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Jüdische Rundschau · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No, 24.__JÜDISCHE RUNDSCHAU der der Edelrasse augchörigen Antisemiten einen Ausweg zu finden. So scheint es, wenn man die folgende Metdung der ״Berliner Zeitung“ filr richtig annchmen darf: In der Angelegenheit der Ermordung de» Gymnasiasten Winter fanden am Sonnabend lange Verhöre der Frau Ross, der Frau Berg, des Ehemanns Berg, der unverehelichten Ross, des Restaurateurs Heinrieh und der Frau Schneidermeister Plath statt. Die Familie Berg soll, wie das Konitzer Tageblatt meldet, hauptsächlich vor dem Arbeiter Masloff beschuldigt werden. Frau Berg soll mit Winter intimen Verkehr gepflogen und der Ehemann Berg im Zorn darüber den Winter getötet haben. Die Beschuldigung lautet, wie cs heisst, auf vorsätzliche Tötung. Die Verhöre dauerten von morgens bis spät abends. In einer anderen Sache wurde Frau Ross gestern von der Strafkammer wegen wissentlieh falscher Anschuldigung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Aus dieser Depesche geht hervor, dass d!e Staatsanwalt- Schaft den Moment zum energischen Zugreifen letzt für gckommen zu halten scheint. Eine grosse Uebcrraschung bietet die Nachricht, dass Masloffs als Hanptbclastungszcuge der Bergs aufgetreten sein soll, während bisherige Meldungen ihn als Mitschuldigen in Betracht kommen liessen. In den Schulangclegenliciien scheint cs, als sollte man 7m Verhältnissen kommen, die auch für das Judentum nicht ganz) ungünstig sind. Denn was bei uns so als konfessionell gilt, ist ja in Wahrheit jüdisch-national. Hat es doch keinen nationaleren Juden gegeben als den Stifter unserer Nation1, Moses. Aber wir nehmen auch mit dem ״Konfessionellen“ vorlicb, wenn es. uns die Möglichkeit gibt, unser» nationalen Bestand zu erhalten und unser Volkstum zu pflegen. In diesem Sinne freuen wir uns über einen kleinen Erfolg des D. I. 0. B. In Sachen des jüdischen Religionsunterrichts In den Mittelschulen hatte der dcutsch-israciitische Gemeinde-Bund an das Kultusministerium eine Eingabe gerichtet, in der er um Einführung des jüdischen Religionsunterrichts durch alle Klassen der höheren Lehranstalten, die Erteilung einer Note über ״Religion“ im Abgangszeugnis der jüdischen Abiturienten und die Einräumung eines gewissen Aufsichtsrechts über den jüdisehen Religionsunterricht an die jüdischen Gemeinden ersuchte. Wie jetzt mitgcteilt wird, ist das Ministerium nicht abgeneigt, auf diese Wünsche einzugehen und unterzieht die einzelnen Punkte zur Zeit einer wohlwollenden Erwägung. Ueberhaupt kommt die Regierung den Juden gern entgegen, wenn sie das ״Judentum“ erhalten kann, — in ihrer Art. So haben nach einer neuen Verfügung des Ministers des Innern künftighin die Regierungspräsidenten bei Anträgen auf Aenderung Jüdischer Vornamen, sei es aus Anlass des Uebertritts vom Judentum zum Christentum oder aus sonstigen Gründen, künftig ebenso an den Minister zu berichten, wie dies bei Anträgen auf Aendcrung jüdischer Familiennamen durch frühere Erlasse vorgeschrieben ist. Der Minister will eben den getauften Juden die Erinnerung an ihre Abstammung möglichst lange erhalten. Wir haben gegen diese Verfügung gewiss nichts einzuwenden. In Oesterreich ist cs nicht anders. Da hat man dem Erzbischof Kolm seine Zugehörigkeit zum Judentum nicht vergessen, aus dem seine UrgrosseUern ausgeschieden sind und das er zu allen Zeiten befehdet hat. Jetzt gibt ihm manches antisemitische und christlichtrommc Blatt, dessen Beifall er früher zu erringen wusste, noch, einen kräftigen Fusstritt. Ueberhaupt macht sich der Hass gegen alles Jüdische in Oesterreich noch stärker geltend als in den andern Ländern europäischer Kultur. In Galizien, dem Lieblingskindc und würdigsten Qcschöpf der österreichischen Monarchie hat es einige kleine Kischincws gegeben. In Uhnow kommt Jetzt eine solche Acusserung christlich-europäischer Ueberkultur zur gerichtliehen Verhandlung. Die Verlesung der Anklageschrift dauerte