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Jüdische Rundschau · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 24. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 255. dcrum verdoppelt sein würde, so würde die Zeitung an der Spitze der jüdischen Presse Deutschlands stehen und alle Er- Wartungen und Wünsche erfüllen können. Hieran schloss sich eine sehr scharfe geschaftHche Auscinandersctzung. die von der Tagesordnung abgesetzt werden musste. Ueber die Redaktion wurden Klagen im Anschluss an die Artikel über die Mischehe, wobei von der einen Seite der Artikel Sandlers von der andern der vom Simplicissimus angegriffen wurde. Dr. Adler-Lübeck fand die Rundschau zu religao.isfe;.ndlich. Der Redakteur verteidigte seinen Standpunkt, dass er unmöglich nur eine Richtung im Blatte vertreten könne und dass er deshalb beide Artikel, deren Stundpunkt er beide nicht völlig, teilen könne, gebracht habe. In rel giöse Differenzen und Debatten werde er die Rundschau nicht hineinziehen lassen, so Jaiigc c r sie iredig erc. Dagegen bcdauere er wieder,' dass die Mitarbeiterschaft an der Rundschau noch immer eine min'malc sei. Seine Mitteilungen über die Pseudonyme Eljftqtm, Heinrich Sachse. Ma’arabi. Misrächi, Zaphj^ii, Dar&mi, Ezrach Ha’arez und andere mehr riefen stürmische Heiterkeit hervor. Im allgemeinen wurde die Haltung der Rundschau gebilligt. Darauf folgten die Wahlen zum Zentralkomitee. Zentralbnreau und Ausschuss für die inneren Arbeiten, deren Resultate in der vorigen Nummer bekannt gegeben worden sind. Mit one! allseitig mit grossem Beifall angenommenen Rede schloss Dr. B 0 d c n 11 c I in e r den De’egicrtenlag. Am Abend folgte die grosse Versammlung und am Mittwoch die Besuche der Auswandererinnen etc. Es sei uns gestattet, nocli einmal an dieser Stelle der Hamburg-Altoinacr Ortsgruppe unser «aller Dank für die grossartige Mühewaltung auszusprechen. Die Juden in Persien. Wenn wir von ׳den unsagbar elenden Zuständen höret!, unter denen unsere Brüder in Russland. Rumäircn und Marokko leben, gibt sich wohl mancher der traurigen Hoffnung hin. dass uns mit den Nachrichten aus diesen Ländern das Schlimmste beka'int sei. Doch leider .5st mit der Schilderung dieser traurigen Milieus bei weitem nicht das grösste Judenelend erschöpft, fn einem Lande, von dem nur selten Kunde zu uns dringt, herrscht eine so furchtbare Judennot, dass wir es für unsere^ Pflicht halten, sie unseren Lesern vor Angen zu führen. Dieses Land, wo die Juden beinahe so schütz- und rechtlos s!nd wie in Russland, wo sic *dem Hass eines fannfsehen Pöbels preisgegeben sind, ist Persien, und aus der Stadt der Rosen und Granatäpfel, der Stadt des Hafis und Saadi kommen die nachstehenden traurigen Schilderungen: ‘ Das Wohnungselend in Schiras spottet jeder Bcschrcibung. In einer Hütte m't einem einzigen Raum und einem kleinen Hof sind 20, manchmal noch mehr. Familien untergebracht. Diese ״Wohnung" wird den Unglücklichen zu einem ungeheuren Preis überlassen, der sich :n Anbetracht der Wohnungsnot in aufsteigender Linie bewegt. Findet der Besitzer Mieter, die mehr zahlen können, so werden die bisherigen einfach auf die Strasse gesetzt Die Not wäre nicht so gross, wenn die schi’itischen Muhamedancr ihre Häuser an Juden vermieten würden, aber diese' betrachten die Juden infolge eines tiefgehenden Fanatismus als ״unrein" und lassen ihre Wohnungen lieber leer stehen. Als cm Sclr'it, von der Not gezwungen, sein Haus einem Juden überlicss. musste dieser erst der Habsucht einiger Zwrlschcnpersonen Genüge tun, um endlich das Mictsrecht zu erwerben. Und dabei muss der Jude gewärtig sein, dass der Muhamcdaner das Haus einfach wieder als sein Eigentum erklären wird, und der Jude wird sich nicht dagegen auflehncu, will er sich nicht noch grösseren Unannchntlichke'ten aussetzen. — Vor zwei Jahren kauften die Juden ein altes, zerfallenes Badchaus von den Muhamcdaiicrn, das sie unter grossen Kosten wieder aufbauen liessen. Doch als das Bad von den Juden benutzt wurde, fanden umhamcdaiiische Priester, dass der Rauch der Badeanstalt. das ga,1zc niuhatne-ianischc Quartier ״nedjes". d. 11. unrein mache. Erst nachdem d e Juden den 2—Studien Betrag der ersten Baukosten aufgewendet hatten (wer das Geld erhielt, wird leider nicht geschrieben), erreichten sic die Benutzung ihres Eigentums. D'c Juden von Schiras s'1:J meistens Kaufleute, und 7.war beschränken sie ihre Tätigkeit auf die Stadt selbst. den.1 nach anderen Städten Handel zu treiben, würden sic nicht wagen können: die Perser würden sic dort ru'nvrcn und Gcrcchtgkcit ist nur eine Zufallsaclic