertag d. J. sein?üjühriges Amtsjubiläum in der hie- ' sigen jüdischen Gemeinde hatte begehen können. Dieser überaus seltene Jubeltag soll mit dem Geburtstag besonders gc~ feiert werden. Der alte Herr erfreut sich noch körperlicher Frische und eines überaus regen Geistes; er versteht cs noch, seinen Gedanken mit logischer Schärfe und Klarheit von der Kanzel aus beredten Ausdruck zu geben!. Seiner Gemeinde, die mit Liebe an ihm hängt, ist er nicht allein Seelsorger, sondern auch Freund und väterlicher Berater in allen Lebenslagen gcwesen. In Frankreich zählt das jüdische Kultuspersonal 57 Beamte, vun denen der Urossrabbiner des Pariser Konsistoriums 5001), 8 Grossrabbiner je 4000. 24 Rabbiner je 1750 bis 2500 und 23 Vorbeter fc 600 bis 2000 Franken Gehalt beziehen. Ein jüdisches Theater in London. Aus London wird berichtet: London soll ein ständiges jüdisches Theater erhalten, ein modernes Schauspielhaus mit all dem Luxus, den ansprucksvolle Theaterbesucher heutzutage verlangen: der Schauspieltruppe sollen die besten Kräfte des Kontinents und Amerikas angehören, die im jüdischen Schauspiel tätig sind. Die Pläne iiir den ״Orient“, so wird das jüdische Theater heissen, sind von dem Architekten Bertic Crcwe entworfen. Der Bau w׳ird im nächsten Jahre beginnen. Für die Errichtung des Theaters ist eine Summe von 900 00*י Mk. ausgesetzt. Es wird das erste ständige Theater in England sein, in dem nicht Stücke in englischcr Sprache gespielt werden. Alle Mitglieder der Gesellschuft, die das Unternehmen finanziell stutzt, sind Juden. Der Plan ist entstanden, weil bei gelegentlichen Vorstellungen jiidischer Stücke in verschiedenen Teilen des Londoner Ostend ein Publikum von 12**0 bis 2400 Personen anwesend war. In New-York gibt cs bereits viele jüdische Theater, die zum Teil wöchentlich neuen Vorstellungen im jüdisch-deutschen D'alckt geben. Der ״Orient‘־ soll Platz iiir 20**0 Personen bieten; die Preise für die numerierten und reservierten Plätze werden von 50 Picnnig an aufwärts betragen. Die älteste Tochter des bekannten Wundcrrabbfs von Sadagura (in der österreichischen Bezirkshaupimannschaft Czernowitz) feierte am 2. Juni Hochzeit, und das scheint, nach den Belichten der Zeitungen, ein Fest für das ganze Land gewesen zu sein. Alle Häuser der Stadt waren mit Fahnen und Blumen geschmückt. Der Zuzug aus der Bukow ina, aus Russ-!and und aus Rumänien war ganz enorm, und es sollen au dem Ta'gc mehr als 12 000 Fremde in der kleinen Stadt gewesen sein. Die Trauung des Brautpares fand auf offener Strasse unter einem kostbaren Baldachin statt. Man hatte Tribünen errichtet, die mit Husarenofi'izieren, Czcrnow’itzer Beamten und zahlreichen Gästen aus Nah und Fern besetzt waren. Auf den Dächern der Häuser standen die Neugierigen Kopf an Kopf, und auf den Strassen bildete das Volk Spalier. An dem Festmahl, das der Rabbi den Hcchzc'fsgästcn gab. nahmen 1500 Personen teil. —• Scheint doch keine Not in Galizien zu existieren! — — In Warschau ist der bekannte jüdische Mathematiker und Astronom Ch. S. Slonlmskl im 94. Lebensjahre gestorben. Slonimski war am 10. März 1810 in Bialystok geboren und hat schon in seiner frühsten Jugendzeit einen unwidcrstchliehen Hang zu den exakten Wissenschaften verspürt. Obwohl ein Autodidakt. hat er n:e die Sprünge eines solchen gemacht, sondern mit grossem Flciss und viel Ausdauer seine L?cblingsstudicn. Mathematik und Astronomie betrieben. Er hat auch auf d!cscn beiden Gebieten ganz Hervorragendes geleistet. Er schrieb Werke über ״Die Himmelskundc". über ..Die Kometen” uhd über ..Das Kalenderwcsen”. Im Jahre 1844 erfand er ein Recheninstrument, wofür er von der Petersburger Akadcnre der Wissenschaft den Dcmidowprois fn Höhe von 2500 Rubel und v'otn damal'ecn russischen Kultusminister Owadow den Titel eines Ehrenbürgers erhielt. In den vierziger Jahren kam Slonimski nach BctIh, wo er in freund- 'chaftlicbc Beziehungen zu Alexander von Humboldt tral, uer ihn in die Gctchrten-Repuhlik cinfiihrte. Dieser erwirkte ihm auch ehe Audienz beim König Friedrich Wilhelm IV.. der dem russisch-jüdischen Gelehrten starkes Interesse entgegenbrachte. Zum fünfundachtzigsten Gebrutshge Humboldts schrieb er eine ״B'ographic Alexander v. Humboldts, seine Reisen und seine Werke‘' du hebräischer Sprache, ein Werk, das die jüdische Gemeinde in Berlin auf ihre Kosten herausgab. Im Jahre 1857 veröffentlichte Slonimski mehrere tnatlicmatischc Aufsätze im Berliner ״Journal der Mathematik", darunter e־'ne Replik gegen Professor Ncssclmann, das Kalenderwesen betreffend. In demselben Jahre arbeitete er auch zusammcii mit dem Verfasser der naturwissenschaftlichen Vojksbüclier, A. Bornstcü.1. an einer neuen ־telegraphischen Erfindüng, deren Zweck und Anwendung er in einem russischen Journal klarzulcgen suchte. Slonimski war einer der alten Generation, der wie eine gewaltige Ruine in die moderne Zeit hiucdnragtc, nachdem er schon lange Jede literarische und

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