bis halb 2 Uhr mittags. Die Verlesung muss(? unerbrochen werden, weil Seite 259. ein Wolkenbruch mit kolossalem Hagclfall jedes Wort verschlang. Der Staatsanwalt beantragte, dass das Verfahren gegen die nach Amerika Geflüchteten in deren Abwesenheit dtirchgeführt werde. Im Prozess werden 252 Bclastungs- und 30 Entlastungszeugen citwcrnomtnen. Nachmittags fand das Verhör von 28 Angeklagten statt, welche die Rädelsführer der Exzesse waren. Alle diese Angeklagten erklären sich nichtschuldig und berufen sich darauf, an den Plünderungen der Juden gar nicht tcilgcnommcn zu haben. Die Angeklagten behaupten, die Juden hätten öfters Feuer gelegt, was den Hass gegen sie wachgcrufem habe. Viele geben an, die Exzesse seien gar nicht von Uhnowcr Bürgern, sondern von Bauern aus den Nachbardörfern inszeniert worden. Das Verhör der Angcklagten wird Montag beendigt. Dienstag beginnt das Zcugcnverhöi. Die ״Jüdische Rundschau“ wird in nächster Nummer einen Bericht ihres Sonderberichterstatters über diesen Prozess bringen und enthält sich bis dahin ih«־cr kritischem Betrachtungen. Wie in slavisclten Ländern überhaupt die Gerechtigkeit ״gepflegt“ wird, haben die verschiedenen Kischlnewer Prozesse ergeben. Am letzten Donnerstag verhandelte Jn Petersburg die vierte Abteilung des Kriminaldepartemcnts des Senats (oberste gerichtliche Instanz) über die Berufung gegen das Urteil der Odessaer Strafkammer im Kischincwer Prozess, die sowohl von den beiden Hauptangeklagtcn Gertschin und Morosjuk, als auch von den Vertretern der Ziviiparte: eingelegt weiden war. Die Verhandlung nahm einen stürmischen Verlauf. Der Vorsitzende, Senator Repinski, provozierte so heitige Konflikte mit den Vertretern der Zivilkläger, dass zwei von ihnen, die Rechtsanwältc Karabtschewski und Sarudni, ihre Vollmachten niederlegten und sich aus dem Gcrichtssaai entfernten. Nur der dritte Rechtsanwalt, Grusenbcrg, harrte zur Wahrnehmung der Interessen seiner Partei aus. Ais Vertreter der Staatsanwalt- »chaft fungierte Herr Wolkowitzki. ln seinen! Gutachten ersuchte er den Gerichtshof, das Urteil der Odessaer Strafkanuner zu bestätigen. Hinsichtlich der Berufung der Verurteilten Gertscliin und Morosjuk War er der Meinung, dass die von ihnen begangenen Straftaten unzweifelhaft unter den von der Strafkammer angewendeten Paragraphen des Strafgesetzbuches fallen, sodass kein Grund zur Verwerfung des Urteils der Vorinstanz vorhanden sei. Etwas mehr Mühe hatte er mit der Berufung der Zivilpartei. Er' konnte nämlich nicht bestreiten, dass die Odessaer Strafkammer nicht alle Anforderungen des Gesetzes erfüllt hatte, doch kam er zu dem Schlüsse, dass jene Gcsetzesvcrletzungen nicht von entscheidender Bedcutung gewesen seien und auf das Urteil keinen Einfluss ausgeübt hätten. Infolgedessen empfahl er, die Berufung des Zivilklägers ebenfalls zu verwerfen. Nach ander!halbstündiger Bcratung beschloss der Senat in diesem Sinne und verwarf die beiderseitigen Berufungen. Bei einer so eigentümlichen gerichtlichen Praxis, die übrigens noch das Beste ist, wie man die Juden überhaupt In dem grossen Slavcu reiche behandelt, ist cs natürlich, dass die Aus- Wanderung der Juden, die nicht ״zur ersten Gilde*' gehören, ungcschwücht ihren Fortgang nimmt. Die billigen Passagierpreise der letzten Wochen wirken besonders noch dazu mit. Für die Leute, die für 2 Pfd. Sterling von Europa nach Amerika befördert werden, haben die Londoner das schöne Wort ״Twopounders“ — Zweipfünder — erfunden. Ein Korrespondent des ״Daily Express" hat auf dem Dampfer ״Potsdam" diese billige Reise im Zwischendeck mitgemacht. Wenige Stunden vor seiner Ankunft in New-York hatte ein anderer Dampfer ״Kroonlaud“ 1231־ Zweipfünder angebracht. •Von diesen waren nicht weniger als 620 zurüekbchaUen worden, die wahrscheinlich demnächst die Heimfahrt antreten werden. Als dieser Konkurrenzkampf begann, wusste man auch, dass zu dem lächerlich billigen Preise eine grosse Zahl unerwünschter i.eut<f

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