in diesem Lande. Ein grosser Teil der Juden •:st Hausierer, die Sonntag Morgen in die benachbarten Döner gehen und erst Freitag Abend nach Hause zurückkehren, um dt 1 Sabbat in ihrer Familie zu verbringen. Mehr als einer dieser Hausierer kommt nicht zurück: denn nicht selten werde:! die Unglücklichen, die die ganze Woche über die steiivgen Gebirge gewandert sind, um ein paar Pfennige zu verdia’icn, von einem Wegelagerer überfallen und getötet, der bestimmt weiss, dass ihn keine Strafe ereilen wird. Die Frauen helfen mi Erwerb, indem sie in den Häusern der Muhamcdaner ml: Seidenstoffen und Schmuck- Sachen haus'ercn. Dfe Hausierer sind aber rieht nur räuberischen UeberfäJIcn ausgesetzt, es kommt auch vor, dass sic von der Uebermacht der Muhamedlier mit Gewalt zum Islam bekehrt werden. So ereignete sich Ende vorigen Jahres folgender Fall: Ein Hausierer aus Zargun. einem Dorfe bei Schiras. ging nach dem benachbarten Kamedjun. um dort nickständige Zahlungen für gelieferte Kolonialwaren einzufordern. Anstatt Geld erhielt er Schläge und so’ne Peiniger zwangen ihm unter tausend weisen, dass der Rambam, der Retno oder der Wilnaer Gao!» auf Kongresse fuhr, sich an Judentugen beteiligte? Nein, als! was w'olite man von ihnen? — . Fügt man die historischen Einrichtungen der Cbaritativc hinzu, die im engen Wirkungsbereiche Erspriessliches leisteten, so ist noch der Literaturveren zu .erwähnen. Zu diesem kam ab lind zu ein Herr aus Berlin. Er sprach über: ״Die Juden und —" und reiste wieder ab. Von der Notwendigkeit der Rückkehr zur jüdischen Literatur und Sprache ertönten laut die voccs clarnantium in deserto. Die Poesücn unserer Dfchtcrhcrocn wurden sehr gelobt, aber lesen konnte man sie nicht. Die Kenntnis des Hebräischen schwand immer mehr. Der Analphabetismus grassierte unter ״Neuen“ und Orthodoxen, denen die Beschäftigung mit dem jüdischen Schrifttum rc!ig:ösc Pflicht ist, glcichermassen. — Bestand noch eine Gruppe eines jiidischen Kolouisationsvcreins, etwa des ״Hsra" am Orte, so gab man auch dorthin seinen Beitrag. Es war für die notleidender Glaubensgenossen des Ostens, denen geholfen w־erdcn müsse — Alle diese Vereinskörper drehten siel!, unhckiimniorx umcinander, um ihre Achsen; kein höheres Attraktionsgesetz verband sic. Keine Zentralsoime des jüdischen Gedankens wies ihnen Balm und Richtung, gab ihnen Hrieuchtimg. Kein gemeinsames Ziel w׳ar auszudenken. Das Judentum hat Aufgaben des Kultus und der Philantropic: terlium non datur. Eine grossangelcgtc allgemein-jüdische Akton schien unmöglich, ein Feld der Betätn'gung für alle, sonst wie immer auseinandcrstrcbcndcn Stämme Israels unauffindbar. Wer mit der Position einer solchen Aufgabe hcrantrat, hörte in allen Variationen das alte Wort: ״Wir tragen schon Gram genug über die bereits bestehenden Sonderbcstrcbungen und ihr w01׳lt noch neue hinzufügen.’‘ — Solche Erinnerungen aus 5—6 Jahre zurückliegende Zeiten stiegen mir dem Zurfickkehrenden aus den Tiefen des Bewusstseins empor, als ich von der ״Zionistischen Ortsgruppe" delegiert, an den Leschallevorberatungeu tcilnalun. Welches aber meine Wahrnehmungen in der Versammlung waren, wie meine Praeokkupation von Augenblick zu Augenblick schwand, wie ich das freudige Gruseln und Staunen lernte, will ich kurz erzählen. Es war eine stattliche Versammlung, beschickt von den hier bestehenden elf jüdischen Vereinigungen. Der Oberrabbiner der Kultusgemeinde präsidierte. Die orthodoxe Sondcrgcmeindc war durch ihren Rabbiner und Vorsteher vertreten: es wur eine Abordnung des Vereins für jüdische Geschichte und Lltteratur und eine solche des Turnvereins anwesend, der Bnc-Brith- Loge und des Vereins fiir die Statistik der Juden, des jüdischnationalen Vereins jüdischer Studenten sowie der deutsch-nationalein Licaria. der Zionistischen Ortsgruppe wie des Jugendbimdes, des russich-jüdischcn Studcnteuvcrbandes wie der Konkerdia. einer geselligen Vereinigung der vornehmen jüdischen Bmirgcosie. Der Gegensätze w׳arcn also genug vorhanden, eine stark differenzierte Gliederung nach dem Sozialen, Politischen. Religiösen. Intellektuellen. Aber alle diese Gegensätze verblassten vor dein hellleuchtciulen Gestirn des jüdische!» Einheitsgedankens. Ueber die Prinzipienfrage wurde kaum gestritten. Das galt als ein Selbstverständliches, dass sich niemanil dieser jüdisch-sozialen Aufgabe entziehen dürfe. Nur über das ..Wie" diskutierte man mit ebensoviel Würde als Wärme. Immer deutlicher hatte ich eine Assoziation an die Haphtora vom achten Pessachtage, Jcsaias gewaltiger Friedens-

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